Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 45 (11.9.1903)
- Date
- 1903-09-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Fa'milienblatt. Verantwortung deiner G c s a m t h c i t für deine Heiligtümer. Wach auf mein Volk! Sicht anderer Weg führt zu deinem Glück. Durch die Geschichte der Jahrtausende schallt es und aus. der Gegenwart Wutgeheul tönt wie Schosarrus eindringlich mahnend es in Israels Reihen hinein: „Läutert euch selbst zuvörderst, die ihr Waffenträger Gottes zu sein berufen seid." Freilich schon ward dein tiefer Schlummer, in dem du träumtest, dein Lebenscldorado schon gefunden zu haben, rauh gestört. Schon längst begannest freilich du, dich aufzurichten und umzusehen. Wer es gewagt, so lieblos ans süßen Träumen dich auszustören? Du schauest dich um, in welcher Ecke die Mißgunst dir den Wecker hingcstcllt; möchtest das Räderwerk dieser schrillen Töne gern zerstören — um dich wieder hinzugeben, ach, dem herrlich schönen Traum. Nein, nein, mein Volk! Laß die Erfahrung doch endlich dich belehren. Nimmer schlafen noch rasten, nimmer träumen, noch schluminern, bis dein Gott von neuem dir ein Ruhebett bereitet, und „Völker- Könige Erziehern gleich, Fürstinnen wie treue Ammen deiner warten," dich zu hegen und zu Pflegen. Du warst geweckt. Warum? Weil die Lebensarbeit deiner Tage du noch nicht vollendet. Wach aus, zur Arbeit! Wach auf. Sieh dich um in deinem Hause. Betritt dein Heiligtum. Ist dein Thaurohheiligtum dir gesichert? Ist es gewiß, daß all die Lehrer und Leiter, die Führer und „Oberhäupter", die deiner Jugend du vererben willst, den Thorageist ihr auch erhalten? O möchte ihre Erziehung „ein weißes Feuer auf dem dunklen" entfachen. Möchte ihre Begeisterung für das Judentum, mit dem sie in ihrem Wirkungskreise voranleuchten sollen, auf dem tiefen Grund des Wissens sich entzündet haben. Auf dem Grund des Wissens, das wie Feuer lodert aus des Herzens tiefem Schacht. ■ O, das Bewußtsein, das Empfinden, daß ein Feuergesetz vom Sinai, vom Himmel'der Sonne gleich erhellend und erwärmend herniederstrahlte! O das Bewußtsein und Empfinden, daß ein feglicher ein Teil, ein Glied des lebendigen, lebensfrischen Körpers dieses Gesetzesvolkes sei, daß es lebt dieses Volt, daß er noch lebt dieser Körper, daß er nicht als historische Leiche das Messer der Sektion an sich dulden will. Ja, daß er lebt und daß der Propheten lebendig Wort, lebendig lebt und nicht erstorben! — O, mein Volk, wachst du auch darüber, daß dieses Leben dir und deinen Kindern nicht verloren gehe, verloren, weil der Tod ihm droht von den eigenen Führern seiner Zukunft. Wachest, du darob. Oder scheuest du zurück vor ernstem Wort und ernster Tat — — um nur „niemanden zu verletzen"? Wach auf mein Volk zur Tat und schütze dir dein Leben! Nie hat im jüdischen Staat die Kritik geschwiegen, nie gab es Zeiten, selbst unter dem Drucke eigner Königsherrschast nicht, da ungerügt gefrevell werden durste. Damals hob sich die Stimme der Propheten — vom Himmel kam der Ruf —; heute schreit zum Himmel des Volkes Ruf, wenn seine Führer es verraten. Aber rufen muß das Volk, wenn zur Hilfe es würdig erscheinen will, denn unsere Ziele sind die Deinen, Ewtt. „Daß der Morgen uns nicht wecke, wollen wir den Morgen wecken." Wort und Wirklichkeit. Von Stistsrabbiner B. Blumgrund, Karlsruhe. (Schluß.) „Dcn Ewigen deinen Gott sollst du ehrfürchten." Ehrfurcht vor Gott ist die Scheu, mit dem beschränsten menschlichen Verstände heranzutrctcn an die Pforten, die uns ewig verschlossen bleiben, die Scheu zu fragen, wo uns doch keine Antwort wird. Ehrfurcht vor Gott bezeugen wir, wenn wir von den Rätseln des Lebens aufblicken zu dem, der allein die Lösung kennt; wenn wir mit unserem Herzen erkennen, daß wie ein Mann seinen Sohn erziehet, der Elvige unser Gott mts erziehet. Willst du wissen, wer gottessürchtig ist, so lehrt ein Weiser, blicke auf zu Deinem Urahn Abraham! Siehe, wie er bereit ist, seinen Sohn, seinen Einzigen, den er mit der ganzen Kraft seines väterlichen Herzens liebt, hinzugeben, ohne zu klügeln: du o Gott, hast nur ja verheißen, durch Jzchak soll dir Nachkommenschaft erstehen! Gottessürchtig war Josef, als er dem Reize lockender Sünde widerstand, als er den menschlich natürlichen Drang unterdrückte, an seinen Brüdern Vergebung zu üben, und sie liebevoll behandelte. Gottessürchtig war Hiob, der unter der niederdrückenden Wucht schwerer Schicksalsschläge, der schwersten, die ein Menschenherz treffen können, zu einer Huldigung Gottes sich erhob, welche die ganze Menschheit ihm nachzusprechen versucht: „Gott hat gegeben, Gott hat genommen, der Name des Gvigen sei gepriesen." — Er lehrt uns auch, daß wahre Gottesfurcht in der Furcht vor der Sünde besteht, die sich leicht und unbemerkt in des Menschen ■ Tun einschleicht. Er selbst hatte im gieichtum nie Gottes vergessen, und immer Bescheidenheft und Demut seinen Mitmenschen gegenüber sich Bewahrt. Gottesfurcht bezeugen wir, wenn wir nicht klügelnd herantreteu an sein Wort, das in seiner Thora nicdergclcgt ist, wenn wir nicht zweifelhafte Ergebnisse phantasicvoller Forschungen als Ai aßstab anlegeu für ihre Wahrhaftigkeit, wenn wir uns bedingungslos ihren Forderungen unterwerfen, auch wenn sie unfern Anschauungen, unserer Bequemlichkeit ünd Begehrlichkeit nicht entsprechen. Ehrfurcht vor Gott bezeugen wir in der Ehrfurcht vor jenen großen Männern einer alten Vergangenheit, welche die erklärenden und erläuternden, Seele tmd Geist des Schristwortes bildenden llcberlieferungen uns bewahrt ünd fixiert haben, wenn wir ihre Lehren und Aussprüche nicht als Produkt der Willkür, nicht als Ergebnisse wandelbarer Zeitanschauungen betrachten, sondern als ursprünglichen und wesentlichen Kern des Gotteswortes. Die Wortfolge: „Den Ewigen deinen Gott sollst du fürchten" hat etwas ausschließendes. Den Ewigen deinen Gott sollst du fürchten und nicht die Menschen! Die Rücksicht auf das Urteil der öffentlichen Meinung wirkt oft sehr wohltätig und heilsam, denn sie hält den Menschen manchmal von der sündigen Tat zurück. Sie kann aber auch gefährlich werden. — Das Judentum ist im Vornherein als Protest gegen herrschende Meinungen ins Leben getreten. Als Protest hat es seinen leidensschwcrcir Gang durch die Jahrtausende gemacht und auch heute steht es noch nicht in Uebereinstimmung zu geltenden Anschauungen. Sollen wir auf das Urteil unserer Umgebung Rücksicht nehmen, sollen wir Scheu haben, unsere heiligsten Güter zu hegen und zu pflegen, weil deren Wert nicht gewürdigt oder gar herabgesetzt ivird? dollen wir die Richtschnur unseres Lebens aufgcben, weil andere 'Daseinsformen mehr Beifall finden? Das Urteil'des Ewigen deines Gottes soll st du scheuen, und nichtdas der Menschen! Besser du bist ein Tor in den Augen der Welt, als ein Abtrünniger in den Augen Gottes! „Ihm sollst du dienen." Damit ist nicht nur der Gottesdienst im engeren Sinne gemeint, auch nicht der, den wir mit 'Erfüllung eines Gottesgebotes üben, sondern jener Gottesdienst, zu dem wir unser irdisch Tun und Treiben erheben können und erheben sollen. Auch bei diesem Ausspruche hat die Wortfolge etwas ausschlietzendes. Gott soll st du dienen, u n d u i ch t d i r. — Wenn dein Leben im Erwerb und Genuß aufgcht, wenn du für ein höheres Ideal weder Zeit noch Raum gewinnst, daun verwandelt sich deine menschliche Arbeit in Sklaverei, dir arbeitest für dich, du arbeitest für deinen Genuß und deine Eitelkeit, du arbeitest nicht für das, was göttlich in dir ist, sondern für das, was menschlich in dir ist, — menschlich atlzumenschlich! Wenn du aber deine Zeit und deine Kraft den Zwecken der Gesamtheit widmest, wenn der Menschheit Jammer und des Judentums Not selbst mitten in des Tages hastendem Treiben und Drängen nahe bis ans Herz dir geht, dann erfüllst du auch mit deinem irdisch Tun einen von Gott gewünschten Lebenszweck, dann weihst du deine Arbeit und erhebst sie zu einer Arbeit im Dien st e Gottes. Die Voraussetzung solcher Gesinnung und solchen Strebens ist das Bewußtsein, daß „nur Gott Kraft und Segen verleiht, um Vermögen zu erwerben". Wenn sich aber dein Herz erhebt und du vergessest den Ewigen dein Gott, so du schöne Häuser bauest, uud darin wohnest, so dein Gold und Silber sich mehrt, und alles was dir ist sich mehrt — dann hältst du in eitler Sclbstverblendung dich selbst, deine Weisheit und deine Tatkraft für den Schöpfer deines Glückes. Du liegst vor dir selbst anbetend im Staube. DusollstaberdemEwigen deinem Gotte huldigen und nicht dir. „Und ihm s o l l st du a n h a n g e n." Ihm fühle dich inniger verbunden, als mit allen menschlichen Trieben und Steigungen, als mit jedem andern Besitz, und wäre er noch so kostbar, so daß du diese willig und freudig ihm aufzuopfern stark genug dich fühlst. An nichts sollst du deine Seele so hängen, selbst nicht an die Liebesgaben, die du aus Gottes Hand empfangen, daß,' wenn er das dir gegebene Gut zurückfordert, ein Stück deines Lebens mit herausgerissen, das Licht deiner Seele ausgelöscht, die Schwungkraft deines Gemütes gelähmt wirb. Jene Zähigkeit und Unwandelbarkeit, mit der du an den Ideen hängst, die des Tages Strömung ans Ufer gespült, widme sie den Hochgedanken, die aus seiner Lehre zu dir sprechen. Jenen Eifer und jenen Drang, deine Persönlichkeit zur Geltung zu bringen, die du Veranstaltungen und Angelegenheiten entgegenbringst, bei deren Mitwirkung du deinem Namen Ehre, Ansehen und Anerkennung erringen kannst — widme sie allen Bestrebungen, die der Pflege und der Aufrechterhaltung der ewigen Wahrheiten Israels gelten. Wo Menschen zu solch löblichem Streben sich zusammenscharen — werde ihr fördernder Genosse! Schließe dich denen an, die an der Leiter bauen, welche das Irdische mit dem Himmlischen verbindet, die dir, dem Erdensohn, aus der himmlischen Weisheit Born Erquickung spenden können. Sorge dafür, daß in des Lebens drängenden und lösenden Verhältnissen Männer da sind, die ungestört von des Tages ablenkenden und zerstreuenden Sorgen, diese Weisheft hegen und pflegen und ausbreiten, und so mit Hingebung an der Gottheit ewigen Bande Nr. 45. weben und knüpfen können. ES sind das die täglichen Opfer, die du in dem tinverivüstlichen, idealcit Heiligtum Israels darbringen sollst. lind wenn du deit Ewigen deinen Gott liebst mit der vollen Hingebung deines Herzens, deiner Seele und deines Vermögens, wenn dn ihn ehrfürchtest, ihm ^dienest nnd ihm für deine Person anhangest — so hast du deine. Pflicht doch erst dann voll ttnd ganz erfüllt, wenn du deine Kinder so erzogen hast, daß sic von demselben Geiste durchdrungen, von denselben Idealen geleitet, wie du. Das Band, das dich au deinen Gott knüpft, ist gelockert, wenn deine Kinder gleichgültig und kalt werden, wo du warm erglühtest. Kann da von einer ewigen unzertrennlichen Verknüpfung die Rede sein, wo du d>en letzten Ring in der Kette bildest, die zurückreicht bis zu dem Tage, da deine Ahnen am Ehoreb standen, und Gott Israel zum Volke seines Eigentums erkor? Es genügt nicht, daß du durch Lehre und Beispiel auf sie einwirkst. Du hättest so nur für die Gegenwart gesorgt. Du sollst aber den Samen der Zukunft säen, die Fäden fortspinnen an dem Bande, daß auch deine Nachkommen verbunden bleiben mit deinem Gotte. Wenn dein Sohn ein Haus gründet, mit deiner Zustiminung soll es nur auf beit unverrückbaren Pfeilern der Thoraideen aufgebaut werden. Die Gattin, die er heimführt, muß die Gewahr bieten, daß sic Gott liebt, Gott fürchtet, ihm dienet und ihm anhanget. Wenn deine Tochter ihrer Bestimmung entgcgenblüht, sei vorsichtig in der Wahl dessen, den sie beglücken soll. Schau nicht auf' das, was da gleißt und glänzt, sondern darauf, was dir die sichere Bürgschaft bietet, daß dein Kind nicht in eine Atmosphäre hineingerät, welche die edlen Blüten religiösen Denkens, Fühlens und Handelns erstickt. Stur so erblickst du einst die Kinder deiner Kinder im Frieden und in llebereinstimmung lebend mit der großen Aufgabe Israels. Ein anderer Weiser giebt diesem Wort einen Inhalt, der von den Pflichten gegen unsere Nebenmenschen handelt. „Ist es denn möglich, sich Gott anzuschließen, es heißt ja: er ist wie ein verzehrend Feuer? Der Ausdruck Dobak, Anhängen — so ist die Lösung des Weisen — wird auch von dem Anschluß des Mannes an seine erkorene Gattin gebraucht. Das Ideal 'der Che ist, daß die beideir Gatten in Gesinnung und Gesühlsweise immer mehr übcreinsttmmen, in "allem Edlen und Guten immer ähnlicher werden. So schließe du dich auch deinem- Gotte an. Er ist die Wahrheit, die Gerechtigkeit, die Liebe, die Milde selbst. Bestrebe dich, ihm ähnlich zu werden. So wie er barmherzig ist, so sollst auch du es sein, wie er gnädig ist, so sollst auch du es sein. Siehe er bekleidet die Nackten, heilt die Kranken, stützt die Wankenden, erhebt die Gedrückten. Willst du dich zu ihm erheben und dich ihm anschließen, handle gottähnlich. Hüte dich vor gemeiner Selbstsucht, die überall nur die eigene Befriedigung sucht, widme opferfretld'ige Hingebung deinen Mitmenschen; und rate, helfe, fördere, unterstütze, ermuntere, tröste und richte aus, wo immer das gesellschaftliche Znsainmenlcben die Gelegenheit dazu bietet. (Nachdruck verboten^ Reiseerlebnisse. »Sie gestatten Herr K„ daß ich Ihnen die Herren vorstelle, Herr Dr. A., Chentiker, Herr Dr. B„ Jurist, Herr Dr. C., Arzt, Herr K." Mit diesen Worten wurde ich in einem herrlichen Biergärten in B. von einem Bekannten, dem ich versprach, eine Stunde mit ihm zu verbringen, seinen Bekannten vorgestellt. »Sie sind also der Herr, der unserem Freunde die Jägersche Seelentheorie so sehr pries?" »Zu dienen. DieseTheorie ist biblisch. Schon im ersten Kapitel der Genesis finden Sie, daß Ru ach der Geist Und N ef esch die Seele ist. Die Theologie hat den Begriff verwechselt. Wenn der Geistliche von einer unsterblichen Seele spricht, meint er den Geist. Wehoruach toschuv el hoelohim ascher nesano. Man sagt: Eine geiskeiche Idee, ein geistreicher Gedanke, ein geisfteicher Mensch und niemals eine seelenreiche Idee rc." »Ich bin Arzt," erwiderte mir Dr. C., »habe Dutzende Leichen auf der Universität seziert und wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir sagen würden, wo der Geist oder die Seele sich begreife den Unterschied, den Sie eben machten, noch nicht) im Körper liegt. Das Blut ist dasjenige, worin das Leben liegt." »Sehr richtig, Herr Doktor. Sie sagen wörtlich, was ebenfalls in der Genesis steht. Der hebräische Text Ihrer Worte heißt: Ki hadam hu hanefesch, d. h. denn das Blut ist die Seele." »Nun reden Sie wefter, vielleicht bekehren Sie uns auch", rief Dr. C. Voraus. »Meine Herren! Der Mensch ißt, winkt, .kleidet sich, das sind Bedürfnisse des Körpers. Der Mensch studiert. malt, weibt Musik, das sind Bedürfnisse des Geistes. Sie geben dies wohl zu?" »Jawohl:" tönte es im Chore. »Nachdem Sie mir zugeben, daß der Mensch körperliche und geistige Bedürfnisse hat, muß der Mensch auch aus Körper und Geistbestehen." .Jawohl," stimmten die Herren bei. - »Ich gehe weiter, meine Herren! Die Wissenschaft ist nicht imstande, irgend ein Molekül, das sich auf dem Universum befindet, zu vernichten. Wir können bloß die Form der Dinge ändem. Ich verbrenne meinen Hut. Der Hut wird