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Neue jüdische Presse · 1903-09-25 · Heft 47 (25.9.1903) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 47 (25.9.1903)
Date
1903-09-25
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 47. Frankfurter Israelitisches Familienblatk. Seite 3. richtig anerkannt und dem Kassierer Decharge erteilt. Bei den aldann vorgenommenen Vorstandswahlen wurden die ausscheidenden Herren Dr. Ferd. Gobert, Joseph I k l 6 und D. B r a a s ch durch Zuruf wiedergewählt, ebenso wie die Herren Jakob R o r d h e i m und Eugen Lion als Revisoren. Hamburg, 17. September. Der Israelitische Krankenverein von 1867 (E. H. Nr. 119) hielt gestern abend in Hagelsteins Klublokal, Schlachterstrabe 43, eine außerordentliche Generalversammlung ab. Die Tagesordnung lautete: 1) Antrag des Vorstandes: »Die Generalversammlung wolle beschließen: der Israelitische Krankenverein von 1867 tritt am 31. Dezember 1903 aus dem Verband freier Krankenkassen aus." Der Vorsitzende, Herr Jakob, begrüßte die Anwesenden und führte aus, daß die Klagen der Mitglieder über die Tätigkeit des Verbandes, namentlich Über die Behandlung seitens einiger Aerzte. die bereits ln der vorigen Generalversammlung laut wurden, sich in der letzten Zeit gehäuft hätten, auch habe die Verbandsleitung ihren Beschluß, auch die Rezepte von Nichtkassenärzten zu vergüten, nicht in dem versprochenen Maße aufrecht erhalten. Etwaige Beschwerden gegen die Aerzte seien vom Verbandsvorstand nicht berückworden, ja die Aerzte hätten offen erklärt, daß WWsie dafür sorgen sollten, den Patienten des Israelitischen M^Krankenvereins die Zugehörigkeit zum Verband zu M verleiden. Aus allen diesen Gründen habe der Vor- ' stand den Antrag gestellt, aus dem Verband' freier Krankenkaffen auszuscheiden. Da aber dem Verein in letzter Zeit eine große Anzahl jüngerer Mitglieder Leigetreten ist unter der Voraussetzung, daß sie freie Medikamente erhalte, so habe der Vorstand beschlossen, auch fernehin, den Bezug freier Mcdikaniente aus Vereinsmitteln zu gewähren, allerdings unter gewitzen Beschränkungen, die ja noch in der Spezialdebatte zu erörtern sind. Des weiteren sei beschlossen worden, den Mitgliedern die Anstellung von drei Aerzten zu empfehlen, unter denen sie die freie Auswahl haben. Um jedoch die Kasse des Vereins, die erfahrungsgemäß durch die Gewährung freier Medikamentesehr in Anspruch genommen wird, nicht zu sehr zu belasten, nanientlich um eine Erhöhung der Mitgliedsbeiträge zu vermeiden, empfehle der Vorstand der Versammlung, das Krankengeld für die ersten 180 Tage von 4 Mk. auf 3,50 Mk. herabzusetzen. gewiß gar keine Verminderung der Leistungen der Katze in Anbetracht der vielen Verbesserungen, die der Vorstand Vorschläge. In der Diskussion, an der sich die Herren Oppenheim, Ph. Woltz. I. Bachrach jr.. Th. Streim u. s. w. beteiligten, wurde von den meisten Rednern betont, daß der Anschluß an den Verband freier Krankenkassen dem Verein nicht die erhofften Vorteile gebracht habe, namentlich da die Aerzte den Standpunkt einnchmen, daß die Krankenkassenversicherung nur für die 'Arbeiter, nicht aber für den Mittelstand geschaffen sei, eine Ansicht, die von der Reichsregicrung allerdings nicht geteilt wird, da ja mit dem 1. Januar 1901 sämtliche tandlungsgehülfen, die ein Jahresgehalt bis zu 2000 ik. beziehen, dem Krankenkatzenzwang unterworfen sind. Nach einer bis nach Mitternacht währenden Debatte wurde dann auch mit großer Majorität beschlossen, zum 31. Dezember 1903 aus dem Verband freier Krankenkassen auszutreten. Die Versammlung genehmigte ferner die Anstellung dreier Aerzte, unter denen den Mitglieder die freie Wahl gelassen ist, sowie die Anstellung von Spezialärzten für Augen-, Ohren-, Hals- und Nasenkranke. Desgleichen wurde die Gewährung von Medikanienten aus Vereinsmittcln, Jotoie die Gewährung eines täglichen Krankengeldes von 3,50 Mk. beschlotzen. Die übrigen Punkte der Tagesordnung. Statutenberatung. wurden vertagt. "Der Vorsitzende schloß um 12>„ Uhr nachts die Versammlung mit dem Hinweis, daß der Israelitische Krankenverein von 1867 daniit die erste jüdische Kasse sei, die ihren Mitgliedern bei einem solch hohen Krankengeld <3,50 Mk.) freie Medikamente, spczialärztliche Hülfe gewähre und außerdem noch die freie Aerztewahl, das Ideal aller Krankenkassen, eingeführt habe. Schwabach, 16. Sept. In dem für heute angesehten Termin zur Wahl eines Rabbiners für den Rabbinatsbezirk Schwabach (Schwabach und Burghaßlach) wurde Dr. M a n e s »bisher stellvertretender Rabbiner, gewählt. Breslau. Noch vor Ausgang des Jahres ist wiederum eine der kleinen Privatsynagogen eingegangen. Die Krotoschiner oder historisch richtig Wo ly ynis che 'Schul genannt hat nach dem Aussterben fast aller ihrer Vorsteher zu sein ausgehört. Von der Fechtschule (Karlsstr. 26) war sie vor Niederlegung des alten Grundstücks nach der Goldenen Radegaffe Nr. 18 gezogen, uni dort noch einige Jahre zu vegetieren. Nun hat sie sich aufgelöst. In gewissem Sinne hat eine Vereinigung mit der Synagoge »zum Tempel" (Antonienstr. 30) stattgefunden. Ihre letzten Vorsteher, der sel. H. M. Wurzel der sel. Joel Struck, der sel. Hirsch Freund, haben viel Opfer für ihre Erhaltung gebracht, zuletzt lastete alles auf den Schultern des hochbetagten Vorstehers Josef Wurzel, der sich durch die Vereinigung um die Sicherung der letztwilligen Bestimmungen Heimgegangener Wohltäter verdient gemacht hat. lieber 2 Jahrhunderte hat die Wolhyn. Schul in Breslau bestanden, noch bewahrt ihre alten Akten das hiesige königliche Staatsarchiv. Mit ihr ist wiederum ein Stück Alt-Breslau entschwunden. Beuthen. Eine Abschiedsfeier für den nach Tarnowitz berufenen Rabbiner Dr. Emrich veranstaltete am 5. d. M. die Shnagogen-Gcmeinde dem genannten Herrn. Zu dieser Feier waren als geladene Gäste der Gesamivorstand und die Repräsentanten der Gemeinde, die Vorstände der Wohltätigkeitsvereine, der Beamtenkörper und die Lehrerschaft fast vollständig erschienen. Herr Amtsgerichtsrat Lewy feierte den Scheidenden in warmen und erhebenden Worten, welche seine treue unermüdliche Hingabe an den Beruf betonen. Herr Dc. E habe sich durch seine unterrichtliche Tätigkeit der Liebe der Kinder- und die Verehrung der Eltern, durch sein bescheidenes Wesen die unbegrenzte Lichtung der Gemeinde erworben. Dr. Kopfstein feierte in feiner bekanrtten Eloquenz den Scheidenden als den ihm teuren Amtsbruder, degen Mitwirkung niemals zu irgend einer Dissonanz geführt habe. Herr Justizrat Kaiser toastete im Namen der Gemeindevertretung. Herr Hauptlehrer Rosenbaum Namens der Lehrerschaft," Herr Oberkantor de Beer Namens des Beamtenkörpers auf Herrn Dr. Emrich. Nach Vortrag einiger ernster Lieder dankte der letztere in bewegten Worten für die ihm erwiesene Ehre und versicherte, daß er seine Wirksamkeit in hiesiger Gemeinde stets zu den angenehmsten Erinnerungen seines Lebens rechnen werde. Bernstadt, 13. Sept. Einweihung der Synagoge. Heut fand die Einweihung der vom Maurermeister Klinn er erbauten neuen Synagoge in Gegenwart des Bürgermeisters Herrmann, der städtischen Kollegien, der Spitzen der königl. Behörden, der Geistlichkeit, sowie zahlreicher auswärtiger Gäste statt. Die Breslauer Synagogengemeinde hatte die Herren Stadtrüte Pringsheim und Marck deputiert. Den Weihcakt vollzog Rabbiner Dr. Rosenthal aus Breslau, den gesanglichen Teil hatte Oberkantor C erin i übernommen. Ein solennes Festessen beschloß die würdige Feier. Nenstcttin, 12. September. Das Fest der goldenen Hochzeit feierten die Kaufmann Manasse Jacobhschen Eheleute hier. Die ihnen verliehene Ehejubiläumsmedaille wurde ihnen heute durch Herrn Bürgermeister Sasse überreicht. Borek. Der hiesige jüdische Kranken- und Beerdigungsverein hielt vor einigen Tagen eine Generalversammlung ab, an welcher die Mehrzahl der Mitglieder teilnahm. Nach Erledigung geschäftlicher Mitteilungen durch den Vorsitzenden, Kaufmann L. D. Tischmann wurde vom Rendanten, dem hiesigen Kaufmann Moritz Werner, Rechnung gelegt, die mit einer Einnahme von 286,05 M, einer Ausgabe von 73,90 M. und einem Bestände von 212,15 M. abschloß. Etzütkuhnen. 13. Septeniber. Herr Spediteur B Friedberg (Inhaber der hiesigen großen Firma Bernheim u. Co.) hat für die neue Synagoge in Kibarty außer der 3000 Rubel-Spende von früher jetzt noch die Kosten für den Oraun hakaudesch aus eigenen Mitteln bestritten. Oesterreich-Ungarn. Zirkularschreiben die Gouverneure des Weichselgebietes auf, an den Oberpolizeimeister in Warschau in mrzester Zeit ihre Erwägungen über Unzulänglichkeiten der bestehenden Gesetze über die Juden einzusenden, da die Regierung die Verbesserung derselben Plane. Petersburg. Eine Milderung der Aufnahmebedingungen jüdischer Schüler in den russischen Lehranstalten ist soeben, wie man uns aus Petersburg berichtet, in Kraft getreten. Bisher bestand die Bestimmung. daß in den Gouvernements, in denen Juden ohne irgend welche Einschränkung zu wohnen berechtigt ind, 10 pCt. der Schüler mosaisch 'sein dürfen, in wichen Gouvernements aber, wo ihnen der Aufenthalt nur unter gewissen Bedingungen gestattet ist, nur 5 pCt. und in Petersburg sogar nur 3 pCt. Dadurch kam cs, daß die Eltern ihre Kinder schon unmittelbar nach der Geburt anmeldeten und daß stets alle Plätze inr voraus auf lange Zeit, in einer Petersburger Schule sogar schon bis zum Jahre 1912, besetzt sind. Nunmehr ist bestimmt worden, daß unter gewissen Umständen auch über die prozentualen Grenzen hinaus jüdische Schüler Aufnahme finden können. Die Regierung hat die Entscheidung darüber in die Hände der Lehrerkonferenz einer jeden höheren Lehranstalt gelegt. In der Homel (Gouvernement Mohilew) benachbarten «Stadt Njeshin befürchtete man auch vor einigen Monaten Judenkrawalle. Tic Juden baten um Schutz, da in der Stadt mehrere Tausend russische Fabrikarbeiter wohnen und die jüdische Bevölkerung nur 25 Prozent der Gesamtheit bildet. Die Bitte der Juden wurde abgclehnt. Als sich dann das Gerücht verbreitete, daß im Falle eines Krawalles die Juden die ganze Stadt anzünden wollten, teilten die Christen dies dem Gouverneur mit. Darauf wurde sofort Militär geschickt, und zwar mit dem Befehl, „die Christen vor dem drohenden Anfälle der Juden zu schützen". Selbstverteidigung wurde den Jirdeu auch in dem ossiziellen Erlaß nach den Ktschinewer Metzeleien streng verboten. Gouverneur von Mohilew ist derselbe Herr Klingenberg, der s. Z. bei der Niedermetzelung von Katholiken in Krozy viel von sich reden' machte. Amerika. New-Pork. Auf Ersuchen der Israeliten in Philadelphia kabelte das Staatsdepartement dem amerikanischen Geschäftsträger in Petersburg, daß es einen ausführlichen Bericht über die Ausschreitungen in Homel verlange. (Nachdruck verboten.) HemKeton. Wien. (Einweihung der neuen Synagoge in derJosefstadt). In feierlicher Weise wurde gestern die neue Synagoge im Vlll. Bezirke, Neudeggergaffe Nr. 12, eingeweiht. Als Ehrengäste waren erschienen: Stadtkommandant FML. Ritter v. Engel, Sektionsrat Pi lat in Vertretung des Ministers für Kultus und Unterricht, Statthaltereirat Bäumen in Vertretung des Statthalters, Polizei-Bezirksleiter Polizeirat Adami in Vertretung des Polizeipräsidenten, Landesgerichtsrat Doktor Spitzkopf, der Präsident der Kultusgemeinde kaiserlicher Rat Kling er mit den Vizepräsidenten Dr. Stern und Dr. Gustav Kohn, David Ritter v. Gutmann. Ritter v. Taussig. der Direktor des israelitischen Blindeninstitutes Heller :c. Der Präsident des Tempelvereines, Michael Straß er, begrüßte die Festgäste und hob hervor, daß das Gotteshaus als Andenken an Kaiserin Elisabeth gedacht sei, daß an Allerh. Stelle die Bitte unteröreitet werde, dem Tempel diesen Namen zu geben Redner dankte für die Förderung dem Polizeipräsidenten R v. Habrda, Ministerialrat v. Nagy und Statthaltereirat Freiherrn v. Siber. Dann stellte er an Oberrabiner Güdenrann die Bitte, das Gotteshaus einzuweihen. Dr. Güdemann entsprach der Bitte. In einer Ansprache wies er darauf hin, daß auch in diesem Gotteshause wie in allen die Treue gegen den Kaiser, die Liebe zum Vaterlande und zu den Mitmenschen gelehrt werde. Rach dem Weiheliede hielt Rabbiner Dr. Bauer die Festrede, die alle Anwesenden fesselte. Dann flehte Oberrabbiner Dr. Schmied l den Segen Gottes aus den Kaiser, dem noch ein langer, heiterer und wolkenloser Lebensabend beschieden sein möge, herab. Alle Anwesenden erhoben sich und sangen begeistert die Volkshymne. Lemberg. Eine interessante Versammlung tagt hier. Die Vertreter der jüdischen Kultusgemeinden werden über die Stellungnahme zu dem Mädchenhandel beraten. Frankreich. Paris. Die Fürstin Bertha von Wagram, die Tochter des verstorbenen Barons Mayer Karl von Rothschild, Frankfurt, ist nach längerer Krankheit im Alter von 41 Jahren gestorben. Rußland. Petersburg, 18. Sept. DieJudeninRußland. Dem »Bert. Tageblatt" wird aus Petersburg berichtet: Der russische Minister des Innern forderte durch ein Ein Schüler Spinozas. Erzählung aus dem Amsterdamer Ghetto. Von Henny Rosenbaum. (Fortsetzung.) V. Gertas junger, beweglicher Sinn wurde bald durch die Vorgänge auf der Straße von ihrem Trennungsschmerz abgelenkt. Das Straßenbild, das gestern Abend so düster und unfroh gewirkt hatte, bot heute durch seine überraschende Verschiedenheit mit allem bisher Geschautem manches Interessante sür die kleine, deutsche Großstädterin. Zuerst zerbrach sie sich den Kopf darüber, was das wohl für Dinge fein könnten, die hinter den blinden Schaufenstern des kleinen Trödlerladens und vor denselben in, gelinde gesagt, malerischer Unordnung ausgestellt waren. Als sie zu keinem Schluß koir -. i: konnte, ging sie zur Betrachtung der Ladenin.-aver über. Ta war zuerst ein lebhaftes, kleines Männchen mit hohen Schultern, grotesk spitzer Nase und klugen, schönen Augen, die >vie geborgt in dem vielfältigen Pergamentgesicht saßen. Das Männchen lief beständig vor dem Laden hin und her, hielt die Vorübergehenden an und osferierte ihnen mit vielen bezeichnenden Gesten sausen, noch sehr bekowete Hausen." Gerta wußte natürlich nicht, was das war. Die Cingangstür des Ladens wurde fast vollständig von einer großen Frau ausgefüllt, die im Gegensatz zu dem lebhaften Männchen ihre kolossale Körpermasse garnicht bewegte. Sie trug über einem äußerst legeren, schwarzen Kleid ein grellrotes Seidentuch, das den tiefen Bronceton ihres regelmäßig schönen Orientaliunengcsichtes mit dichtbewimperten Mandelaugen ungemein warni vertiefte. Ein herrliches, gelbliches Spitzentuch, wie es die auf ihre Abkunft von den portugiesischen Juden stolzen holländischen Frauen des Ghetto tragen, umrahmte malerisch den prächtigen dunklen Kopf. Diese Schleiertracht, die auch den Ringelreihspielen kleiner, wilder, schwarzlockiger Mädchen ein graziös, romantisches Gepräge gab, erregte Gertas lebhaftes Gefallen. Dazwischen schoben Holländerinnen in ihrer propren Nationaltracht ihre Gemüsekarren, drängten sich dunkeläugige, dunkelbärtige Männer mit Peijes und Kaftan. Gerta erschien das Ganze Ivie ein Theater.

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