Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 48 (2.10.1903)
- Date
- 1903-10-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 4. Nr. 48. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. im Begriffe, wieder in die Heimat, wie sie sagte, zu der Stiefmutter, zu gehen; da nahm sich das damals noch junge, kinderlose Ehepaar Robenschein des Kindes an und betrachteten es noch als solches, als Meste Tochter auch, als nachher Kinder zur Welt kamen. Rosa vergalt die ihr erwiesene Liebe, sobald sie sich geistig entwickelt fühlte, durch die Besorgung aller Hausgeschäfte und Erziehung der Kinder. Robenscheins wollten für sie auch ferner sorgen, dies wollte jedoch Rosa, nachdem die Kinder groß waren und sie kein weiteres Pflichtgebiet im Hause ihrer Pflegceltern mehr vor sich sah, keineswegs annehmen. Mit gediegenem Wissen ausgerüstet, wollte sie ihre Zukunft selber machen und ihre Stellung im Leben sich selber verschaffen; und in den ersten drei Jahren, an denen sich Rahel in London aüfhielt, vollzog sich auch der Werdegang im Entschlüsse Rosas. „Komm zu mir nach London!" — schrieb ihr Rahel, als sie die Geschichte ihrer Freundin vernahm und sich ihr durch dieselbe noch viel näher fühlte. „Noch nicht!" — schrieb Rosa in der entschiedenen Antwort — „zuerst gehe ich nach Berlin, wo ich mich als Krankenschwester oder Gouvernantin ausbilde, dann komme ich als solche gern nach London." Und Rahel wartete. Kaum erhielt sie jedoch den Brief, in dem ihr die Freundin von ihrer bestandenen Lehrerinncnprüfung berichtete, da wußte Rahel auch schon eine ehrenvolle und einträgliche Stelle in London. Und endlich kam der Tag, an dem sie sie in Dover erwarten konnte. Abermals schaute Rahel nach der Uhr. In so glücklicher Erwartung hatte sie ihr Herz lange nicht mehr schlagen hören, lange, seit mehr als drei Jahren. Damals, als sie im Familicnzimmcr „Robenscheins" den Eintritt des Freundes irrtümlich erwartete, war dasselbe Gefühl von Glück und Freude, das ihr Herz bewegte. Damals aber hatte ihr der Eintritt Rosas eine Enttäuschung gebracht, wahrend ihre freudige Erregung von heute ihr, nur Rosa galt . . . Wie merkwürdig! ... Wie ist dies? Was ist es, was in ihrer 'Seele die beiden, die sich früher nie gesehen, so eng umschlungen hielt. Kommt es vielleicht daher, weil sie beide, die eine nach den andern auf ihre Geschicke gleich eingewirkt? . . . Ein mächtiger Knall, der vom Meere gedämpft, herüber kollerte, schreckte Rahel aus ihren Gedanken auf. Es war eine Salve, die dem Hafen verkündete, daß sich das erwartete 'Schiff in nächster Nähe befindet. Die Hafenmannschaften trafen noch eilig die letzten Vorbereitungen. Alles rüstete sich zum Empfange und auch Rahel richtete sich auf, um sich dem Landungsplätze zu nähern. * * * Der schlanke riesige Lloyddampfer hatte bereits den Paß, die sogenannte Straße von Dover durchstochen. Schon waren dem guten Auge die Mastwipfeln des Hafens, sowie die Zinnen und Kuppeln der Stadt sichtbar. Das heitere Wetter, der klare Himmel und die ruhige See hatten alles ans Oberdeck gelockt. Eine junge Dame mittelgroß, mit etwas blasser Gesichtsfarbe, aber feinen und intelligenten Zügen in sehr einfacher und geschmackvoller Reisetoilettc schaute über Bord mit sanften Blicken nach dem friedlichen Meeresspiegel als gehörten sie zusammen. Ihr zu beiden Seiten saßen zwei gut gekleidete junge Herren. Der eine mit etwas gebräuntem Gesichte und festen Zügen, der ihr zur Linken saß, wendete keinen Blick von ihr ab und suchte auch den Faden der Unterhaltung mit ihr festzuhalten, während der andere zur Rechten völlig glcichgiltig eine Zigarette rauchte und nachdenklich oft die träumerischen Blicke durch die schwarzen, dicken Brauen nach unbestimmter Richtung -schweifen ließ. Rosa hatte die Herren oder vielmehr den einen erst in Ealais, wo die zwei das Schiff bestiegen, kennen gelernt. Sie war gerade um einen armen alten Auswanderer beschäfttgt, der von Seeschwindel befallen, dem Umsinken nahe war. Die anderen lachten und schnitten rohe Witze über den unbeholfenen „Jud" und auch Wer sie, als die beiden hinzukamen und ohne jegliches Wort der Vorstellung oder Einführung als sei es etwas selbstverständliches, ihr bei der ersten Pflege des Kranken Hilfe leisteten. Der eine half ihr, den Mann zu Bette zu bringen, während der andere den Schiffsarzt alarmierte. Ms der Kranke nachher mit Hilfe, des letzteren sich wieder wohl fühlte und den Pfleger entbehren konnte, da wich der eine nicht mehr von ihrer Seite und sie mußte sich eingcstehen, obzwar sic sich sonst von jeder Art der Affektation frei wußte, daß ihr diese Annäherung nicht unangenehm war. „War der Mann Ihnen bekannt ober befreundet Fräulein" — fragte der Herr zur Linken — „daß Sie sich seiner so eifrig angenommen?" „Nein! Herr . . ." „Milton Marksen!" — ergänzte der Herr. „Also nein, Herr Marksen; es wäre übrigens ein trauriges Zeichen der Zeit, müßte man da, wo ein Mensch dem Menschen nötige Hilfe leistet, nach Grund und Ursache fragen. So schlimm ist es übrigens noch nicht. Und einen Beweis dafür haben Sie ja im selben Falle mit Ihrem Freunde geliefert." „Hm!" — Milton schaute etwas verlegen nach seinem Freunde — „Ja mein Freund schon. Aber ich, . . . ich gestehe cs offen, der Grund meines Herbeispringens lag nicht allein in der Menschenliebe. Sdji mutzte — bitte Fräulein mich nicht mißzuverstehen und mir darob nicht zu zürnen — ich mußte Ihre Güte und Geschicklichkeit bewundern. Ihr trostreiches Wort und Ihre heilbringende Hand reizten mich zur Nachahmung." Rosa hatte ihn weder mißverstanden noch ihm gezürnt und ihre weiche Stimme llang besonders milde als sie ruhig antwortete: „Unser einer hat dies von Grund aus gelernt; tausende dieser Unglücklichen passierten durch unser Haus" — sie deutete auf eine Gruppe Auswanderer, die am Bug zusammen gedrängt stand. — „Als Kind habe ich das Elend selber kennen gelernt, später hatte ich Gelegenheit, es täglich bei anderen zu sehen, täglich helfend und lindernd einzugreisen, da bekommt man einige Routine auf diesem Gebiete." Bei diesen Worten wurde auch die Aufmerksamkeit des anderen Herrn, der sich 'bisher völlig passiv verhielt, geweckt. Er warf den Rest feiner Zigarette hin und trat zu den beiden. „Sie gestatten Fräulein, mein Freund, Herr Schulmann." — „Auch mein Name ist Schulmann, erwiderte die Dame." „Schulmann?" — fragte Scholem erstaunt. „Ja!" — erwiderte sie gelassen — „Rosa Schulmann, genannt Rosa Robenscheiu." Scholem sah mit staunenden, prüfenden Blicken das Mädchen an: „Rosa Schulmann?" „Zu dienen, mein Herr! Was für absonderliches finden Sie in diesem Namen?" „Wo sind Sie gebürttg?" — fragte Scholem, dessen sämtliche Gedanken auf einen Punkt konzentriert zu sein schienen^ erregt weiter. „In P. bei Minsk!" „Ihr Vater, hieß er nicht Joel, der Handelsmann?" — — Was ging denn in den Seelen der beiden, die sich früher nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkten, vor? Dies konnte sich Milton nicht erllären und vom erregten Freunde konnte er im Augenblick keine Aufllärung erwarten. Wie sie sich so stumm und durchdringlich anstarrien. Welches lebhafte Rot das Gesicht des Mädchens jetzt überzog und wie ihre Stimme auf einmal bebte. Er fühlte keine spur von Eifersucht, aber was ist denn das? „Kennen Sic mich denn?" — fragte das Fräulein mit vor Erregung gebrochener Stimme. „Und die Mutter ist früh gestorben?" — forschte er statt jeder Antwort weiter. — Und der einzige Bruder hat das Haus verlassen?" „Was habt Ihr denn nur?" — rief Milton, dem die Sache immer unheimlicher wurde, dazwischen. „Der Bruder . . ." — fing das Mädchen an, aber sie kam vor Erregung nicht weiter. „Der Bruder, der bin ich! Rosa!!" „Scholem! Ist dies möglich! O guter Gott!" Die beiden hielten sich fest umschlungen und heiße Tränen rieselten von den Augen des einen und benetzten die Wangen des andern. Auch- Milton fühlte seit vielen Jahren wieder ein sonderbares Naß in den Augen. Mer er bckani zuerst die llare Besinnung wieder. „Ich bin auch noch da" — rief er leicht scherzend, um etwas Stimmung wieder herbeizuführen. Das sich neu gefundene Gcschwisterpaar mußte unter Tränen auflachen. Milton sprach weiter und feine Stimme bekam plötzlich einen bei ihm ungewohnten ernsten Klang: „Mein Freund hat seine Schwester und meine neue Freundin einen Bruder gesunden. Und ich? Einst hatte auch ich so eine Art Schwester, die ich ungefähr so liebte. Nun tempi passati! Die sehe ichwohl nie wieder. Wer lieber Freund, ich mache auch jetzt, unter den neuen Verhältnissen, Anspruch, aus die Freundschaft. Ich meine quasi mir ein Anrecht daraus zu erlverben. (Schluß folgt.) Familiermachrichten. Geburten. Ein Sohn, Herrn Rechtsanwalt Dr. Weill, Karlsruhe in B. Ein Sohn, Herrn Max Regenstein, Frankfurt a. M. Ein Sohn, Herrn Schönberger, Frankfurt a. M., Arnsburgerstt. 22. Ein Sohn, Herrn Jakoby, Bockenheim, Frankfuttersttaße 63. Ein Sohn, Herrn Oskar Hermann, Kaiserslautern. Aufgebotene. Minna Michael, Frankfurt a. M., mit Simon Cassel, Frankfurt a. M. ' Toni Stern, Frankfurt a. M., mit Ludwig Grünebaum, Frankfurt a. M. Hedwig Maier, Frankfurt a. M., mit Moritz Reichenbach, Frankfurt a. M. Magdalcne Holzinger, Frankfurt a. M., mit Heinrich Goldmann, Frankfurt a. M. Sterbefälle. Samuel Goldschmidt, Frankfurt a. M., Königswarterstr. 26, 62 Jahre alt. Ludwig Kaufnmnn, Bingen, 31 Jahre alt. Rechtsanwalt Platte, Frankfurt a. M., 46 Jahre alt. Wochen-Kalender. (Zeitangaben nach dem Luach). Samstag den 3. Oktober, Wochenabschnitt Haasinu. Sabbath-Ausgang in Frankfurt a. M., 6 Uhr 45 Minuten, Cassel 6 Uhr 39 Minuten, Berlin 6 Uhr 23 Minuten. Dienstag und Mittwoch, den 6. und 7. Oktober, der erste und zweite Tag Suckoth. Samstag, den 10. Oktober, Sabbath Chol Hamaued. Sabbath-Ausgang in Frankfurt a. M., 6 Uhr 30 Minuten, Cassel 6 Uhr 23 Minuten, Berlin 6 Uhr 7 Minuten. _ Dienstag, den 13. Oktober, Schemini Azercs. Mittwoch, den 14. Oktober, Simchas Thauro. Israelitischer Mädchenklub Fahrgagge 146. Jeden Abend von 7 Vs—10 Uhr geöffnet. AM- Wir machen unsere Leser auf den unserer heutigen Nummer beiliegenden Aufruf der Alliance lsraellte Universelle aufmerksam. ileinlanf Buanpler Bauu. Möbelschreinerei. — Polieru. Reparatur-Anstalt 40 Langestrasse 40, Frankfurt a. ML, Ecke Neue Zeil. Empfehlen sich In Anfertigung aller Art Möbel u. Polsterworen. Grosses Lager in neuen and gebrauchten Möbeln. Solide Preise, reelle Bedienung, prompte Ausführung. E.Wendelstein&Co., Keramische Kunstanstalt, Frankfurt a.M. 16 G-oetli.estx'asse 16. Specialität: Hessische Kunst-Fayencen. — Originale nach Künstler-Entwürfen in Handarbeit hergestellt. — Zier- und Gebrauchsgegenstände. — Ausstattung ganzer Häuser und einzelner Räume. — Wandbekleidungen. Wandbrunnen, Kamine, Oefen etc. — Lehrmittel für Schulen. pdMppnrondrion.» Frankfurt am Main, Eschersheimer Landstrasse 13 Telephon 6182. nächst dem Dr. Hoch’schen Conservatorium« Telephon 8152. Herrenu. Damen-Schuhmacher. Reparatur-Werkstatt. 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