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Neue jüdische Presse · 1903-09-11 · Heft 45 (11.9.1903) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 45 (11.9.1903)
Date
1903-09-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 45. zu genügen, da in der Mitgliederzahl im Laufe der Jahre manche Lücken entstanden sind, und daher wäre eine weitere Kräftigung des Vereins sehr erwünscht. Der Schriftführer, Herr Direktor Plocki, Waisenhaus, Papendamm, nimmt Anmeldungen neuer Mitglieder gern entgegen. Stuttgart. Die Bestimmungen über das israelitische Schächtwesen haben durch einen Erlaß des Ministeriums des Innern neuerdings eine Aenderung erfahren. Als erprobte Schächter im Sinne der Ministerialverfügung betreffend den Verkehr mit Schlachtvieh und Fleisch gelten nur solche Personen, welche sich neben der technischen Befähigung über ihre Bestallung als Schächter durch die zuständige israelitische Kirchcnbehörde ausweiscn. Das Einblasen von Luft in nach jüdischem Ritus zu beanstandende Lungen ist in Abweichung von den Vorschriften der erwähnten Ministerialverfügung unter der Bedingung gestattet, daß die Lungen nach beendigter Untersuchung alsbald unschädlich beseittgt werden. Gnescn, 1. September. Ein Gnadengeschenk von 50 Matt hat der Kaiser der „Gnes.^Ztg " zufolge einer hiesigen in ärmlichen Verhältnissen lebenden jüdischen Frau zukommen lassen. Oesterreich-Ungarn. Wien. T e m p e l w e i h e. Die feierliche Einweihung des neuen israelitischen Tempels, VIEL, Neudeckergassc, findet am 15. d. statt. Wien. Israelitische Wohltätigkeitsstiftungcn. Am 10. November d. I. gelangen die Erträgnisse der von Herrn Samuel Klinger zum Andenken an seine Gattin Frau Paulinc Klinger errichteten Stiftung an vier arnic israelitische Wöchncrinnen im Betrage von je K. 94 zur Verleihung. — Aus der Theobach llffenhcimcrschcn AusstattungSsttftung werden am 28, November d. I. drei Plätze im Betrage von je K. 840 an arme israelitische wohlverhallene Mädchen zur Verleihung gelangen. — Aus der Max Marmorosch-Stistung für Handclsakademikcr gelangen am 24. November d. I. als dem Sterbetage des Herrn Max Marmorosch zwei Plätze ä K. 350 an arme israelitische Schüler der Wiener Handelsakademie zur Verleihung. — Aus der Sigmund und Rcgine Kaudcrsschen Heiratsausstattnngsstiftung für mittellose jüdische Bräute sind am 26. November d. I. die Jahrcserträgnisse per K. 220 zu verleihen. — Aus der vom Herrn Alois Reich zmn Andenken an seine am 25. Oktober 1899 verschiedene Gattin Frau Flora, geborene Landesmann, begründeten Wchmung gelangen am 25. Oktober ac. die, Jahreszinsen per K. 84 an eine arme israelitische Wöchnerin zur Verleihung. Gesuche um Verleihung dieser Widmungserträgnisse sind bis 30. September 1903 im Einreichungsprotokoll'der israelitischen Kultusgemeinde (I., Seitcnstettengasse 4, erster Stock) zu überreichen. — Aus den Zinsen der Kaiser Franz Josefs-Jubiläumsstiftung zur Unterstützung israelitischer Waisen, errichtet von einem ungenannt sein wollenden Wohltäter, gelangen drei Stiftplätze ü K. 300 zur Verleihung. Die gehörig belegten Gesuche sind bis zum 15. Ottober 1903 im Einrcichungsprotokoll der israelitischen Kultusgcmcindc Wien (L, Seitenstcttengasse 4, erster Stock), woselbst auch Gesuchsblankette unentgeltlich ausgcfolgt werden, zu überreichen. Schweiz. Basel. Zionistenkongreß. Wie der »Gaz. de Laus." berichtet wird, verließ das Kongreßbureau erst am 2. ds. unsere Stadt. Noch während zwei Tagen nach Schluß des Kongresses hielten das Aktionskomttee und die aftikanische Kommission Sitzungen ab, in denen wichtige Beschlüsse gefaßt wurden. Aber auch die Gruppe der jungen Intellektuellen, denen die neue Wendung der Dinge nicht behagt, hielten weitere Versammlungen ab. Verschiedene Redner kritisierten den Führer der zionistischen Bewegung sehr scharf. Man kann mit Sicherheit darauf rechnen, daß ähnliche Verhandlungen in allen zionistischen Kreisen, vornehmlich in Rußland, werden gepflogen werden; hier wird ein hefüger Kampf entbrennen zwischen der volkswirtschaftlichen und der inttansigent-nationalistischen Gruppe. Von dem Ausgang dieses Kampfes wird auch das Geschick des nächsten Kongresses abhängen, und dieser dürfte eine kapitale Bedeutung erhalten für das gesamte jüdische Voll und insbesondere für dessen nationallsüsch gesinnten Flügel. Bern. Herr S. Bloch, Kantor, hat in diesem Monat das 25. Dienstjahr als Religionslehrer der hiesigen Jüdischen Gemeinde vollendet. Zur Feier ' dieses Jubiläums versammelte sich am Sonntag vormittag die ganze Gemeinde in dem alten Gebäude an der Anatomiegasse, das seit langen Jahren als Synagoge dient und nun bald' abgebrochen werden soll. Die kleine Feier nahm einen würdigen Verlauf und zeugte von der herzlichen Verehrung, die die hiesigen israelittschen Kreise ihrem Geistlichen entgegenbringen. Nach dem Festakte, bei dem dem Jubilar ein prächtiger Lorbeettranz, ein silberner Becher und andere Auszeichnungen überreicht wurden, und im Laufe des Mchmittags nahm Herr Bloch die persönlichen Glückwünsche der Mitglieder des israelittschen Kultusvereins und ihrer Familien entgegen. Herr Bloch, der früher in gleicher Eigenschaft im Elsaß tätig war, blickt nun auf eine 44jährige, segensreiche Arbeit im Dienste der israelittschen Gemeinde zurück. England. London, 3. September. »Daily Express" meldet: Eine bedroh licheSituation besteht zu D o w - l a i s M e r t h y r - T h d f i l sin der Nähe von Cardiff) infolge der Antipathie der irischen Arbeiter gegen die polnischen Juden. Letzten Montag wurden zwei Juden angegriffen und Dienstag zwanzig in der Hauptstraße belästigt. Einer der Juden leistete entschlossen Widerstand, aber der Andrang weiterer Gegner zwang ihn zum Rückzug, nachdem er schwere Verletzungen erlitten. Es waren auch andere von der üdischen Partei verwundet worden. Als sie später;ur Fabrik zurückkehrten, stießen sie auf eine fcindclige Menge und mußten an einem versteckten Ort ibcr eine Mauer zur Arbeit gelangen. Jetzt weigerten ich die ortsansässigen Arbeiter, mit ihnen zu arbeiten. Abends wurde einer der Juden beim Broteinkauf chwer mißhandelt und mit Füßen getteten und sonst verletzt. Die Polizei intervenierte. Die einheimischen Arbeiter zogen vor die Häuser, wo sie Juden vermuteten und bewarfen sie mit Steinen. Mittwoch hiellen cs die Juden, 300 an der Zahl, für angezeigt, die Arbeit einmütig niederzulegen, aber die Fabriksleitung sandte nach ihnen und unter dem Schutze einer größeren Polizeitruppe konnten sie den Tag unbehelligt verbringen. Es kamen keine weiteren Störungen vor. Wie das genannte Blatt versichert, werden die dortigen Juden als nüchterne und zuverlässige Arbeiter gechätzt. Die ansässige Judcnschaft hatte bereits Unterhandlungen angeknüpjt, um die jetzt angegriffenen Einldanderer nach Kanada zu schicken, da sie den Lohn von 2 8h. und 8 d. pro Tag für unzulänglich hielt. Dieser Lohnsatz ist derselbe, den andere Arbeiter dort erhalten. In diesem Falle ist es also unzutteffend, daß jüdische Arbeiter die einheimischen unterbieten. London. Die jüdischen Arbeiter, die in Wales hauptsächlich durch irische Arbeiter überfallen und verfolgt wurden, weil sie angeblich den englischen Arbeitern die Beschäftigung entziehen, werden nach Eanada geschickt locrden. Die Leute sind zumeist Polen. Als Tag der Abreise von Liverpool ist der Dienstag nächster Woche festgesetzt worden. Einige von ihnen werden nach Ncuschottland gebracht, während andere Woodstock in Montreal vorgezogcn haben. Die Zahl der Auswanderer beläuft sich auf 60 Köpfe. Da Man am Samstag eine Erneuerung der Unruhen in Dowlais erwartete, lvar die Polizei bedeutend verstärkt lvordcu und der Ort wurde beständig abpatroullliert. . Rußland. Warschau. Die Juden in Warschau. In Warschau leben gegenwärtig über 260 000 Inden. Eine solche Zahl hat kaum eine andere Stadt auf dem Erdball aufzuweisen. Sie haben eine besondere Gemeindeverwaltung und erfreuen sich gesetzmäßiger Vertretung. Ihre Verwaltung verfügt über große Kapitalien. Warschau ist einer der wichtigsten Büttel- Punkte des Judentums und mit ihm steht das gesamte Judentum in Rußland durch zahlreiche Fäden in Verbindung. Dort erscheinen zwei jüdische Zeitungen, mehrere jüdische Zeitschriften und cs ist der Hauptsitz — des Handels mit alten Kleidern. Warschau erhält die Zufuhr von alten Kleidern aus ganz Europa. Es ist ein genau organisierter, ungeheuer ausgedehnter Handel, der bis nach dem fernen Osten reicht. Tausende von jüdischen Flickschneidern verschönern die eintreffenden alten Sachen, ehe sie ihren Weg in die Welt antreten. Neben großem Reichtum herrscht unter den Warschauer Juden auch die bitterste Armut. Frankosnrtenfia. Die Gemeinde in Frankfurt a. M. rüstet sich, um das 25jährige Amtsjubiläuni ihres Rabbiners in festlicher Weise zu begehen. Dr. Horovih hat auf die Entwicklung der Frankfurter Gemeinde einen hervorragenden Einfluß geübt, der Ablauf eines Vierteljahrhunderts seiner Tätigkeit ist daher auch für die Allgemeinheit von Bedeutung. Die Berufung Dr. Horovitz' nach Frankfurt fällt in eine stürmische Zeit. Die Israelitische Religionsgesellschaft hatte sich, ohne daß ihre Mitglieder aus dem von den Neologen beherrschten Gemeindeverband ausgcschieden lvaren, durch die jahrzehntelange Wirksamkeit S. R. Hirsch's zu einer in sich festgefügten Organisation ausgestaltet. Die gewaltige Persönlichkeit dieses begeisterten und geistvollen Vertreters der Wahrheit hatte ans geringen Anfängen eine große lebensvolle Gemeinde geschaffen, die aus eigener Kraft alle religiösen Institutionen hergestellt hatte. Da kam das preußische Anstrittsgesetz vom Jahre 1876 und mit diesem war den Mitgliedern der Rcligionsgesellschaft die Möglichkeit gegeben, ihre Verbindung mit der Gemeinde zu "lösen. Entsprechend dem Standpunkt, den er immer vertreten, entschied Rabbiner Hirsch, daß es Pflicht sei, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen und ans der Gemeinde auszutreten, eine Entscheidung, die jedoch nicht ohne Widerspruch blieb. In Frankfurt selbst sprach sich der gelehrte R. Moses Mainz dagegen aus, ebenso erklärte der Würzburger Rabbiner S. B. Bambergcr, dessen Entscheidung angerufcn worden war, daß man den Austritt nicht als geboten bezeichnen könne, wenn die Gemeinde wirklich, .wie sie es allerdings erst jetzt in Aussicht stellte, den Orthodoxen alle Institutionen bewilligte, deren eine jüdische Gemeinde bedarf und sie von der Beisteuer zu den Einrichtungen der Reform befreite. In den Kreisen des neologen Gemeindcvorstandes hatte nämlich der Erlaß des Austrittsgesetzes eine große Bestürzung hervorgerusen. Man befürchtete einen Massenaustritt und beeilte sich, diesen zu verhindern, indcni man den Gesctzestreuen die Erfüllung aller ihrer Forderungen, insbesondere auch die Berufung eines orthodoxen Rabbiners konzedierte. Verschiedene Rabbiner, die man für diesen Posten in Aussicht nahm, lehnten ab; sie mochten sich nicht in einen Gegensatz zu dem bewährten Vorkämpfer der Wahrheit, zu Rabbiner Hirsch stellen. Da wurde die Aufmerksamkeit auf den Rabbiner von Gncsen, Dr. Horovitz, einen Schüler Dr. Hildesheimers und Schwiegersohn des Altonaer Rabbiners R. Jakob Ettlinger gelenkt, der schon damals den Ruf eines großen Talmudgelehrten und eines Mannes von hoher Bildung genoß. An ihn trat jetzt die folgenschwere Entscheidung heran: Sollte er den an ihn ergangenen Ruf annehmen und dadurch einem Manne wie Rabbiner Hirsch entgegentreten, uird durch die Lebensrechnung Rabbiner Hirsch's, die in seinen „Prinzipien der Gewissensfreiheit" niedergelegt ist, einen Strich machen? Die Entscheidung war schwer, denn der Gedanke mochte ihm nicht leicht fallen, daß er möglicherweise dazu beitragen könnte, die große Frankfurter Gemeinde dem gesetzcstreuen Judentum vollständig verloren gehen zu lassen. Nachdem er die Sache reiflich überlegt hatte, entschied er sich für die Annahme und trat am Sabbat Kisowau des Jahres 5638 sein Amt an. Dr. Horovitz verstand es, die Bande, die ihn mit seiner Gemeinde verknüpften, durch seine persönliche Liebenswürdigkeit und sein gewinnendes Entgegenkommen immer inniger zu gestalten, und die Verehrung, die ihm von allen Seiten entgegengcbracht wird, äußerte sich insbesondere auch bei der Feier seiner silbernen Hochzeit. Auch bei allen humanitären Unternehmungen wurde sein Name genannt, und er stellte seine unermüdliche Arbeitskraft nicht nur -in den Dienst der Frankfurter, sondern auch vieler auswärtiger Wohltätigkcitsanstalten. Die geistige Bedeutung eines Mannes Ivic Dr. Horovitz sicherte ihm einen maßgebenden Einfluß weit über die Grenzen Frankfurts hinaus. Bei allen Angelegenheiten, welche die jüdische Gesamtheit betreffen, wird er zu Rate gezogen. Wir dürfen hier auch nicht die Gründung oder vielmehr Neubegründung des allgemeinen Rabbinerverbands mit «tillschweigcn übergehen, die zum Teil sein Werk war. Man hat gerade ihm aus dieser Gründung einen schweren Vorwurf gemacht, denn es'ist ohne weiteres zuzugeben, daß gegen ein Zusammengehen mit Männern wie Maybaum und Vogelstein schwere Bedenken bestehen; aber man muß zur Würdigung des Dr. Horovitz doch auch seinen Standpunkt zu begreifen suchen, der eben auf seinem überall durchgeführten Prinzip beruht, daß Vas Heil des gesetzestrcuen Judentums nicht durch Trennung und Ausschließung, sondern durch Zusammenarbeiten aus dem geineinsamen Boden gefördert werde. Vom Standpunkte seines Prinzipes darf Dr. Hdrovitz mit Befriedigung auf sein Werk zurückblicken. S. R. Hirsch hatte das Judeiitum zur Anerkennung gebracht. Aeußere Verhältnisse machten cs Dr. Horovitz unmöglich, es innerhalb der Gemeinde zur Geltung zu bringen. Uebcr die Berechtigung und den Nutzen seines Prinzips für das Judentuin wird die Geschichte dereinst zu urteilen haben. Der Person des Rabbiners wünschen wir, daß ihm noch eine langjährige Wirksamkeit bcschieden sein möge zum Segen für seine Gemeinde, zur Ehre des Judentums. Jmfl’efon. Cheiderkinder. Novelle aus dem Emigrantenleben von S. Schachnowitz, Endingen (Schweiz). (Fortsetzung) Der Himmel war mit grauen Nebeln bedeckt, ein ähnliches Grau bot auch das. Bild der See. In einiger Entfernung türmten sich in verschwommenen Umrissen die Wellen aufeinander und nahmen die dichten Nebelwolken auf. Vom Himmel kam ein dünner Regen herunter gerieselt. Die Freunde merkten dies kaum. Der Platz war nur wenig belebt und sie konnten sich ungestört der Unterhaltung hingeben. „Was für Dienst hattest Du heute?" — fragte Milton, im ehrlichen Bestreben, die Unterhaltung im militärischen Geleise zu erhalten. „In der Morgenstunde hatten wir Fclddienst; die anderen hatten dann noch Stubenarbeit." „Und Du?" „Ich bin seit meiner Rekrutenzeit am Samstag davon dispensiert." „Ist dies möglich?" „Ja, wer bei uns sonst als Soldat seine, Pflicht tut,, braucht über religiöse Unduldsamkeit nicht zu

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