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Neue jüdische Presse · 1903-10-02 · Heft 48 (2.10.1903) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 48 (2.10.1903)
Date
1903-10-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 48. allein den Juden noch nicht znm Juden. Aber „ur theoretisches Wissen vermag eine jüdische Lebenspraxis zn verbürgen. Unsere Thora-Lehranstalt (Jeschiwoh) verfolgt nun keinen andern Zweck als den soeben erwähnten «Grundsatz von der unvergleichlichen Bedeutung des Thoralernens für die jüdische Lebenspraxis den weitesten Kreisen der deutschen Judenheit recht eindringlich zum Bewußtsein zu bringen. Bereitwillig öffnet sie ihre Pforten allen denjenigen, die mit genügendem Aufsassungsverniögen, Fleiß und ernstem Willen ausgerüstet, durchdrungen von der Ueberzeugung, daß Lernen der Thora des Inden erste und höchste Pflicht, eine Zeitlang aus ihrem Borne schöpfen wollen. Tie wenigen jüdischen Schulen, die, auf dem Ausspruch unserer Weisen jofoh talmud tauroh im dercch erez basierend, mit gleichem Ernst und gleicher Sorgfalt die jüdisch - religiöse und sozial-bürgerliche Ausbildung der ihnen anvertrauten Zöglinge erstreben, können trotz der verhältnismäßig nicht geringen Stundenzahl, die den speziell jüdischen Ilnterrichtsgegcnständcn gewidmet sind, selbst ihren begabtesten und lerneifrigsten Schülern einen jüdischen Wissensschatz von nur beschränktem Umfang vermitteln. Ter 15- oder 16jährige Knabe, der mit dem stolzen Gefühl eines Realschulabiturienten ins Leben hinaustritt, muß daher vor dem verderblichen Wahne geschützt werden, als sei er bereits ein fertiger Mann, der gar nichts mehr zn lernen brauche, weder auf religiösem noch auf profanem Gebiete, als habe er der Weisheit letzten Schluß bereits in seiner Tasche liegen. Es muß ihm klar gemacht werden, daß grade jetzt erst recht die Zeit des Lernens beginne, daß er in ein Lebensalter getreten sei, in welchem die in der Schule gesäten Wissens- und Lebenskeimc erst anfzugehen beginnen und daher Beschäftigung mit dem höchsten Gut, mit der höchsten Wissenschaft, mit Thora und Talmud ihm zur höchsten Pflicht geworden, die gerade jetzt mit gebieterischer Notwendigkeit von ihm Erfüllung heische. Man pflegt sich doch auch auf profanem Gebiete nicht mit dem auf der Schule erworbenen Wissensstoff zu begnügen. Man besucht, nachdem man die Schule verlassen, zur Bereicherung und Erweiterung der bereits erworbenen Kenntnisse Handelsschulen, Lehrturse kaufmännischer und sonstiger Vereine, akademische Vorlesungen u. s. w. — Sollte das Paritäts- Prinzip josoh talmud tauroh im derech erez tatsächlich und in Wirtlichkeit nur den derech erez- Tisziplinen zu gute kommen? Allen Eltern, die es bedauern würden, wenn ihre Kinder das ganze Leben hindurch auf die spärlichen Thorakenntnisse ihrer Schülerjahre angewiesen blieben, ihnen vielmehr, bevor sie ins Leben hinaustreten, erst eine feste Grundlage verschaffen wollen, auf der sie dann mit Lust und Liebe erfolgreich in fortgesetztem Studium weiter bauen können, hält sich unsere Thoralehranstalt bestens empfohlen. Täglich mit Ausnahme von Freitag und Sabbat werden drei Schiurim gelernt. Wöchentlich finden Vorlesungen über Thnach, hebräische Grammatik und jüdische Geschichte statt. Alle zwei 'Wochen hält der Leiter der Anstalt eine Prüfung ab. Gegen Ende des Wintersemesters findet in Gegenwart der Tozenten, der Verwaltungskommission und der Telegiertc» des Vorstandes der „Synagogengemeinde Israelitische Religionsgesellschaft" eine Schlußprüfung statt. Für die jüngeren Schüler besteht ein Vorbildnngskursus, der von einem tüchtigen Fachgelehrten geleitet ist, welchem zugleich die Vorbereitung zu den Vorträgen obliegt. Ein vielerfahrener akademisch gebildeter Oberlehrer leitet den Unterricht zu zweckentsprechender Vervollkommnung des profanen Wissens. Tiejcnigen, welche nach Abgang von der Thoralehranstalt sich dem Kaufmannsstande widmen wollen, erhalten von einem Fachlehrer Unterricht in kaufmännischest Tisziplinen, wie Buchhaltung und Handels-Korrespondenz in deutscher, französischer und englischer Sprache. Aber nicht nur für die der Schule entwachsene Jugend, sondern auch für Rabbinats- und Lehrkandidaten, die in richtiger Würdigung ihres künftigen hohen Berufs und der damit verbundenen Verpflichtungen der Ueberzeugung leben, daß des Rabbiners, daß des Lehrers höchste amtliche Obliegenheit im Lernen und Lehren der Thora bestehe, daß daher der Bildungsweg des künftigen Rabbiners, des künftigen Lehrers notwendiger Weise durch die Hallen der Thora zu führen habe, und die von dem aufrichtigen Wunsche beseelt sind, selber mit gutem Beispiele voranzngehen, ist unsere Thoralehranstalt bestimmt. . Unsere Thoralehranstalt ist vor zirka zwölf Jahren eröffnet worden und darf heute mit stolzer Befriedigung auf eine segensreiche Tätigkeit zurückblicken. Können wir doch konstatieren, daß eine größere Anzahl von ehemaligen Schülern der Anstalt in verschiedenen Gemeinden Deutschlands und Ocsterrcichlingarns als Rabbiner und Lehrer wirken. Von ganz besonderem Interesse und den segensreichsten Folgen für das gesetzestreue Judentum dürfte die Tatsache sein, daß bereits eine Anzahl Abiturienten der Realschule der Israelitischen Religionsgesellschaft unsere Anstalt mit bestem Erfolg besucht haben. * * Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Ein herrlicher Mensch hat uns verlassen, ein Mensch, wie man ihn unter Tausenden kaum einmal findet. Rechtsanwalt I u l i n s P l o t k e ist am Samstag nach langer, schwerer Krankheit in der Kraft seiner Jahre in» Jenseits hinübergegangen. Warmherzig und menschenfreundlich stand er zeit seines Lebens mit seinem Rat und mit seiner Tat im Tienste der Menschheit. Trotz seiner umfangreichen Praxis war er stets für jeden Menschen und für jede Sache zu haben und man kann ruhig sagen: nie ist jemand ohne das Gefühl des Tankes und der Hochachtung von ihm weggegangen. Ter Verlust, den die Armen und die Gedrückten, der Verlust, den die humanitären Bestrebungen, denen er hilfreich zur Seite gestanden hat, mit seinem Heimgang erlitten haben, ist ein unendlicher. Julius Plotke wurde am 5. Oktober 1857 in Borck, Provinz Posen, als der Sohn eines Geschäftsmannes geboren. Er besuchte in Ostrowo das Gymnasiunl und oblag seinen ilniversitätsstudicn in Berlin. Als Referendar war er in Schweidnitz, Breslau, Limburg und Bockcnheim, in welch' letzterem Orte er sich auch 1885 als Rechtsanwalt niedcrließ. 1888 zog er nach Frankfurt herüber, um seine Praxis mit der des Justizrat Tr. S. Fuld zu vereinigen. * * * Samstag, den 26. er., abends 8% Uhr, hatten sich auf Einladung der Herren Fritz Sondheimer und Referendar Siegfried Schwarzschild 36 Herren im Kursal Milani eingefunden, um über die eventuelle Gründung eines hebräischen Sprachkursus Beratungen zu pflegen. Herr Referendar Schwarzschild führte in seinen einleitenden Worten aus. daß sich hier in Frankfurt in den noch jüdisch fühlenden Kreisen immer mehr ein Interesse zur Erlernung des Hebräischen für den Gebrauch als Umgangs- und Schriftsprache geltend mache. Um diesem Bedürfnis Rechnung zu tragen, habe er die Herren eingeladen. Es handle sich darum, den Grundriß für diesen Sprachkursus festzustellen und zwar sowohl nach außen, als auch nach innen. Soll der Kursus die Form eines selbständigen Vereines erhalten, oder soll er sich vielleicht der hiesigen Zionistischen Ortsgruppe anschließen, zu deren Aufgabe nach ihrem Programm auch die Pflege der hebräischen Sprache gehört? Wie soll der Unterricht erteilt werden und in wieviel Klassen? Herr Kandidat Abrahamsohn, der in Bern bereits einen hebräischen Sprachverein habe funktionieren sehen, würde so liebenswürdig sein, seine Erfahrungen darzulegen. Herr Abrahamsohn nimmt nunmehr das Wort. Wenn man sich ftage. ob es notwendig sei, die hebräische Sprache zu popularisieren, so könne nur ein energisches Ja die Antwort sein. Für ein Volk hinge Tod und Leben von der Erhaltung seiner Sprache ab. denn diese verbinde in der Gegenwart seine Vergangenheit mit seiner Zukunft, und die Sprache aufgeben, heiße seine Vergangenheit und seine Zukunft vernichten. Jemehr man es verstünde, die hebräische Sprache wieder zu beleben, desto mehr würde man das fast ganz verschwundene jüdische Jnterepe wieder erwecken. Die Errichtung hebräischer Sprachkurse stelle also für uns Juden ein kulturelles Werk allerersteu Ranges dar. — Im Berner Sprachverein ..Jwrim" würde nach der Berlitz-Methode unterrichtet, die ihm schon deshalb als die geeignetste erscheine, weil jeder Schüler schon durch den regelmäßigen Gebrauch hebräischer Worte beim Gebet einen sehr wertvollen Wortschatz mitbringe. Diesem Referate schloß sich nun eine sehr lebhafte Diskussion an. Die Versammlung war mit der Idee einstimmig einverstanden und wählte schließlich eine Kommission. * * * Jahresbericht pro 1902 des Vereins zur B e r k ö st i g u n g jüdischer Soldaten. Begründet von Herrn Adolf Tann s. A. Oft Gesagtes wiederholt zu hören, entspricht zwar nicht Jedermanns Geschmack, läßt sich Wer in Rechenschaftsberichten nicht immer umgehen. So erkennen auch wir es als unabweisbare Pflicht, eingedenk des alten Spruches, daß viele Tropfen den Stein höhlen, immer wieder die vielfach verkannte Wichtigkeit unserer Institution zu betonen. So Manche, die unserem Vereine teilnahmslos gegenüberstanden, haben die Wohltat seiner Existenz empfinden gelernt, denn seine Wirksamkeit kommt allen Militärpflichtigen, auch den bemittelten Einjährigen zu gute, welche ihrer Tienstpflicht am hiesigen Platze genügen. Sind doch auch die Letzteren während der ersten Wochen ganz und gar auf unsere der Kaserne nahe gelegene Restauration angewiesen, und auch in dem weiteren Verlauf der Dienstzeit macht oft die Kürze der Mittagspause das Einnehmen der Mahlzeit im Elternhause unmöglich. Namentlich aber kommt unsere neueste Einrichtung, die Verköstigung während der alljährlichen oft wochenlangen Hebungen auf deni Griesheimer Felde bei Tarmstadt, welche sich vorzüglich bewährte, allen jüdischen Militärpflichtigen ohne Unterschied zu gute. Ter letztgenannte Ausbau unserer Institution, dem wir unS nicht länger entziehen konnten, hat aber unsere schon seit Jahren stark angespannte Kasse aufs äußerste erschöpft, unsere Reserven sind längst aufgezehrt' und so bleibt uns nichts übrig, als immer wieder an die offene Hand unserer Gesinnungsgenossen zu appellieren, damit wir den Leite 3. an uns herantretenden Anforderungen genügen können. Im laufenden Jahre ist es uns nur mittelst außerordentlicher Kollekten gelungen, unser Budget zu decken, und angesichts der stets wachsenden Zahl der zur Tienstpflicht Herangezogeuen müssen wir unsere dringende Bitte um Un te r stü tz u n g unseres Vereins durch Beitritt und Gelegenheitsgeschenke wiederholen. Ist es d och geradezu erstaunlich, welchem JndifferentismuS die Bestrebungen unseres Vereins seither ..häufig jhei unseren Volks- und Gesinnungsgenossen begegneten. Zwar wissen die hier ihrer Tienstpslicht obliegenden jungen Leute und deren Eltern den Wert unserer Institution wohl zu würdigen, doch vermissen wir zu unserem lebhaften Bedauern zahlreiche Namen in unserer Mitgliederliste, welche ihrem religiösen Standpunkte gemäß sich um so weniger ausschließen dürften, als der Kreis der Interessenten antKaschrus - Veranstaltungen naturgemäß ein beschränkter ist. Es kommt noch hinzu, daß die Entwicklung unseres Vereins infolge der immer stärkeren Heranziehung zum Militär für die meisten Familien von höchstem praktischen Interesse wird. Einen, wohltuenden, aber auch um so befremdlicheren Gegensatz zu dem geschilderten Jndifserentismus im eigenen Lager bildet die Haltung der Militärbehörde, welche, von der Ueberzeugung ausgehend, daß religiöse Gesinnung die festeste Stütze der Königs- und Vaterlandstreue bildet, uns seither bei allen vorkommenden Gelegenheiten ihre Sympathie und ihr Entgegenkommen bewiesen hat. Wir meinen, unsere Tätigkeit fördern zu helfen, sei ein Werk des Gemilus Ehessed in eminentem Sinne. Tenn unsere Institution ist eine Betätigung jenes echten Liebeswerkes, wie es das Prophetenwort verlangt (Jesaias Kap. 58, 7), nicht nur dem Armen das Brod, sondern auch die seelische Stütze zu reichen. Unser Verein bietet den aus der Fremde hierher versetzten jüdischen jungen Leuten in Verbindung mit unserer jüdischen Restauration Gutleutstraße 153 eine Zusammenkunftsstätte von gleichdenkenden, in gleicher Religion und Lebensweise erzogenen Genossen. Tiefes Sichzusammenfinden gleicher Elemente ist nicht zu unterschätzen. Es schlägt zuweilen die Brücke zu den Anschauungen und Sitten des Elternhauses, und bildet häufig einen moralischen Halt für Unreife und Halbreife, aus welchem sie die Kraft schöpfen, beit Gefahren des großstädtischen Garnisonlebens erfolgreich die Spitze zu bieten. Und so erachten wir es als hohe Pflicht aller Jüdischdenkendcn, unsere Bestrebungen zu unterstützen. Namentlich denjenigen, welche selber oder deren Familienangehörige von der Ableistung der Militärpflicht entbunden wurden, liegt es ob, mindestens einen Bruchteil der Opfer an Zeit und Geld, welche ihnen erspart geblieben, ihren belasteten Brüdern zu Gute kommen zu lassen. Tenn wir zählen zu unseren Klienten überwiegend arme Rekruten, deren Verköstigung wir während der 2 Tienstjahre vollauf übernehmen müssen, da die Erwerbsverhältnisse auf dem Lande meist derartige sind, daß keinerlei Beitrag geleistet werden kann. Möge unser diesmaliger Appell den Erfolg haben, daß die niit jede in Jahresbeginne sich erneu ende Sorge um die Zukunft unseres, eine Zierde d er hiesigen Institutionen bildenden Vereins beendet, und wir in den Stand gesetzt werden, den an uns herantrctenden Anforderungen zu genügen. Ter V o r st a n d des Vereins zur Verköstigung israelitischer Soldaten. Moritz Lewin, Uhlandstraße 58. Joseph Wohlfarth, Neue Zeit 41. Maier Mosbacher, Rechneigrabenstraße 9. " Sam. Nußbaum, Ostendstraße 20. Karl Mosbacher, Hanauer Landstraße 4t. Nathan Hamburger, Fischerfeldstraße 4. Isar Sulzbach, Königswarterstraße 19. Sämtliche vorgenannte Herren nehmen Gaben für den Verein entgegen. Cheiderkinder. Novelle aus dem Emigrantenleben von S. Schachnowitz, Endingen (Schweiz). (Fortsetzung.) Sie unterhielt mit Rosa einen Briefwechsel und lernte sie erst aus diesem kennen. Rosa war, wie Rahel bald ersuhr, nicht die Tochter der Familie Robenschein, obzwar man sie allgemein Fräulein Robenschein hieß und obgleich sie, Rahel, damals in ihrer erregten Phantasie sogar ihre physiognomische Ähnlichkeit mit ihren Pflegeeltern fand. Sials Kind im Anschluß einer Familie land über die Grenze gekommen, h loser Agent ließ sie, nachdem er ihr R untreute, im Stiche. Tie Familie ko, reisen. Tas arme Leine Mädchen t

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