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Neue jüdische Presse · 1903-09-25 · Heft 47 (25.9.1903) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 47 (25.9.1903)
Date
1903-09-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2. Nr. 47. Die jüdische Lage und die jüdischen Wohltäter. B. S. B. Kischinew und Homel in Rußland, Chodorow, Uhuow und zuletzt Sablutow in Galizien haben im abgelaufencn Jahre der jüdischen Geschichte neue, mit Blut und Tränen beschriebene Blätter hinzugefügt. Wiederum sind wütende Horden in die unßcschützten Wohnungen unserer Brüder mordend und raubend eingebrochcn; wiederum floß unschuldiges Blut; wiederum ertönt der Jammerruf geschändeter Frauen, gemordeter Greise und Kinder: Sablutow und Homel sind die neuen traurigen Namen! Zwar ist aus letzterer Stadt noch nichts Genaueres bekannt, aber es genügt, die Nachrichten, die der „Petersburger Regierungsbote" giebt, die besagen, daß die Juden das Militär mit Revolverschüssen empfangen haben, zu lesen, um zu wissen, daß die Juden sich nicht gutwillig haben abschlachten lassen wollen und von den Soldaten zusammengeschossen wurden. — Groß ist auch die Zahl der verhafteten Juden; sie werden kaum so milde behandelt werden, wie die Mörder in Kischinew, die zumeist mit 11tägiger Haft davon kamen. Und keine Rettung, keine Hilfe! Denn wie die Zeitungen berichten, wandern sogar die Flüchtlinge von Kischinew zurück nach der blutgetränkten Heimatstadt! Also es giebt noch größere Schrecken, als selbst die Ereignisse in Kischinew! Ein Jude kann demnach in eine Lage kommen, die in ihm die Sehnsucht — nach Kischinew erweckt! Als die großen jüdischen Wohltätigkeitsvereine sich unlängst in Berlin persammelten und jben Beschluß faßten, daß jeder Auswanderung aus Rußland entgegen zu treten sei, da vernahm man es mit Staunen und Schmerz! Sie hatten aber leider Ziecht, denn es giebt unter diesen Umständen keine Rettung, weil eben kein Ort da ist auf dem weiten Erdcnrunde, der zur Aufnahme dieser Unglücklichen bereit wäre. Sind aber die Herren, in deren Händen die Leitung dieser Institutionen liegt, an dieser Sachlage unschuldig? Können sic von sich sagen: „Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen?" Wir glauben es kaum. Es ist gar nicht nötig, hinter die Kulissen zu schauen, es genügt vollständig, zu wissen, was auf offener Bühne vor sich geht, um — seinen Augen und Ohren nicht zu trauen. Eine dieser Gesellschaften und zwar die mächtigste unter ihnen, ist die „Jewisch Kolonisation Association" (Jca), der der selige Baron Hirsch ca. 300 Millionen hinterließ, mit der ausdrücklichen Bestimmung, mit diesem Gelbe die Auswanderung der Juden aus Rußland zu bewirken. Es sollten Ländereien erworben, Eisenbahnen, Schiffe und Straßen gebaut, Festungen und Hafenplätze angelegt, Schulhäuser und Synagogen errichtet werden in dem neuen Judenlande, das Baron Hirsch im Geiste vorschwebtc. Man sieht, Baron Hirsch beabsichtigte keineswegs die Eisenbahn- und Schisfsgesellschasten durch planloses Hernmwandern der Juden von einer Rot in die andere mit seinem Gelbe zu bereichern. Doch dies allein waren die Resultate, die die „Jca" bisher erreicht hat. Als es sich aber darum handelte, von der Türkei den Eharter für Palästina zu erlangen, da hat die „Jca" nicht nur ihre Hilfe versagt, sondern Herr Lncien Wolf, einer ihrer Machthaber, trat noch öffentlich dagegen auf und suchte unter den christlichen Mächten Gegenstimmung zu machen, indem er dem Zionismus den von einem jüdischen Philanthropen sicherlich geschmackvollen Vorwurf machte: „er wolle sich mit den Türken — den Feinden des Christentums — verbinden..." Es zweifelt wohl niemand an dem guten Willen der russischen Negierung — die Juden, tot oder lebendig, los zu werden; trotzdem aber erklärt sie sich bereit, ihren Einfluß bei der Türkei zur Erlangung Palästinas sür die Juden einzulcgen. Aber die christliche Nächstenliebe unserer jüdische nWohltäter gchtnoch weiter als selbst die der russischen Regierung... Nun ist England keine Feindin des Christentums und will trotzdem dem jüdischen Volke eine Zusluchtstältc vor seinen Mördern gewähren, aber auch dies will Herr Lucien Wolf iiicht, weil — weil die schlechten Juden die guten mitten der Engländer verderben könnten; so zu lesen in einem von Herrn L. Wolf geschriebenen Artikel der „Times". So sehen sie aus, die Herren, denen der arme Baron Hirsch sein Vertrauen schenkte, hoffend, baß sie sein Lebenswerk, sich ein Denkmal der Liebe und der Dankbarkeit im Herzen seines Volkes zu setzen, fortführen. Ueber die Katastrophe in Homel erhielt der „Hilfsverein der deutschen Juden" folgende erschütternde Schilderung durch einen Privatbrief: „Mit groß Zitterniß und groß 'Schreck schreibe ich euch den jetzigen Brief. Tie Hände zittern mir, als ich schreibe. . . Es ist bei uns jetzt eine sehr blutige Tragödie, noch arger, wie in Kischinew. Man Frankfurter Israelitisches Familienblatt. reißt Kissen, Möbel, walgcrt sich in den Straßen, zerspaltenc Körper führt man in Hospital, Tote liegen schon in den Gassen, erschossen von den Patrouillen. Die Sache ist so geschehen. Freitag Abends um 5 Uhr sind gekommen zu den Fischladen einige Bauern um Heringe zu kaufen. Sic haben ausbedungcn, 5 Heringe, und im Fäßchcn sind geblieben noch 300 Heringe. Ein Bauer, ein Waldsörster, fragte plötzlich, wieviel die Jüdin sür das Füßchen will. Ganz überrascht sagte sie 1 Rubel 50 Kopeken, aber sogleich bedachte sie sich und weigerte sich das Füßchen abzugeben, denn es kostete - Minimum 6 gtubel. Ter Christ sagte aber, daß er das Füßchen nehmen wird und gebrauchte Gewalt. Um der Jüdin zir helfen, kamen einige Nachbarn. Es wurde ein Geschläg. Da ließe» sich die Bauern, die auf dem Markt waren, auf did'jüdischeu Laden und fingen an zu rauben und zu schlagen nach dem christlichen „Schulchan Aruch." Als die Juden im Zentrunr des Bazars das merkten (die Heringladen sind in einer Ecke), sind sogleich zusammengelaufcn und Ablvehr geleistet. Nachher ist gekommen die Polizei und zerjagte. Zwölf Mann wurden arretiert. Einige waren verwundet, auch ich selbst darunter. Christen wurden auch verwundet. Ein Christ ist Sonnabend von den Wunden gestorben. Tie folgende Nacht wurden die Straßen von den Juden gehütet und gesorgt, es sollen keine Krawallen auskommen. Sonnabend haben die Juden auch zerteilt auf die Straßen und behüteten sie. . . Tie Christen waren sehr crböst, daß einer von ihnen von den Wunden gestorben ist und agitierten, daß man eine Judenkraioalle organisieren soll. Zwischen den Agitatoren waren auch intelligente Leute, Schüler und ein gewisser Kaufniann Petruzenko. Alan erwartete Unruhen auf Sonntag; alle Brannttveinlädcn wurden den ganzen Tag gesperrt. Patrouillen gingen herum -in allen Straßen. Darum ist der Sonntag ganz still vorbeigegaugen. . . . : Am Montag um 12 Uhr gingen herauf die Arbeiter aus den Eiscnbahnwcrkstätten und fingen an zu schreien, daß man soll gehen auf die Technikerstraße. Im gaiizen gingen auf die Technikcrstraße 100 Arbeiter, -sobald sie auf die Technikerstraße gekommen sind, fingen sie an die Scheiben zu brechen, zerstören die Laden und Wohnungen, reiften die Kissen und schlagen die Inden. Die haben sich gesammelt die Jude», die bereit waren für ihre Brüder in Kampf zu gehen und überfielen die Räuber. Aber plötzlich sind heraus Soldaten aus allen Ecken und ließen nicht die Juden aus die Straße, wo man plünderte; die' Soldateu schlugen die Juden und arretierten sehr viele, alle jüngeren Leute. Die Soldaten ließen ruhig den Pöbel „arbeiten" und ließen nur nicht zu die Juden . . . Und Pöbel raubte und plünderte mit der größten Energie, sehr lustig und frei. Die Patrouille standen ruhig dabei und freuten sich so, >vie in Kischinclv. So plünderte man aus die Technikerstraße, die Windstraße und Nowakowskistraße. Und der Pöbel sammelt sich mehr und wird wilder. Die Geschreie der Kinder hören sich auf den Straßen. Tie Patrouille lassen Niemanden durch außer den Plünderer und hinter ihm tut mau allerlei Grausainkeitc». Daun wollten die Juden durch eine Winkelgasse durchgehen um de» mißhandelten Brüdern zu helfen. Aber die Patrouillen bemerkten diesen Hilfsversuch und schossen auf die Juden los. . . Sechs Juden sielen tot sür ihre Brüder. Das Plündern ging dann frei weiter. Bier Straßen sind schon jetzt zerstört. Die Räuber gehen weiter. Die Straßen sind voll Feder». Es sind überall solche schreckliche Szenen, wie cs in keinem Theater vorkommt. Die Polizei sicht man garnicht auf den Straßen, weder den Polizcimeistcr noch den Jsprawnik. Das ist mein letztes Wort. Es zittern mir die Hände, als ich den Artikel schreibe, Gott behüte vor solchen Artikeln. Die Plündereien dauern noch jetzt fort. Ich schwöre Ihnen im Namen Zions, daß ich schreibe Ihnen alles, wie es bei uns in der Stadt gewesen. Ich schwöre mit meinem Volk, mit meinen erschossenen Brüdern, daß es richtig ist." Ter „Hilfsverein der deutschen Juden" hat sofort einen größeren Betrag nach Homel abgesandt. Interessant ist die von der russischen Presse verbreitete und in die gesamte westeuropäische Presse übergcgangcne, lügenhafte Schilderung, die Ivir zur Vergleichung hier anfügen: (Wolff's tclegr. Corresp.-Bureau.) Petersburg, 18. Sept. Wie der „Regierungsbote" in seinem nichtamtlichen Teil aus Homel, Gouvernement Mohilew, meldet, setzten bei den 11nruheu am 11. September dort mit Messern, Dolchen, Wurfkugeln und Revolvern bewaffnete Jilden dem Militär Widerstand entgegen, als dieses der Prügelei mit den Christen Einhalt tun wollte. Tie Juden schossen aus Häusern und hinter Zäunen auf die Soldaten. Ein Feldwebel, der die schießenden Juden sestnehmen wollte, tvurde von anderen Juden durch Messerstiche am Halse verwundet. Im ganzen wurden während der Unruhen 4 Christen und 4 Juden getötet, verwundet 7 Christen Und 8 Juden, von denen einer starb. Die bisher festgestellte Zahl der zerstörten Häuser und Buden beträgt 260. 68 Personen wurden wegen Teilnahme an den Ausschreitungen verhaftet. Fälle von glaub sind nicht fcstgestelli. Militär hält die Ruhe aufrecht. Offiziere und Justizbeamte bezeichnen die Haltung der Polizei bei der Unterdrückung der Unruhen als tadellos. Nur den Anordnungen des Polizeimeisters sei es zu danken. daß die Unruhen auf einen verhältnismäßig kleinen Kreis beschränkt blieben. Die Ursache der Unruhen ist nach Ueberzeugung der gutgesinnten Bevölkerung in der äußerst feindseligen und herausfordernden Haltung der Juden gegen die christliche Bevölkerung zu suchen. Aus aller Well. Deutschland. Lorsch. Das Haupt der israel. Gemeinde Lorsch hat ein nierkwürdig glückliches Ereignis zu verzeichnen, das die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Im Jahre 1878 nämlich verheiratete sich Herr Lion Lorch mit Fräulein Mina Wolss. Sie lebten glücklich, und in Gottes Wegen wandelnd, bewährten sie sich auch durch ihre edle Taten und segensreiches Wirken zu Gunsten der Gemeinde. Herr Lorch wurde auch s. Z. zum Gemeinde-Vorsteher ausersehen. Nur Eins bedrückte sie, daß sie kinderlos waren. Zum Glück segnete sie der liebe Gott zur silbernen Hochzeitsfeier und Frau Mina Lorch, geb. Wolff, ist am Erew Rasch ha schono von einem Knäblein entbunden worden. Wir wünschen ihnen hierzu unfern herzlichsten Masel tow. Berlin. Ein Prozeß zwischen dem Fiskus und der Berliner Jüdischen Gemeinde ist zu ungunsten der Genieinde ausgefallen. Es handelt sich um ein Legat, das der in der Verwaltung der Gemeinde stehenden Trapp au-Stiftung zugefallen war, für das der Fiskus 13 l Mark Stempelsteuer verlangte. Die Jüdische Gemeinde verweigerte die Zahlung und stützte sich hierbei auf die Bestimmung, daß alle deutschen Kirchen und anderen deutscheil Reiigionsgesellschaften gemachten Zuwendungen steuersiei bleiben sollen. Gegen das Erbschastssteueramt wurde Klage angestrengt; die Entscheidung fiel jedoch gegen die klagende Gemeinde aus. Das Gericht erkannte in Uebereinstimmung mit einem Reichsgerichtsurteil, daß nur solche Zuwendungen an Rcligionsgesellschaften stempelsteuerfrei, die innerhalb ihres eigentlichen Wirkungskreises liegen. Da die Stiftung nur den Zweck hat, jüdischen Mädchen eine Beihilfe zur Aussteuer zu gewähren, dies aber nicht zu den Aufgaben einer Religionsgesellschaft gerechnet werden kann, ist die Stcuerforderung des Fiskus berechtigt Der Gemeindevorstand beschloß, in änbetracht der Geringfügigkeit der Summe von einer Berufung abzusehen. Köln, den 18. September. Das Kuratorium des hiesigen Lehrerseminars hat in seiner gestrigen Sitzung einstimmig Herrn Dr. Naphtali Cohn. Distrikts- Rabbiner und Leiter der Präparandenanstalt in Burgpreppach, zum Direktor des Lehrerseminars (als Nachfolger des Herrn Rabb. Dr. Plato) gewählt. Herr Dr. Cohn, gebürtig aus Altona (Elbe), wo er von Jugend auf bei dem dortigen Talmudgelehrten fleißig lernte, hat seinen wissenschaftlichen Studien auf der Universität in Berlin obgelegen und seine rabbinische Ausbildung auf dem Rabbiner-Seminar daselbst erhalten. Durch sein segenreichcs Wirken als Distrikts- Rabbiner und als Leiter der Präparandie in Burgpreppach hat er Erfahrungen gesammelt, die gerade für den Posten des Direktors eines Lehrerseniinars erforderlich sind und wird die hierher erfolgte Wahl daher allgemein als eine glückliche bezeichnet. Hamburg, 18. Sept. Der Hamburgische Verein zur Beförderung nützlicherGewerbe unter den Israeliten hielt gestern seine diesjährige Generalversammlung ini Patriotischen Gebäude ab. Der Vorsitzende, Herr Dr. Ferdinand Gobert, teilte mit, daß sich das Vermögen des Vereins zwar alljährlich vermehrt habe, die Zahl der Anmeldungen von Lehrlingen dagegen zur Aufnahme in den Verein sei verhältnismäßig gering und habe gegen frühere Jahre wesentlich abgenommen. Dagegen hätten sich die Anmeldungen für die höheren, eine Ausbildung an Gewerbeschulen und > polytechnischen Anstalten erforderlichen Gewerbe, deren Förderung auch in den Wirkungskreis des Vereins falle, die Anforderungen und ihre Berücksichtigung vermehrt. Bei Beginn der Berichterstattungsperiode hatte der Verein 19 Lehrlinge, in den letzten drei Jahren kamen 16 hinzu, also ins-, gesammt 35 Lehrlinge, ftir deren Ausbildung der Verein die Kosten übernommen hat und sie außerdem, wenn nötig, während der Lehrzeit noch unterstützt. Die vom Verein untergebrachten Lehrlinge verteilen sich auf folgende Gewerbe: Buchdrucker, Steindrucker und Linierer, Barbiere und Friseure, Buchbinder, Feinmechaniker, Elektriker, Tapezierer, Kürschner, Maler und Lackierer, Gärtner, Graveure, Klempner und Mechaniker, Schlaffer, Schneider und Tischler. Der Vorsitzende knüpfte hieran die Bitte, dafür zu sorgen, daß der Verein und seine Ziele in weiteren Kreisen bekannt würde, um dadurch zu erreichen, daß die Anmeldungen zahlreicher eingingen als in letzter Zeit. Dem vom Kassierer Herrn Gemeindevorsteher Alfred L e v y erstatteten Kassenbericht ist zu entnehmen, daß der Verein während der letzten drei Jahre für Bekleidung der Lehrlinge 4674 Mk. 45 Pfg. und für Lehrgeld, Unterricht und Werkzeuge 1206 Mk. 50 Pfg. verausgabte. An Stipendien wurden während der letzten zwei Jahre 950 Mk. gewährt. Die Gesamtausgabe für die verfloffenen drei Jahre betrug 7162 Mk. 13 Pfg.; das Vereinsvermögen ist auf 42 817 Mk. 83 Pfg. angewachsen. Die Abrechnung wurde als

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