Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 45 (11.9.1903)
- Date
- 1903-09-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692298-2692342--00447-2694834- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 45. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Seite 5. klagen. Dort in der Rekrutenzeit war es freilich anders. Wer die Vorgesetzten, die aus dem Amurgebiet mit uns hierher gezogen, sind neben tüchtigen Soldaten auch gute Menschen und rechtgläubige Christen. Bon unserer Gottesfurcht, sagen sie, wie sie jeder nach seiner Religion an den Tag legt, hängt der Sieg ab." Der Engländer lächelte höchst verwundert. „Seit wann sind die Russen so human gesinnt?" „Seit wann? Dies weiß ich öben nicht; aber wahr ist es, daß ich diese russische Humanität auch nicht auf russischem Boden, sondern erst hier im fernen Feindeslande kennen gelernt. Wahrscheinlich ist es der tägliche Anblick des Todes, der die Menschen milder stimmt und inniger an einander bindet." „Wo hast Du Rekrutenzeit gemacht?" „In Kowno!" „Ah, Kowno!" — Der Raine dieser Judenmetro- Pole, die Milton noch als Motele gut kannte, in der er die ersten Gründe seiner Bildung erhalten, sein Geist seine erste unbestimmte Richtung, die ihn ins bestimmte Elend gesührt, bekommen, die Erinnerung dieser Stadt verscheuchte wie mit einem Zauberworte alle militärischen Gedanken aus ihm und er war der -alte Motel wieder. „Kennst Du also Kowno gut?" „Ja, so weit man die Stadt als Soldat kennen lernen konnte. Du warst also auch schon dort?" „Ich kenne die Stadt weit mehr, so weit einem dieses als Jeschiwohbachur in mehreren Fahren möglich ist." Kowno war jetzt der gemeinschaftliche Boden und bot unversiegbare Quellen zur Unterhaltung. Milton weidete sich an den einzelnen Erinnerungen, von denen er nichts wissen wollte, wie jemand, der, um sich. zu büßen an seinem selbst verschuldeten Schmerze weidet. Er lachte und seufzte oft zugleich. Und doch war er es, der immer und wieder, von neuem fragte und seinen Geist in die Bilder der Vergangenheit völlig untertauchen ließ. „Kennst Du auch den dortigen Rabbiner, den berühmten Rabbi Jzchok Elchonon?" fragte er. „Ja" war die einfache Antwort Scholems — „ich kannte ihn gut; er ist nun seit mehr als vier Jahre tot." „Ah!" — Milton wußte nicht recht, welches Gefühl ihm dieses Ah abgerungen. Er wußte auch nicht wie ihm auf einmal nach vielen Jahren eine längst vergessene Gebetformel auf die Lippen kam, aber er legte stuinm die Hände in einander und murmelte dann leise vor sich: „Boruch dajan hoemeß!" Wie ein Stich ging'ihm durchs Herz. Ec sah in seinem Geiste den alten Gaon in seiner ganzen hochwürdigen Gestalt. Diese ehrfurchtgebietende Erscheinung, diese sanftmütig leuchtenden 'Augen, die jeden, auch den Aermstcn und Niedrigsten, wie den reichsten und vornehmsten gleich herzlich anschauten. Die heilige Scheu, mit der sein Anblick jeden erfüllte, wenn er sich auf der Kanzel oder auf der Straße zeigte. Es war eine andere Art von Scheu als die man vor einem hohen Vorgesetzten empfindet. Eine heilige Ehrfurcht; und doch war er der bescheidenste Mensch sowohl in seinem Wirken, als in seinem persönlichen Auftreten; die verkörperte Milde und Sanftmut; wie doch jeder ehrerbietig sich vor ihm erhob, wie so viele Stundenlang liefen, um ihm ins Gesicht schauen zu dürfen, wie die Handwerker ihre Arbeit hinlegten, die Lastträger mit ihrer schweren Last stehen blieben und die Droschenkenkutscher ihre Gäule anhielten, um jeden ein passend freundlich Wort hatte. Wie er dem jeden ein paßend freundlich Wort hatte. Wie er dem Unglücklichen Trost spendete, während er seinen Jüngern die geheimsten und düstersten Stellen der Lehre erleuchtete, wie er sich täglich bei den Arbeitern um ihre Verhältnisse, ihr Leben und ihren Verdienst erkundigte und' nebenbei ihr Gottvertrauen stärkte und auf ihre Moral in schlichten väterlichen Mahnungen einwirkte. Er erinnerte sich wie dieser von der ganzen Diasphora angebetete Greis einst ein schmutziges und notdürftig bekleidetes Kind, das er weinend auf der Straße angetrofsen, an der Hand durch alle Straßen und Gassen heimführte. Manches hatte Motel auf dem Wege zum englischen Milton gesehen und erlebt, vieles gelernt und viel vergessen. Wer eine zweite Erscheinung dieser Art ist ihm nn Leben nicht mehr begegnet. Vergebens suchte er sie überall in der großen Welt der Zivilisation und Intelligenz. Dieses lichtvolle Bild eines wahrhaft großen Menschen war nur drüben zu finden, im Jammertale, dein er als der Quelle alles Elendes und der geistigen Finsternis entlaufen... Wie weltverloren stand der sonst so nüchterne Engländer und ließ die verklärten Blicke über die grauen Nebelberge der See schweifen, als läge drüben das Land, aus dem ihm die Phantasie jene schönen Bilder hervorzuzaubern vermag. „Und dieser Mann ist nun gestorben?" — rief er dann ganz laut. Es schien ihm als müßte der Freund seine stillen Gedanken geteilt haben, die er nun in der Unterhaltung nur fortzusetzen brauchte. „Und wer ist jetzt sein Nachfolger?" Scholem war im Begriff, Die Frage mit Sachkundigkeit zu beantworten, hielt jedoch plötzlich mitten im ersten «atze inne, indem er dem Freund ein Zeichen zur Aufmerksamkeit gab. Ein Vorgesetzter kam des Weges und beide blieben nun ehrerbietig stehen und machten die Honneurs. Scholem wollte nun das angeregte Thema fortsetzen, aber Milton unterbrach ihn: „Ja, was liegt mir nun noch an all diesem, bin Soldat und alles andere ist mir schnuppe!" Er war in Ton und Haltung wirklich der trockene Soldat wieder. Der Anblick des Vorgesetzten hatte ihn sichtlich zur Besinnung gebracht, ihn aus den Träumen der Vergangenheit in die nüchterne Gegenwart zurückgeführt. „Soldat?! Willst Du denn immer Soldat bleiben?" „Drüber habe ich bis jetzt noch nicht nachgedacht; cs ist iiuch übrigens recht schön im Soldatenlcben — für einen, der die Liebe zu den Menschen,-den Glauben an Gott und die Hoffnung auf Glück verloren." .„Hast Du einmal diese Güter, die Tu da aufzählst, wirklich besessen?" „Ich habe sie besessen und verloren — und Du kommst auch noch so weit. Nur Geduld! Bruder! Du verlierst sie, wenn es so weiter geht, auch noch früh genug." —: Milton lachte, als freue er sich über die Zerstörung eines ihin lästigen Gegenstandes. Scholem antwortete nach einiger Ncberlegung bestimmt, aber ohne jegliche Entrüstung: „Nein, nimmer! 'Allerdings muß man jene Güter als solche unter allen Umständen schätzen und hüten; wer einen kostbaren Gegenstand leichtsinnig, nur um sich für einen Augenblick zu entlasten, aus der Hand wirft, der klage nicht über dessen Verlust." „Du wirst philosophisch bei der Sauerkohlkost!" „Ganz und gar nicht! Wollte nur sagen, daß man die Liebe, die wahrhaft richtige, die ihren Lohn in sich findet und keine Gegenliebe erwartet, wohl unter allen Umständen im Herzen bewahren kann, wie schon die Bibel schreibt: „Das viele Wasser vermag nicht die Liebe zu verlöschen." „Willst Du mir etwa die Liebe aus der Bibel beweisen? Ich habe sie an andern, minder heiligen Stellen kennen gelernt..." — lachte Milton. Milton versank in tiefes Nachdenken und fragte dann plötzlich ganz ohne Uebergang: „23ic steht es jetzt mit der Je schick oh in Kowno? Wird noch gelernt, sind dort viele Jünger?" (Fortsetzung folgt.) Mcherschan. Statistisches Jahrbuch »es Deutsch-Israelitische» GemeiuSebundes 190:1, 16. Jahrgang, 252 Seiten, Mk. 2.—. Mit jedem neuen Erscheinen nähert sich das Statistische Jahrbuch immer mehr seinem Ideale, ein treues Spiegelbild der deutschen Judenheit nach ihrem religiös-geistig kulturellem und nach ihrem sozial-rechtlichem Stande zu sein. Ein flüchtiger Blick in den Inhalt des Buches wird uns schon von dieser seiner Bedeutung überzeugen. Z. B.: Wieviel Reformrabbiner haben wir in Deutschland? Antwort Seite Vlll: Bereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands zählt 56 Mitglieder. Wieviel jüdische Gymnasiasten giebt es in Preußen? Antwort Seite 181: 6999 unter 72 615, also gleich 9,64 »Io. Da die jüdische Bevölkerung nur 1 »i» der Bevölkerung ausmacht, so giebt dieser Prozentsatz für das geistige Streben unserer Brüder ein geradezu glänzendes Resultat. Wieviel angestellte jüdische Oberlehrer giebt es an den höheren Lehranstalten Preußens? Antwort S. 160: an städtischen Schulen 89 und an staatlichen 11. Welche Beihülfe erhalten die jüdischen Gemeinden Hessen-Nassaus zu den Schulkosten? Antwort Seite 167 : 51 Gemeinden 25630Mk. staatliche Beihülse, 10 Gemeinden 2310 Mk. städtische Beihülfe. Interessant ist in dieser Rubrik auch, daß in den Provinzen Brandenburg und Pommern nicht eine jüdische Gemeinde staatliche und im Ganzen nur 3 Gemeinden städtische Beihülfe haben. Diese Stichproben dürften schon genügen. Wir heben aus deni Inhalte noch hervor: Seite 1—158 Verzeichnis der jüdischen Gemeinden im Deutschen Reiche nebst Angabe ihrer Seelenzahl, Vorsteher, Beamten, Wohltätigkeitsvereine jc. Seite 188—246: Behördliche Entscheidungen und Verordnurigen. Für das nächste Jahrbuch möchten wir die Beantwortung folgender Fragen wünschen: Wieviel Juden wohnen in Großstäden. Kleinstädten und auf dem Lande? Wieviel Rabbiner und jüdische Lehrer giebt es in Deutschland? Welche Einkommensteuer zahlen die Juden Deutschlands? Woche«-Kalender. Sabbath-Anfang: 6 Uhr 10 Minuten. Sabbath-Ausgang: 7 Uhr 30 Minuten. Kaiser Friedrich Quelle -Offenbach a. M.- Vornehmstes Tafelwasser. Wilhelm Glücklich ßegr. Schillerstrasse 4,1. Gegr. 1879. Frankfurt a. M- 1879. Immobilien, Hypotheken. Abonnements und Inserate für das „^frankfurter Israelit Jamtltenblatt“ nehmen die hiesigen Buchhandlungen: A. Rothschild, BSrnestrasse 38, A. J. Hofmann, Allerheiligenstrasse V zu Originalpreisen entgegen; daselbst ist auch stets die neueste Nummer zu 10 Pfg. das Exemplar zu kaufen. DV” Für den Inseratenteil übernehmen wir nur die pretzgesetzliche Verantwortung. “Kl Ghristy’s, London. * E. Lim, Wien. Schirme, Stöcke, Pelzwaren Strassburger Hutbazar H. Lange 119 Fahrgasse 119 und 81 Kaiserstrasse 81 am Hauptbahnhof. A. Greiling’s Schuhmacherei W 34 Kronprinzenstrasse 34 und 63 Kaiserstrasse 63. Anfertigung eleganter Samen- und Herren-Stieffel. WM" Spec. für Tlattfussand Xüftengetenkieidende. "MM . -—— Sohlen und Fleck, wenn eilig, in 20 Minuten.-- A. Dammes, gr. Eschenheimerstr. 4 Kunsthandlung und Einrahmungsgeschäft. Lager und Anfertigung aller Arten Rahmen. Gegenstände zum Brennen und Baien. Vergolder ei. Massige Preise. Reparaturen. Uogelfreunde finden 28 Holzgraben 28 die schönste and grösste Aas wahl in Zier-. Zucht- und Singvögel, Harzer Kanarienvögel, feine zarte Sänger. 'Vogelfu.tter, Käfige etc. ALBERT WINKLER, 28 Holzgraben 28. Laubfrösche mit und ohne Häuschen. .