Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1903-10-23 · Heft 50 (23.10.1903) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 50 (23.10.1903)
Date
1903-10-23
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692298-2692347--00511-2694903
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 4. . brach sie impulsiv lös. Dann trat sie'an das Mädchen heran. „Ja, Sie liebes Blondchen, Sie will ich gern bemuttern. Ich freue mich schon darauf, was meine Bekannten für ein Gesicht machen werden, wenn ich ihnen bei meinem nächsten Empfang das Püppchen aufbaue. Allen Herren werden Sie die Köpfe verdrehen und den Nettesten und Besten nehmen wir dann als Bertas Mann. Aber Sie müssen bald und sehr oft zu mir kommen, Kindchen. Wollen Sie. Wann darf ich Sie erwarten?" Die warmherzige Dame war Feuer und Flamme. Ohne Gertas Antwort abzuwarten, wandte sie sich an Len Bruder. „Prügel seid Ihr wert, Ihr alle hier im Haus. So etwas Reizendes versteckt Ihr hier in Euer düstres Ghetto. Das wird anders, sage ich Euch. Wollen >vie morgen Mittag bei mir speisen, Gerta? Ich .werde auch noch andere junge Mädchen bitten und einige junge Herren: Wir werden sehr lustig sein. Note Backen sollen sie sich lachen, kleiner Blatzschnckbel. Wollen Sie?" „Gern, gnädige Frau." Ueber Las liebliche Gesicht ging es wie Sonnenschein. „Ach was — gnädige Frau. Tante Klartje bin ich von heute an, Gerta." „Also dann. Ich komme gern, Tante Klartje." „Schön, Kindchen. Dann Helsen Sie mir auch all den bunten Krimskrams auspackcn. Len ich mir mitgebracht habe. Ich komine^ nämlich grade aus . SnMen. Was Ihnen von den machen gefällt, nehmen Sie sich und putzen das Eulennest hier damit aus. Mso bestimmt morgen." Die kleine Frau fragte kreuz und quer und lies; keinen zu Worte kommen. Endlich unterbrach sie Adam. „Entschuldige Gerta, Schwester. Mcvrauw ter Borg erwartet sie." Gerta warf ihm einen unzufriedenen Blick zu. Sie wäre gern noch bei der lustigen, liebenswürdigen Dame geblieben, die in ihrem spitzenbesetzten meidenkleide, vom Dufthauch seiner Parfüms umweht, den Frauen glich, die sie in ihrem Baterhausc gekannt hatte. Klartje murrte auch ärgerlich: „Brummbär." Zu Gerta meinte sie: „Ach, hören Sie garnicht ans den alten Schulmeister, Kindchen. Bleiben Sie noch." Gerta sah den Arzt scheu an. Ein ernster Blick traf sie. „Nein, ich muß gehen," antwortete sic gedehnt. „Na, dann aus Wiedersehen morgen. Einen netten Tischherrn sollen Sie haben. Aber nicht gleich das Herzchen verlieren." „Ich bin ja verlobt," lächelte das blonde Mädchen unbefangen. „So!" Frau Arendsohn war verblüfft. „Mit wem denn?" „Mit Jan ter Borg." „Kinderei!" warf Tldam Seelig hart dazwischen. „Gehen sie jetzt, Gerta." Das junge Mädchen küßte Klartje die Hand und ging. Die Geschwister blieben allein. Frau Klartje schwärmte und fragte allerlei von Gerta, bekam von dem Bruder aber nur kurze, gequälte Antworten. Dann erzählte sie von sich und ihrem Mann, ihrer Reise und verabschiedete sich endlich mit den Worten: „Morgen schickst Du mir die Kleine." M»am nickte. Er hätte aber nicht zu sagen gewußt, was die Schwester gesprochen hatte. Mlein geblieben, ließ er sich müde in einen «essel fallen. Alle Möbel in dem dämmerigen Zimmer tanzten höhnisch um ihn herum, verbeugten sich vor ihm und sagten: „Verlobt mit Jan ter Borg." „Kinderei," murmelte er heftig. Aufrichtig, Adani «eckig! Hätte sie erklärt — Verlobt mit Adam Seelig, — hättest Du auch gesagt: Kinderei? Wer hatte das gefragt? Der Arzt sah sich verstört um. „Du sollst nicht begehren deines. Nächsten Weib," ' donnerte ihm da der marmorne Spinoza zu. Adam Seelig barg stöhnend sein Haupt in den Händen. XL Gertas lachende Jugend forderte ihr Recht. Das heitere Leben, in das sie Klartje Arendsohn hineingezogen, hatte ihre schwärmerische Schwermut besiegt. Frau Arendsohn ließ sie auch garnicht viel zur Besinimng kommen. Jinmcrzu ersann sic Neues, um sie zu erheitern, «ic hatte Gerta mit aufrichtiger Zärtlichkeit ans Herz genommen und die Liebe, die einem eigenen Kinde zu schenken, der Himmel ihr versagt hatte, übertrug sie auf das junge Mündel ihres Bruders. Klartje Arendsohn hatte in den ersten Jahren ihrer Ehe tief unter ihrer Kinderlosigkeit gelitten. Ob ihr Gatte auch, hätte niemand zu sagen . gewußt. Henry Arendsohn, der gebietende, würdevolle Handelsherr, dessen wechselvolles Leben ihn in alle Weltteile geführt hatte, der täglich ohne zu zagen Millionen dem ungetreuen Meere anvcrtraute, verstand es meisterhaft, seine Hoffnungen und Enttäuschungen hinter gleichmäßiger Viuhe zu verbergen. Ob i sich in seine innigen Gebete, die er an den heiligen Festtagen an seinen Schöpfer richtete, nie der Wunsch um ein Kind, einen Erben seiner großen, stets wachsenden Reichtümer gemischt hatte, wußte nur der, dem diese Gebete galten. Seine bedeutend jüngere Frau hatte er immer damit getröstet, daß' Gott Frarksurter Israelitisches Familienblatt. wohl wisse, lvarum er etwas versage. Mit einer aufmerksamen Zärtlichkeit, die bei dem sonst verchlossenen Manne fast rührend wirkte, umgab er die kleine Frau, sann ev sie zu erfreuen. Selbst auf seinen großen, überseeischen Geschäftsreisen ließ er sich von ihr begleiten. Dadurch war Frau Klartje allmählich ruhiger geworden, ihre heitere Natur überwand das einzig Versagte, da der Gatte, den sie zärtlich liebte, nach ihrer Meinung auch nicht darunter litt. So herrschte in dem Arcndsohnschen Hause jene wohltuende Wärme, die Menschen um sich verbreiten, welche sich gegenseitig alles zu Liebe tun. Dazu war dieses Haus mit allem Erdenklichen geschmückt, was Lebensfreude, Reichtum und durchbildeter Geschmack schaffen können. Nirgends empfing man dort den Eindruck leerer, kalter Pracht. Vielleicht dämpfte >ie der milde Abglanz der vielen Tränen, die hier mit freigebiger Hand getrocknet worden waren. (Fortsetzung folgt.) Sprechsaal. F r a n k s u r t a. M., den 21. Okt. 1903. Verehrlichc Redaktion! Noch ganz erregt von dem Vortrage und der Diskussion, die soeben in unserem „Nachlass Zwi" stattgesunden haben, greife ich zur Feder. Ich glaube, daß sowohl der Redner in seiner so scharfen Verurteilung des Zionismus, als auch Herr Jacob Rosenheim,. der bekannte Vorsitzende des Vereins, in seiner Stellung gegenüber des Anschlusses an den Zionismus.zu weit gegangen sind, denn der Umstand,.daß eine große Anzahl wahrhaft orthodoxer, mit jüdischem Wissen ausgestatteter Juden der zionistischen Bewegung voll und ganz' angchören, hätte die beiden Herren veranlassen sollen, sich in ihrem Urteile eine gewisse Reserve aufzulegen. Oder haben die 140 russischen Rabbiner, die öffentlich erklärt haben, daß es Pflicht, heilige jüdische Pflichterfüllung eines jeden guten Juden ist, eifrigstes Mitglied der zionistischen Bewegung zu sein; oder hat ein Obcrrabbiner Roth, Nachfolger unseres Herrn Rabbiner Breuer in Papa und Mitglied des Aktionskomitee der zionistischen Leitung, ein Rabbiner Tr. Klein in New-Iork, Schwiegersohn des seligen Herrn Direktor Dr. Mendel Hirsch, ein Tr. Franck, Schwager des Herrn Jacob Rosenheim und noch viele andere mit Herz und Seele begeisterte Juden; haben diese Herren nicht alle eben solchen Anspruch darauf, als wirklich gesetzcstrcue, über die Verantwortlichkeit ihres Tuns sich klare Juden zu gelten, als Herr Nosenheim und Herr Breuer! Herr Rosenheim und Herr Breuer beherrschen in solch' meisterhafter Weise die Kunst der Rede, daß die Gefahr nicht ausgeschlossen erscheint, daß sie unter Umständen auch einmal mehr durch ihre Worte als durch die Stichhaltigkeit ihrer Gründe wirken können. Wgeschen davon, genügt es mir in unserem Falle, aus die Schulen Schommais und Hillels hinznweisen; die Schule Schammais war unbedingt in der rigorosen Durchführung der Prinzipien die konsequentere und trotzdem hat die Schule Hillels in ihrer, anscheinend nachgiebigeren Auffassung sich für die Festsetzung der Gesetzesbestimmungen Geltung verschafft und zwar zum Segen für Israel. Man komme hier nicht mit dem Trcnnungsprinzipe der streng orthodoxen Juden, denn wir orthodoxen Juden haben uns nicht von den neologen getrennt, sondern die neologen von uns orthodoxen, indem sie in Synagoge und in Schule unjüdischen Ideen und Institutionen Eingang verschasst haben und uns in der Ausübung unserer religiösen Ueberzeugung vergewaltigen wollten. In den Gemeinden, wo in den Synagogen nach dem hergebrachten, jüdischen Ritus gebetet und in der Schule — unbeeinflußt von der Reform — gelehrt wird, tut ein Jude eine Lrvcrok, wenn er sich von der Gesamtheit — mag sie noch so verschiedenartig sein — ausschlicßt. Wo kann er denn anders für das Judentum wirken, als eben in der jüdischen Gesamtheit! — Die Unterstützung des Zionisnius ist eben eine solche Mizwoh, wie Förderung der Institutionen einer Mischen Gemeinde. Das Nationale spielt nicht, wie Herr Breuer sagt, in unserer heiligen Lehre eine minderwertige Rolle, sondern das Religiöse und das Nationale sind in ihr so innig miteinander verwebt, daß beide überhaupt nicht von einander zu trennen sind und vielleicht sind grade manche Hauptteilc national. Im Goius können wir stets nur Halbjuden sein, erst im Lande unserer Väter unter einer eigenen Verwaltung können wir uns als G a n z j u d e n ausleben, denn dann erst treten die großen sozialen jüdischen Gesetze in Kraft. Soviel für heute. X. Y. Bücherschau. Urquhart, Rev. John, Die neueren Entdeckungen und die Bibel. Vom Berfaffer autorisierte Uebersetzung von E. Spliedt. Band I: Bon der Schöpfung bis zu Abraham. Band II: Von Abraham bis zum Auszug aus Aegypten. Band III: Vom Auszug aus Aegypten bis zur Philisterzeit. Band IV: Von der Philisterzeit bis zur babylonischen Gefangenschaft. Stuttgart, Max , . Rr. 50. Kielmann, 1902, 1903. 333, 331, 333 und 351 S' 8° a Mk. 4.- Jm Jahre 1898, lange also vor dem durch Delitzsch entfesselten Babel-Bibel-Sturme, hat Rev. I. Urquhart auf die .nicht neue Frage nach dem Verhältnis der biblischen Geschichte zu den Ergebnissen der neuen Entdeckungen eine gründliche und von vieler Sachkenntnis, wie großer Liebe zum Gegenstand seiner Forschung zeugende Antwort zu geben begonnen. Er hat mit großer Auftnerksamkeit die wachsenden Erfolge der Altertumswissenschaft und insbesondere der Ausgrabungen verfolgt und hat sich vom Standpunkte des Bibelfteundes und des Bibelgläubigen lebhaft und aufrichtig derselben gefteut. Zu seiner großen Genugtuug konnte er konstatieren, daß z. B. für die biblischen Erzählungen von der Schöpfung und dem ersten Leben des Menschen »fast jedes Jahr die echte Wissenschaft eine Emte von Bestättgungen bringt". ' Heute ist es uns nicht auffallend, warum er, was auf den ersten Blick befremden mußte, genötigt ist, zu dem Worte:- »Wissenschaft" das Attribut »echt" hinzuzuugen. Wir haben gesehen und gehört, wie es auch eine sogenannte Wissenschaft gibt, die ihr spezielles' Arbeitsgebiet über die Maßen liebt und, um es zu heben und ihm Anerkennung zu schaffen, alles Andere, was damit in Zusammenhang steht, verkleinert und erniedrigt, die darum nicht Tatsachen nur sprechen läßt, andern Vorurteile und die um dieser Vorurteile willen elbst handgreifliche Bestätigungen in ihr Gegenteil zu verkehren sich bemüht. Diese Bemühungen sind nicht so neu, wie viele glauben, sie sind nur erst in jüngster Zeit in weitere Kreise gedrungen, und darum haben neuerdings erst diese weiteren Kreise Verständnis und Interesse für die daniit zusammenhängenden Fragen gewonnen. Die eingangs vezeichneten Arbeiten Urquharts nun, die, wie gesagt, den Zeiten ruhiger Prüfung des Gegenstandes im Kreise der Fachwissenschaft ihre Entstehung verdanken, und die darum ftei sind von aller persönlichen Tendenz und Polemik, ohne die man heute kaum mehr über die Sache zu sprechen vermag, sind aus eben diesem Grunde vielleicht mit am besten geeignet, uns in dem Labyrinthe der widerstreitenden Meinungen und Behauptungen den Weg zur Wahrheit zu zeigen. Allerdings — und das sei von vornherein ausgesprochen — für denjenigen, der eines bündigen, mathematischen Beweises für die Authenticität der biblischen Erzählung zu bedürfen glaubt, sür denjenigen, der, losgelöst von aller geschichtlichen Tradition unseres Volkes und der übrigen Völker, ausschließlich aus dem Inhalte der Trümmerhügel und den mit Mühe nach und nach zu entziffernden Inschriften ein vollkommenes Bild der Geschichte der Urzeit gewinnen will, für den muß jeder Wegweiser versagen. Es sind ja eben nur zufällig erhaltene Trümmer und Bruchstücke, und ein Ganzes kann sich aus ihnen nimmer ergeben. Biele aber, die die bibliche Darstellung in ihrer anspruchlosen Schlichtheit kennen gelernt haben und die dann in ihrer Wertschätzung derselben durch die hochtönenden Phrasen der Kritik irre gemacht worden sind, weil sie glaubten, daß nichts Unbewiesenes von der bibelgegnerischen Wissenschaft behauptet worden sein könne, viele die in ihrer unwissenschaftlichen Einfalt die als Tatsachen verkündeten Hypothesen überschätzen mußten und dadurch in ihrer Beurteilung der biblichen Wahrheit eine Umwertung der Worte für nötig hielten, werden von Urquhart in der Beibehaltnng ihrer ursprünglichen Ueberzeugüng bestärkt und darüber belehrt, daß »hastige Folgerungen und irrige Theorieen", nicht aber die Tatsachen selber es sind, die sich im Widerspruch mit den Aussagen der Schrift befunden haben. (I. 166.) Aber noch einem anderen Kreise von Lesern werden die Darlegungen Urquharts eine Quelle großen Nutzens und reicher Beftiedigung sein, allen denjenigen nämlich, die sich durch nichts in ihrer Ueberzeugung von der Zuverlässigkeit der biblischen Geschichtsschreibung haben erschüttern lassen und nunmehr, ohne die 'mangelnde Spezialkenntnis bedauern und die Unmöglichkeit eigener Prüfung beklagen zu müssen, an der Hand einer im besten Sinne populärenund dabei auf gründlicher Einzelforschung beruhenden, streng wissenschaftlichen*) Darstellung in den Stand gesetzt werden, selbst zu erkennen, wie sehr die neuen Entdeckungen die Richtigkeit und Genauigkeit der biblischen Aussagen beweisen. Und diese Beftiedigung gewährt Urquhart in einer gediegenen Gründlichkeit und Aussührlichkeit, die »aus Schritt und Tritt den Kritikern folgt, um im Einzelnen die Unhaltbarkeit der von ihnen aufgestellten Behauptungen darzuthun". (Schluß folgt.) Verein „Nlekor-Chajim“. Vereinslokal: Schützenstraße 14, I. Lehrplan für das Wintersemester. T a 1 m u d. Sonntag Morgen 9 Uhr, Donnerstag Abend 83/4 Uhr: Herr Rabb.-Ass. G. P o s e n. Sonntag Nachmittag 4 Uhr, Dienstag Abend 83/4 Uhr: Herr Direktor Dr. G. Lange; *) Wie der Verfasser im Vorwort zum ersten Band berichtet, ist sein Buch zum großen Teil von Mr.' Pinches am Britischen Museüm, einem der ersten Assyriologen unserer Zett, durchgesehen worden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.