Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 46 (18.9.1903)
- Date
- 1903-09-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Israelitisches JaiittliniMaü. Redaktion und Haupt - Expedition: Frankfurt «. Ml. Brrgerstrahe 23, parterre. Herausgeber: Saly Geis. No. 46. Freitag, de« 26. Mul 5663 (18. September 1963). No. 46. a s Abonnementspreis ML 1.— vierteljährlich, ftei ins Haus. Durch die Post bezogen 90 Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) 'Nostzeitungsriste 2741. Einzelnummem kostm 10 Pfg., Bezug durch Streifband 2JH. 1.50 vierteljährlich (Ausland ML 2.—). a s b= Jnsertionspreis für die viergespaltene Petttzeile 25 Pfg., für die Reklame-Zeile ML 1.—, im kleinen Anzeiger (Familien-Nachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, ML 5.— 6iS 8.— das Tausend. a Zu Rosch Haschonoh. Wenn auch nicht mehr der Opferdust Entsteiget den Altären, Wir können Opferfreudigkeit Dir dennoch, Herr, bewähren. Des Herzens sündige Begier Die bringen wir zum Opfer Dir, O Herr, laß von uns allen Solch' Opfer Dir gefallen. Und kann der Priester nicht für uns Das Heiligtum betreten. Wir können selbst im Heiligtum Zu unsrem Schöpfer beten, Im Gotteshaus mit Lobgesang Bekunden wir des Herzens Drang, O Herr, laß von uns allen Solch' Opfer Dir gefallen. Und können wir zum Opfertier Auch keine Gaben spenden, Auf daß wir unsere Sündenlast Zum Wüstenfelsen senden, Wir wollen unsere Gaben weih'n Dem Dürftigen ein Trost zu sein, O Herr, laß von uns allen Solch' Opfer Dir gefallen. Das können nur die Opfer sein, Die wir zu bringen haben, Die wahre Buße, das Gebet Und milde Liebesgaben. So suchen wir des Schöpfers Huld, So sühnen wir der Sünde Schuld. O Herr, laß von uns allen Solch' Opfer Dir gefallen- Die Rede jüdischer Fanfaren- und Schofarttänge! Auf einem zackigen Höhenzuge der Sinaihalbinsel beschloß ich meine Wendrast zu halten! Gigantische Schatten fielen in das spärlich bewachsene Tiefland; die heilige Schrift nennt es Wüste „Sinai"; und bis zur Wüste „Paran" verlor sich mein schweifendes Auge! Schnell, fast ohne Dämmerung senkte die Nacht sich über die Fluren, und im Säuseln der Winde vernahm ich Kunde aus längst vergangenen, aber geschichtlich 'bedeutsamen Zeiten. — — Kühl und kühler wurde die Luft und tiefer hüllte ich mich in meine Lagerdecken, bis ein süßer, kräftigender Schlaf inein Sinnen beschloß! — -- Das unruhige Zerren der angebundenen Lasttiere vermochte mich erst zu erwecken. Die frühaufgestandene Sonne hatte schon in fleißigem Schritte ein gut Teil ihres Himmelsweges durcheilt! Herrlich fielen ihre Strahlen auf die Tautröpflein des vormir sich breitenden Gefildes l Ein erquickender Gräserduft stieg auf-und im Bollgenuß aller dieser verschwenderisch ausgestreuten Gaben der Natur, durchflutete mich plötzlich mit Wucht ein hefliger Schauer, gebannt stockte mettt Fuß und im Sprachgeiste der Väter, die vor Jahrtausenden die Grundlage jeder Gesittung in diesen selbigen Gefitden/'zur ewigen Hut und Pflege empfangen, stieg zum Schöpfer und Weltenherrn ein Erguß meines innersten Empfindens empor: „Moh rabbu maassecho, Haschem, kullom bchochmoh ossissoh, moloh hoorez kinjonecho. Wie zahlreich sind Deine Werke, Gott, sie alle hast Du mit Weisheit gemacht, die Erde ist voll Deines Eigentums." Dies Morgengebet beendet und meinen Körper gestärkt, zog es mich wieder hinaus, und mit gefestigtem Schritte ging es hinab zudem Tale! Noch nicht halbwegs, verlor sich wiederum zur Ferne mein Blick, ich hielt an, mein Auge umflorte sich und ein Bild, imposant und gewaltig, entstieg dem Nebelschleier der Flur! Das Lagerbild meiner Väter auf ihrem Zuge zum LandeihrerSehnsucht! War dies die Beduinenhorde, zu der so gerne die heutige Zeit sie stempelt! War das ein Haufen ungeordneter, flüchtig und ängstlich schreitender Nomaden?? Den Befehlshaber eines jeden preußischen Armeekorps wünschte ich mir zur Seite, um den Blick mit mir zu teilen! Die Spitze des Lagers, in wohlgeordneten Zeltreihen, die Tausenden Mannen des Königsstammes Jehuda. Ein wenig rückwärts zur Rechten der Stamm Sewulun, die kühnen, später Kausfarteischiffahrt treibenden Männer, deren „Schachersinn" sie dazu trieb, brüderlich die unter Gefahren und Mühsal erworbenen materiellen Güter mit dem zur Linken gelagerten Stamm Jissachar zu teilen, daß er ungestört durch die Sorge ums Brod mit Ernst und Eifer die Wissenschaft betreibe und die Bildner des Volkes, die Lehrer erziehe! In Gruppen, wie diese, verteilten sich die übrigen neun Stämme, südwärts, westwärts und von allen umgeben, den Mittelpunkt bildend, physisch und geistig es seiend, die Stiftshütte mit dem göttlichen Gesetze! Lustig flatterten im Morgenwind die Fähnlein und Banner des Lagers! Geschäftig eilten zwischen den Zelten, die ihren Morgenimbiß bereitenden Bnei Jisreilim! Auf der Steppe grasten die Herden! Ruhe und Frieden! — Ruhiger und friedlicher als das Bahnhofslager ihrer spätesten Enkelkinder, geschmäht und geächtet, enteilend den ungastlichen Gefilden Rußlands und Rumäniens!- Doch horch! Ein markiger, langgezogener Ton wie aus einem Guß Lurchschnitt die Luft, machte sie vibrierend und zog in hohem Grade meine Aufmerksamkeit auf sich. Und die Ruhe des Lagers, diese wohltuende, sie schien dahin! Die soeben noch an allen Ecken des Lagers beschäftigten Menschen verließen ihr Werk und eilten zu den Zeltgassen! Gruppen bildend, laut gestikulierend, schienen sie noch nicht entschlossen, was nunmehr zu tun! Da ertönte das Signal wiederum, diesmal aber in kurz abgebrochenen Tönen, die Luft erschütternd rn Bewegung setzend! Noch lauter wurde es, noch aufgeregter in den Zeltgassen. Nunmehr schienen sie zu verstehen, der erste langgezogene Ton wollte nur ihre Aufmerksamkeit erregen; sie, die alle mit ihrem Denken und Tun in eigenstem Interesse beschäftigt, jeder an einer anderen Sache, verteilt auf die verschiedensten Richtungen der Lagerstätte, an sie erging der Ruf ihres Führers: Wozu? sollten sie zu ihm hineilen, seine Befehle zu vernehmen, frei von Terrorismus, ftei von Wsolutismus, zum Besten aller ausgegeben. Nein! Das zweite, erschütternde Signal, dieser abgerissene, gebrochene Ton, er sagte schon mehr! Abgebrochen wie der Ton, also sollten sie abbrechen, die Zelte, die schönen, die wohnlichen, die trauten,, die sie sich erbaut, sie glaubten es, für lange Zeit! War's möglich? Sie verlassen die Gegend, die wohlgekannte, wo ihnen so manche Freude wurde, die Felsschluchten, die so oft von dem fröhlichen Jauchzen per Jugend widerhallten, die Triften wo so gerne die Herden die saftigen Kräuter verzehrt! lind warum? War ein Ereignis hereingebrochen trotz der fürsorglichen Waltung der götllichen Vorsehung? Was sollte er reden, der erschütternde Ton, sollte er künden, daß Anialeks tückische Waffe sich gegen Jisroel gewendet! Da ließ sich wieder des ersten Signals langgedehntes Rufen vernehinen, diesmal aber ruhig, markig, kraftvoll wie in gerader Richtung. Geradaus! Auf! zum Ziel! Llh! wie erleichtert atmeten sie auf; dieser letzte Ton hatte den Bann gebrochen! Aufbrechen sollten sie wohl, verlassen den liebgewordenen Ort, aber nicht Krieg, nicht Unheil war die Veranlassung, geradeaus wie der Ton; so sollten sie ziehen, ziehen, rüstig schreiten, „mit Gott" im besten Sinne des Wortes, der ihnen Leitstern war und dessen Willen sie sich bemühten, zu dem ihrigen zu machen. „Gott will es". In diesem, in besserem, friedlicherem Sinne, als es nach Jahrtausenden die Lust erdröhnen machte als grausiger Geleitruf tausender unserer Brüder, da sie Hinaufstiegen zum Scheiterhaufen oder hinabstürzten in die Fluten I Sie trugen in ihrem Kopf einen andern Begriff der Gottverehrung, das war ihr Verbrechen! „Halloh, du Träumer!" mein Freund und Begleiter ist's; mit lächelnder Miene klopft er mir auf die Schulter. „Wenn du noch oft so lange in Gedanken verweilst, verspäten wir den Anschluß ans Schiff, und wer uns zu Hause nicht antrifft, ist Freund Jaum-tauw, du kennst ihn, den Rausch haschonoh!- II. Rausch haschonoh I Festlich gekleidet, sind sie herbeigeeilt, um in dichten Scharen dem Gottesdienste beizuwohnen! Auch sie, die Brllder. die ich nur selten im Jahre dort getroffen, fehlen heute nicht im Äeis- Hachneses (jetzt wird es „Gotteshaus" genannt), im Haus der Versammlung, der Versmnmlung mit seinen Brüdern, die Bande täglich neu zu knüpfen, die uns mit ihnen binden sollten; und dann erst, wenn in eeinigtem Sinne mit ihnen, wandte unser Geist sich en Religionsidealen zu, die in Worten oder symbolischer Handlung uns neu belebten und begeisterten, daß es uns an dem Mute nicht fehle, sie draußen im Leben zu verkörpern, trotz Schmähruf oder Verachtung I Haus der Versammlung — der geistigen Sammlung! — Und erst dann, wenn wir uns erbaut, im ursprünglichsten Sinne des Wortes, nicht eingeduseft. den Geist beschläfert, in Sentimentalität geschwelgt, nein, wenn neu aufgebaut der Sinn für jüdische Ideale, die, wenn sie recht erfaßt, in Nichts nachstehen, was wahrhaft Großes und Menschliches Menschen erdacht und als erstrebenswert hoch dahingestellt; dann erst, wenn redliche Arbeit an Geist und Gemüt wir geschaffen, wandte zu Gott sich unsre Bitte, daß er es an den Gütern nicht fehlen laffe, die uns dahinstellten als freie, selbständige Vertreter gedachter Ideale! Das war einmal! Aeugerlich spinnt auch heute sich noch vielfach die Gottesdienstordnung so ab wie vor Jahrhunderten, äußerlich, die Festtagskleidung ttagen wir, doch nur selten Festtagsgesinnung! — Dieweil ich so dachte, hatte der Gottesdienst schon seinen Höhepunkt erreicht! Würdevoll bettat der Rabbiner die. Emporhöhe inmitten der Synagoge, tiefe Stille ttat ein! Te— ki-oh! Te— ru - oh Te— ki-oh! Lang, kraftvoll, gedehnt der erste Ton, erschütternd, abgebrochen, stoßweise der zweite, und in gemeffener Ruhe, markig gedehnt, tönte wiederum der dritte! Wir haben sie schon kennen gelernt, diese Signale; vor Jahrtausenden riefen sie zum Abbruch und Aufbruch!! Doch was rufen sie hier, heute? Abbruch und Aufbruch!!! Es ist das Signal, das da ungekünstelt aus dem Natur Horn zu uns dringt, so ungekünstett Abonniert das Frantrsurter Israelitische Iamitienbtatt!