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Neue jüdische Presse · 1903-09-18 · Heft 46 (18.9.1903) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 46 (18.9.1903)
Date
1903-09-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 46. sich dieser Einfluß am besten Nachweisen. Eine der Hochschulen hatte bei Beginn des akademischen Jahres 330 Vakanzen. 700 junge Leute bewarben sich darum, darunter 275 Juden. Die Anstalt durfte aber nicht mehr als 15 Juden aufnehmcn.", Holland. Rotterdam. Zum Jahresschluß, einer Zeit, die unfern Blick zurückwenden läßt, möchten wir auch in einem deutschen Blatte eines Mannes gedenken, der vor zwei Monaten aus unsrer Mitte geschieden ist. Am 21. Tamus verschied infolge eines Herzschlages plötzlich auf der Fahrt von Haag nach Scheveningen Herr H. Eisenstein, erster Schochet der hiesigen israelitischen Gemeinde. Eisenstein, der ein Alter von 57 Jahren erreichte, war hier seit 18 Jahren Schochet und erwarb sich trotz harter Kämpfe und Anfeindungen in der ersten Zeit seines Wirkens, in den späteren Jahren bei der ganzen Gemeinde ohne Unterschied allgemeine Anerkennung und Verehrung, denn seine Routine als Schochet, seine seltene Ehrlichkeit und Gerechtigkeit, das ganze Auftreten seiner Persönlichkeit konnten ihm für die Dauer die Freundschaft seiner Umgebung nicht verschließen. E. war ein Jude, bei dem sich Thora und Dercch erez harmonisch vereinten. Seine freie Zeit widmete er hauptsächlich dem Studium von Thora, Talmud und Poskim, in denen er sich an der Jeschiwoh zu Kalisch, seinem Geburtsorte, ausgebildct hatte. Doch auch seine Pflichten gegen seine Nebcnmenschcn erfüllte er voll und ganz, und sehr vielen, die in Not geraten waren, hat er hilfreich zur Seite gestanden. Herr Oberrabbiner Dr. Ritter gab bei der Beerdigung mit bewegter Stimme und in beredten Worten seinen Gefühlen und denen der Gemeinde tiefen Ausdruck; er schilderte, was die Familie des Verstorbenen, die Gemeinde — die Beteiligung bei seiner Beerdigung legte hiervon Zeugnis ab, denn geradezu unübersehbar war der Zug der Leidtragenden — und speziell er selbst an ihm verloren habe, wie er besonders auch sein Vertrauter und sein intimer Freund gewesen sei. Mögen Frau und Kinder, denen er ein selten guter Familienvater gewesen ist und die an ihm viel verloren haben, Trost finden in dem guten Namen, den er ihnen hinterlasten, und er selbst im Himmel den Lohn für die Ausübung des Guten, das er in jeder Minute bemüht war, zu vollbringen. AmKeion. Cheiderkinder. Novelle aus dem Emigrantenleben von S. Schachnowitz, Endingen (Schweiz). (Fortsetzung.) Er war wieder, ohne daß er den Mckfall verspürte, der alte Motel. Sie hatten den Faden der frühern Unterhaltung wieder gefunden. Sic lebten wieder in der Vergangenheit. „Im Grmide alles dunnnes Zeug" — beteuerte der Engländer immer und wieder — „geht mich gar nichts un." Schalem überlegte. Als er aber dem Freunde ins Gesicht schaute, das ernst und träumerisch aussah und' nicht im geringste» die Frivolität mit dem Tone zu teilen schien, fuhr er fort. »Ich spreche nicht von der bewußten Liebe im Sinne des Ilomaus, ob zwar ich auch dafür Stoff hätte. Ich spreche von der allgemeinen Liebe zum Leben und zur Menschheit. Auch der Glaube hat feste Wurzeln in unserem Herzen, auch bei jenen, die es nicht zugcben mögen." „Und die Hoffnung?" „Erkenne die Liebe und den Glauben in Dir wieder an, verhelfe ihnen zu ihren Rechten, räume ihnen den gebührenden Einfluß öuf Dein Fühlen und Denken ein und die Hoffnung ist von selber da." Wer dessen ungeachtet mußte Schalem immer von neuem erzählen. So plmlderten sic noch eine Stunde und merkten es kamn, wie sich die Schatten der Nacht immer tiefer ausbreitcten. Sie spürten nichts vom dünnen Regen, der ihnen ins Gesicht schlug, sie vergaßen den fremden, feindlichen Boden; — und cs war ein warmer Hauch aus der lieben, fernen Heimat, den ihnen die'Luft aus der See herübcrbrachte. Kapitel 9. Milton Marksen fand nach und nach durch, den Einfluß 'des Freundes seine Vergangenheit wieder, jene Vergangenheit, die ihm noch ein Leben voll Glück und Hoffnung enthielt. Dieses vollzog sich bei ihm unbewußt und ohne daß er cs sich oder sonst jemand eingestchcn wollte. Laut sprach er nach wie vor von den dummen Erinnerungen und blöden Hoffnungen, mit denen sich nur hirnverbrannte, hohlköpfige Glückskinder befassen, aber dessen ungeachtet dachte er im stillen eifrig zurück und überlegte die Zukunft. „Willst du wohl immer Soldat bleiben?" Dieses Wort des Freundes, an das der letztere sicher nicht mehr dachte, und das er selber scheinbar ignorierte, dieses Fragezeichen >vich nicht von ihm. llcbcrall stand es vor seinem Geistesauge und drängte um Antwort. „Nein!" — stellte sich dann auch die deutliche Antwort nebenbei. „Aber was denn? Was anfangen?" Dieses mußte halt bedacht und reiflich überlegt werden. Schalem machte sich in dieser Beziehung weniger Sorgen. Er erwartete sehnsüchtig den Ablauf der Dienstzeit. Was dann geschehen sollte, war bei ihm längst ausgemachte Sache. Ter Umstand, der ihm zu denken gab, war anderer Natur. Indessen hatten sich die Verhältnisse geändert, zu Gunsten von Vielen und auch zu denen der beiden Landsleute. Der Krieg hatte ganz aufgehört. Die Revanche Europas war vollbracht.. Besänftigt erklärten die Mächte den Frieden, die Truppen zogen sich nach und nach zurück. Den nach der Mandschurei abziehenden Soldaten Rußlands wurde zum Teile der Rest der Dienstzeit geschenkt. Just zur selben Zeit als man Schalem seine nach zwei Monaten einzutreiendc Freiheit ankündigte, gelang es auch Milton, ohne sonderliche Mühe seine Entlassung zu bekommen. Als sie sich darauf trafen, kam von selber beiden zugleich die Frage auf die Lippen: „Was jetzt?" Die gleiche Miene, der gleiche Ton, die gleiche Innigkeit im Händedrucke und doch entsprang die Frage bei dem einen einer ganz anderen Gedankcnquelle als bei dem anderen. „Was jetzt?" — fragte Milton und meinte damit: „Soll ich ihm nicinen Zukunftsplan eröffnen, d. h. mich als Gefühlsmenschen bekennen? Soll ich mich von ihm, dem ich im gctvissen Sinne Glück und Leben verdanke, jetzt für iinmer trennen müssen? Soll ich ihn zunr Mitkommcn veranlassen? Wird er, dem jetzt sein ganzes weites Heimatsland offen steht, noch etwas verlockendes daran finden, mit mir nach London zu gehen?" „Was jetzt?" fragte in derselben Tonart auch Schalem, aber er wollte damit sagen: „Soll ich ihn, den einzigen Freund jetzt vor der Trennung in mein Geheimnis cinwcihen? ihn veranlassen, daß er mit mir in der Stadt, die ihm den bittern Haß zur Welt und Menschheit bcigebracht, noch einmal als neuer Mensch sein Glück versuche?" Er hatte cs bis jetzt vor dem Freunde ängstlich vermieden, sein Verhältnis mit der Gefährtin jener unglücklichen Reise zu berühren. Wie — sagte er sich immer — wenn der Soldat mit roher Hand sein Heiligtum zerstöre? Er würde sich über seine Sentimentalität lustig machen und damit seine zärtlichsten Gefühle, die ihm bisher den Idealismus bewahrt und die Freude am Leben erhalten, verletzen. Aber jetzt, kurz vor der Trennung? — Daß sich unter der rohen Hülle des Freundes eine edle, empfindende Seele verbarg, hatte er längst herausgefunden. Und heute fand er sein Gesicht besonders ernst und sein Ton klang wie der Ausdruck eines vollen Herzens. Sollte er also davon anfangen? „Was gedenkst Du daheim änzufangen?" — fragte jetzt Milton nach einigem Schweigen. Scholcm konnte nicht sogleich seine Gedanken, die sich in anderer Richtung befanden, für den verlangten Aufschluß gewinnen und antwortete daher mit der Gegenfrage: „Und wo gedenkst Du jetzt hinzugchcn?" „Nach London zurück?" „So?" „Wunderst Du Dich darüber?" „Auch dies, aber meine Freude iiber Deinen Entschluß ist viel'stärker als die Verwunderung." „Freude? Wieso Freude?" „Weil auch ich entschlossen bin, nach London zu reisen." „So?" „Warum so verwundert?" „Bei mir ist die Freude darüber sicher größer als die Verwunderung." Die beiden Freunde schauten sich prüfend an. So klar stand jedem sein eigener Entschluß vor Augen, desto unverständlicher war ihm das Wesen des andern. Ein Rätsel stand zwischen ihnen. Milton Marksen fing zuerst an. Er erzählte kurz und bündig sein Vorhaben; es waren weder Luftschlösser noch Zukunftsträume. Eine bedeutende Teeexportfirma in Schanghai hatte ihm eine äußerst einträgliche Vertretung 'für London übertragen. Ein guter Kenner dortiger Verhältnisse stehe der Erfolg außer Zweifel. Er würde gleich nach Ablauf des Diensttermines abreisen, um das Geschäft sofort zu übernehmen. „So" — schloß Milton seinen kurzen Bericht — „so steht nun die Sache bei mir. Und nachdem, was ich vorher von Deinem Reiseziele vernommen, liegt doch wohl nichts näher, als daß wir zusammen nach London gehen. Das Geschäft enthält Arbeitsfeld für uns beide." Schalem versank in Nachdenken. Auf eine derartige Wendung der Dinge hatte er sich nicht gefaßt gemacht. Er kam mit Versuchen, den Freund für London zu gewinnen, und nun stand dieser felsenfest und entschlossen vor ihm, während er selbst sein ganzes Denken zusammcnnehmen mußte, um den Stand der Sache klar überschauen zu können. „Ich habe" — fing Schalem schließlich zögernd an — „ich habe Dir noch nicht den Grund meines Entschlusses, nach London zu gehen, gesagt." „Ist auch nicht nötig!" „Aber ich will cs." „Dann, meinetwegen!" Scholein erzählte das, was er bis jetzt noch nicht über seine Lippen gebracht. Die Schilderung, der Dampferfahrt, des Handels mit dem Agenten, sowie die Einzelheiten der mißlungenen Grenzüberschleichung kannte der Freund bereits zur Genüge. Er brauchte nur noch bei all diesem das Mädchen zu erwähnen. Er verkürzte in der Erörterung ihrer körperlichen und geistigen Vorzüge, sprach aber in bewegten Worten von dem Bande, das die Gefahr um sie gewunden, von dem Gefühle, das er seitdem überall in Kasernen und auf dem Felde tief im Herzen getragen, das heilige Gefühl der glühenden Liebe, das auch jetzt seine Schritte nach London, dem Wohnorte seiner Angebeteten lenkte. Milton hörte den Seelenergüssen des Freundes mit höchster Aufmerksamkeit zu. Er lächelte und wurde oft von der Lust befallen, über solche Schwachheit zu spotten. Als ob Kommisbrod und Sauerkohl, Strapazen und Plackereien, als ob das Leben in der Kaserne nicht prosaisch genug wäre, um einem solche Kindereien und Gefühlsduseleien aus dem Kopse zu jagen. Aber der Mann war einmal sein Schicksal, seine Vergangenheit. Und wie er da jetzt vor ihm stand, mit schwärmerischen Blicken und wie er in zärtlicher Sprache seine Herzensangelegenheit auspackte, da fühlte auch er in seiner Brust sich etwas regen. Eine defekte Saite in seinem Herzen war angeschlagen und er glaubte beinahe einen leisen Ton zu vernehmen . . . Denn war denn das Gefühl 'der Liebe ihm immer so fremd gewesen? . . . „So was begreifst Du wohl nicht?" — bemerkte Scholem, dem die eingctretene Pause peinlich wurde. „Nein! Ja, doch! Oder wirklich nicht" — antwortete Milton etwas verwirrt. — „Wie heißt Dein Herzl. Deine . . . Na, wie heißt das Fräulein?" Scholem hielt ihm ein Kärtchen vor: „Zum ewigen Andenken an diese Stunde von . . ." (Fortsetzung folgt.) Familiennachrichten. Geburte«. Eine Tochter, Herrn Strauß, Frankfurt, Obermainanlage 2. Aufgebotene. Lucie Cahn, Wiesbaden, mit Rechtsanwalt vr. für. Alfred Israel, Hamburg. Gertrud? Haas, Frankfurt, mit Max Sternberg, Frankfurt. Sterbefalle. Algina Selig, geb. Drucker, Wwe., 66 I., Frankfurt, Sandweg 131. Hedwig Süß, geb. Goldschmidt, verh., 31 I., Frankfurt, Moselstraße 21. Cliristy’s. London. # E. Klenz, Wien. Schirme,8t öeke9Pelzwaren Strassburger Hutbazar H. 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