Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 46 (18.9.1903)
- Date
- 1903-09-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 46. ruft mit dem Signal dich aus dein Gott, dein Richter, dein Bater, daß ungekünstelt du dich ihm zuwendest! Doch, was giebt es abzubrechen? Brich ab alle deine Beziehungen, so lieb und so altgewohut und so wohlvertraut sie auch sein mögen, die Gott nicht will! Der Herr, der dich geschaffen, er fordert heute Rechenschaft von dir, wie du es mit den sittlichen Gütern gehallen. Rausch haschonoh ist die Bilanz unseres irdisch-menschlichen Habens — zu unserem ewigen Soll, sagt einer der bedeutendsten Kommentatoren unserer Zeit, Samson R. Hirsch: Du tust Recht und scheuest niemand? Du Gymnasiast? der du von deinem Bater sagtest der „Alte'", von deiner Mutter die „Alle". Jüdische Ellemehre sollte dich hüten, so von ihnen zu reden, von deinen geistigen und physischen Bildncm! In dieser Bezeichnung kennzeichnet sich der Niedergang der Elternehre! Aufrütteln will das Signal, dich, den Kaufmann, den im Gotteshause noch nicht lassen die geschäftlichen Gedanken des Alltags, dich und jenen, euch und alle! Brecht ab, was nicht gut nach göttlichem Begriffe, denn sollte der Mensch entscheiden, was gut ist, so viel Köpfe, soviel Begriffe des Guten gäbe cs! Ungekünstell, aber auch mit unwiderstehlicher Macht redet das Schausor, es ist unabhängig, es beugt sich nicht vor dem Geldbeutel und erschricket .nicht vor dem Gewaltigen. Es ruft jeden an und auf zur Nachfolge! Kann ich auch abbrechen? Der zweite abgebrochene Ton. die Teruoh, sie bricht wie laut klagend hervor! Das ist der Widerhall meiner eigenen Seele. Laut klagt sie in Bewußtsein so manch verfehlten Tuns! Und wie ein leises, nachhallendes Wimmern ist der Schworim-Ton. das Tonzeichen, das abwechselnd mit der Teruoh erklingt. So wehmütig ist es mir zu-Mute bei diesem Aufmfe!- Tekioh! — Markig, fest, gedehnt! tönt es zum Schluffe wieder. Hast du dich besonnen, Jude, Jüdin, auf deine Pflicht, und hast Du, wenn auch mit Schmerz und Wehmut, das Unzulängliche deines irdischen Habens gegenüber deinem ewigen Soll erkannt, dann nicht verzagt, dann ruft niitdieser letzten Schlußtekioh dein Vater im Himmel, der noch eben dein Richter, dich auf! Muttg wieder dem Leben zurückgegeben; macht's besser im. künftigen Jahre, vollend' es das Unvollständige! Der Gott der Juden verlangt nicht nur den „Glauben", er fordert auch Gehorsam, er richtet zwar, doch wie ein liebender Bater vermag er auch zu verzeihen. Er zeichnet uns ein zu neuem, langem, gutem Lebe n. Das ist's, was der Hebräer nennt: „Kesiwoh — wechasimoh — tauwoh!" Gut Jaumtauf! Bm Ami! Nachklang vom Katholikentag. Ein Anklang an Rausch-Haschonoh. C ö l n. Mit großer Befriedigung und üngcschwächtem Interesse habe ich als Jisroöl, der noch eifrig bemüht ist, sich dieses bedeutungsvollen Namens würdig zu erweisen, die Berichte verfolgt, die von der imposanten Versammlung deutscher Katholiken Kunde gaben. In auftichtiger Verehrung und Bewunderung staunte ich diese Gesinnungstreuc an, diesen Sinn für das Ideale in Verbindung mit dem besten Verständnis für das prattische Leben und last not least dieses unerschrockene Bereitsein mit der Tat, auch über bedeutende Hindernisse hinweg, für die Erfüllung ihrer Religionsideale einzutteten! Dann aber, als diese Tage bcgeistetter Feststi'.nmung für meine katholischen Mitbürger verstrichen, ftagte ich mich, „woher dieses warme Mitempfinden für das Tatenleben eines anderen Religionskreises bei Dir, dem in Treue.zu seinem Religionsgesetze sich . bemühenden Juden?" Dieses ideale Streben hatte in meinem eigenen Inneren eine verwandte Saite angeschlagen. In diesem Stteben, Religionsideale in das praktische Leben zu verpflanzen, empfand ich eine Parallele meiner eigenen Lebensführung. Oho! mein ich schon zu vernehmen, so begeistert machst du Jude für Christentum Propaganda! Nein und abermals nein! Missionstätigkeit fehlt uns ganz und gar, dürfen wir nicht tteiben! Aber getrennt marschieren und vereint schlagen! Jeder in seiner Weise! Das gemeinsame Ziel ist die Erstreüuna eines vollendeten Menschtums, die Wege zu seiner Erreichung sind gar weit. Mit der Kultur des Katholizismus habe ich nichts gemein; aber all die schon genannten ideellen Begleuerscheinungen wie Gesinnungstteue, unerschrockenes Bereitsein u. s. w., sie möchte ich meinen Volksgenossen wünschen. Aber besitzen wir nicht auch Männer genug, die für das Judentum mit der ganzen Kraft ihres tatenreichen Lebens eintteten? Gemach! Wir werden sehen! Nur noch wenige Tage sind cs und auch in jüdischen Kreisen werden wir Versammlungen beiwohnen können, die weit größer an Zahl, und so imposant inszeniett, wie die eingangs gedachte war. Allerdings werden nicht so viele Redner die Tribüne besteigen, es wird in bestem Falle nur ein Redner an beiden Versammlungstagen sprechen; dafür aber verteilt sich der zu bearbeitende Stoff mehr auf die übrigen Mitglieder der Versammlung! Aber werden sie auch niit dieser Begeisterung bei der Sache sein? Bringen sie dem zu bearbeitenden Stoff ebendasselbe Verständnis entgegen und. was viel wichtiger, ttagen sie auch in ihr praktisches Leben so viele Anregungen hinaus? Nicht einen Schimmer jener Begeisterung und Anregung geht auf sie über. Eine Last empfinden sie diese Versammlung, einen Tribut, den man dem l. Gotte alljährlich einmal zollen muß, worin man sich resigniert ergiebt! Ach! ich errate es. Sie stellen den ungeheuerlichen Vergleich: Katholikentag und Gottesdienst an den hohen Festtagen! Jawohl, nichts anderes! Was will der jüdische Gottesdienst anderes als Durchgeistigung mit unseren Idealen erzeugen und Begeisterung ftlr ihre Betätigung im Leben wecken? Nun, ich dächte das Gebet und das Ueben ftommer, altüberlieferter Gebräuche, und an denen fehlt es dem Juden ja nicht, sollte ihn reichlich mit dieser Begeisterung erfüllen. Jawohl, das ist so die rechte Auffassung eines Judentums, für das der Totengräber das Grab schon ausgeworfcn 11 Beten und Ceremoniendienst! Wenn ich es nicht wüßte, daß Sie mit dieser Aussaffung, und sie ist weit verbreitet, das Produkt einer irre geleiteten Zcitrichtung wären, ich hätte Grund genug, Ihnen gram zu sein! Lagen Sie mich Ihnen sagen, warum die übliche Art des Bctens und der Ceremonienbeobachtung so zwecklos für Sie ist! Den Text einer Oper haben Sie gelesen, die Musik zum Texte aber kannten und hörten Sie nicht, und Ihrer Phantasie ermangelte die Szenerie der Handlung. So liegt es mit Ihrem Verständnis für den jüdischen Gottesdienst. Der ttockene, meistens schlecht ühersetzte Text ist in Ihren Händen; aber Sie, der in der Sprache des Homers Verse setzt. Sie, ein gewiegter Kenner Shakesspears, Sie verstehen dennoch mit Nichten die Ursprache, in deren unser Tefiloh geschrieben, ihr innerer Aufbau ist Ihnen unbekannt und die feingesponnene, vielfach poetische Beziehung des Textes zur Bedeutung eines jeweiligen Gedenk¬ oder Festtages haben Sie nie geahnt! Sie müssen es erst aus dem Mund des nicht jüdischen Dichterphilosophcn Herder vernehmen, was die Psalmen uns, nein, einer ganzen Welt bedeuten! Und Ceremoniendienst!! — Eine Ceremonie ist eine Handlung, die durch Herkommen oder Anstand geboten ist, der aber keine tiefere Bedeutung inne wohnt. Handlungen dieser Art giebt es im jüdischen Gottesdienste überhaupt nicht. Da ist nicht das scheinbar Geringste ohne tief ethische, ideale oder symbolische Bedeutung und gerade sie, diese Symbolhandlungen, sie sind der Kern fast eines jeden Gottesdienstes, wo Sie ihn auch üben, in der Synagoge oder zu Hause ini stillen Kämmerlein. Und das ist der Grund des Uebels, diese Symbolsprache verstehen Sie nicht, diese Sprache, die beredter und aktueller fließt, als eine formvollendete Predigt. Aber nicht verzagt! Ich komme nicht. Ihnen mein ck'aoouso entgegenzuschleudern. Die Streitaxt ist in den Kreisen der Judcnheit auf religiösem Gebiete G. s. D. begraben und eine versöhnlichere Stimmung hat auch bei den, dem Judentum ferner stehenden Brüdern, Platz gegriffen, auch ein Geneigtsein, zurück zum alten Kurs! Und diesen Augenblick versöhnlich geneigter Stinmmng benutze ich, um, geleitet von Samson Raphael-Hirsch seligen Angedenkens, dem großen Altmeister auf dem Gebiete der jüdischen Symbolsprache, Symbollehre, die er nach eigenstem System wissenschaftlich begründet und aus dem dunklen Bereich willkürlicher Deutung herausgehoben hat, Ihnen eine Skizze zu zeichnen, wie etwa gerade die in den nächsten Tagen geübten „Ceremonien begrifflich als der geistige Kern unserer Festtage sich erfassen lassen, wie sie, die Symbolhandlungen, alles das in Kürze reden, was poetisch das „langweilige Gebetbuch" weiterspinnt! Davon, beim Wiedersehen! 8on Ami! Die Berliner höheren Lehranstalten und das Judentum. Unter der obigen Ueberschrift, einer Ueberschrift, die schon die Tendenz verrät, wird der Täglichen Rundschau, Berlin von einem Schulmann folgendes geschrieben: Ein sehr praktisches Heines Buch hat der Ober lehrer O. Spruth vom Realgymnasium in Charlottenburg soeben im Selbstverläge erscheinen lassen es nennt sich „Berliner Schulkalender, Führer durch die höheren Schulen Berlins und seiner Vororte" und bezeichnet sich mit Recht als 'einen Ratgeber für Eltern. . . . Ich möchte mich nun aber nicht damit begnügen, das Buch Spruths zu empfehlen, sondern es liegt mir vor allem daran, darauf hinzuweisen, daß aus dem «christchen, obwohl ihm selbstverständlich jede Tendenz durchaus fern liegt, mit erschreckender Deutlichkeit und Uebersichtlichkeit hervorgeht, wie ungeheuer groß der Prozentsatz der jüdischen Schüler und Schülerinnen aus unseren höheren Lehranstalten ist. Alles den Gymnasien ist es in dieser Beziehung am schlimmsten bestellt, aus den Realschulen weitaus am besten Während sich, zum Beispiel in der 9. Realschule neben 410 evangelischen und 15 katholischen Schülern nur 9 jüdische finden, zählt das königliche Wilhelms- Gymnasium 290 Juden und nur 281 Christen, darunter 8 Katholiken, das königliche Französische Gymuasiuni 113 Juden und 128 Christen, das Friedrichs- Gymnasium 202 Juden und 315 Christen, das Sophien-Gymnasinm 251 Juden und 331 Christen und das- Köllnische Gymnasium 160 Juden und 218 Christen. Und nun die höheren Mädchenschulen: die C'harlottenschule hat neben 357 Jüdinnen nur 359 Christtnnen, an der Sophienschüle sind die entprechendcn Zahlen 324 und 372, an der Margaretenchule 292 und 349. Diese Zahlen stehen außer jedem Verhältnis zu dem Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung Berlins. Während im Reiche (neben etwa 35,7 v. H. Katholiken) nur 1,1 v. H. Juden, in Preußen (neben 34,5 v. H. Katholiken) nur 1,2 v. H. Juden wohnen, giebt es deren selbst in Berlin '(neben 8,6 v. H. Katholiken) nur 5 v. H. Juden. Und nun halte man daneben die oben gegebenen Zahlen und vergleiche besonders auch das Verhältnis der Zahl der Israeliten zu dem der Katholiken, die doch selbst in Berlin noch zahlreicher sind als jene. Und dabei zählt z. B. die Eharlottenschule neben 10 katholischen Schülerinnen 357 Jüdinnen, das Wilhelms- Gymnasium neben 8 katholischen Schülern 290 Juden! Das sind Zustände, die zu denken und — zu sorgen geben. Mögen zehnmal in Theorien befangene Leute, o wenig sie auch bei anderen lebenden Wesen die Rassenverschicdenheit leugnen und unberücksichtigt lassen werden, den Unterschied zwischen Germanen und Juden nicht sehen wollen oder als ganz belanglos hinstellen; er besteht doch und zwar, in sehr ausgeprägter Art, und es ist gar keine Frage, daß der jüdische Schüler, mag er auch seine Vorzüge haben, doch in recht vielen Dingen ganz anders denkt und fühlt, als der christliche, daß er — von der Religion ganz abgesehen — z. B. der Literatur und Geschichte (zumal der deutschen) und sehr vielem, was uns über alles lieb und wert ist, anders gegenüberstehen und anders darüber urteilen wird und muß und daß er überhaupt, beim eigentlichen Unterricht sowohl wie im sonstigen Verkehr mit Lehrern und Mitschülern, seine andere Art zeigen und betätigen, sie wohl auch zum Schaden für die Gesamtheit und für eine einheitliche und harmonische Ausbildung im deutschen Sinne oft genug siegreich zur Geltung bringen wird. So ist es denn Tatsache, daß nicht wenig Familien Berlins — und in manchen anderen Städten, wie in Breslau und Frankfurt ist es nicht besser — es recht schmerzlich empfinden, daß das semitische Element in den Schulen, die ihre Kinder besuchen, so überaus stark vertreten ist. Und auch die Arbeitsfreudigkeit der Lehrer leidet darunter, daß in nicht wenigen Klassen mehr als die Hälfte, ja mitunter mehr als zwei Drittel ihrer Schüler jüdischer Abstammung sind, daß so oft genug der semitische Geist die Herrschaft gewinnt, und daß, was sie lehren, nicht den Widerhall km Herzen der meisten ihrer Schüler findet, den sie erwarten könnten, wenn diese Schüler Germanen wären, wie sie. Hier besteht eine ernste Gefahr und ein Mißstand; Zustände, wie die geschilderten, verlangen Abhilfe: sie sind auf die Dauer schlechthin unerträglich. Nun weiß ich wohl, daß, wer auch nur die gelindesten Mittel zur Abhilfe Vorschlägen wollte,'auf erbitterten Widerstand stoßen und ein gewaltiges Zorngeschrei Hervorrufen würde. Und doch muß etwas geschehen: die Eltern nichtjüdischer Kinder haben ein Recht darauf. Was geschehen könnte, darauf will und kann ich hier nicht eingehen; ich Hatte zunächst nur die Absicht, wieder einmal auf diese Dinge hinzuweisen, und ich denke, die geschilderten Zustände genauer kennen zu lernen, wird für alle von größter Wichtigkeit sein, die unser Volk und seine Art lieben und möglichst rein erhalten sehen möchten und die nicht in Theorien befangen sind, denen die Wirklichkeit doch immer und immer wieder Hohn spricht. Die „Tägliche Rundschau" ist eine Zeitung, die in den besseren und in den besten Kreisen Preußens verbreitet ist. Im großen und ganzen bemüht sich sogar die „Tägliche Rundschau", auch uns Juden gegenüber eine gewisse Objektivität zu wahren, während die beiden anderen Leibblätter des Adels, der Offiziere, der Regierungsbeamten u. s. w., „Die Kreuzzcitung" und „Die Post" in fast jeder Nummer ihren antisemitischen Allüren Ausdruck geben und so grade in die maßgebenden und maßgebendsten Kreise die ungerechte Sache des Mißverständnisses, der Trennung und des Hasses streuen. Lehrt Dich der Freund, was Du kannst. Sagt Dir der Feind, was Du sollst! Es ist hier nicht unsere Aufgabe, auf die unsinnigen Ausführungen des Schulmannes einzugehen. Jeder vernünftige Mensch wird es den jüdischen Eltern, nur hoch anrechnen, wenn ihnen die Bildung ihrer Kinder ckm Herzen liegt und sie dafür buchstäblich den letzten Pfennig hergeben; daß die christlichen Eltern, deren Kinder alle Berufe offen stehen, deshalb und vielleicht auch aus geringerer Elternliebe nicht ein Gleiches tun, ist nicht unsere schuld.