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Neue jüdische Presse · 1903-10-16 · Heft 49 (16.10.1903) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 49 (16.10.1903)
Date
1903-10-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 49. ebenso die von anderer Seite eingegangenen kleinen Beträge. Mit Rücksicht auf die trostlose Lage unserer Glaubensgenossen in Homel hat der Hilfsverein der Deutschen Juden neuerdings 50 000 Mark für die unglücklichen Opfer bewilligt. Gleichzeitig hat sich der Hilfsverein an die großen jüdischen Schwesterorganisationen gewendet, entsprechend große Beträge für den gleichen Zweck zu bewilligen. Berlin, 12. Okt. Den Morgenblättern zufolge wurde der Fleischergeselle Moritz Lewy, der im Verlaufe der Konitzcr Mordaffäre wegen Meineides zu mehrjähriger Zuchthausstrafe verurteilt worden war, gestern vom Kaiser begnadigt. Moritz Lewy ist am 16. Februar 1901 vom Konitzer Schwurgericht zu 4 Jahren Zuchthaus verurteilt worden; die dagegen eingelegte Revision hatte keinen Erfolg. L. hatte eidlich erklärt, das; er den ermordeten Ernst Winter nicht gekannt habe. Ans Grund einiger Zeugenaussagen, mit denen aber andere im Widerspruch standen, hatte das Schwurgericht angenommen, daß diese Angabe unwahr gewesen sei. Es giebt aber viele Leute, welche überzeugt sind, daß L. zu Unrecht verurteilt worden sei. Tie antisemitische Presse nutzte jenen Wahrspruch für ihre Hetzereien, ans und stellte es unter bewußten Fälschungen so Hins als ob der «prnch der Geschworenen einen bestimmten Schuldvcrdacht gegen die Familie Leloh inbczug ans die Ermordung dcS Winters enthalte, und hatte in diesem Zusammenhang immer wieder von einem Ritualmord gesprochen. Beides ist inzwischen bündig widerlegt worden. Tic Familie Lewy steht außerhalb jedes Berdachts, und gleichzeitig ist amtlich festgestellt worden, daß von einem Ritualmord keine Rede sein kann.) Berlin, 13 Okt. Die »Boss. Zig."' berichtet zu der Begnadigung Moritz Lewy's: Gründe sür die Begnadigung seien nicht angegeben. In dem Begnadigungsgesuche, das nach einer Meldung des „Berl. Tageblatt" von den Eltern und Rechtsanwalt «onnenfeld eingereicht worden war, war hervorgehoben, daß eine Reihe hervorragender Rechtslehrer, Psychologen und Mediziner den Zeugenbeweis unter den Umständen, wie sie in Könitz herrschte», als ganz unzuverlässig und zur Verurteilung ungenügend bezeichnet hätten. Wenn eine Verurteilung gleichwohl erfolgt sei, müsse jedenfalls das Strafmaß, namentlich im Vergleiche mit den «trafen, die in anderen Fällen verhängt worden seien, exorbitant erscheinen. Tas Gesuch war von einer Reihe von Juristen, Philosophen und Medizinern unterstützt. Berlin. Unter der Spitzmarke: .Wie ein .Mitbürger" seine Feiertage ausnutzt", berichtet die -„Staatsbürgerzeitung": Bon befreundeter Seite wird uns eine Beilage der „Zcitzcr Neuesten 'Nachrichten" * übersendet, in der ein Herr I. Leschziner bekannt giebt, daß am 1. und 2. Oktober seine Geschäftsräume wegen „bedeutender Ausdehnung" seiner Abteilungen in der Herren- und Tamenkonfcktion geschlossen bleiben. Tas Inserat ist in doppelter Hinsicht bemerkenswert. Zunächst verschweigt der Herr „Konfektionär" den wahren Grund des Geschäftsschlusses, nämlich die jüdischen Feiertage und damit seine Zugehörigkeit zum Judentum, und ferner nützt er während seiner Feiertage das nicht jüdische Personal ans, um sein Geschäft im Gange zu halten. Hat die ^,Staatsbürgerzeitung" diesmal so Unrecht mit ihrer Betrachtung? Berlin. Seitens der hiesigen jüdischen Gemeinde sind zu den diesjährigen Festtagen elf Fitial-GotteSdienste veranstaltet worden, welche ca. 22 000 Plätze enthielten. Mit den fünf ständigen Gemeinde-Synagogen (zirka 8000 «teilen) war demnach nahezu 30 000 Betern Andachtsgelegenheit geboten. Tie Kosten dürften 50000 Mark überschreiten gegen ca. 39 000 Mark im Vorjahre. — Tr. jur. Eduard Simon hat der Handelskammer die Summe von 100000 Mark überwiesen, um damit zum Gedächtnis seines am 16. Septeniber d. I. verstorbenen Vaters, des Geh. Kommerzienrats Louis Simon, eine „Louis Simon-Stiftung" zu errichten. Tic Zinsen des Kapitals sollen alljährlich in Beträgen nicht unter 200 Mark an ortsangehörige würdige Kauflciite und Handlungsgehilfen, die in ihren Verhältnissen zurückgekommen sind, verteilt werden. Hamburg. Der Israelitische Tempel an der Poolstraße hat zu den Herbstfeiertagen ein neues dekoratives Gewand erhalten, welches denl altehrwürdigen Gotteshause ein würdiges Aussehen verliehen. Da die Architektur des Tempels nicht voll ständig den Charakter des Maurischen trägt, so war auch eine Anpassung der Dekoration an das Vorhandene notwendig. So sind die Deckenflächen des Mittelschiffs mehr im byzantinischen Stil gehalten, dagegen die Flächen der Decken der oberen Seiten dem arabisch-maurischen entnonimen. Rein aus dem spanisch-maurischen Genre sind die Wandflächen des Parterres und der hinter der Kanzel befindlichen Flächen. Diese letzteren sind nach den Vorbildern der Alhambra in Granada und dem Alcazar in Sevilla gearbeitet, den wunderbaren Palästen der maurischen Könige, wo dieser Stil, der dem byzantinischen seine Hauptelemente entnomnien hat, zur reicheren breiteren Ausbildung gebracht und zum vollendetsten Ausdruck gelangt ist. Hier im Tempel wie auch dort zeichnet sich die maurische Dekoration durch ein allgemein befolgtes, auf der hauptsächlichen Anwendung der drei primären unzerlegten Farben, Blau, Rot und dem Frankfurter Israelitisches FamikienLlatt. teils durch das Gold dargestellten Gelb, beruhendes System aus. Nur in den Mosaiken und Schmucksachen haben die Mauren ihre Palette durch Grün vermehrt. Hamburg. Die Zionistische Ortsgruppe Hamburg- Altona hatte am Samstag, den 3. Oktober, abends 8 he Uhr, nach denr Grindeler Gesellschastshans eine Versammlung einberufen, in welcher Herr Tr. nrcd. Frank, Altona, Schwiegersohn des Herrn Samuel «trauß, Karlsruhe, über den 6. Zionistenkongreß Bericht erstattete. Es hatte sich ein sehr zahlreiches, distinguiertes Publikum eingefunden: auch aus den Nachbarstädten waren angesehene Persönlichkeiten herbeigeeilt, wie z. B. die Herren Tr. med. Adler und Tr. Ealmus ans Lübeck. Herr Tr. Frank schilderte die Baseler Eindrücke so wärm und so begeistert, wie er sie empfangen hatte, «einen Worten schloß sich eine sehr lebhafte, an interessanten Momenten reiche Tiskussion an. Das Ergebnis des 'Abends war für die Zion. Ortsgruppe ein erfreuliches, denn sie hat ihrer Sache an diesem Abend viele neue Freunde erworben. 8. M. Breslau. Von einer antisemitischen Roheit sondergleichen berichtet der „Gesellige" mrs dem Kreise Schlochau: Die Leiche des in Steegers plötzlich gestorbenen Schriftsetzers Levi aus Warschau wurde auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft seziert. Der Tod ist durch die an ihm verübte Körperletzung erfolgt. Levi wurde in der Herberge von den Gästen geneckt und geprügelt. Man ließ ihn niederknien und das „Vaterunser" beten, welches er wohl schlecht oder gar nicht konnte, weil er Jude war. Infolgedessen hat man ihn noch mehr geschlagen, so daß er in derselben Nacht starb. Die Täter, der Nachtwächter Bergin, Schuhmacher Gräber, Tischler Stutzke und «chkossermcister Halm, find bereits von der Staatsanwaltschaft vernommen worden und dürften eine schwere Strafe erhalten, da sie sich nicht allein der schweren Körperverletzung, sondern auch der gröbsten Gotteslästerung schuldig, gemacht haben. Breslau. Als einen schönen Beweis der geschäftlichen Solidität am hiesigen Platze können wir es verzeichnen, daß eine unserer angesehensten hiesigen Firmen ani 4. Oktober dieses Jahres die Feier ihres künfzigjährigen Bestehens begeht. Es handelt sich um die im Jahre 1853 von dem 1880 verstorbenen Kommerzienrat Albert Alexander Katz gegründete Firma Albert Alexander Katz, deren heutige Inhaber die Herren Emanuel Katz seit 1354 und Arthur Katz seit 1884 sind. Die Geschäfsräume der Firma befanden sich 44 Jahre lang in dem Hause Obernmrkt 21, Ecke Breitcstraße, zunächst in den Parterreräumen und später nach der Vergrößerung auch in den Räumen der ersten Etage, und erst nachdem auch dies zu klein geworden, verlegte die Finna ihr Geschäft nach der Elisabethstraße. Das alte Schild der Firma war ein Wahrzeichen des Obermarktes und bekannt als eines der wenigen noch vorhandenen, die in den vor fünfzig Jahren gebräuchlichen Schriftzeichen hergestellt waren. Aber nicht allein der Erhaltung und 'Ausdehnung ihres Geschäftes haben sich dte Firmeninhaber gewidmet, sie sind auch jederzeit für das öffentliche Interesse eingetreten, und bei Zeichnungen sür Wohltütigkeitszwecke :c. hat man die Namen der beiden Inhaber der Firma stets an erster Stelle gesehen. Der Seniorchef, Herr Emanuel Katz, ist Vorstand der hiesigen Synagogen-Gemeinde, Mitglied des Stadtverordnetenkollegiums, der Handelskammer, des Kuratoriums der städtischen Sparkasse, gehört lange Jahre der Einschätzungskommisston an. ist Ehrenmitglied des Gewerbevereins und im Vorstand verschiedener anderer Vereine. Auch Herr Arthur Katz hat sich in den Dienst der Oeffentlichkeit gestellt, wie erst neuerdings seine Ernennung zum Handelsrichter am hiesigen Handelsgericht beweist. Er ist Mitglied des Vorstandes des Kaufmännischen Vereins, des Vereins der Mustkfteunde, des Komitees der Schlesischen Musikfeste, wie überhaupt sein Haus in Künstlerkreisen als ein gastfteies wohlbekannt ist. Stratzburg i. E. Das israelitische Konsistorium bringt zur Kenntnis der Israeliten Elsaß-Lothringens, daß in Ausführung von Vermächtnissen der bei Lebzeiten in Straßbnrg wohnhaft gewesenen Eheleute Michel und Fanny Weil am 17. Januar und am 2. August 1904 jedesmal Preise im Gesamtbeträge von 800 Mark verteilt werden an jüdische Institutionen, «chriftsteller, Rabbiner und Lehrer, welche durch Erziehung, Lehren, «christen oder Predigten das meiste zur sittlichen Hebung und Wicderauflebung des jüdischen Glaubens in Elsaß-Lothringen beigetragen haben. Tie Bewerber haben ihre Gesuche um diese Preise spätestens bis zum 15. Tezember 1903 ihrem zugehörigen Konsistorium einzureichen. Spätere' Gesuche wxrden nicht mehr berücksichtigt. Königsberg. Der Frauenverein zur Unterstützung israelitischer Witwen und Waisen hat von dem Herrn Oberpräsidenten die Erlaubnis erhalten, in der Zeit vom 1. Oktober bis zum 1. Dezember d. Js. bei den wohlhabenderen Bewohnern Königsbergs Gaben und Geschenke zu wohltätigen Zwecken einzusammeln. Ferner ist dem Verein die Genehmigung erteilt worden, mit dem von, ihm in diesem Jahre geplanten Bazar eine öffentliche Verlosung von Handarbeiten und sonstigen kleinen Gebrauchsgegenständen zu verbinden. Die Lose dürfen innerhalb der Stadt Königsberg vertrieben werden. Seite 3. Hagenau, 29. September Der Gemeinderat beschäftigte sich in seiner letzten Sitzung mit der Stiftung Rehn, welche zum Zwecke der Erbauung eines israelitischen Waisenstifts an die Stadt erfolgte. Der Gemeinderat bewilligte zu der Stiftung noch eine Summe von 4000 Mk. aus Mitteln der Stadt für den Neubau des israelitischen Waisenstifts. Filchne, 12. Oktober. In der Nacht vom 10. zum 11. d. M. erbrachen Diebe die hiesige Synagoge und beraubten zwei Opferbüchsen ihres Inhalts. Den Dieben werden 20 bis 30 Mark in die Hände gefallen sein. Bis jetzt waren alle Nachforschungen erfolglos. Oesterreich-Ungarn. Budapest. Frau Witwe Josef R o t t hat, im Geiste ihres verewigten Gatten handelnd, beim Vorstand der Pester israelitischen Religionsgemeinde eine größere Heiratsunterstützungs- und Stipendienstiftung angemeldet, welche in erster Reihe Familienmitglieder und die beiden israelitischen Waisenhäuser begünstigt. Diese beiden Stiftungen treten erst nach Ableben der Witwe in Kraft und führen zur dauernden Ehrung des Andenkens ihres verewigten Gatten den Namen „Josef Rott-Stiftung". Rußland. Petersburg. Eine Verordnung des russischen Ministers des Innern, nach welcher jüdische Schauspieler, Sänger, Musiker und sonstige Künstler nur an solchen Orten engagiert werden dürfen, wo die Juden das Aufenthaltsrecht besitzen, hat zahlreiche Gesuche seitens der Theaterdirektoren hervorgerufen, in welchem um Gewährung einer Frist für die engagierten jüdischen Künstler gebeten wird. Minister von Plehwe hat jedoch alle diese Gesuche ausnahmslos abgewiesen und in einem neuen telegraphischen Zirkular die Gouverneure angewiesen, die Verordnung betreffs der jüdischen Künstler sofort in Ausführung zu bringen. Lrscha (Gouvernement Mohilew), 8. Okt. Als heute verhaftete Juden durch eine berittene Wachtmannschaft aus dem Gefängnis zur Eisenbahn eskortiert wurden, suchten ihre Glaubensgenossen, die sich in einer Stärke von etwa 1000 Mann zusammcngcrottet hatten, die Verhafteten zu befteien, sie wurden aber mit blanker Waffe zurückgeschlagen. Es wurden zunächst 10 Verhaftungen vorgenommen. Riga. Die Düna-Zeitung schreibt: Die Auswanderung der Juden hat im Gouvernement Minsk einen Massencharakter angenommen, so daß man eine sichtliche Abnahme der hebräischen Bevölkerung einzelner Flecken mertt. Die meisten der jüdischen Emigranten fallen den ausländischen Agenten zum Opfer, die ihnen goldene Berge versprechen und sic dafür, was ihr Bargeld bettifft, regelrecht ausplündern. Nach einigen Monaten werden die meisten dieser Emigranten als Bettler heimkehren. Ein Schüler Spinozas. Erzählung aus dem Amsterdamer Ghetto. Bon Henny Rosenbanm. (Fortsetzung.) Ter Arzt ging und überließ das junge Mädchen seinen Gedanken. Zuerst war Gerta sehr zornig auf ihn, weil er sie wieder vor eine Alternative gestellt hatte, Allerdings dies Mal mit dem Bemerken, daß ihr eigener Wille den Ausschlag gebe. Tann begann sie zu erwägen, welches der beiden Mädchen sie wohl nehmen solle. Und allmählich begann ihr junger, phantastischer Sinn zu arbeiten, wie Seelig erwartet hatte. Tie geschickte Dienerin würde bald eine andere «teile finden als bei ihr, aber die andere, die konnte sie glücklich machen, wenn sie sie in ihren Tienst nahm. Ein angenehmes Machtgefühl dnrchströmte sie. Bon ihr hing es ab, in ein Menschenschicksal glückbringend einzugreisen. Natürlich würde sie das verbitterte Mädchen engagieren. Sie wollte es sogar hoch bezahlen und sehr gut zu ihm sein, damit die gute Tochter ihren alten Vater pflegen konnte. Gerta kam sich sehr edel vor, als sie ihren Entschluß gefaßt hatte. Jetzt würde sie Tr. Seelig auch nicht mehr wie ein unbedachtes Kind behandeln können, .denn er mußte doch sehen, daß sie an dem großen Werk, „den jüdischen Proletarier geistig zu heben," ernsthaft Mitarbeiten wollte, «ie reckte ihre reizende, schlanke Gestalt würdevoll empor und erklärte dem eintretenden Arzt: „Ich werde die alte Mürrische mieten." Seelig nickte befriedigt. „Ich konnte mir denken, daß Ihnen Ihr gesundes Einpfinden diesen Entschluß eingeben würde. Gehen wir also jetzt." Tas blonde Mädchen mit dem „gesunden Empsinden" wollte eben bereitwillig seinem Vorschlag folgen, als ihm einfiel, daß es doch eigentlich diesen Mann haßte. „Nein, ich gehe nicht mit Ihnen," erklärte sie plötzlich. „Ach so, Gerta, Sie haben wieder Fieber," meinte der Arzt mitleidig. „Ta muß man Geduld haben.

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