Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 48 (2.10.1903)
- Date
- 1903-10-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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FvAnkfuvleV Israelitisches JaiilintMatt. Abonnemmtspreis Mk. 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen Sü Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) -Aostzeitungsriste 2741. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband M. 1.50 vierteljährlich (Ausland M. 2.-). Redaktion und Haupt-Expedition FrslnKfurr ». Ml. Bergerstraße 23, parterre. -P«9- Herausgeber: Sa ly Gers. JnfertionspreiS für die viergefpaüene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklame-Zeile Mk. 1.—, im kleinen Anzeiger (Familien-Rachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die SWe). Beilagen je nach Gewicht, DL 5.— bis 8.— das Tausend. No. 48. Freitag, de« 11. Tischri 5661 (2. Oktober 1903). No. 48. Wegen des Suckothfestes fällt die nächstwöchentliche Nummer ans. Laubhiittenfest. Dem Op.penheimschen Bilde nachgedichtet von Rosa Meyer. Unter Gottes freiem Himmel ließ die Hütte man erbau'n. Laubbedeckt und schön gezieret, ist sie Prächtig anzuschau'n. Gilt's doch Feste d'rin zu feiern, sieben Tage sich zu fteu'n. An die Wand'rung durch die Wüste, soll sie uns Erinnerung sein. Wie der Herr sein Volk geleitet, bis in das gelobte Land, Speis' und Obdach hat bereitet in der Wüste seine Hand. Darum zieh'n wir aus dem Hause in die offne Hütte ein. Unter Gottes freiem Himmel woll'n wir uns des Festes freu'n. Siebenarmig strahlt die Lampe, zeigt die Hütt' im Festesglanz, Um den Eingang an der Türe, windet sich ein Blumenkranz. Und der Hausherr hebt den Becher, spricht den Segen über Wein, Bricht das Brot und dankt dem Schöpfer, der das alles ließ gedeih,». Der mit reichem Erntesegen uns uni diese Zeit bedacht; Mit dem Feststrauß sei dem Höchsten dafür unser Dank gebracht. Ferner woll', o Gott, uns schirmen, Segen Feld und » Flur verleih'n. Laß' im Hause, in der Hütte, Deinen Schutz uns angedeih'n. Suckoth. „Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel." Me Wochen ernster Selbstprüfung sind vorüber. Was dem Menschen im Kampfe ums Dasein und mit den Lockungen der Leidenschaften von seinem göttlich-menschlichen „Ich" getrübt ward, ist geläutert und gereinigt worden und mit gehobenem Mute darf er sich der Gesamtheit wieder anschließen. Und nun wird das Fest der Gesamtheit gefeiert. Das liebliche Suckothfest zieht, geschmückt mit den letzten Gaben' des entschwundenen Sommers, in Israels Wohnungen ein und durchwebt mit seinem Zauber Jakobs Zelte. Ruhe und Frieden sind seine Trabanten. Mag auch draußen der Herbststurm rasen und die Pflöcke des Zeltes bis in den Grund erschüttern; Israel hat nichts zu fürchten, denn es schläft und schlummert nicht sein Hüter. In der Wüste hatte er einst seine Väter 40 Jahre sicher geleitet; dorthin, wo alles Leben erloschen zu sein scheint, folgte Israel dem Rufe seines Gottes; und dort, inmitten der toten Natur, erhielt es die Lehre, „die ein Baum des Lebens ist", um ihm zu sagen, daß die Träger der Thora inmitten aller Gefahren und Schrecknisse treu zur überlieferten Lehre halten sollen, denn nur unter ihrem Schutze vermögen sie den drohenden Gefahren Trotz zu bieten; aber dann ist buch die schwache Hütte Israels eine feste uneinnehmbare Burg. Ruhe und Frieden verkündet das Prophetenwort der versammelten Gemeinde am Suckothfeste. König Salomo ruft sein Volk zur Tempelweihe zusammen. Ein prunkvolles, stolzes Bild erscheint vor unserem inneren Auge. Das noch einige, noch ungeteilte Gesamt-Israel folgt dem Befehle seines weisesten und mächtigsten Königs. Gott Halle, wie er verheißen, einen Ort erwählt, seinem Namen dort Stätte zu geben, und König Salomo war der Vollführer seines Willens gewesen. . Hunderttausende füllten jubelnd Jerusalem, als die Priester und die Leviten am Hüttenfeste die heilige Lade, das Stiftszelt und alle Geräte des Heiligllims zum Tempel hinauftrugen, «alomo nnd das ganze Volk brachten jubelnd Gott ihre Tankopfer dar, und nur die eine Sttmme des hellsten Jubels ward vernommen und legte Zeugnis ab von dem durch Gottes Hülfe errungenen, ungetrübtesten Glücke. Doch, noch ein anderes Bild — auch es verkündet Ruhe und Frieden — läßt des Propheten Wort am Hüttenfeste erscheinen; es ist das Bild von Israels Zukunft. Kurz nur war einst die Zeit seines nationalen Glanzes gewesen. Zn oft, ach nur zu oft mußte Israel seine Hütten abbrechen und in die unbekannte Fremde, ist ungeahnte Schrecken ziehen! Gar häufig schien es, als ob Israel von seinem Gotte verlassen und seine Hütte für alle Ewigkeit zerstört sei. Wer noch imnier hat der Ewige, der Herr der Schicksale Israels, die vom Sturm in die Weiten getragenen Teile zu einander gefügt und die Hütte Israels in neuer Schöne erstehen lassen. Daß auch in der düstern Gegenwart Israel nicht zu verzweifeln braucht, dafür sind uns Bürge die Worte unserer heiligen Propheten: „Wenn auch aus weiten Umwegen durch Oede und Dürre hindurch, so wird Israel doch wieder in das Land seiner Väter zurückkehren, der Tempel wird wieder in seiner alten Herrlichkeit erstehen und zufrieden und glücklich wird dann Israel unter seinen Feigen- und unter seinen Oelbäumen wohnen." Mag uns deshalb auch Herbstesstimmung durchzittern und Winterahnung mit bangem Weh' erfüllen wollen; mag um uns her welk das Laub zur Erde niederrieseln, wenn kalter Herbstwind durch die Blätter rauscht, in unseren Zelten waltet dennoch glückselige Ruhe und Frieden; der Schutz, den Gott unseren Vätern von Geschlecht zu Geschlecht hat angedeihen lassen und seine Verheißungen durch den Mund der Propheten sind uns die sicherste Bürgschaft. Naturwissenschaft nnd Religio«. Von Dr. Jsak llnna, Rabbiner in Mannheim. Man nennt unser Zeitalter gerne das naturwissenschaftliche, weil kaum eine frühere Epoche so große Fortschritte auf dem Gebiet der Naturerkenntnis, so gewalttge Umwälzungen in der Anwendung der Naturkräfte für das prakttsche Leben gezeitigt hat; und es erllärt sich daraus 'das Mgemeine Interesse, das gerade auch der theoretischen Naturwissenschaft in den weitesten Kreisen entgegengebracht wird. Die Zeitungen berichten mit großer Ausführlichkeit über die alljährlichen Kongresse der Naturforscher und tragen dadurch auch zur Verbreitung natur wissenschaftlich er Weltanschauung bei. Denn die Naturforscher beschränken sich nicht auf ihr spezielles Gebiet; ihnen genügt es nicht, immer tiefer in die Geheimnisse der Natur einzudringen, sie wollen auf der Grundlage der gewonnenen Erkenntnis alles erllären. Je weiter das der Wissenschaft erschlossene Feld wird, um so mehr steigern sich auch ihre Ansprüche. Ein llassisches Beispiel dafür ist Ernst Häckel, der bekannte Vertreter des Darvinismus rn der extremsten Form, der nicht nur die Naturanschauung umgestalten, sondern auch ein Reformator auf religiösem und sittlichem Gebiet sein wlll. Seine Ambttionen haben zwar scharfe Zurückweisung erfahren, und die völlige Haltlosigkeit seiner Theorien ist insbesondere von philosophischer Seite überzeugend nachgewiesen worden. Dennoch ist erst vor kurzem eine populäre Ausgabe seiner „Welträtsel" erschienen, in welcher das Gift seiner alle Ethik und Religion zerstörenden Ideen in kondensierter Form verabreicht wird. In ähnlicher Weise wie die Bolksschristen dieser Art wirken auch manche Zeitungsberichte über naturwissenschaftliche Vorträge, und besonders sind es gewisse liberale Zeitungen, die mit großen: Behagen die atheistischen Anschauungen mancher Forscher reproduzieren. So wurde auch auf dem in der vorigen Woche abgehaltenen 75. Kongreß deutscher Naturforscher und Aerzte von Prof. Ladenburg-Breslau ein Vortrag gehalten über „den Einsluß der Naturwissenschaften auf die Weltanschauung", der zwar meist nur Gemeinplätze enthält, dennoch aber wegen seiner atheistischen Tendenz nicht verfehlen wird, großes Auffehen zu erregen. Ladenburg schildert die Umwälzungen, welche die großen Entdeckungen der Neuzeit, das Gravitattonsgesetz, die Gesetze von der Erhaltung der Materie und der Energie, in der Weltanschauung hervorgebracht haben, schließt daran einen begeisterten Ausblick auf die Zukunft und meint, schon heute stünde es fest, daß es keine Wunder gebe und niemals gegeben habe. Auch die Vorstellung eines Gottes sei mit dieser Auffassung unvereinbar. Statt dieser Ideale und statt der Hoffnung auf das Jenseits, die sie den Menschen raube, biete aber die Naturwissenschaft die Berbefserung des Diesseits, und alle Fortschritte der modernen Zeit, die persönliche Freiheit, die Anerkennung der Menschenrechte u. s. w., seien den Naturwissenschaften zu verdanken. Ein Grundsehler der Naturwissenschaft ist, wie schon angedeutet, her Umstand, daß sie sich nicht auf ihr fpezielles Fach zu beschränken vermag, daß sie vielmehr, weil es ihr gelungen ist, viele Naturprobleme zu lösen, glaubt, es existierten überhaupt keine Probleme mehr. Sie verschiebt insbesondere die Grenzen zwischen Naturwissenschaft und Philosophie und vergißt, daß ihre Gesetze nur für die Materie Geltung haben, daß es aber außer den wäg- und meßbaren, den Naturgesetzen unterworfenen Realitäten noch andere Wirllichkeiten giebt, die sich dem Einfluß dieser Gesetze vollkommen entziehen. Ueber diese Grenze zwischen Philosophie und Naturwissenschaft sagt Kurt Laßwitz in seinem geistvoll geschriebenen, äußerst lesenswerten Buche: „Wirllichkeiten, Beiträge zum Weltverständnis": „Es giebt eine Realttät in den Tiefen des Menschenlebens, welche keiner Naturwissenschaft zugänglich ist, und an welcher der Glaube an die Freiheit der Bestimmung nicht rütteln läßt. Und keiner ernsten Wissenschaft fällt es ein, diese Freiheit stürzen zu wollen. W ist lediglich ein Mißverständnis über die Bedeutung des Wortes Natur, wenn man der Naturwissenschaft einen derarttgen Uebergriff unterlegt. Me Natur, deren Erkenntnis von der Wissenschaft erreicht wird, ist eben nicht jenes allumfassende Weltgeschehen, sondern sie ist nur einTeildavon, derjenige Teil, in welchem Notwendigkeit und Mechanismus herrschen, well das Gesetz des Denkens, die Form unserer Erkenntnis, dieselben bedingen." Jene Forscher nun, die in der Natur nur mit Notwendigkeit wirkende Gesetze wahrnehmen und dadurch zur Leugnung des allmächtigen Gottes gelangen, vergessen eben, daß ihre Untersuchungen sich immer nur auf ein begrenztes Gebiet des Daseins beziehen. Der Gottesbegrisf aber steht außerhalb dieses Gebietes, er ist es, der dem Naturgeschehen erst einen Wert und seinen Halt verleiht, indem er es als ein Ganzes beweisen läßt. Damtt ist aber auch die Grundlosigkeit der Behauptung, daß es keine Wunder geben könne, dargethan. Die Naturwissenschaft sucht die Gesetze auf, nach welchen die Abonniert das Frankfurter Ifrartitifchr FamiUrnblatt!