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Neue jüdische Presse · 1903-09-25 · Heft 47 (25.9.1903) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 47 (25.9.1903)
Date
1903-09-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Fvankfirvtev Israelitisches ittmiUcnblatt. B B Abonnementspreis ML 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen SO Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) Kostzeiturrgskiste 2741. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband M. 1.50 vierteljährlich (Ausland Mk. 2.—). Redaktion und Haupt -Erpr-ilion: Frsnkfirrr ». Ml. Lergrrstrsße 25, parterre. s •4m a Herausgeber: Saty Geis. B Jnsertionspreis für die viergespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklame-Zeile ML 1.—, im kleinen Anzeiger (Familien-Nachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht. ML 5.— Vis 8.— das Tausend. •» No. 47. Freitag, de« 4. Tischri 5664 <25. September 1963). No. 47. Ale letzte Aummer im lausenden Onartal ist die heutige Ausgabe unserer Zeitung. Diejenigen unserer geschätzten Abonnenten, deren Abonnement am 30. September beendet ist, wollen daher gefl. sofort am Schalter der nächsten Postanstalt unser Blatt aufs neue bestellen, damit die Zusendung keine Unterbrechung erleidet. In Frankfurt laufen die Abonnements, die nicht vor Quattalsschluß schriftlich abbestellt werden, stets von selbst weiter. Frei von Personenkultus und Liebesdienerei, werden wir auch für die Folge alle Ereignisse, die die jüdische Gesamtheit als solche interessieren, schlicht und sachgemäß registtieren; wir werden, wie bisher, unsere Hauptaufmerksamkeit darauf richten, die Erkenntnis des uns von unseren Vorfahren überlieferten Judentums und die Liebe zur Judenheit zu wecken und zu pflegen. Wir bettachten es als die Grundlage und die Aufgabe unserer Zeitung, mit aller Kraft dafür zu arbeiten, daß wieder wahrhaft jüdisch-bewußtes Leben unter uns blühe. »In der Bereinigung liegt die Kraft!" Um unserer Aufgabe voll und ganz gerecht sein zu können, dazu bedürfen wir der ideellen energischsten Mitarbeit aller jener, die mit uns denken und fühlen. Es dürfte wohl kein Unternehmen mit weniger Mühe zu fördern sein, als gerade eine Zeitung; schon das Werben von Abonnenten in Verwandten- und Bekanntentteisen und die Berücksichtigung der Inserate beim Einkauf macht den Leser einer Zeitung zum tteuen Mitarbeiter derselben. Verlag und Redaktion des „Frankfurter Israel. Familienblattes". Am Vorabend des Bersöhnnngstages. dem Oppenheimerschen Bilde nachgedichtet von Rosa Meyer. Es naht der Tag, der heiligste von allen. Des Gotteshauses Pforten öffnen sich; Und scharenweis' sieht man die Beter wallen Jn's Heiligtum, so ernst und feierlich. Es einet alle heut' ein gleichesj streben. Sie flüchten all an eines Vaters Herz, Der gnädig ihre Sünden will vergeben. Wenn sie bereuend blicken himmelwärts. Doch wie für sich man fleht um neues Leben, Wie jeder will erscheinen sündenrein. So soll'n wir unserm Nächsten auch vergeben. Und dem, der uns gettänkt hat, gern verzeihn. Da sieht man Freund und Feind die Hand sich reichen. Und jede Lippe spricht den frommen Spruch : „Es möge alles Böse von Dir weichen, Gott schreib zum Guten Dich in's Lebensbuch." Nun hat man zum Gebete sich vereinet. In weiße Sterbekleider eingehüllt. Schmucklos und einfach jedermann erscheinet, Bon ttefer Seelenregung ganz erfüllt. Lautlose Stille herrscht im weiten Kreise, Aus manchem Auge eine Träne rinnt. Als man in feierlich getragener Weise Mit dem Kol Nidre - Vortrag nun beginnt. So steiget auf am Abend und am Morgen Manch' heißes Fleh'n zu Gottes Himmelshöh'n, Und losgelöst von allen Erdensorgen Sieht man. die Frommen im Gebete steh'n. Bis wiederum sich Abendschatten senken. Des ganzen Jahres schönster Tag sich neigt; Nun wolle Gott den Seinen Gnade schenken. Die sich in Demut heut vor ihm gebeugt. Und mit dem Schlußgebet, das jetzt erschallet Im ganzen Erdenkreis zur selben Stund, Einmütig es im Herzen wiöerhallet Was ehrfurchtsvoll'verkündet jeder Mund: „Es ist ein Gott, ein einig einziges Wesen, Hör- Israel, erkenn' und glaub' die Lehr', Der Dich zu seinem Volke auserlesen. Er ist Dein König und sonst keiner mehr." Haben wir den Schofar verstanden? .... Am Rosch-Haschono und Jom Kipur kommen sie alle, alle unsere Brüder, die das Jahr hindurch nichts wissen wollen von ihrem Gott, aber die Tkio am Anfang des Jahres weckt sie doch wenigstens für drei Tage auf aus dem Schlummer des ganzen Jahres. — Doch das Ms nicht, wirs der Schofar wollte, sein Ruf gilt nicht dafür, sich nur am ersten und zehnten Tage des Jahres in der Synagoge einzufinden, für einige flüchtige Minuten andächtig zu sein, und eine innige Befriedigung darüber zu empfinden, daß man noch ein »jüdisches Herz" sich bewahrt. Das ist die Rückkehr nicht, zu der der Schofarklang unser Herz erwecken möchte. Die jüdische Wahrheit ist himmelweit entfernt von der Anschauung, als ob ein Tag, Gott geweiht, ein Freibrief ausstelle für ein Jahr ungöttlichen, unjüdischen Lebens. Dreifaches sollte der Schofarklang lehren. Malchijos Gott ist König. Bor seinem Königtum schwindet alle Macht und Hoheit. Es giebt auf Erden keinen Faktor, der unser Geschick bestimmt, außer Gott. Ihn nur haben wir zu fürchten und von ihm nur zu erhoffen Und in diesen ernsten Tagen tteten alle Wesen vor sein Angesicht, und es ruft uns der erste Schofarhall vor fein Gericht zur Prüfung unserer Vergangenheit, zur Bestimmung unsererZukunft. Und er, der hohe, erhabeneWellenkönig, dessen allmächtige Hand in dem Geschick des irdischen Daseins wallet, der in seiner Gerechtigkeit und Liebe alle seine Geschöpfe umfängt, er ist— l'ade ad jimloch — er legt die Herrschaft über seine Well niemals nieder, sondern lenkt und leitet sie zu dem Ziele hin, das seine Weishett gesteckt. Wie klein erscheint vor solcher Größe unsere irdische Hinfälligkeit; wie nahe liegt nicht der Wahn, daß Gott in seiner erhabenen Größe nicht sich kümmere um das Tun und Lassen des-einzelnen kleinen Menschen. Da ttisst uns der zweite Tekioruf als Sichronos und verkündet uns: Derselbe Gott, der dich erschaffen hat und erhäll, derselbe Gott ist dir, ttotz seiner Höhe, unendlich nahe. Er will deine Lebenstat, will, daß dein Dasein geregelt sei nach seinem Willen. Und wie wir der verflossenen Tage gedenken, so gedenket auch Gott ihrer, »vor dem Thron seiner Herrlichkeit giebt's kein Vergessen", jede Minute unseres Seins ist dort verzeichnet, jeder Gedanke unseres Geistes, jede Regung unseres Herzens. -Und zum dritten Male trifft als Schofros der Therua schmetternder Ruf. In der Wüste tönte er einst als Signal zum Lageraufbruch und Weiterzug. Und wenn wir durchdrungen sind von der Wahrhell, daß Gott alleiniger Herrscher ist, daß er aber auch seinen Herrscherwillen in Menschenkreisen erfüllt wissen will, dann mahnt uns jetzt der alle Sinaiklang, zu brechen mit der Vergangenheit. Sind wir im vergangenen Jahre unsrer Aufgabe gerecht worden. Haben uns nie Leichtfettigkeit und Leidenschaft, Unverstand und Starrsinn, Hochmut und Läsfigkett unserer Pflicht entfremdet. Und es wendet sich der mahnend ftagende Ruf an uns Alle unterschiedslos: »Brechet auf, laßt fahren das Jagen und Stteben nach Besitz und Genuß, der nicht geadelt durch Berwenduntz nach Gottes Willen. Prüfet euch selbst, ob ihr keinen Ausbruch, keine Rückkehr nötig habt." An unsere Männer wendet er sich, ob sie redlich gestrebt, ob kein Unrechter Pfennig in ihrem Besitze sei; ob sie niemanden beeinträchtigt. Ob sie die Sabbate und Feiertage, welche ihrer Tätigkeit Halt geboten, nicht entweiht haben, ob sie sich fern gehalten von unerlaubten Speisen und Gettänken, ob pe an jedem Morgen Hand und Kopf durch die Erinnerungszeichen an ihre Pflicht geweiht? Ob sie mit derselben Sorgfalt, mit der sie das eigene Interesse überall wahrten, auch Gottes Interesse wahrten. Und an das jüdische Weib wendet er sich, dessen Pflichten so hohe, heilige, ob sie als Gattin, Mutter und Priesterin des Hauses sich bewährt, ob sie ihrem Mann getteulich zur Seite gestanden in den Sorgen des Lebens als die tteue Genossin seines Wirkens und Schaffens. Ob sie die Pfänder ihrer Liebe, ihre Kinder, als ihr von Gott anverttaute Wesen gehütet, und sie geleitet habe die Pfade der Tugend und der gewissenhaften Beobachtung des Gottesgesetzes. Ob sie den Geist der Sitte und des ächt jüdischen Gehorsams in ihrem Hause gepflegt, daß ihr Haus ein jüdisches, ihre Ehe eine jüdische, ihre Kindererziehung eine jüdische gewesen. Und an unsere Wächter und Lehrer des Gesetzes wendet sich der Schofar. ob sie stets das Wahre und Rechte gelehrt, angeordnet und gepredigt haben, oder ob sie nicht lässig und gleichgültig, nicht schwach und zaghaft gewesen in der Berttetung des Ernstes des Gesetzes. Und unsere Vorstände und Verwalter, ob sie die Institutionen der Gemeinde gewissenhaft gewahrt haben» ob sie stets eingedenk gewesen, daß ihre Gemeinde eine Pflanzstätte sei und bleibe für Thora, Aboda und Gemilus Chasodim. Und wer wäre unter uns, der nicht besserungsfähig wäre, wem hätte der Schofar nichts zu sagen. . . . Wir wollen doch nicht spurlos an uns vorbeiziehen lassen die Tage und Wochen die uns Gott in seiner väterlichen Liebe geschentt. um wieder gutzumachen das vergangene, verfehlte Leben durch ernste, ausrichtige Rückkehr zu Gott und seinem Gesetz. Hinaus ins Leben sollen uns die Schofarklänge begleiten, doch kein Paradebesuch sei der Roschhaschono und Jom Kipur, den wir der Synagoge als jährlichen Tribut abstatten. Das Judentum verlangt die Betättgung des Gottesbewußtseins ja nicht durch Lippenwett. und Herzensregung allein, sondern durch eine in die kontteteste Erscheinung ttetende Tat. Deshalb, ihr Brüder und Schwestern, die ihr noch nicht ganz entftemdet seid Euerem Gott, die Euch der Schosarruf in die Gemeinschaft Euerer Brüder zog, laßt nicht umsonst diesen Schofar an Euer Ohr gesprochen haben. Nehmet das Judentum mit hinaus aus der Synagoge ins Leben und betättgt es da. Würdet ihr nur einmal Euch fest entschließen, Juden zu sein, ganze wahre Juden zu sein. Ihr würders an Euch selbst erkennen, hier und nur hier blüht das wahre Glück, lacht die ewige Freude. Versuchen wir es, erproben wir es, der dreifachen Schofmmahnung zu folgen und zurückzukehren zu Gott — wie weit wir uns auch von ihm entfernt hätten — der Weg steht offen. Der Schofar ruft. — — Es ist der Ruf unseres Vaters, unseres Litten, unseres Königs, unseres Führers-wir jauchzen ihm zu, wir folgen ihm, wohin er uns führet, als sein Kind, sein Diener, sein Herold, sein Volk, bis die ganze Menschhell vernimmt und versteht, und wir alle es ettennen: »Heil dem Bolle, das die Therua begreift, in deinem Lichte wandeln sie, Gott!" — R. M. — Abonniert das Frankfurter Israelitische Familrenbtatt!

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