Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 50 (23.10.1903)
- Date
- 1903-10-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. in diese Berufe hinein Darauf ist zurückzuführen, daß die Juden sich noch heute unverhältnismäßig stark dem Handel widmen. Doch sind die Juden in Rußland z. B. zumeist Handwerker und Kleingewerbetreibende, auch zahlreiche Landarbeiter sind unter ihnen Es lassen sich drei jüdische Gruppen unterscheiden. Wirtlich voller Gleichberechtigung erfreuen sich nur die Juden in England und Amerika. Doch auch in diesen Ländern sind die Juden keine liebsame Gäste mehr; sie verschließen sich nach und nach der jüdischen Zuwanderung. In Westeuropa sind die Juden formell vor dem Gesetze gleich. Eie werden aber trotzdem — darüber klagen sie — in den Staatsämter» und der Geselligkeit zurückgesetzt. Die freiheitlichen Gesetze stehen tcillveise nur auf dem Papier. Vollständig rechtlos sind die Juden in Rußland, Runiänicn, Galizien, Bulgarien und Marokko. Da seufzen sie unter dem Joche der Knechtschaft und sind keinen Tag ihres Lebens sicher. Was ist unter diesen Umständen, in der Zeit, wo ein nationales «ehnen durch alle Völker geht, natürlicher, als, daß die Israeliten ihre Blicke nach dem Lande ihrer Sehnsucht richten? Die Juden haben nie das Land ihrer Väter, wo ihre Könige, Propheten und großen Rabbinen gewandert sind, vergesse». Jährlich pilgerten und pilgern viele nach der heiligen Stätte, um über die verlorengegangene Herrlichkeit zu weinen. Daß gerade jetzt die zionistische Idee aufgetaucht ist, liegt an der Jndenemanzipation, die die jüdische Existenz, nachdem die Ghettomauern gefallen sind, nur noch erschwerte und dem modernen Antisemitismus, ferner an dem modernen Verkehr und dem modernen Zeitungswesen, die eine enge Fühlungnahme der Juden aller Länder ermöglichten und nicht zuletzt an der modernen Art der Politik, Fragen 2. und 3. Ordnung auf internationalem Wege zu regeln. .Der Zionismus ist keine religiöse Bewegung, aber auch leine religionsfeindliche, er ist auch keine internationale und revolutionäre Bewegung, sondern sucht umgekehrt die Juden aus friedlichem Wege wieder zur selbständigen Nation zu machen. Referent bespricht die von den Zionisten zur Erreichung ihres Zieles in Aussicht genommenen Mittel, schildert die zionistischen Institutionen und gibt seiner Bewunderung der großen Opferwilligkeit der Anhänger des Zionismus Ausdruck. Es sei ergreifend gewesen, wie da die Beiträge bei der Gründung der Kolonialbank von den armen Leuten geflossen sind. Es folgt ein charakteristisches ‘ Bild von der Zusammensetzung des Kongresses und dessen Verhandlungen. Trotz der Verschiedcnartigkeit der Typen trägt der Kongreß ein orientalisches Gepräge. Am meisten haben die russischen Juden ihre Eigenart beibchalten. Sehr begeistert ist der Redner für Tr. Herzl. Er habe selten einen Mann gesehen, der ihm so imponiert hatte, tvie der Zionistenführer. Was nun die Aussichten des Zionismus anlange, so lasse sich darüber natürlich Noch nichts Bestimmtes sagen. Große Kreise sind bereits gewonnen, aber noch verhalten sich viele ablehnend, ja feindlich zur zionistischen Idee, namentlich die Geldaristokratie. Von Rothschild erzählt man sich, er hätte geäußert, er wolle eher der Jude der Könige, als der König der Juden sein. Es seien ferner wichtige Fragen zu lösen. Wird es möglich sein, eine solche Masse mit einer solchen Verschiedenheit der Kulturstufen und einer solchen Vielsprachigkeit zu einer einheitlichen Nation zu erziehen? Indessen, die ganze Weltgeschichte hat nicht so viele Umwälzungen hervorgebracht, wie das 19. Jahrhundert. Es sei daher durchaus nicht ausgeschlossen, daß sich das zionistische Ideal verwirklichen wird. Auf Ueberraschungcn müsse man jedenfalls gefaßt sein. Dem Vortrage schloß sich eine rege 'Diskussion an. _ Im Schlußworte trat Herr Referent der von einem Herrn Dr. Kahn vertretenen Ansichten, daß der Zionismus durch den Antisemitismus entstanden sei, und daß seine Ziele unerreichbar sind, entgegen. Er meint, dies kann man absolut nicht sagen; vielmehr gab er seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß der Zionisnms auch dann entstanden wäre, wenn es keinen Antisemitismus gegeben hätte. Was die Ausführbarkeit' des Zionismus anlangt, so ist es ja möglich, daß auch diese edle Bewegung sich verblutet, wie so manche andere, haben wir doch erlebt, daß auch die Buren niedergcworfen wurden, aber zu behaupten, daß die Erreichung unmöglich sei, gehe nicht an. Zum Schluß ermahnte er die Mitglieder des evangelischen Vereins, von den Zionisten sich ein Beispiel zu nehmen, die überall offen und mannhaft für ihre Ueberzeugung eintreten, wie sie es an diesem Wend gesehen haben. Leb. Aus aller Wett. Deutschland. Frankfurt a. M. Herr A. M. Luncz aus Jerusalem weilt z. Z. hier, um die hiesigen jüdischen .Kreise für sein literarisches Unternehmen zu interessieren. Derselbe beabsichtigt, den Talmud Jeruschalmi neu herauszugeben und zwar nach dem verbesserten Text der ersten Ausgabe, die in den Jahren 1522—4 in Venedig erschienen ist. L. ist'bereits hinlänglich als tüchtiger Gekehrter bekannt. Die Neuhecausgabe ist eine ungeheure und beachtenswerte Arbeit und sucht Herr L. für sein Unternehmen Subskribenten wie auch pekuniäre Unterstützung. Der Subskriptionspreis für die ganze palestinensische Literatur beträgt 100 */£, für den Talmud Jeruschalmi allein 40 *76, gewiß ein sehr mäßiger Preis in Anbetracht der Riesenarbeit, der sich Herr L. unterzieht. Die Alliance Jsraelite in Paris hat ihm -bereits 2000 Jk zugesagt und auch in London ist es ihm gelungen 4000 Jk (200 Lstrl.j für diesen Zweck zu erhalten. Hier in Frankfurt haben schon verschiedene angesehene Herren auf den Talmud Jeruschalmi mit 40 Jk subskribiert und wollen wir hoffen, daß diesem Beispiele recht viele folgen mögen, damit L. zu seinem grandiosen Unternehmen auch ferner ermutigt wird. Oesterreich-Ungarn. Brünn. Sonntag, den 25. Oktober, um 5 Uhr nachmittags erögnete die jüdische Toyobee-Halle ihre Vortragsreihe und musikalische Darbietungen im Lokale des §rsitiscb-Bereines (Ottgasse 30a Mezzanin) in der diesjährigen Saison; sie wird mit Ende dieses Jahres auf eine dreijährige, erfolgreiche Tätigkeit zurückblicken können. Mit der Bereinigung des Bortragsaales mit dem großen Speisesaale des Freitisch-Vereines ist die bereits bei unfern Brünner Juden eingebürgerte Institution in ein neues Stadium getreten, indem sie nunmehr von der Sorge für ein geeignetes Lokal enthebt und ein stetes Wachsen und Gedeihen unserer „Toynbee“ erhoffen läßt. Eibenschitz. In Eibenschitz ereignete sich folgender Fall: Bei einer jüdischen Firma war durch vier Jahre, hindurch ein jüdischer Angestellter bedienstet. Als diesen eines Tages sein jüdischer Chef um dm Lagerort einer Ware befragte, antwortete ihm der Angestellte, der gerade beschäftigt war, mit dem Hinweis »Dort" worauf er von seinem gestrengen Herrn pünktlich die Worte zu hören bekam: »Gleich schmeiß ich Dich hinaus, jüdischer Lausbub", ein Ausspruch, der aus dem Munde eines jüdischen Arbeitgebers umso verwunderlicher klingt, als christliche Arbeiter anwesend waren. Als der jüdische Angestellte, dessen jüdisches und nienschliches Ehrgefühl, wie sich leicht denken läßt, stark verletzt war, um die sofortige Entlassung ersuchte, erfuhr er, daß das ganze ein.Spaß" gewesen war. Er ließ sich jedoch diesen sonderbaren Spaß nicht gefallen und verließ das Haus. Die Firma, in der sich dieser Vorgang abspielte, führt den Namen: Max Sinaiberger L Söhne, Eibenschitz. Lemberg. Im Städtchen Strzeliska Nowa bei Bobrka entstand am jüdischen Bersöhnungstage in der Synagoge auf die Nachricht, daß im Orte Feuer ausgebrochen sei, eine furchtbare Panik. Hunderte von Frauen, die auf der Galerie beteten, stürzten händeringend zu dem Ausgange im engen Stiegenhaus, wo sie haufenweise aufeinander fielen, und die Ausgangstür mit ihren Körpern verrammelten. Es mußte, um Raum zu schaffen, eine Zwischenwand im ersten Geschoß der Synagoge niedergeriffen werden. Auch drang man auf Leitern von außen zu der Frauengalerie, und es gelang, die nachdrängenden Frauen zu beruhigen. Der Arzt Dr. Borysiewicz wurde zur Hilfeleistung in die Synagoge berufen. Er fand hier viele zertretene und ohnmächtige Frauen, bei denen die Wiederbelebungsversuche in den meisten Fällen wohl Erfolg hatten. Drei Frauen jedoch blieben tot. Vier Frauen sind lebensgefährlich verletzt, viele andere erlitten geringere Verletzungen. Teinesvär. Der Infanterist Ladislaus Cson ka stürzte heute in einem Anfall von Geistesstörung mit aüfgepflanztem Bajonnet in den Fabriker israelitischen orthodoxen Tempel und wollte den Rabbiner' ermorden. Der wie rasend sich geberdende Soldat wurde von Paffanten festgenommen und einer Militärpatrouille übergeben. Rußland. Petersburg. Die Universität Odessa wurde vom Minister angewiesen, 26 Jud en über die Norni aufzunehmen. Ans den Vereinen. , Frankfurt a. M. Im Verein Mekor Chajim fällt Sonntag der Vortrag des Herrn Oberlehrer W e y l ausnahmsweise aus. Frankfurt. Dienstag Abend sprach im Rechneisaal vor einbm Publikum von ungefähr 400 Personen Herr Assessor Dr. Friedemann über das Thema »Ostafrika und der sechste Zionistenkongreß". Der Redner begann mit einer Skizzierung der Verhältnisse, aus denen heraus die zionistische Bewegung entstanden ist,, zeichnete in scharfen Umrissen dieLiele derselben und lenkte dann zum sechsten Kongreße hinüber. Auf den sechsten Kongreß war man allgemein gespannt wegen der Kulturzionisten, die vorher in Wort und Schrift gegen den politischen Zionismus agitiert hatten. Doch es sollte anders kommen, als man erwartete. Alles Theorisieren trat in den Hintergrund bei der Mitteilung eines Ereignisses von so eminent wichtiger und praktischer Bedeutung, daß Seite 3. dieses Ereignis mit dem Augenblick seiner Bekanntgabe die gesamten Delegierten voll und ganz beherrschte. Zum ersten Male seit der Zerstörung des Tempels ist die jüdische Gesamtheit wieder als ein polttischer Faktor behändest worden. England hat den Führern der zionistischen Partei das Anerbieten gemacht, dem jüdischen Baste unter GewährleisMng einer selbständigen inneren Verwaltung ein Land in Ostafrika zur Ansiedlung zu geben. England hat außerdem mit diesem Anerbieten sein Mitgefühl und Bedauern für die ttostlose Lage der osteuropäischen Juden ausgesprochen. Der ganze Kongreß war sich darüber einig, daß Ostafrsta niemals Zion sein kann. Es giebt nur ein Land, nach dem die Sehnsucht des jüdischen Volkes geht und dieses Land ist das Land Abrahams, Isaaks und Jakobs, das Land Moses, das Land, in dem ein Saul seine Laute schlug und ein David seine unsterblichen Psalmen sang. — Und mit Bleiesschwere senkte sich die Frage auf den Kongreß, soll nmn um Zions willen das hochherzige Anerbieten Englands ohne westeres verwerfen. Die Ermordeten von Kischinew erheben ihre schmerzdurchwühsten Gesichter und die ausgehungerten, gemarterten, fahlen Gestalten der noch Lebenden stteckten angswoll ihre Hände aus. Durfte man einen dritten Tisebo beaw riskieren! Sollte man nicht lieber erst einmal den Sperling in der Hand nehmen. Ist denn Ostafrsta ein Aufgeben Zions; ist es nicht viel mehr eine Borbereitungsschule für Zion, eine Schule, in der wir aus unglücklichen, unfteien und geschwächten Menschen ein freies, im Dienste seiner Ideale stehendes Voll erziehen können! Ist es nicht besser, die heute so regellose Auswanderung nach einem Censtum hin zu vereinigen! Die Verhältnisse in Osteuropa sind derarttge, daß eine Auswanderung stattfinden muß, wenn nicht innerhalb absehbarer Zeit unsere Brüder vollständig geistig und körperlich vernichtet werden sollen Dieses waren die Gründe, aus denen heraus die Mehrheit des Kongresses nicht in der Lage war, das hochherzige Anerbieten Englands von vornherein zurückzuweisen und so beschloß der Kongreß die Bildung einer Kommission zur Prüfung der gemachten Vorschläge und zur Absendung einer Expedition nach Ostaftsta zur Erforschung des Landes. In der nun folgenden Diskussion sprachen die Herren Abrahamsohn oanä. phil. in Bern, Julius Simon aus Mannheim, Rosenthal aus Offenbach und ein christlicher Herr namens Voll, der ungefähr folgendes ausführte: »Auch wir Germanen sind auf der ganzen Erde zerstreut und überall wo wir sind, halten wir die Bätersitte hoch und bekennen uns zum Deutschtum. Den Juden, die den Germanen gegenüber den Vorteil des einheitlichen Glaubens haben, ist nur die Einigkest zu empfehlen, denn nur die Einigkeit macht stark." Hamburg. Dem zweiten Jahresbericht des israelitischen Gemeinschaftsheims und der Lesehalle ist zu entnehmen: Die Grundsätze und Absichten, zu deren Betätigung geschritten worden war, hatten dem Gemeinschaftshelm schon im ersten Jahre des Bestehens viele Freunde und Mitarbeiter zugeführt. Ihre Zahl und ihr Interesse ist im zweiten Jahre außerordentlich gewachsen. Ein tteuer Stamm stets wiederkehrender Besucher an den Bersammlungsabendien zeugt von der Volkstümlichkeit der Einrichtungen. Die Versammlungen fanden bisher m einem Saale in St. Pauli statt, werden aber jetzt in das neue Heim der Henry Jones- Loge in der Hartungstraße verlegt. Im Vergleich zu den beschränken Mitteln, die dem Vorstand für die Erfüllung seiner Aufgaben zu Gebote standen, ist eine energische Wirksamkeit entfaltet worden. Bon sozialen und hygienischen Fragen wurden im vergangenen Jahre in den Abendbesprechungen erörtert: Jüdische Turnvereine, Frauenberufe, die Reinlichkeit, das Grundprinzip der Gesundheit, jüdische Kaufmanns¬ und Handwerkslehrlinge, Mädchen-Abteilung der Israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem, Turnriegen der Frauen und Mädchen und Kinderhorte. Die 44 im Berichtsjahre veranstalteten Zusammenkünfte hatten alleeinreichhaltiges.interessantesProgramm literarischer, wissenschaftlicher und musikalischer Darbietungen. Bet der demnächsttgen Wiedereröffnung der Zusammenkünfte soll die bedeutsame Frage jüdischer Mädchenheime und die in ihrer Bedeutung außerordentlich darüber hinausragende der jüdischen Siedlungs-Gemeinden zur Besprechung gebracht werden. Die Jahresabrechnung schließt bei einer Einnahme von 1145 Mark 32 Pfg. mit einem Saldo von 49 Mark 86 Pfg. ab. Ei» Schüler Spinozas. Erzählung aus dem Amsterdamer Ghetto. Bon Henny Rofenbanm. (Fortsetzung.) Seelig kam mit Gert« zurück. „Ich bringe Dir mein kleines Mündel, liebe Schwester. Du sollst unser trauriges Bögelchen wieder zwitschern lehren." Klartje Arendsohn starrte Gerta entzückt an. „Du mein Gott, was ist das für ein süßes Ding!"