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Neue jüdische Presse · 1903-09-25 · Heft 47 (25.9.1903) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 47 (25.9.1903)
Date
1903-09-25
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 47. Erst als drüben am Trödelladen Dr. Seclig vorbeiging und leicht zu ihr heraufgrüßend den Hut lüstete, fand sie sich in die Wirklichkeit zurück und ging trotzig vom Fenster fort. Ihr Blick fiel jetzt ans ihre großen Koffer, die noch ungeöffnet dastanden, und sie fragte Großmutter Rüben, die gerade das Frühstück brachte, ob denn keine Zofe da wäre, um ihre Sachen auszupacken. Wer die alte Frau verstand sie nicht, und Gerta begann mit einem würgenden Gefühl tiefer Vereinsamung zu essen. Der zornige Gedanke, daß sie stets, um verstanden zu werden, Dr. Sceligs Vermittelung brauchen werde, erweckte den festen Vorsatz in ihr, die Sprache ihrer neuen Umgebung so schnell als möglich zu erlernen, um nicht von dem ernsten, verhaßten Manne länger abhängig zu sein. Inzwischen hatte Mutter Rüben rastlos nachgesonnen, wie sie dem schönen Enkelkinde wohl eine Freude machen könne, und endlich mit dem Instinkt des mütterlichen Herzens das Rechte getroffen. 'Lic nahm ein kleines Knabenbild von der Wand und legte es vor Gerta hin. „Dci Tate is das, mci Kindchc." Gerta hatte verstanden. Ihre leuchtenden Augen suchten die alle Frau. Und als sic die Worte, um ihr zu danken, nicht wußte, da lehnte sie schmeichelnd ihr zartes Gesicht an das zärtlich gute, verhutzelte Mutter Rubens. Das verwandte Blut hatte gesprochen. Des toten Vaters Bild hatte Großmutter und Enkelkind verbunden. VI. Ms Adam Seelig nach mehrstündiger Abwesenheit zurückkam, fand er Gerta auf ihrem großen Koffer sitzend vor, die tränenden Augen auf des Vaters Bild gehestet, dabei aber mit sichtlichem Behagen aus der Konfektschachtel schmausend, die ihr Jan gebracht hatte. Die glückliche Großmutter hatte ihm bereits draußen erzählt, „daß ihr das gesegnete Kindche ganz von allein es Kuß gegeben habe." „Ja, ja, Mutter 3!uben, das Goldköpfchen wird schon werden," hatte er ihr zugenickt, und war dann in das Zimmer gegangen. Aber er mußte die Bemerkung machen, daß ihm gegenüber jedenfalls das Goldköpfchen noch nicht werden wollte. Es ignorierte nämlich seinen Gruß und Eintritt gänzlich. Mutter Rüben, die das Mittagessen hereintrug, unterbrach das peinliche Schweigen. „Komm ete, mei Kindche." Der Arzt ging, ehe er sich zu'Tisch setzte an die im Zimmer befindliche Waschvorrichtnng und wusch sich die Hände, ebenso Mutter Rüben. Als Gerta sich niedcrlassen wollte, bat sie Dr. Seelig sich gleichfalls zu waschen. „Warum denn," fragte diese halb naiv, halb zornig. „Ich Lin doch nicht schmutzig." „Es ist eine religiöse Ucbung der Juden, die Gottesgabe, das Essen, nur mit frisch gesäuberten Händen zu berühren." „Ist das komisch," lachte Gerta. „Durchaus nicht. Gerade die Verordnung häufiger Waschungen beweist die hohe Einsicht des jillnschen Gesetzes, das den Einfluß äußerer Reinlichkeit auf die innere Entwickelung des Menschen wohl zu würdigen weiß. Erst heute haben die Hygieniker das erkannt, was das jüdische Gesetz hier schon 3000 Jahre lang lehrt. Die Hygieniker haben. Sie wissen das vielleicht schon, Gerta, jetzt nämlich herausgefunden, daß gerade die nicht gut gereinigte Hand die böse Vermittlerin ist, welche die mit bloßem Auge nicht erkennbaren Erreger schlimmer Krankheiten auf das Essen und damit aus die innern Organe des Menschen überträgt," erklärte der Arzt freundlich ernst. „Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen einmal die vergrößerten Wbildungen dieser Krankheitserreger." ' Trotzdem Gerta für ihr Leben gern auf seinen Vorschlag eingegangen wäre, erllärte sie: „Nein, ich will nicht." „Tas^ schadet auch nichts. Aber nun, bitte, waschen «sic sich. Wir warten auf Sie." Einen Moment zögerte der Trotzkopf noch, dann ging er wie einem inneren Zwange gehorchend, netzte sich flüchttg die Finger und setzte sich an den Tisch. Wam Seelig nahm das Brod und sprach mit lauter Stimme volltönige Worte in einer freniden Sprache, die Gerta so komisch erschienen, daß sic gern gelacht hätte, wäre sie nicht von des Sprechers tiefernstein Gesicht verschüchtert gewesen. Während die Großmutter die Suppe austat, sagte Dr. Seelig zu ihr: „Mein Tun ist Ihnen wohl seltsam erschienen? Ich sprach den hebräischen Segensspruch über das Brod. Auch das ist eine jüdische Vorschrift bei der jedcsnialigen Mahlzeit. Finden Sie nicht, daß ein schöner Sinn darin liegt, die Gedanken der Speisenden von dem rein materiellen Genießen abzulcnken und auf das wunderbare Werden, die geheimnisvolle Produktivität der Erde, die jede Nahrung hcrvorbringt, hinzuweiscn?" Ohne Gcrtas Antwort abzuwarten, wandte er sich dann an Mutter Rüben und begann ihr halb holländisch, halb im Jargon, für Gerta vollständig unverständlich, etwas zu erzählen, was er am Vormittag im'Ghetto gehört hatte. Gerta löffelte inzwischen, mit versonnenen Augen vor sich hinblickend, in ihrer Suppe herum. Sie verarbeitete das in sich, was ihr der Arzt soeben in seiner gleichbleibenden Freundlichkeit crllärt hatte. Sie hätte gern so manche Frage zur weiteren Erllärung an ihn gerichtet. Aber Adam um Erklärung bitten! Sie wies den Gedanken empört von sich. Ja, wenn der Vater noch dagewesen wäre, um ihn zu fragen. Gerta sann, welche Antwort er ihr wohl gegeben hätte. Vielleicht hätte er sie zärtlich, wie so oft, zurückgcwiescn. „Das braucht mein Roscnknöspchcn noch nicht zu wissen." Und Jan bätte sie bei solcher Frage lachend ins Haar gefaßt und gesagt: „Sie sind doch ein reizendes, kleines Aeffchen, Gerta." Damit waren ihre Gedanken wieder bei dem geliebten Vaterhaus angclangt. Mit aufgestörter Sehnsucht gedachte sie des traulichen Eßzimmers in der Villa Gerta und mit bitternl Groll dessen, der sie kraft seines angemaßten Rechtes zwang hier zu leben. „Gott bewahre, mci Kindche, de achelst doch garnicht. De wirst mcr noch ganz runter kimmen, mei geliebtes Leben," unterbrach die besorgte Großmutter die Sinnende. „Gerta hat bis jetzt Konfekt geknabbert. Das benimmt ihr den Appetit. Sie sollten das so kurz vor Tisch nicht tun, Kind," mahnte der Arzt. „Ich tue, was ich will. Und Ihr Kind bin ich auch nicht." „Bitte, ganz nach Belieben. Großmutter, Sie brauchen sich nicht zu ängstige». Wenn Gerta Hunger hat, wird sie schon essen." meinte Adam kühl. Man aß schweigend weiter. Da fielen der grollenden Gerta ihre Koffer ein. In der Hoffnung, Dr. Seclig werde der Großmutter ihren Wunsch verdollmetschen, sagte sie: „Großmutter, ich brauche eine Zose, um meine Sachen auszupacken." „Wie mcinste, mei Leben?" (Fottsetzung folgt.) ' Vakanzen. .Stettin. 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