Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 48 (2.10.1903)
- Date
- 1903-10-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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WCUC <!• materiellen Tinge in Raum und Zeit wirken. Das Wunder ist ein durch den sreien Willen des Schöpfers bedingter Eingriff in diese Gesetze, eine Unterbrechung des Naturlauss, und es ist deshalb schlechterdings unmöglich, daß die Forscher jenials die Möglichkeit des Wunders theoretisch erkennen; denn sie können nur das nach den Gesetzen der Natur sich vollziehende Geschehen erforschen. Wenn aber Professor Ladenburg behauptet, daß die.Naturwissenschaft den Menschen glücklicher mache, indem sie ihm statt der Hoffnung auf das Jenseits eine Verbesserung des Diesseits biete, so muß man doch fragen, wieso es dann kommt, daß man von diesem Glück so wenig merkt? Daß nicht Glück und Zufriedenheit, sondern Haß, Nervosität, Abspannung, die Folgen des intensiveren Kumpfes ums Dasein, um den irdischen Genuß, sich auf dem Angesicht der Menschen spiegeln, und daß Pessimismus und Lebensüberdruß unserer Zeit ihre Signatur verleihen? Es scheint eben, daß der Genuß und die „Verbesserung des Diesseits" den Menschen doch nicht ganz zu befriedigen vermögen. Sülch die Behauptung, aller ideelle Fortschritt der modernen Zeit sei der Naturwissenschaft zu verdanken, ist cum grano salis zu nehmen. Ich möchte auch hier eine Bemerkung von Kurt Laßwitz anführen, die mir einen tiefen und erleuchtenden Gedanken zu enthalten scheint. Er sagt: „Wer vermag zu sagen, inwieweit der Mangel an naturwissenschaftlichem Interesse durch die soziale Entwicklung der Menschheit bedingt war? So lange eine kleine Anzahl von Herren durch die Arbeit der Sklaven ihre Muße gesichert hat, mochte wohl in den Spitzen der Menschheit eine hohe intellektuelle Kultur zur Blüte gelangen können. Aber für sie lag nicht das Bedürfnis vor, die Kräfte der Natur in umfassender Weise in den Dienst der Arbeit zu stellen, die Natur in dem Maße zu beherrschen, daß durch die Erweiterung der Machtmittel der Menschheit immer weitere Kreise auf eine höhere Bildungsstufe gehoben werden konnten. Es liegt daher der Gedanke nahe, daß für die Kultur der europäischen Menschheit er st jene höhere sittliche Ausgabe zu lösen war, die Gleichberechtigung der Menschen zum Bewußtsein zu bringen, wie sie in der Grundidee des Ehristentums (soll heißen: Judentums) enthalten ist." Also: die Naturwissenschaft hatte wohl auch einen kulturellen Aufschwung zur Folge; aber der Aufschwung der Naturwissenschaften selbst, sogar der Fortschritt der Technik war bedingt von der Anerkennung des Grundsatzes, den die Thora dadurch zum Ausdruck bringt, daß sie die Abstammung aller Menschen von einem Menschenpaare und damit ihre Gleichheit statuiert. Die Naturwissenschaft würde mit ihren bewundernswerten <S:folgen weit größeren Nutzen stiften, wenn sie sich mit diesen Erfolgen begnügen und nicht auf ein ihr fremdes. Gebiet übergreifen würde. Sie riskiert damit nur, daß ihre Ansprüche zurückgewiesen werden und daß sie sich in den Augen ernster Denker diskreditiert. Durch ihre Angriffe auf die heiligsten Ideale aber fügt sie dem religiös - sittlichen Bewußtsein der Gesamtheit einen Schaden zu, der auch durch die größten Entdeckungen und Erfindungen nicht wieder gut gemacht werden kann. Aus aller Welt. Deutschland. München. Der letzte „Hofjude". Wir lesen im ,Hll.W. Extrabl.": Heute Mittag wird ein Mann zu Grabe getragen, der twtz seines bescheidmen Metiers, des Handelns mit alten Kleidern, durch mehrere Dezennim mit dem kaiserlichm Hof in, allerdings recht losm, Beziehungen stand. Der Verstorbene ist Herr Adolf Barach, Kleiderhändler und mit k. und k. Hoidekret anjzestellter „Hofjude". Dieser Titel verleiht dem Inhaber das Recht, sich ohne vorherige Anmeldung in dm Häusem, in dmm die k. und k. Leibgarden untergebracht sind, einzufindm, um die abgelegten Uniformm zum Beckkauf zu übemehmen. Länger als dreißig Jahre hat Herr Barach in seiner Eigenschaft als ,L>ofjude" in regelmäßigen Zeitabständen die Gardehäuser besucht und manch goldstrotzmde Uniform, die unter dm Kronlmchtem der Hofburg gefunkelt, ist durch feine Hände gegangen. Tann. In der hiesigm Synagoge wurde in der letztm Nacht ein Embruchdiebstahl verübt. Der Dieb ist durch ein Fenster eingedrungen und hat die vier Opferstöcke erbrochm; die ziemlich stackken Schlösser wurdm hmte morgen auf dem Boden gestmdm. Leider soll dem Diebe eine ziemliche Summe in die Hände gefallm sein. Kulmbach, 22. September. Gestern abend fand in der hiesigm Stadt der erste israelitische Gottesdienst statt. Leipzig. Die Brodyer Synagoge, die seither am Brühl sich befand, stedell demnächjl nach Keilstraße 4 über. Dort ist eine nme Synagoge erbaut wordm, die morgm chrer Bestimmung übergeben wird. Halberstadt. Bor einiger Zeit ist hier zur Pflege der Geselligkeit ein Verein „Casino" gegründet wordm, dem bereits jetzt über fünfzig hiesige jüdische ^on^S^3|nSRt|c§ef^c!jmRSnHt!fl/ Familien beigetreten sind. Der Verein, der in das Vereinsregister des königlichen Amtsgerichts eingetragen ist, läßt jetzt mit einem Kostenaufwand von ca. 120,000 Mark in bester Lage ein B ereinsh aus errichten, das nicht nur die Klubräume, sondern auch große, schöne Räume für die hiesige .Berend Lehmann-Loge", einen Saal für den etwa 80 Mitglieder zählenden Verein ' jüdischer junger Kaufleute, femer ein öffentliches Restaurant mit einem 230 Quadratmeter großen Festsaal, eine Kegelbahn u. s. w. enthalten wird. Königsberg. Zum Andmken an seine Gattin hat Professor Dr. Walter Simon als Beitrag zum Neubau der Waisenanstalt dem Vorstande des israelitischen Waisenhauses zu Königsberg 10000 Mk. überwiesen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Unter den vielen Deputationen, die Se. Majestät unser allergnädigster Kaiser bei seinem Weilen in Lemberg zu empfangen geruhten, befand sich auch eine jüdische, an deren Spitze der Reichsratsabgeordnete Dr. Byk stand. Die gestrige Nummer der „Zeit" brachte einen ausführlichen Bericht über die Anwesenheit Sr. Majestät in der Hauptstadt Galiziens, und unter anderem hieß es, der Kaiser empfing gestern auch eine Deputation der jüdischen Kultusgemeinde. Abgeordneter Byk sagte, daß die Juden nie daran vergessen werden, daß sie unter der Regierung des Kaisers die Gleichberechtigung erhielten. Der Kaiser dankte in herzlichen Worten und betonte, daß die Treue der jüdischen Bevölkerung erprobt sei und daß er auf sie immer rechne. Er informierte sich über die Verhältnisse der jüdischen Gemeinde. Nach der Vorstellung der Rabbiner sagte der Kaiser, daß diese sicherlich den üblichen hebräischen Segensspruch verrichten wollen. Abgeordneter Byk entschuldigte, daß infolge der Zeitkürze dies im Programm nicht ausgenommen wurde. Der Kaiser gab jedoch den Rabbinern ein Zeichen, bedeckte das Haupt, was auch die Deputationsmitglieder taten und empfing den Segen, den der Jude beim Anblick eines gekrönten Hauptes spricht. — Das sind deine Führer, Israeli kann man da wieder einmal sagen. Leute, die keine Juden sind und keine Juden sein wollen, wählt man sich zu Häuptern und wundert sich dann nachher ob der Blamagen und Unannehmlichkeiten, die hieraus resultieren. Belgien. Brüssel. Der jüdische Musiker Marcels Kosmann, ein gebürtiger Holländer, rettete vergangenen Dienstag einer Sängerin der Hofoper das Leben. Die Dame lebt geschieden von ihrem Manne, der sie am genannten Tage morgens am Ausgange des Theatergebäudes erwartete. Einen Revolver in der Hand, wollte er gerade auf das Weib den tödlichen Schuß abgeben, als Kosmann noch rechtzeitig das Unglück verhütete indem er mutig dem Wüterich in den Weg trat und ihm den 'Revolver entriß. Der Gatte ist verhaftet worden. K. hat jede Belobung und Belohnung abgewiesen. Rußland. Petersburg. Die Judenhetze in Homel war doch nicht ganz so unschuldig, wie die Regierung sie hinzustellen sich bemüht. Es sind „nur" 345 Häuser geplündert worden. Die Morde fingen an schon Montag früh. Ein Buchhalter ScholomPietetzki wollte Montag früh aus der unruhigen Stadt herausfahren, begegnete aber unweit der Stadt einigen Bauern, die sich zu den Judenkrawallen in der Stadt sammelten und wurde!>etötet, seine Frau mißhandelt. Von den Räubern ind noch totgeschlagen worden: ein Paketträger Gliekin, ein aller Lehrer Meyer Dawidow, eine alte Frau, Mutter eines Fuhrmannes, war mit einem Brecheisen ermordet Die Zahl der schwer Verwundeten ist sehr groß. Einen Juden namens Kewesch haben an der Ecke der Runuanzowerstraße die Maurer angefallen, die dort bauten und haben ihm mit Ziegeln den Schädel zerspaücn. Auf Chonon Sacharin sind seine eigenen christlichen Arbeiter. losgegangen, verwundeten schwer ihn und seine Frau und rissen seinem Knaben die Hände aus. Von den Juden, die sich gegen die Räuber verteidigen wollten, sind drei erschossen: Feiwel Halperin, Salmon Kapanski, Elia Schneider. Schwer verwundet von den Soldaten sind folgende Juden: Mirinski, Manewitz. Karassik, Chodmann. Alle, die sich in den Häusern hielten, wurden von den Räubern aufgestöbcrt und mißhandelt, die jüngeren, die sich auf der Sttaße vetteidigen wollten, wurden von den Soldaten niedergeschoffen oder erstochen oder arretiert. Ein junger Jude hat zwei tätliche Wunden durch Bajonette in den Rücken bekommen. Im ganzen sind verwundet über 50 Juden, davon sind schon drei geswrben. Mit den Erschossenen sind schon 10 Juden wt. Darin sind noch nicht gerechnet die Juden, welche außer der Stadt ernrordet sind. Die Plünderungen in den Vorstädten dauetten bis 4 Uhr Morgens. Besonders in Nej- America, wo ein ganzes jüdisches Mertel demoliert wurde, und in Kawkas. Dienstag ftüh war alles in der Stadt tot. Die Juden verschlossen sich bewaffnet in den Häusern. Biele strömten auf den Bahnhof, aber Patrouillen ließen niemanden durch. Die Räuber wollten weiter die Vorstädte überfallen, aber die Polizei hatte gewiß neue Befehle bekommen, sie zerttieb in ' Nr. 48. einem Moment den Haufen Räuber und arretirte sic. Das energische Eingreifen machte sogleich den Krawallen ein Ende. Der Polizeimeister arbeitete den ganzen Dienstag ganz tüchtig, und es wurde vollständig ruhig. Erst Mittwoch ist der Gouverneur nach Homel aus Mohilew, welches von Homel nur drei Stunden entfernt ist, angekommen. Die Stadt ist still, alle Fabriken stehen; in der Stadt giebt es kein Brod. Bon dem jüdischen Komitee sind Wagen mit Brod Herausgeschick t in die Sttaßen, die hungrigen Kinder und Frauen zerteilten es sogleich. . Irkutsk. Auf dem Bahnhof von Irkutsk entstand zwischen einem Offizier und einem Juden, der von jenem um Zündhölzchen gebeten, aber grob abgewiesen wurde. Streit. Der Offizier versetzte dem Juden einen Schlag, den der Jude nicht schuldig blieb. Da riß der Offizier seinen Revolver von der Seite und schoß auf den Juden, der durch die erlittenen Verletzungen in Lebensgefahr schwebt. Die Anwesenden entwaffneten den Offizier. Homel. Wie der Gouverneur des Bezirkes die Ursachen der Plünderung auffaßt, geht aus der folgenden Ansprache hervor, die er einer jüdischen Deputation gehalten hat: Meine Herren! Ich bin ausschließlich Ihretwegen hierher gekommen. Mir tun die unglücklichen, unschuldigen Opfer sehr leid, denn gelitten haben eben nur Unschuldige und Arme Woher konnte eine solche Erbitterung einer Bcvölkerungsgruppe der anderen gegenüber, die eine andere Konfession bekennt, entstehen? In Rußland existiert eine vollkommene Religionsduldun g. Das wissen die Juden selbst, die die jüdische Religion bekennen, am besten. Die Ursachen der letzten Ereignisse müssen viel tiefer gesucht werden. Ich kenne das Mohilewer Gouvernement seit 25 Jahren; ftüher waren die Juden ganz tteue Untertanen, nahmen an keinen politischen Bewegungen teil und da war keine Rede von Krawallen. Die Krawalle, die in den 80er Jahren stattgefunden haben, trugen einen ganz anderen Charakter; dieselben waren eine Folge des jüdischen Joches, unier welchem die christliche Bevölkerung sich befand. Jetzt aber ist alles gänzlich anders geworden. Jetzt tteten die Juden als Leiter und Rädelsführer bei sämtlichen regierungsfeindlichen Bewegungen hervor. Der ganze „Bunt" (Aufruhr. Red.) und die gesamte Sozialdemokratie bestehen nur aus Juden. Allerdings kommen in diesen Bewegungen auch Leute anderer Religionsbekenntnisse vor, aber die Letzteren sind nur die Aufgehetzten, die Aufhetzer sind aber nur Juden. In den Gymnasien verderben die jüdischen Schüler die Jugend, an den Universitäten werden alle verbotenen Zusammenkünfte nur von Juden veranstaltet. Ueberhaupt sind die Juden jetzt sehr ftech und ungehorsam, sie haben jede Achtung vor der Negierungsgewalt verloren. Seht Euch nur einmal um: Die niedrige Polizei hat jetzt gar keine Bedeutung, man will dieselbe gar nicht mehr anerkennen. Immer und überall äußern die Juden ihre vollkommene Mißachtung und Unduldsanikeit gegenüber den Christen. Da haben Sie Beispiele: Ein Radfahrer hat nieine Frau angerempelt. Wer ist es? Ein Jude. Ich begegne auf der Sttaße einem Gymnasiasten mit einer Zigarette im Mund, der, ohne mich zu grüßen, passiert. Wer ist es? Ein Jude. Eine Gymnasiastin hat beim Kleiderablegen meine Frau mit ihrem Ellenbogen gestoßen; auf die Frage meiner Frau, warum sie nicht um Entschuldigung bitte, bekam sie die Antwort: „Ich habe nicht bemerkt." Wer ist es? Wieder eine Jüdin. Da, meine Herren, liegen die Ursachen. Ihr selbst seid an all dem Geschehenen schuldig. Die Regierung ist gänzlich unparteiisch und ich bin auch unparteiisch. Und ganz parteilos muß ich auch sagen: Ihr seid schuldig. Und im selben Sinne werde ich auch Seiner Majestät dem Kaiser berichten. Ihr erzieht Eure Kinder nicht gehörig; Ihr könnet nicht auf sie wirken. Aber Ihr könnet sie doch bloßstellen, indem Ihr sie der Regierung anzeiget. Auch das tut Ihr nicht. Jetzt erntetJhr die Früchte Eurer Aufführung. Ihr verbreitet unter einer unzivilisierten Bevölkerung Ungehorsam und Kampflust auch gegen die Regierung; aber die russische Bolksmasse will dies nicht und richtet sich gegen Euch selbst. Da seht Ihr, wohin Ihres gebracht habt.. Ist es denn nicht unerhört, daß Juden sich bewaffnen und das Militär beschießen, das sie selbst geschützt hat? Auf diese Weise werden wir nicht Euch, sondern uns vor Euch schützen müssen. Mir tun die gettoffenen unschuldigen Opfer herzlich leid, aber Ihr selbst, meine Herren, seid daran schuld; Ihr tragt die moralische Verantwortung für all das Geschehene von Euren Glaubensgenossen. Eines Konimentars bedarf diese merkwürdige Rede nicht. Charakteristisch für das Mitleid des Gouverneurs für die Opfer ist der Umstand, daß nicht einmal die Bildung eines Komitees zur Unterstützung der Familien der Erschlagenen, Verwundeten und Ausgeplünderten von Homel gestattet wurde. Fraukofurtenfia. Bericht der Thoralehranstalt (I e -- schiwoh) in Frankfurt am Main. Samson Raphael Hirsch's s. A. hat in Wort und Schrift von Neuem zum Bewußtsein gebracht, daß die jüdische Gesetzestteue keinen größeren Feind hat, als die Unwissenheit. Wer die Thora nicht kennt, kann sie auch nicht erfüllen. Gewiß macht theoretisches Wissen