Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 46 (18.9.1903)
- Date
- 1903-09-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. Wir haben aus diesen und ähnlichen Ergüssen, deren Geist das bessere christliche Publikum tagtäglich einzuatmen bekommt und in denen sich die Anschauungsweise unserer bessere» christlichen Gesellschaft wiederspiegelt, nur die Lehren für uns zu ziehen. Da tritt nun an jeden ehrenhaften Inden die Forderung heran, statt, wie Bisher, sein jüdisches Wesen abzustrcisen und sich seiner Umgebung mit aller Gewalt assimilieren zu wollen, ohne dabei die sehnlichst gewünschte Anerkennung, am allerwenigsten aber eine innere Befriedigung, zn finden, endlich einmal es wieder zu versuchen, dem Geist des Judentums näherzutreten, um für das Judentum .und seiner Bekenner Verständnis zu gewinnen; — vielleicht findet er dann jenen Hafen der Ruhe und Glückseligkeit, den er außerhalb des Judentums und der Judenheit vergeblich 'gesucht hat. Aus aller Wett. Deutschland. Zwingenberg a. d. Bergstratze, ll. Sept. Es ist wohl noch in aller Gedächtnis, daß die hiesige israel. Gemeinde beim Schachrisgebete am vorigen Jom Kippur durch einen entstandenen Brand in der Synagoge heimgesuchtwurde. Damals wurde auf Veranlassung des ersten Vorstehers, Herrn David Wachenheimer, vom Herrn Bürgermeister Zerwek in dankenswerter Weise ein Rathaussaal bis vor kurzem, da das Rathaus einem Umbau unterworfen werden mußte, überlassen. Es wurde damals schon der Wunsch wach, das Gemeindehaus,dasschon sehr alt war, und in dem sich die Synagoge befand, zu verkaufen und eine neue Synagoge mit Lehrerwohnung zu bauen. Dem eifrigen Bemühen des ganzen Vorstandes und einiger Gemeindemitglieder Ö es nach kurzer Zeit, durch verschiedene freiwillige en, wobei auch 400 Mk. der hiesigen politischen Gemeinde und nach Verwertung des alten Gemeindehauses, über ein Barvermögen von ca. 12 000 Mk. zu verfügen. Sofort wurde mit dem Neubau begonnen, wobei sich besonders Herr David Wachenheimer, der erste Vorsteher, in jeder Art und während der ganzen Bauzeit abmühte und tagtäglich zur Stelle war. Nach einer kurzen Zeit von nur 107 Arbeitstagen war der Bau, der allen Ansprüchen genügt, fertiggestellt und konnte derselbe am 11. d. M. eingeweihet und seinem heiligen Zwecke übergeben werden. Herr Landesrabbiner Dr. Marx traf am Freitag kurz vor 2 Uhr hier ein, um die Weihe vorzunehmen. Der Zug, der vom Hause des ersten Vorstehers aus, mit den 3 Thorarollen an der Spitze, begleitet von einer Musikkapelle sich in Bewegung setzte, zog durch das kleine Städtchen nach dem großartig ausgeführten, einfachen Bau. Der ganze Ortsvorstand, die Kirchenbehörde, Gerichtsherren und noch viele Bürger der Gemeinde beteiligten sich am Zuge. Beim Eintritt in die Synagoge wurde das „Mach Jowu", das Kantor Prok mit einigen Gemeindemitgliedern eingeübt hatte, in ergreifender und herrlicher Weise gesungen. Es folgten dann die Umzüge, Segensspruch für den Landesfürsten, Minchagebet, und Herr Rabbiner Dr. Marx entfaltete alsdann in schöner weihevollen, Rede was das Gotteshaus ist und sein soll. Abends versamnielte man sich zur .Wilhelmshöhe", woselbst bei Tanz und Konzert die schöne Feier Nachts um 1 Uhr schloß. Möge sich der Wunsch erfüllen, den ersten Vorsteher noch recht lange an der Spitze der israelitischen Gemeinde walten zu sehen, um deren Angelegenheiten auch fernerhin zur Zufriedenheit seiner Gemeinde und zur Ehre Gottes auszuführen. Höchst lOdenwald). Am 2. er. starb unser ältester Mitbürger, der greise Herz Löb I, im Alter von S4 Jahren. Ueber 60 Jahre gehörte er der Chewra Kadischa an, die in ihm ihren treusten Förderer, ihren wärmsten Freund verliert. Voll tiefster Religiosität war er ein durch und durch lauterer Charakter und erfreute sich der ungeteilten Verehrung seiner christlichen und jüdischen. Mitbürger. An der Bahre sprach Herr Lehrer Cahn bewegte Worte des Nachrufes. Eppingen i. Baden. Im Mai d. I. verließ uns unser langjähriger, verdienstvoller Lehrer, Elias Eichstetter, infolge seiner Pensionirung. Obschon zahlreiche Bewerber vorhanden sind, ist die Stelle noch unbesetzt. Als Verweser für dieselbe wurde Josef Herz, Lehrer zu Ettlingen bestellt, dem dieselbe wohl auch am Ende definitiv übertragen werden dürfte. Mannheim. Neue ortspo lizeilich Vorschriften für das Schächten. Nach dem am 1. April ds. Js. in Kraft getretenen Ausführungsvorschriften zu dem Reichsgesetz vom 3. Juni 1900 betreffend die Schlachtvieh- und Fleischbeschau ist Blut, das durch Mageninhalt oder sonstwie verunreinigt wurde, als untauglich zum Genuß für Menschen anzusehen. Da nach der Ansicht des veterinärtechnischen Referenten im' Großherzogl, Ministerium des Innern dem Blut geschachteter Tiere fast regelmäßig Mageninhalt beigemischt wird welcher sich aus dem durchschnittenen Schlunde entleert, und dies auch durch die da und dort zur Anwendung gelangenden Schlundzangen nicht mit Sicherheit verhütet werden kann, so darf das Blut geschächteter Tiere nicht zum Genuß für Menschen verwandt werden. Eöln. In der gestrigen Handelskammer s i tz u n g kam Hr. Eliel vor Eintritt in die Tagesordnung auf die Vorgänge an der hiesigen Handels ochschule zu sprechen. Die beiden farbentragenden Verbindungen Hansa und Ubina nehmen keine zsraelitcn als Mitglieder auf. Nun ist der Hochchulturnverein in den allgemeinen studentischen ocutchen Turnerbund, der keine Juden aufnimmt, aufgegangen und die israelitischen Mitglieder sind deshalb von selbst ausgeschieden. Hr. Eliel gab nun seiner Meinung dahin Ausdruck, daß alle Bestrebungen zu mißbilligen seien, die darauf hinauslaufen, einen Teil der Studierenden von Veranstaltungen, die für die Allgemeinheit bestimmt sein sollen, auszuschließen, daß im besondern das Vorgehen der erwähnten Korporationen mit dem Geiste, der an einer fteien Handelshochschule herrschen sollte, unvereinbar sei.! kedner bittet die Mitglieder des Kuratoriums der Handelshochschule, festzustellen, ob jene Behauptungen den tatsächlichen Verhältnissen entsprechen. Der Vorsitzende der Handelskammer, Geheimrat Michels, der auch Kuratoriumsmitglied ist, versprach die Angelegenheit zu prüfen und erklärte, daß er cs persönlich bedauern würde, wenn die Mitteilungen ich bestätigen sollten. Bedburg, 9. Sept. Heute Nachmittag wurden hier unter sehr großer Teilnahme die irdischen Reste des in Köln im Alter von 58 Jahren gestorbenen Kommerzienrats Adolph Silverberg auf dem israelitischen Friedhofe beigesetzt. Der Verstorbene war Mitglied des Kreistages des Kreises Bergheim, der Handelskammer in Bonn und des Bezirkseisenbahnrats in Köln. Das Hinscheiden dieses vortrefflichen Mannes bedeutet ftlr die Stadt Bedburg und den lanzen Kreis Bergheim einen schweren Berlnst. Nenschenfreundlichkeit, reges Mitwirken im öffentlichen Leben, unermüdliche Fürsorge für seine zahlreichen Beamten und Arbeiter, sichern ihm ein Andenken übers Grab hinaus. Kommerzienrat Silverberg war der Begründer der Bedburger Wollindustrie, der Rheinischen Linoleumwerke, sowie der Gewerkschaft Fortuna. Das Leichenbegängnis legte Zeugnis ab, in wie weiten Kreisen der Verstorbene Ansehen genoß. Trotz dem regnerischen Wetter waren aus dem ganzen Kreise Bergheim viele Hunderte Leidtragende hierher geeilt. Der Leichenzug dauerte über eine Stunde. Rabbiner Dr. Frank aus Köln sprach am Grabe des Dahin eschiedenen, dessen Andenken in Bedburg und im kreise Bergheim stets fortleben wird. Berlin. Die Einstellung der Einjährig-Freiwilligen jüdischer Religion erfolgt laut Verfügung des königlichen Generalkommandos in diesem Jahre wegen des auf den 1. Oktober fallenden Veröhnungstages erst am 2. Oktober. Berlin. Jüdische Rückwanderer nach Kisch inew passieren in letzter Zeit sehr oft die Reichshauptstadt. Die Leute kehren aus England, elbst aus Amerika, wo sie keine Beschäftigung finden konnten, in ihre alte Heimat zurück. Es sind meist ältere, kränkliche, arbeitsunfähige Personen. Soweit es sich bei diesen Rückwanderern nicht um gewerbsmäßige Schnorrer und Schwindler handelt, gewährt ihnen das Berliner Hilfskomitee die Mittel zur Rückreise nach Rußland. Posen. lFerienkammer.j Ein Renkontre in dem jüdischen Betsal in der Teichstraße am 10 Mai d. Js. bildete den Gegenstand der Verhandlung wegen zefährlicher Körperverletzung und Störung des Gottesrienstes gegen den Handelsmann Wolff, den Arbeiter Kessel und den Schuhmacher Margoliner aus Posen. Am 10. Mai hatten sich mehrere Personen in dem empel des jüdischen Humanitätsvereins versammelt, um Dankgebete zu verrichten. Es waren 12 Personen anwesend. Zwischen den Angeklagten entstand ein Wortstreit, der in eine wüste Schlägerei ausartete. Als der Vorbeter die Ruhestörer aufforderte, den Tempel zu verlassen, kamen zwar die Angeklagten dieser Aufforderung nach, kehrten aber nach einigen Minuten in den Saal zurück, und die Schlägerei sing von neuem an. Aus den Zeugenaussagen ging hervor, daß der Streit seinen Ursprung darin hatte, daß der Angeklagte Wolff den Angeklagten Margoliner beschimpfte. Der als Sachverständiger vernommene Rabb. Dr.Feilchenfeld begutachtete, daß die Gottesdienste des Humanitätsvereins öffentliche Gottesdienste seien und daß der Humanitätsverein ein Abzweig der hiesigen jüdischen Gemeinde ist. Staatsanwalt Dr. Rohde beantragte gegen die Angeklagten je einen Monat Gefängnis. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Bab, suchte zu beweisen, daß die in Frage kommende Andacht kein Gottesdienst im juristisch-technischen Sinne gewesen sei, und beanttagte eine mildere Bestrafung. Der Gerichtshof nahm an, daß die Andacht seitens der Angeklagten in grober Weise verletzt wurde, und erkannte auf je 30 Mark Geldstrafe. Danzig. In dem Alter von 67'/? Jahren ist gestern Abend der Stadtverordnete und Mitglied des Vorsteheramtes der Kausmannschaft Gustav David s o h n plötzlich auf der Fahrt nach seiner Wohnung am Herzschlag g e st o r b e n. Mit ihm ist wieder einer jener alten Tanziger dahingeschieden, die sich aus kleinen Anfängen zu bedeutenden Stellungen emporgearbeitet haben und über der Arbeit für das eigene Interesse auch die Arbeit für das allgemeine Wohl nicht vergessen haben. Er wurde im Jahre 1863 unter der Firma Gustav Davidsohn in die Korporatioit der Kaufmannschaft ausgenommen, eine größere Bedeutung erreichte er jedoch erst, als er an die Spitze der von ihm mitgegründeten chemischen Fabrik getreten war. Seiner vorzüglichen Leitung ist es vor allem zu danken, daß die Fabrik sich so glänzend entwickelt hat, mithin hat er schon vor einem Vierteljahrhundert bewiesen, daß in Danzig die Industrie >ich recht gut entwickeln kann. Im Jahre 1900 wurde er in das Vorstehcramt der Kaufmannschaft gewählt und bekleidete zuletzt das wichtige Amt eines Vorsitzenden der Industrie-Fachkommission. Aber auch mit den städtischen Angelegenheiten hat sich der Verstorbene eifrig beschäftigt. Er hat dem Kollegium der Stadtverordneten seit dem Jahre 1877 angehört und war einer der fleißigsten Stadtverordneten, der sich nicht nur an de» Verhandlungen eifrig beteiligte, sondern auch in den Komiuissionen durch seine Sachkenntnisse ein wertvoller Mitarbeiter war. Auch das oll ihm nicht vergessen sein, daß er viel dazu beigetragen hat, unsere Stadt durch ei» schönes Gebäude zu schmücken. Er ist damals als einer der Vorsteher der jüdischen Gemeinde sehr warm für den 'Neubau des Synagogen-Gebäudcs eingetreten, welches erst jetzt nach dem Wegfall der Wälle zur richtigen Geltung gekommen ist. Niemand hätte geahnt, daß der rüstige und unermüdliche Mann so bald von hinnen scheiden würde, denn er hatte noch die Verhandlungen des westpreußischen Städtctages aufmerkiam verfolgt, so daß sein Tod alle seine Freunde und seine Familie überrascht hat. Oesterreich-Ungarn. Bericht aus Prag. Berlin, 14. Septbr. Vergangene Woche berührte ich aus der Rückreise von Karlsbad Prag und benützte die Gelegenheit, die alten Heiligtümer dieser Stadt und Mutter in Israel zu besichtigen, wonach ich mich schon lange gesehnt. Gleich beim Eingang in die ehemalige Judenstadt zeigte man mir das schöne, von Mardachai Messet, dem Wohltäter der Judenheit erbaute Rathaus; ihm gegenüber die altersgraue Allneusynagoge; doch das alles interessierte mich weniger; ich wollte den alten Friedhof besuchen, wo so viele Große in Israel ihre letzte Ruhe fanden. Ihre letzte Ruhe voraussichtlich; denn ein großer Teil des alten Judenftiedhofcs siel vor kurzem der Sttaßenregulierung zum Opfer, und nur der Pietät des Chewrahvorstandes ist es zu danken, daß dieser Teil in einer Tiefe von 4 Metern uingegraben und alle Vorgefundenen Knochen durch jüdische Arbeiter gesammelt und auf demselben Friedhofe wieder zu hoffentlich letzter Ruhe beigesetzt wurden. Doch wenn in später Zukunft wieder Rischus nnd Vandalismus sich vereinigen sollten, um nochmals an dem alten Judenfried Hofe ihr Mütchen zu kühlen, wird auch dann die Pietät sich bei einem anderen Chewrahvorstande nden, die ihn — ohne Rücksicht auf die vielen Tausende, die es kostet — zu einem solchen wahrhaften Gemilus Chessed begeistert. Ich fürchte nicht. Denn schon jetzt ist mir dieses Geniilus Chessed unverständlich und wird Ihnen ebenso sein, wenn Sie folgendes lesen. Kaum war ich aus dem Friedhofe herausgetteten, so bemühte sich ein ttinkgeldlüsterner Synagogendiener um mich, indem er es versuchte, mich zum Besuche der eben renovierten Klaussynagoge zu bewegen. Erst durch die Versicherung, daß sie die Synagoge des Obcrrabbiners Dr. Ehrenfeld par exellence sei, hauptsächlich aber, daß diese Synagoge vom Meral Prag, d. i. der hohe Rabbi Low, gegründet sei, ließ ich mich bewegen, die Synagoge zu besichtigen. Bor allem bemerkte ich, daß seit der Gründung durch den hohen Rabbi Löw doch schon verschiedene bauliche Veränderungen vorgenommen worden sind, so steht der Almenor weder in der Mitte noch oben, sondern ist mit dem Tische des Borbeters identisch. Bei der Frauengallerie fehlt das geringste ttennende Gitterwerk. Aber wie erstaunte ich, als der mich führende Diener mir die bei der eben stattgefundenen Renovierung erlangte neueste Errungenschaft zeigte, ein kleines, geschmackloses, buntes Fenster über der heiligen Lade, in dessen Mitte — horribile ilictu — der Schein hawajc vollkommen ohne jegliche Kürzung geschrieben steht. Fürwahr, eine größere Entweihung eines jüdischen Gotteshauses kann ich mir nicht denken; eine Orgel, ein Mädchenchor, ein deutsches Gebet, das alles ist, wenn auch nicht verzeihlich, so doch erklärlich, die betreffenden Reformer können doch wenigstens die gute Absicht vorgeben, »<l majorsin «lei zloriam, zur Erweckung der Andacht, zur Hebung des Besuches rc. gehandelt zu haben; aber hier .... 8t. Rußland. Die Juden in Rußland. Man schreibt dem „Standard" aus Moskau: „Eine der Bestimmungen, die am schwersten auf den besseren Klassen der Juden in gtußland lasten, ist die, welche den Prozentsatz der zu der höheren Schulbildung zuzulassenden Juden festsetzt. Man findet in Rußland häufig Juden, die bemüht sind, die Universitäten oder entsprechende Hochschulen zu absolviere», weil sie dadurch das Privilegium erhalten, ihren Wohnsitz in einem beliebigen Teile des Reiches nehmen zu können. Ich habe Juden gekannt, die die Universität absolvieren, lediglich um nachher ungehindert ihren Handelsgeschäften nachgehen zu können. Mer die Schwierigkeiten, in die höheren Schulen Einttitt zu erlangen, sind für jeden Juden enorme. In die Schulen ll. Klasse, deren Besuch zum Besuch der höheren Schulen berechtigt, wird nur ein gewisser Prozentsatz ausgenommen, und beim Uebertritt in die höheren Schulen stellt sich wieder eine Prozentgrenze hindernd in den Weg. An einem Beispiel läßt