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Neue jüdische Presse · 1903-10-23 · Heft 50 (23.10.1903) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 50 (23.10.1903)
Date
1903-10-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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SeÄ 2 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 50 Züge gegeben. Was kann er anderes Lmnit haben sagen ^vollen, als daß er sich ihm verwandt fühle? Auch er ist ein „frommer" Mann, auch sein Werk ist ein „heiliges". Mit: seiner Kunst, die der Welt Schönheit verherrlicht, dient er Gott auf seine Weise." Für Freunde ernster Erbauung empfehlen wir, aus der Sammlung die folgenden Bilder besonders zu beachten: 1. Ein Sohn des alten Volkes. 2. Wenn man alt wird. 3. Umzug. 4. Allein auf der Welt, ü. Me Spinnerin. (Schluß folgt.) Der «mttsemitische Jude. ' Me „Ostdeutsche lffundschaul" brachte kürzlich unter der Spitzmarke: „Der antisemitische Jude" folgende Federzeichnung: „Der Jude, de^ da glaubt, sich an christlicher Moral, christlicher schule und Wissenschaft gesättigt zu haben, beginnt sich selbst genau im Spiegel zu betrachten und findet eine Unsumme nationaler — Tugenden daraus hervorspiegeln. Stellt er aber einen Stammbruder vor sein Glas, so bemerkt er Plötzlich die Fehler seines Stammes- und Glaubensgenossen in grotesker Verzerrung, gleichsam in einem Hohlspiegel, weit abschreckender und verächtlicher, als wir zu sehen imstande sind. Nun wird der Jude antisemitisch: Entweder er seufzt unter dem Unglück, als Jude geboren zu sein, und fühlt in romantischer Wehleidigkeit die ganze Misere des Ahasverschicksals, zieht sich aber als Ml duldender Märtyrer zurück — oder er wird zum fanatischen Apostel gegen das Judentum selber. Muß er cingestehen, daß er „sozusagen" Jude ist, folgt regelmäßig : „aber ein aitständiger". Er lernt — so gut es geht — anständig seine Landessprache reden. Er bemüht sich, seinen temperamentvollen Gesten nicht allzusehr die Zügel schießen zu lassen, sorgt für christliche Dienstboten und, was für ihn gleichbedeutend ist, für christliche Lehrer in seinem Hause. Er sängt an, über die Protzerei seines Stammes zu spotten und protzt mit seiner — Einfachheit. Gegen seine Glaubensgenossen wird er intoleranter als der schärfste antisemitische Arier. Er liest mit Eifer antisemitische Blätter, rückt in jüdische Witzblätter spotttricscnde Witze über seine Rasse ein, in welchen Witzen bekanntlich der Jude überhaupt unerreichbar ist, geht zum Unterschied von den Antisemiten grundsätzlich Nur in christliche Geschäfte und besucht Lokale mit durchweg christlichem Publikum. Es wundert ihn, daß man ihm nicht sofort an seiner — Nase den Antisemiten ansieht. Er zieht in christlicher Gesellschaft mit aufdringlicher «uada gegen das Judentum los und deckt schonungslos dessen innerste Mängel auf. Er sucht auf alle mögliche Weise seinen mehr oder minder poetischen Namen gegen „bescheidener" klingende loszuwerdcn — kurz, er geriert sich als eifriger Renegat." * * * Diese Notiz fiel uns unwillkürlich ein, als wir kurz darauf in der Mg. Ztg. des Judentums unter dem Titel „Quo” vadis?“ einen Aufsatz des Herrn Rechtsanwalt Dr. Siegmund Meyer, Hannover, lasen, in dem — um das Gesamturteil vorweg zu nehmen — nichts weiter gesagt wird, als das, was wir uns stets von unseren antisemitischen Freunden sagen lassen müssen, nur wendet es der Verfasser, der — wie ihm die Mlgem. Ztg. d. Judentums nachrühmt — eine große Liebe für das Judentum — speziell für bas deutsche (?) Judentum — haben soll, nicht auf uns, sondern auf unsere unglücklichen östlichen Brüder an. Die Redaktion der Ällg. Ztg. begleitet die Arbeit mit folgender Randglosse: „Der nachfolgende Aufsatz wird sicher allgemeine Aufmerksamkeit erregen. Obwohl wir nicht mit allen darin ausgesprochenen Ansichten übereinstimmen, haben wir den Aufsatz doch abgedruckt, weil er das Bekenntnis eines angesehenen Mannes ist, dessen begeisterte Anhänglichkeit an das Judentum und dessen eifriges Wirken für die deutsche Judeicheit allgemein bekannt sind." Nun, wir müssen gestehen, daß wir die Meherschen Ausführungen nicht unserer Aufmerksamkeit gewürdigt haben würden, wenn sich in ihnen die Anschauung eines einzelnen Mannes wiedergespiegelt hätten; leider ist er jedoch in feinen Worten der typische Vertreter eines sehr beträchtlichen Prozentsatzes unserer deutschen Juden. Freilich zeichnet sich diese Klasse grade nicht durch begeisterte Anhänglichkeit an das Judentum aus; auch ein eifriges Wirken für die Judenhcit darf man sonst bei Leuten dieses Schlagesnicht-voraussetzen. Der Grund dafür ist ein sehr einfacher:. Anhänglichkeit an das Judentum verlangt Verständnis und Anerkennung desselben und das Wirken flir die Judenheit muß Liebeln derselben als Grundlage haben. Ob Herr Dr. Meyer von jener Anhänglichkeit und von dieser Liebe beseelt ist, wollen wir dem Urteile unserer Leser überlassen, -in dem wir ihnen nachfolgend den Inhalt des fraglichen Artikels im Auszuge wiedergeben. Herr Dr. Meyer läßt sich wie folgt vemehmen: „Die polnischen Juden bekennen sich zwarzudemselbenGottewiewir,beten ihn aber in anderer Form an. Meses geht so weit, daß, als ich in Norderney für einen Jahrzeitsgottesdienst für meinen seligen Vater die erforderliche Anzahl erwachsener Glaubensgenossen nicht zusammenbringen konnte, einige wohlhabende Polen hierum ersuchend, die klassische Antwort erhielt: „Wir oren nicht mit, Aschkenes". Dem Verhalten dieser reichen Polen entsprechend, ist das der armen Polen, der sogenannten. Schnorrer. In Hannover ist beispielsweise eine ganze Kolonie derartiger Familien. Dieselben sind mit den wohlgeordneten Institutionen unserer Gemeinde indes so wenig zufrieden, daß sie ihren eigenen Schächter und ihren eigenen Gottesdienst halten. Der Versuch, den Juden des Ostens, welche in Deutschland einlvandern, deutsche Gesinnung und deutsche Gesittung beizubringen, erschöpft unsere besten Kräfte. Die^deutsche Judenfrage würde vermullich viel von ihrer schärfe und Erbitterung verloren haben, wenn das Deutschtum in den eingeborenen Familien sich ohne Rücksicht auf den fortwährenden östlichen Nachwuchs hätte entwickeln und befestigen können. So aber muß man die traurige Beobachtung machen, daß die Familien, welche mit Herz und >sinn' dem Deutschtum ergeben sind und gleichzeitig ihren angestammten Glauben Hochhalten, in ihren Söhnen und Enkeln dem Abfall sich zuwenden. - Das deutsche Judentum kann diesen Ausfall an seinen besten Kräften auf die Dauer nicht ertragen. Der fremde Ersah ist minderwertig und will zum Teil gar nicht deutsch werden, weil er das instinktive Empfinden hat, daß der Weg seiner deutsch gewordenen Kinder und Enkel ebenso zur Taufe führen könne und werde, wie er dieses bei den besten und hervorragendsten Familien der deutschen Juden mit Unwillen beobachtet hat. England hat bis jetzt nur eine eingeborene jüdische Bevölkerung gehabt. Diese hat sich in dem Sinne entwickelt, daß sie sich völlig englisch fühlt, trotzdem aber ihren jüdischen Glauben hochhält, diesen nach außen hin bekennt und unter demselben weder wirtschaftlich noch sozial leidet. Die russische Einwanderung in Eastend gibt der jüdischen Bevölkerung, deren Hilfsbereitschaft gewiß nicht bezweifelt werden darf, schon jetzt zu erirster Besorgnis Anlaß, ob dieses schöne ungetrübte Berhäktilis zu der andersgläubigen Bevölkerung nicht durch diese Ueberflutung des Landes,snit polnisch-russischen Inden eine Anbuße erleiden könne." Diesen polnischen Juden gegenüber, die so minderwertig sind, sich abschlachtcn, aushungcrn und answeisen lassen und damit unser Mitleid erregen wollen, müssen wir deutsche Juden einen kühlen Verstand und ein noch kühleres Herz bewahren. „Ich kann mir aber sehr wohl denken, daß die Herzen der abendländischen Ehristen bluten, wenn sie von den täglichen Greueln lesen und hören, welche gegenüber den armenischen Ehristen verübt werden, und doch geschieht, trotzdem die ganze gebildete abendländische ' Christenheit hier in ihrem heiligsten Empfinden verletzt wird, nichts gegen die Türkei. Die Greuel, welche hier geduldet werden, sind tausendfach größer, die Mittel zur Abwehr millionenfach umfangreicher und doch versucht man nicht die Vorsehung zu spielen, vermutlich in der richtigen Erkenntnis, daß wirksame Hilfe doch nicht gebracht werden, könne. Dieser skeptische Zweifel ist aber auch bei der ganzen Hilfsaktion für die polnisch-russischen Juden gestattet. Ich fürchte, daß aus dein Hin und Her der expatriierten Juden vornehmlich die Eisenbahn- und Schiffahrtsgesellschaften bleibenden Gewinn ziehen, während im großen und ganzen in den Verhältnissen dieser unglücklichen Menschen wenig geändert werden wirb." Deshalb will Herr Dr. Meyer die Mittel der Unterstützungsvereine vorzugsweise den inländischen Juden zugewandt wissen. „Das Hemd ist mir näher als der Rock. Der Jude, welcher von deutschen Eltern geboren, deutsch fühlt und deutsch empfindet, steht mir näher als der Pole oder Russe, welcher keinerlei Empfindung für unser patriotisches Denken und Empfinden hat." Noch größer ist der persönliche Schmerz, den Dr. Meyer das Aufkomnien der nationaljüdischen Bewegung bereitet. Die Lage z. B. in Hannover hätte gerade angefangen, erträglich zu werden. „Die Gegner, welche als antisemitische Studenten und Referendare maßloser Absonderung huldigten, haben, nachdem sie ruhiger und verständiger geworden sind, als Mchter und Rechtsanwälte, als Aerzte und Oberlehrer zu vernünftigerer Anschauung sich bekannt und wir haben häufig unter früheren Antisemiten wohlwollende verständige und gerecht denkende Männer gefunden. Die jüdische, etwa 4000 Seelen starke Bevölkerung hält sich zurück. In der Stadtvertretung sitzt kein Jude, unter den Beamten der Provinz findet sich kaum mehr als ein Glaubensgenosse; höchstens auf der Straße bemerkt man-die vielfach gerügte unselige Gabe der Vervielfältigung und in den Theatern und Konzerten würde ein übelwollender Kritiker ä la Rathenau ein „schwärzliches Gewimmel" vielleicht mit Unwillen vermerken. Alles in allem aber glaubten wir von dem harten, anstrengenden und aufregenden Kampfe mit dem Gegner in Ruhe etwas aufatmen zu können. Zu unserer Ueberraschung und zu unserer schmerzlichen Verwunderung hat sich nun auf einmal wie über Nacht im eigenen Lager die national-jüdische Bewegung erhöben, welche mit unserer ganzen bisherigen Arbeit kurzen Prozeß macht und sie einfach in dcü alte Eisen wirft. Alle unsere Zwecke und Ziele sind nach dieser Darstellung verkehrt, unsere Arbeiten nutzlos, wir selbst Leisetreter und Kriecher, die nicht den Mut haben, ihre.Abstammung und ihre Rasse zu bekennen. ..... lieber diese Frage ist keine Diskussion möglich. Die Gegensätze sind nicht auszugleichen und die Kluft ist unüberbrückbar. Ich weiß 'mich eins in meinem Fühlen und Empfinden mit den besten Männern unter unfern Glaubensgenossen, welche ratlos und schmerzerfüllt dieser unheimlichen Bewegung gcgenüberstehen. Wir selbst sind das Geschlecht, welches geht. Wir werden unser Leben beschließen, unfern Grundsätzen getreu als treue Söhne unseres Vaterlandes und treue Bekenner unseres Glaubens. Aber wir sind von Sorge erfüllt um unsere Jugend." * * * Oh, du unseliges jüdisches Volk, das du wühlst in deinem eigenen Fleisch! — Hast du auch heute keine Propheten mehr, die getragen von wahrer Menschenliebe und wahrem Mannesstolz, Manneskraft und Uneigenuützigkeit, furchtlos und treu hineintreten in des Volkes'Mitte, um hineinzuhauen in den Knäuel der Verwirrung und des Unfriedens; hast du sie auch nicht mehr. die beredten Vertreter der, Gotteswahrheit, so sind dir wenigstens doch ihre Worte aufbewahrt und in ihren Worten wirst du dein eigenes Spiegelbild erblicken. Aber auch dein Geschick werden sie dir künden. s>ie werden dir zeigen, wie das Israel, das nicht einig im Dienste seiner Aufgabe steht, sich selbst dem Untergange weiht. Einigkeit und Treue allein waren es, die Israel in all den Stürmen stark und unbeugsam machten. Einigkeit und Treue allein sind es, die uns inmitten all der Gefahren, mit denen uns die Gegenwart bedroht. die in nichts geringer sind als sie uns jemals umgaben, Kraft und Mut zum Ausdauern verleihen können, und wir — wir Haffen, der Bruder den Bruder! Wir, die wir erst seit kurzem unserer Rechte auf dem Papiere uns erfreuen, schämen uns nicht vor den besser denkenden Christen, unsere rechtlosen Brüder, mit denen uns Blutbande unlöslich verknüpfen, eine tausendjährige gemeinsame Geschichte und gemeinsames Schicksal verbindet, herzlos zu überfallen und mit Beleidigungen zu überhäufen. Leute, die noch obendrein das Judentum lieben wollen, erklären diejenigen für minderwertig, die für dieses Judentum ihr Leben opfern und sprechenim Namen des Judentums, wenn sie dafür plädieren, daß diesen Unglücklichen jeder Nettungsweg abgeschnitten werden soll! Wahrlich von einem solchen Judentum haben sich unsere Väter, deren unwürdige Söhne dieses Geschlecht ist, sicherlich nicht träumen lassen können! Wer gilt denn heutzutage noch als ein „guter" Jude? Nicht der, der sich liebevoll und freudig beschäftigt mit der Lehre seines Volkes, nicht der, der im Bewußtsein unserer einzigartig -glorreichen Geschichte sich mit stolzem Herzen eins fühlt mit seinen Brüdern .sondern derjenige, bei dem dieses Beide in Wirklichkeit auch nicht im bescheidensten Maße zntrisst. Um „guter" Jude zu sein, dazu hat man Nur nötig, verschiedenen jüdischen Wohltätigkeitsvereinen anzugehören und sich mit den anderen jüdischen Brüdern solidarisch zu erklären in dem Abscheu gegen deir gemeinsam eiiipfundenen Antisemitismus der — Nichtjlrden. Der ganze Körper ist tvund. Ein Eiter und offenes Geschwür ist Alles. Doch stumpfsinnig spürt das jüdische Volk nicht inehr den Schmerz und die wenigen, die ihn fühlen, sie sehnen sich nach dem Retter. Ein evangelischer Pfarrer über den Zionismus. Während der Zionismus in den jüdischen Kreisen vielfach den ärgsten Vorurteilen begegnet, ist es intereffant, zu sehen, mit welcher Vorurteilslosigkeit, mit welchem Wohlwollen edeldenkende.Christen dem Zionismus gegenübcrstehen. In einer Versammlung des hiesigen evangelischen Arbeitervereins, zu der auch Gäste Zutritt hatten und die auch von vielen Juden besucht war, sprach vergangenen Sonntag Se. Hochwürden Herr v. Bornemann,Pastor an der St. Nicolaikirche zu Frankfurt a. M., über »Die zionistische Bewegung im Judentum". Der Referent scheint, nach seinen Ausführungen zu urteilen, sich eingehend mit der Judenfrage befaßt zu haben; jedenfalls kennt er die zionistische Bewegung aus eigener Anschauung. Bis vor einem Jahre Professor der Kirchcngeschichte an der Universität zu Basel, übernahm er 1899 die Berichterstattung über den Zionistenkongreß für die „Allgemeine Schweizer Zeitung", um auf diese Weise den Kongreßverhandlungen beiwohnen zu können. „Es waren für mich höchst interessante Tage", erklärte er. In seinem Vorträge gab der Referent zunächst einen kurzen Rückblick über die Geschichte der Juden. Wie ein Wunder habe sich das jüdische Volk trotz Jahrtausendelanger Verfolgungen behauptet, während andere Völker spurlos verschwunden sind. Ihre Eigenart haben die Juden, gestützt auf ihre Religion, nie aufgegeben. Denn das^ Judentum darf keineswegs mit dem üblichen Begriffe einer Konfession bezeichnet werden, weil' es gleichsam mit allen Fasern seines Herzen mit der Nationalität eng verbunden ist. Schon in Nom galten sie als Finanzleute. Das war aber noch mehr im Mittelalter der Fall. Sie waren eine Finanzquelle für die Fürsten. Bankgeschäfte und Wucher, die den Christen verboten waren, wurden ihnen erlaubt, ja auferlegt. Man drängte sie förmlich

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