Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 49 (16.10.1903)
- Date
- 1903-10-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 49. Kind, ehe Sie hier die Sprache nicht sprechen und verstehen, sind Sie ja darauf angewiesen, mit mir zu gehen und mir zu sagen, was Sic ivollcn. Später, wenn Sie dieser Notwendigkeit überhoben sind, verzichte ich auf dieses Ehrcnanit. Wollen Sie jetzt kommen?" Seine letzten Worte klangen sehr ironisch. Gcrta riß ungestüm ihren Mantel vom Nagel und stülpte den Hut auf. „Kommen Sie." Sic schritten eine Weile schweigend durch die abendlichen «traßen und bogen in krumme, unscheinbare Gassen ein. Tann begann Adam Scclig: „Ich möchte Ihnen noch etwas von dem Vater Miriams, Ihrer neuen Tiencrin, erzählen. Wenn Sic erfahren, aus wie armselig, unwissenden Kreisen diese stammt, werden Sie ihr wenig liebenswürdiges Wesen begreiflich finden. Sic haben keine Ahnung, Gcrta, wie verwirrte Lebcnsbcgrifse man bei der armen, jüdischen Bevölkerung noch findet. Ter Druck Jahrtausende währender Verfolgung und Erniedrigung hastet in den umdüsterten Seelen und langer, schwerer Kulturarbeit wird es bedürfen, durch Bildung und Erziehung die armen Geister zu erhellen. Aber etwas gicbt cs, was selbst der sittlich ticfstchcndstc Jude fast nie verliert. Familicnlicbc und Ncligion. Ein Beispiel dafür ist Miriams Vater. In einem kleinen russischen Marktflecken, unter Lebcnsbcdingungcn, wie sie elender nicht gedacht werden tonne», lebte er mit seiner Frau und seinen Kindern als Flickschneider. Arbeit, Hunger und Gebet war ihr Tascin. Ta will es ein Zufall, das; der Vater mehrere tausend Rubel von einem Gutsbesitzer zur llcberbringung au einen Andern erhält. Er erliegt der Versuchung, behält das Geld und sucht damit das Weite, um mit diesem Anfangskapital in einem freieren Lande ein besseres Leben für die geliebten Seinen zn erringen. Als seine Unterschlagung bekannt wird, hat er bereits vicrnndzwanzig Stunden Vorsprung vor seinen Verfolgern. Gelangt er über die Grenze, so ist er vor ihnen sicher. Aber der letzte Tag, bevor er diese erreicht, ist ei» Sabbat, der heilige Tag Gottes, an welchem kein frommer Jude eine arbeitcrfordernde Verrichtung ausübcn darf. Ter fromme Tieb hält dies Gebot. Wohl hat er die Menschen betrüge;; wollen, ohne Skrupel, sie haben ihm ja nie Gutes getan. Aber Gott betrügen, um den Dienst, der ihm am «abbat zukommt — — nie! Er bleibt und läßt sich ergreifen. Er erhält seine Strafe und verlässt das Gefängnis als Tieb gcbrandmarkt. In der Heimat ist seines Bleibens nicht mehr. Er wandert aus und kommt hin und hcrgeschleudcrt vom Leben als alter, kranker Mann mit Miriam, dem einzigen Kind, das ihm der Tod »och ließ, hierher. Und diese häßliche, von allen übersehene Tochter hängt mit vergötternder Liebe an ihm, und trägt das elende Schicksal des zärtlichen Vaters allen Menschen nach. Wollen Sic das Mädchen noch mieten?" Sie standen jetzt vor einem so armselige», baufälligen Hanse, daß sich darin nur das tiefste Elend einer Großstadt bergen tonnte. „Ja, ich will," nickte Gcrta und folgte dem Arzt auf den schiefgetrctcnei: Stufen. Terselbe öffnete nach kurzem Anklopfc» eine Tür. Timstige, schlechte Lust erfüllte den notdürftig möblierten Raum. Ans armseligem Lager lag die schattenhafte Ruine eines Menschen. Bor einem schwelenden Lichte hockte eine verarbeitete Frau, die sich offenbar nur widerwillig erhob, um die Eintrctcnden zn begrüßen. Gcrta, zum ersten Mal krassem Eiend gcgcnübcrgcstellt, von dem betloinmenen Gedanken erfüllt, das; der Tottranke dort ein Verbrecher war, außerdem von dem finstern Blick des Mädchens cingeschüchtcrt, griff unwillkürlich nach der Hand des Arztes. Tr. «eelig fragte nach dem Kranken und sofort begann die Tochter eine langatmige Leidensgeschichte zu erzählen. Adam Scclig nickte, wie einer, der all das schon öfter gehört hat und setzte ihr dann den Zweck seines KonimcnS auseinander. Mit der Miene einer gnadenspcndcndcn Königin erklärte sich Miriam bereit, gegen eine hohe Vergütung einige Stunden am Tage Gertas Bedienung zu übernehmen. ■ Kein Aufleuchten der Freude war in ihren Zügen zu lesen, kein Wort des Tankes für die Wohltat, die sie herausfühlen mußte, war von ihr zn hören, wie die unerfahrene Gcrta erwartet hatte. Tiefe war eben noch zu kurze Zeit im Ghetto, um die naiv selbstverständliche Art zu kennen, mit der viele jüdische Arme Wohltaten, als etwas ihnen Gebührendes entgcgennehmen. Tiefe selbstverständliche Art, die einen Schnorrer, der eine Mark vom Herrn des Hauses zum Geschenk erhält, antworten läßt: „Gehn Se, schmälern Sc wer »ich de Pcrmoße. Ihre Frau hätt mer oßcr weniger wie zweie gegeben." IX. Gerta hatte sich allmählich im Ghetto cingclcbt. Sie begann die Sprache ihrer Umgebung zu verstehen und hing mit ganzer Seele an der alten Großmutter. Sie, die stets die weiche Zärtlichkeit einer Mutter-unbewusst entbehrt hatte, sonnte sich in der warmen, vergötternden Liebe Mntlcr Rubens. Tie.Bewohner des. Ghettos hatte sic in ihrer Eigenart kennen und' .verstehen,, teilweise sogar schätzen und lieben gelernt. Wie Adam Sceligs ernste, gütige Augen' diese Leute sahen, so zeigte er sie Gerta, rührend in ihrer Unwissenheit, eisern energisch in der Erreichung des einmal vorgesteckten Zieles, tief gläubig und fromm, mit inniger Liebe in ihrer Familie tvurzclnd. Ta wohnte in dem Stockwerk unter Rubens eine verwitwete Jndcnfran, loelche ihre zahlreichen Kinder mühsam durch härteste Arbeit ernährte. Es war ein überaus häßliches, schmutziges Weib. Tie ästhetisch ungemein fein empfindende Gerta war voll Abscheu von ihr zurückgewichen und hatte der Großmutter und Tr. Scclig gegenüber aus ihrer Empfindung keinen Hehl gemacht. „Mei guts Kind che, dass ist e sehr bekowcte Frau," hatte die Großmutter darauf mit nachgiebigem Vorwurf gesagt. Adam Seelig hatte fein gelächclt. „Sie werden auch diese Frau einmal anders beurteilen." Und richtig. Eines Abends als Gcrta in seiner Begleitung die Treppe hcrabging, hielt er sie vor der offenstchendcn Tür der Witwe an. Tie Frau schnitt das Abendbrot für ihre Kinder und murmelte dabei vor sich hin: „Trei Stullen für mei Joscfche, Gott laß'n mer gesund. Zwei for Estherleben, ihren Zcichel soll sc nor behalten. Trcie for Jsaakche, groß'und stark mög er wer'»." Für jedes Kind segnete sic so das schwer.erworbene Brot. Ter Arzt zog Gcrta fort mit der Frage: „War diese Frau, die für ihre Kinder arbeiten muß wie ein Lasttier und doch nur Segen für sie hat, wirklich nichts anderes wert, als Ihren Spott?" So war cs ihr unzählige Male gegangen. Hatte sic über die schmalbrüstigen, häßlichen Jünglinge, mit schwärmerischen Glutaugen in eingefallenen Äsketengesichtcrn gelacht, die oft abends zn Tr. Seelig kamen und bis zum grauenden Morgen bei ihm blieben, so hatte sic erfahren müssen, daß sie Märtyrer ihres Wisscnshungers waren, die dem Drange nach Wissen und Erkenntnis alle Freuden der Jugend, die bescheidensten materiellen Genüsse opferten. — Aber wenn Adam Scclig den Eindrücken, die Gcrta im Ghetto empfing, unedle Heftigkeit zu benehmen verstand, ihren lastenden Ernst konnte er nicht verwischen. Ten tiefen Ernst, der wie bcklemmcnder Nebel über den Quartieren der Armut lastet, ihre Freuden dämpft, ihre Lustigkeit bitter macht. Gertas enipsänglichcs, von Schönheit und Liebe durchglühtes Gemüt litt darunter. Ter grösste Teil ihres Gcsühllebcns hatte sich ans den Vater konzentriert. Tiefer weite Platz war leer geworden in ihrem Herzen, Neben dem Kultus des Toten füllte sie ihn mit Samaritertätigkeit ans, die der Arzt in ihr angeregt hattet die aber in eine für ein kaum achtzehnjähriges Mädchen ungesunde Schwärmerei auszuarten drohte. Wenn Adam Seelig gewünscht hatte, Gcrta geistig unter seinen Einfluß z» stellen, so konnte er mit dem erzielten Resultat zufrieden sein. Sic ließ sich willig von ihm in die Welt des Wissens und Forschens einführen und nahm mit schnell erwachter, gläubiger Inbrunst, die wie Weihrauch die Lust des Ghetto erfüllte, die heilige Lehre Israels von ihm entgegen. Ihre Ausbrüche heftigen Trotzes hatte sie anfgegcbcn, aber sic hielt sich mit fast angstvoller ^chen von ihm zurück. Und nicht der kleinste Reflex kam von ihr zu ihm zurück von jener tiefen Zärtlichkeit und glutvollen Leidenschaft, die Adams ganzes Sein erfüllte. Einer stets genährten und mühsam unterdrückten Leidenschaft, die bereits die Spuren seelischer Kämpfe in des Arztes bleiches Gesicht meißelte. Mit nervös bis zum Aeußcrstcn gesteigerter Tätigkeit suchte der Jünger Spinozas seines Füylens Herr zu werden. X. „Guten Tag, Adam." Ter Arzt sprang vom Schreibtisch ans und eilte der eintretenden Tame entgegen. „Guten Tag, Schwester. Seid wann seid Ihr denn wieder in Amsterdam?" „Seit vorgestern. Wir waren fast acht Monate fort; drei davon blieben wir in Indien." „lind wie geht es Teinei» Manne?" „Tanke, gut. Aber Du, mein lieber Junge, siehst schlecht ans. Tn überarbeitest Dich gewiß. Spanne mal eine Zeit lang au§. Reise, sieh Tir wieder die Welt an. TaS frischt wieder auf. Aber Du denkst eben nie an Dich." „Vielleicht denke ich zuviel an mich," lächelte der Arzt schmerzlich. „Das mache einem Andern weis, mein.Sohn. Du läufst tagaus, tagein in den dumpfen Gassen umher und sichst und hörst nichts weiter als Krankheit, Jammer und Klagen. Tabei muß ja ein so feinfühliger Mensch lvie Tn zn Grunde gehen. Denke, Adam, ich stehe hier an stelle unserer toten Mutter und sage Tir statt ihrer: „Es ist nur gut sich für die Menschen zn opfern, soweit man sich selbst dabei nicht völlig anfopsert. Tn hast auch Pflichten gegen Dich selbst und gegen uns. Darum reiße Dich wenigstens eine Zeit lang ganz oder teilweise aus Deinem Wirkungskreise los. Vielleicht hast Du nicht cini»al ordentliche Pflege, bei all Tcincr anstrengenden Tätigkeit Deinem erbärmlichen Aussehen nach zu urteilen. Mutter Rüben ist eine sehr brave, aber doch schon, eine müde, alte Frau." , „Ich habe alles, was ich brauche, Klartje. Außerdem ist. Mutjer giuben jetzt auch, nicht. mehr allein. Sie hat ihre verwaiste Enkelin bei sich," antwortete Ada»; gepreßt. „Ach, bas ist etwas Anderes. Eigentlich bedauere ich das. Wenn Du nichts an häuslicher Behaglichkeit vermißt, wirst Tu nie ans den Gedanken kommen zu heiraten." „Ich werde nicht heiraten," erklärte Adam , mit unmotivierter Heftigkeit. „Allen Ernstes, Bruder, Tli bist furchtbar nervös überreizt." Klartje Arendsohn legte den Arm um des Bruders Hals und sah ihm ernst in die Augen. „Deine Leiden sind seelischer Natur, Bruder," erklärte sie bestimmt. „Sprich Dich ans mit mir. Tas erleichtert Dich, und ich kann Tir vielleicht helfen." „Nein, Klartje, das kannst Du nicht. Darum sprich bitte nicht mehr davon," bat er gequält. Tie elegante, lebenslustige Frau schwieg betroffen von seinen mutlosen Worten. „Ich habe eine Bitte an Dich, Klartje," unterbrach Adam nach einer Weile die Sinnende. „Eine die Dich betrifft?" „Nein. Ich sprach mit Tir schon davon, daß Mutter Rubens Enkelin jetzt hier wohnt." „Ja. Und was soll ich nun tun?" „Dich des jungeil Mädchens, das mein Mündel ist, ettvas annehmcn. Gerta Rüben ist im Reichtum ausgewachsen. Ter jähe Wechsel zwischen ihrer jetzigen und ihrer früheren Umgebung ist zu kraß. Tie'Luft des Ghettos lastet aus ihr. Führe Du sic in die Kreise unserer Glaubensgenossen ein, in deneir auch Freude und Wohlstand herrscht. Vorläufig dünkt sie jüdisch sein identisch mit arm, elend, traurig sein. Frohsinn und Glück wohnen ihr scheinbar nur bei den Ehristen. Ich bitte Dich also, ihr die Freuden, die ihrer Jugend zukommen, zu verschaffen, soweit cs in Teiner Macht steht. Willst Du das tun?" „Gern, Adam. Schon darum, weil ich dann hoffe, auch Dich öfter in meinem Hause zn sehen. Tn wirst doch Deine Schutzbefohlene manchmal begleiten," fragte die kluge Dame. „Ja, gewiß." Tr. Seelig war zerstreut. „Darf ich Dich dann mit Gerta Rüben bekannt machen?" „Aber, Bruder, ist denn das so eilig? Wir haben ja kaum einige Minuten zusammen gesprochen." Klartje Arendsohn war offenbar etwas verletzt. „Wir können nachher noch viel plaudern. Gerta macht heute einen Besuch bei Mewfrauw ter Borg, deren Sohn der Associö ihres Vaters >oar. Es liegt mir daran, sie Tir vorher vorzustcllen." Tes Bruders hastige Erklärung hatte die gutmütige Frau schnell versöhnt. „Darf ich Gerta jetzt hercinholcn, Klartje?" „Ja, ja!" Er ging. Klartje Arendsohn sah ihm kopfschüttelnd nach. Wie hatte der ernste, harmonische Mann sich verändert. Er nnd seine Umgebung. Wäre das ungeschickt geschmückte Zimmer nicht von einem undefinierbar schwermütigen Hauch durchweht gewesen, dann hätte Klartje darüber gelacht. (Fortsetzung folgt.) Aus den Vereinen. Frankfurt a. M., 14. Oktober. Die «Frankfurter Zionistische Bereinigung" hielt ani 3. l. M. im Cafe Milani ihre diesjährige Generalversammlung ab. Aus dem Rechenschaftsbericht ist zu entnehmen, das; die Tätigkeit des Vorstandes eine rege und zum Teil auch eine erfolgreiche war. Die Zahl der Mitglieder und der Schekelzahler hat sich bedeutend vermehrt. Die steigende Tendenz ist schon aus dem Budget ersichtlich. Die Einnahmen und Ausgaben haben sich im letzten Jahre gegen das Vorjahr verdreifacht. Im Laufe des Jahres wurden 7 große Versammlungen abgehalten, in denen die Herren Assessor Dr. Friedemann (3 Mal», Dr. Moses-Mannheim, Rabbiner Dr. Kurrein aus Teplitz in Böhmen, Rabbjner Dr. Goldschmidt-Ossenbach (über Bibel und Babel), David Trietsch-Berlin, Julius Simon-Mannheim sprachen. Außerdem wurden regelmäßig Vereins- oder Schekelzahlerabende abgehalten, zu denen auch die noch außen stehenden Freunde der zionistischen Bewegung Zutritt hatten. Vorträge hielten die Herren: Dr. anauer, Dr. Mayer, I. L. Goitein, Lehrer Julius ans, S. Berlowitz, Fritz Sondheimer. Der Besuch war stets ein befriedigender. Die Diskussionen waren oft recht lebhaft und interessant. Es wurden zwar bei der Generalversammlung Stimmen laut, die es aussprachen, daß die Arbeit des Vereins eine erfolgreichere hätte sein können, wenn bei der Wahl der Lokale und der Zeit zu den Versammlungen mitmehrUeberlegung vorgegangen worden wäre; nichtdestoweniger wurde dem Vorstande die Decharge einstimmig erteilt. Aus der Wahl gingen die Herren Fritz Sondheimer als erster, I. L. Goitein als zweiter Vorsitzender hervor, ferner wurden wiedergewählt: die Herren Friesländer, Dr. Hanauer, Julius Gans, ncugewählt die Herren Dr. med. Mayer und Isidor Hirsch. . Frankfurt a. M. Nächsten Dienstag wird in dem neu aufgebauten Rechneisaal, Langestraßc, Herr Assessor Friedemann aus Wiesbaden, eine in Frankfurt bereits als glänzender/formvollendeter Redner bekannte Persönlichkeit, einen Vortrag über «Ostafrika und der sechste Zionistenkongreß" halten. Die Veranstaltung geht von der «Zion. Ortsgruppe" aus; Gäste sind willkommen. $ ti r p g d r f c 1 l 1 J ( t i 1 i! ]