Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 44 (4.9.1903)
- Date
- 1903-09-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44. Seite 3. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. und wollte nicht eher ruhen, bis' er erreicht hatte, daß er und sein Urstamm behaglich mit alleir anderen Tieren schmausen und leben sollten. Einen Stamm aber konnte er nicht „unterkriegen", so viel er sich auch bemühte. Das war jein Urstamm, eben die Löwen, die sich freuten und ihn hätten liebkosen mögen, wenn er sich seines Ursprunges erinnerte und sich für sie wehrte, aber die dabei doch stets sagten: „Unser Herrscher bist D u nicht. Und lvas D k meinst, das meinen wir noch lange nicht. W i r sind geborene Könige. Uns hat ein Anderer zu Königen eingesetzt. Dem sind wir dankbar dafür und dem fügen wir uns. Keinem jonst. Und Löwen wollen wir bleiben. Uns paßt nicht jede Gesellschaft. Wir geben uns nicht gerne mit anderem Getiere ab. Wir wollen als Geschlecht von Löwen beisammen leben." Das ging dem Wolf sehr gegen den Strich. Und da kam die Wolfsnatur mit einemmal gewaltsam und gewalttätig zum Vorschein und er heulte: „Daß ihr euch nicht untersteht, mir meine Wege zu kreuzen! Die Löwcnzeit ist vorbei und kehrt nie wieder, jetzt mischen sich alle Tiere untereinander und ihr solltet glücklich darüber sein?" Aber da brach der Löwenstolz los: „Was, wir sollen uns weiter ansällen und entehren lassen? Wir sollen unseres Lebens nicht mehr sicher sein? Bei Schlangen und anderem Gezücht um Gnade betteln? Stein und tausendmal nein! Fort mit dem allgemeinen Mischmasch! Wir wollen unter uns sein — und frei unter uns sein! Da wollen wir hin, wo wir schon eininal als ein Geschlecht von Löwen gehaust! Denn Löwen waren wir, sind wir und wollen wir bleiben, ohne Entadelung, für jetzt und immerdar! Du' meinst, es geht nicht? Du meinst, wir können nicht an das Ziel gelangen? Du meinst, wir gucken nach den Wolken und verlieren den Boden unter den Füßen? Abwarten! Und dann schau! Wir haben noch einen Freund unter den Tieren außer Dir. Einen großen, feinen, edlen, echten Freund! Der will uns Helsen, daß wir einstweilen, bis wir daheim sind, uns wenigstens nicht von jedem Spatz anpiepfen und von jeder Natter begeifern zu lassen brauchen. Der giebt uns Land. Gutes, reines, eigcgenes Land. Und selbst Füchslein, die uns seind sind, stehen uns bei, weil sie uns nicht mögen. So, Herr Rassenkreuzer, guten Morgen! — — — — Und es war einmal ein Lümmlein. Das war gar klein und sanft und hold. Es graste auf dem Lande mit wohligem Behage» und nährte sich von Heu. Biele mochten es gerne, denn es >var so unschuldig, und machte so oft und ach so wunderschön „Bäh!" und „mäh!" Und es nickte so nett mit dem Kopfe und war so sichtlich mit sich und mit seinem Los zufrieden. Wenn jemand goldene Hochzeit feierte, flugs mußte das Lämmchen mäh machen. Und wenn im Dorf jemand gestorben war, dann konnte es nicht anders, es machte bäh. lieber die beiden Laute kam's nicht hinaus, was sonst, vorging, küinmerte es.nicht viel, es trottete gemächlich seines Weges, und war nur froh, daß es sein Futter hatte. Eines schönen Tages war's mit seiner heiteren Ruhe zu Ende. Denn da hörte es plötzlich in der Ferne lauten Lärm. Eine große Schar stolzer Rosse kam gezogen — schier in unübersehbaren Hausen! Weiße, schwarze, gescheckte, alle die Nüstern hoch gebläht und mit feurigen Augen. Und sie stampften ungeduldig die Erde und wieherten: Vorwärts und hinaus! Aus der Enge in die Freiheit! Aus den Ställen ins Gesilde! Im Trab, Wenns nottut, im Galopp, Wenns geht, lieber Berge, Täler und Höhen! Weg mit Zaum und schönem Geschirr! Sie sind uns lästig! Unser Schmuck ist die Freiheit! Lustig vorwärts und hinaus!" ■- Das Lämmchen spitzte die Ohren. Das war eine Sprache, die es nicht verstand. Es wurde ihm ganz heiß. Es war ja fromm, wirklich fromm, es wollte niemandem etwas zu Leide tun, es hätte gerne gewollt, daß alle Tiere fromm waren. Und es sah deutlich. Böses hatten die Rosse nicht vor. Fromm waren sie auch in ihrer Art. Aber das war eben keine Lammesart, das war so etwas Ungestümes, Seltsames, Brausendes, so etwas Neues. Und Neues, ja Neues kann ein Lamm nicht gleich fassen. Darum wurde es ihm so heiß und es blieb stehen und philosophierte tiefsinnig: Was tun? Das ist so sehr gegen meine Art. Ich meine, ich bleibe, wo ich, war und was ich war. Die stolzen Rosse verlangen zu viel. Die sollen warten, bis man ihnen die Halfter abnimmt. Selbstabstreisen taugt nicht. 'Allerdings — und hier wäre es beinahe über ein Stein che n gestolpert — ich muß mir mein Futter auch selbst suchen. Es w ä ch st m i r n i ch t v o n s e l b st i n s M a u l h i n - ein. Ob ichs finde, das ist eine andere Sache. Das hängt vom Regen ab. Und der k o in m t von oben. Und doch — das mit den 'Rossen dort ist eine heikle Geschichte. Man weiß nicht recht, soll man sie gewähren lassen oder hindern. Mir wird ganz dumm im Kopf davon. Die stören mich in meiner Ruhe. Wartet, ich werde einmal aus Leibeskräften gegen euch mäh machen. Da hob das Lämmchen die Augen. Und erschrack im tiefsten Herzen. Die Rosse tummelten sichnoch munter. Aber zwischen ihnen waren Löwen, leibhaftige Löwen! Und gegen sie beide bleckte ein grimmiger Wolf die Zähne. Das Lämmlein geriet in Aufregung — zum ersten Male in seinem Leben. Laufen konnte es nicht, es war fast versteinert vor Angst. Aber als es den Wolf satz da faßte es sich auch einen großen Mut und stellte sich neben ihn und machte laut und vernehmlich: „Mäh! Mäh!" . . . Und so kam es, daß sich Wolf und Lämmlein gesellten. Der VI. Ziomsten-Kongretz. IV. V e r h a n d l u n g s t a g. Vormittagssitzung. Herr Dr. Franz Oppenheimer hält seinen Bortrag über „Ansiedelung". Seine Arbeit legte Zeugnis ab von hervorragend fachmännischer Begabung und ernstestem Studium. Wir werden den Bortrag in einer der nächsten Nummern bringen. Die Erörterung über die Frage der Einsetzung eines Ausschusses zur Prüfung der ostafrikanischen Frage wird fortgesetzt. Mr. Bentwich. Das zionistische Programm muß unveränderlich bleiben. Die Entscheidung für Ostafrika würde weder ein Sieg für das religiöse, noch'für das politische Ideal der Zionisten sein. Der feste Felsen auf dem einzig und allein sich die Zukunft des jüdischen Volkes erheben kann, ist und bleibt Palästina. Dr. Leopold Kahn betont die unendliche Schwierigkeit des ostasrikauischen Projektes und bittet, die Frage nur von den größten Gesichtspunkten aus zu betrachten. Vielleicht sei es gut, wenn Palästina vorläufig nicht zu erlangen sei, über Ostafrika nach Zion zu ziehen. Er fürchte nicht eine Abschwächung der zionistischen Idee durch Errichtung eines autonomen jüdischen Staates in Ostafrika. Seien die Juden bis jetzt Zionisten aus Not und Angst, so würden sie ss dann aus Liebe und Treue sein. In Ostafrika könnte ein Konzentrationspuukt geschaffen werden, an dem das jüdische Volk in Freiheit erzogen werden könnte. Bonzkus weist darauf hin, daß man nach Ostafrika gehen will, che man etwas Genaues von Palästina weiß. Dr. Färb sie in, Zürich, führt aus. daß 3 Gesichtspunkte eine reifliche Ueberlegung des Ostafrika - Projektes sordcrn: 1) Rücksicht auf die Regierung, die die hochherzige Offerte gemacht. 2) Rücksicht auf die Masse der Juden. 3) Rücksicht auf die Gegner, damit sie nicht sagen, die Zionisten hätten die Sache leichtsinnig von der Hand gewiesen. Dr. Heinrich L ö w e. Aus Mitleid Folgerungen zu ziehen, die von politischer Tragweite sind, sei der größte Fehler. Ter Zionistenkongreß wird zusammenbrechen, wenn auf Ostafrika eingegangen würde. Alle Kräfte müssen auf Palästina konzentriert werden, dem man' noch nie so nahe gewesen sei, wie jetzt. Rosenbaum (Rumänien) fragt, auf welche Basis hin es das Aktions-Komitee unternommen habe, in Unterhandlungen für Ostafrika einzugehen und warum diese Idee wie eine Bombe in den Kongreß hineingeworfen sei, ohne daß Jemand vorher .auch nur eine Ahnung davon gehabt habe. Gestern 'habe ein Herr Esra, unseren Führer aus Babylonien für Ostafrika ausnützen wollen. Wenn Esra heute hier wäre, diese Mauern würde» widerhallen von harten Anklagen gegen die modernen Eiferer in Israel für Ostafrika. Man möge die alte Mutter, die seit 2000 Jahren auf unsere Rückkehr harrt, nicht verlassen und weiterkämpfen. Aud lau owdo tikwosenu! Nach Schluß der Debatte besteigt Dr. Max Nordau die Tribüne zum Schlußwort. Tie lange zweitägige Debatte habe ihn zwar an manchen Stellen schmerzlich berührt, im ganzen aber wohl getan. Die Erregung, mit der die Diskussion geführt worden sei, sei ein vollgültiger Beweis, daß die Zionisten in ihrer Treue zu Zion nicht wankend gemacht werden können. Im übrigen habe man bei der Debatte drei Dinge nicht auseinandergehalten. 1. Solle man eine Kommission zur Prüfung einer gegebenen Frage anordnen. 2. Sollen wir nach Ostafrika aufbrechcn. 3. Darf und soll der Zionismus sich mit dieser Frage überhaupt beschäftigen. Vorerst handle es sich nur um die erste Frage. Die Kommission werde keinerlei bindende Entscheidung treffen können. Man habe die Pflicht zu prüfen, umsomehr, da alles was wir außerhalb Palästinas schaffen, von uns immer nur als Vorbereitung für Palästina begonnen und verstanden wird. Hierauf giebt der Präsident Dr. H e r z l die Erklärung ab, daß er nunmehr ermächtigt sei, dem Kongreß nähere Mitteilung machen zu können. Er giebt hierzu Mr. Greenberg (London) das Wort zur Verlesung eines Dokumentes der britischen Regierung, deren Vorschläge ini wesentlichen gipfeln: 1. In der Gewährung eines ansehnlichen Landstückes in Ostafrika. 2. In der Ernennung eines jüdischen Beamten zum Oberhaupt ' der örtlichen Verwaltungsbehörden. 3. In der Gewährleistung voller Bewegungsfreiheit in allen inneren Angelegenhcitc». Nachmittagssitzung. Die Sitzung wird um 4 Uhr 50 Min. durch den Präsidenten Dr. Herzl eröffnet, der den Antrag des großen Aktionskomitees verliest: Zur Prüfung der Frage der Ansiedelung des von der englischen Regierung so hochherzig in Aussicht gestellten Gebietes, beschließt der Kongreß eine Kommisssion einzusetzen. Diese Kommission hat aus neun Mitgliedern zu bestehen. Es ist ihre Anfgabe, dem engeren Aktionskomitee mit lediglich beratender Stimme bei Entsendung einer Expedition zur Erforschung des in Aussicht genommeuen Gebietes beizustehen. Die Kosten der Expedition dürfen weder von der jüdischen Kolonialbank noch von der Anglo-Palestine-Eompany, noch von dem Nationalfond genommen werden. Der Beschluß über die Besiedelung O st a f r i - k a s wird einem cige » s zn diesem Zweck ei »berufe neu Kongreß Vorbehalten. Hierauf findet die namentliche Abstimmung statt, die ca. eine Stunde in Anspruch nimmt. Als Dr. H e r z l die Annahme des Antrages mit 235 Stimmen gegen 178 verkündet, verlassen ca. 150 Delegierte unter stürmischem Protest den Saat. Tie Sitzung wurde auf 15 Minuten vertagt. Bei Wiederaufnahme der Sitzung erhält Sir Francis Montefiore das Wort zu seinem Referat „Organisation und Agitation" (allgemeiner Teil). Ter Referent stellt es als außerordentlich wichtig hin, zu konstatieren, daß man alle Ursache habe, die zionistische Lösung der Judenfrage, als die allein richtige hinzustellen. Zum Schluß giebt der Redner seiner Befriedigung 'Ausdruck, daß er sich der großen nationalen Bewegung widmen könne und erklärt, daß er stets alles was in seiner Macht läge, tun würde, um an dem Fortschritt und der Zukunft dieser Bewegung zu arbeiten. V. Verhandlnngstag. Vormittagssitzung. Die Sitzung wird um 11 Uhr durch den Präsidenten Dr. Herzl eröffnet. N. Sokolow, Warschau, nimmt das Wort zu seinem Referat „der Zionismus und die Wohltätigkeit im Osten." Redner giebt einen geschichtlichen Ueberblick über die Entwicklung der Wohltätigkeitsanstalten, bespricht den Zusammenhang, Philanthropie und Zionismus. Tie Klein-Philanthropie verschlinge so ungeheure Summen, die schließlich poch 'nichts nützen. Trotzdem müsse es als Pflicht der Zionisten angesehen werden, auf die philantrophischen Vereine einzuwirlcn. Es sei gewissermaßen der zionistischen Organisation Aufgabe, an den philanthropischen Vereinen den breitesten Schichten unseres Volkes zu der Uebcrzrngnng zu verhelfen, daß nationaler Zionismus und Interesse für die Lokalverhältnisse unserer Brüder zwei nicht sich ausschließende Größen sind. Nach vorgenommenen Wahlen in den Organisations- und Agitationsäusschuß erstattet I. Kremenetzky, Wien, den Bericht über den Nationalfond, aus dem hervorgeht, daß bis jetzt an 500000 Franken gesammelt worden sei. Nun stellt Tr. L e w i n, Ekaterinoslaw, folgenden Antrag inr Namen von 178 Delegierten: Die Kosten der Ostasrika-Expedition dürfen nicht aus den Schekelgeldern genommen werden. Zusainmensetznng und Ausrüstung der Expedition wird dem großen Aktionskonlitee überlassen, ebenso die Entgegennahme des Berichts sowie die Beschlußfassung in Betreff der Ausschreibung eines neuen Kongresses. Der Präsident bringt vorläufig nur den ersten Teil des Antrages betr. die 'Schekelgelder zur Wstimmung. Der Antrag wird angenommen. Hierauf begründet Dr. F a r b st e i n, Zürich, die Anträge der Nationalsond-Kommission in längeren Ausführungen, in denen er auch die Tätigkeit des Fonds genau präzisierte. Die Sitzung wirdsum-1 Uhr 15 Minuten geschlossen. Nachmittagssitzung. Die Sitzung wird um 4% Uhr durch den Präsidenten Tr. Herzl eröffnet. Professor Gottheit -Rew-Pork verliest eine Anzahl Spenden für die Expedition nach Ost-Afrika. Hierauf erstattet der Direktor der jüdischen Kolonialbank Wolfssohn -Köln den Bericht über die Jüdische Kolonialbank. Die Bank hat ihre Tätigkeit erst Anfang vorigen Jahres begonnen, was bei dem Bericht über ihre Tätigkeit zu berücksichtigen ist. Ta die Bank nicht nur um der Geschäfte willen gegründet worden ist, sondern ihrer Bestimmung gemäß unser finanzielles Instrument ist, welches unsere Bestrebungen realisieren soll. Daher ist sie gezwungen, ihre Gelder so anzulegen, daß man sie ständig flüssig machen könne. Trotzdem man bei der Anlage auf jede nur mögliche Sicherheit sähe und der Verdienst deswegen geringer bleiben müsse, wird die auf dieses Jahr entfallende Dividende nicht geringer sein. Bis jetzt habe man durch die Anglo-Palestine Eonrpany, die man in London gegründet habe, in Jaffa eine Filiale errichtet. Wenn wir jetzt daran gehen werden, eine neue Gesellschaft zur Realisierung unserer Zwecke zu gründe», so wird uns der vermittelnde Bankier mit all' seinen Beziehungen zur Finanzwelt nicht fehlen. Alle Kräfte müßten jedoch angespannt werden, um das Kapital der Bank vollzählich zu machen, so wird es möglich werden, daß aus unserer Kolonialbank einmal eine Nationalbank wird.