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Neue jüdische Presse · 1903-09-04 · Heft 44 (4.9.1903) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 44 (4.9.1903)
Date
1903-09-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. . , Nr. 44. der Versammlung des letzter» bei. „Stellungnahme zum Ostafrikaprojcktc" hieß das Traktandum. Erregt und ermüdet boten die Verhandlungen ein eigentümliches Bild. ES war die alte Liebe für Zion, die oft mit afrikanischer Glut zum Ausdruck kam. „Die Nichtdclegierten sollen den Saal räume», cs ist geschlossene Sitzung!" wird beantragt. Aber diese kommen den Aufforderungen nicht nach. Auch sie haben Interesse daran, am Ostafrikaprojekt. Eine geschlossene Vercinssitzung, nur sind die Verhandlungen so laut, und so erhitzt, daß man sic getrost auf der Straße stehend hätte stenografieren können. Einer sitzt still, es ist der Vater und Führer der Misrachigruppe, der berühmte Rabbi Reines aus Lida. Seine Patriarchengestalt ist halbgeknickt. Er ist heute stiller als sonst,' er präsidiert durch Seufzer und demonstriert mit Achselzucken. . . . Ich betrachte die verwirrten Züge im sanften Gesichte. — Welches Drama sich wohl seit gestern im Innern dieses Mannes abspielt! Seit Jahr und Tag kämpft er durch. Wort und Schrift für Zion. „Dort in Zion allein können wir ganze, volle Juden sein, dort, nur dort auf dem Boden der Väter jverden wir das heilige Erbe der Väter erhalten können, da schon viele Gebote und Vorschriften der Thora ihrem Wesen nach, von der Erde der alten Heimat abhängig sind." Es gelang dem Rabbi um dieses Argument eine stattliche Schar der Gcsetzestreuen zu sammeln und die Misrachigruppe zu bilden. Nun — wie dies nur auf einmal kommen konnte — nun ist es gar nicht Ercz-jssroel — sein ganzes Gebäude ist wie ein Kartenhaus zusammcngestürzt. Es ist nicht Zion und wird es nie werden — es ist Ostafrika. Ihm gegenüber sitzt die schneeweiße, ehrwürdige Gestalt des Rabbi Abbe Werner, des bekannten Rabbiners der Machasikei-hadas in London. Er hat trotz seines Alters und eines Fußleidens die weite Reise geinacht. Tenn was tut man nicht uin Zion? Cr, der täglich Gelegenheit hat, die Flüchtlinge, die Heimatlosen auf ihrer Suche nach einer neuen Heimat zu sehen; er, vor dessen Augen sich das Bild des Elends in seinen grausigsten Farben abspielt, wie sollte er nun die Hände in den Schoß legen, während seine Brüder um Zion kämpfen? 9hm sitzt der greise Lehrer da. Das schöne, leuchtende und sonst so geistvolle Gesicht schaut heute fast gedankenlos vor sich hin. Ost begegnen sich die Blicke der beiden Gaonim und suchen sich dann beschämt einander auszuweichen. Sie fühlen sich kompromitiert vor — vor sich selber. Zion wollte Gott noch, nicht und Afrika wollen wir nicht. Ein junger Mensch ergreift das Wort; er ist sehr energisch und temperamentvoll und es gelingt ihm daher, was durchaus nicht leicht ist, sich Gehör zu verschaffen. Wenn ich nicht irre, ist es der in Ziußland neu ausgekommene Typus, der halb sozialistischen, halb zionistischen jüdischen Handwerker. Was spricht er? „Was! — Ihr wollt nicht? Könnt Ihr das verantworten? Afrika? Und warum auch nicht Afrika? Unser Leben soll ja, höret doch nur, ein rechtliches und gesichertes sein. Man wird uns nicht mehr hinmorden dürfen, wie dort in Kischinew, wo ich auch meinen Vater verloren. Wir werden da auch den Schabbos halten können, nachdem ich mich in letzterer Zeit so vergebens sehne. . . . Wollt Ihr cs von Euch weisen?" —' schreit er. „Ja wohl! runter! «chluß!" „Wollt Ihr Euch an uns, am jüdischen Volke versündigen?" „Bravo!" „Nein!" „Sehr richtig!" „Runter mit dem. . <.!" Die Antwort folgt sofort. Etwa fünf melden sich zugleich zum Worte, unterbrechen sich einander und plaidieren alle mit den gleichen Worten gegen Ostafrika. Auch die Komik verlangt ihr Recht und in den tiefen Ernst der Situation bringt ein etwas hitziger Zionist, der, wie cs scheint, direkt aus einem Beshamedrosch in Lithauen nach Basel gekommen, für einen Moment einen heiteren Strahl unfreiwilligen Humors hinein. Der Mann, der seiner hohen Bedeutung als Wcltpolitiker sich erst in den letzten Tagen bewußt wurde, sieht sich 'erst vorsichtig nach allen Seiten um und fragt, ob die Worte, die ihm auf der Zunge schweben, auch nicht in weitere Oeffcntlichkeit hinauskommen, da er keineswegs den heitren, politischen Himmel zu trüben beabsichtige. Nachdem man ihn auf die geschlossene Sitzung hinwies, meinte er, man solle das Anerbieten Englands schon wegen seines Verhaltens gegen die Buren ablehnen. . . . Die finsteren Gesichter heiterten sich unwillkürlich auf und lachend wurde dem braven Politiker das kluge Wort entzogen. Ein alter Mann, ein in der hebräischen Litteratur bekannter Meister, will sprechen, aber er kann nicht. Die Tränen, diese verdammten Trügen, die seit Monaten sich immer einstellen, so oft er über sein Volk spricht, sie sind schon wieder da and drängen jeden Laut in die Brust zurück. Er hat sic nämlich gesehen, die Verstümmelten und Gepeinigten. Seine Füße haben im Blute seiner Brüder gewatet. Er muß etwas gräßliches, etwas unfaßbares, ungehenerlich schauerliches gesehen haben. von dein er nicht sprechen kann, an das er aber denken muß. Seitdem ist ihm der Geist wie gelähmt, so oft er zu und von seinen Brüdern spreche» soll, die Kehle wie zugcschnürt. „Brüder seid doch vernünftig!" — lallt er mir und setzt sich wieder seufzend nieder. Es kommen noch die verschiedensten Argumente znm klaren und unklaren Ausdrucke. Der Rabbi Reines erhebt sich selber und will etwas sagen, er weiß aber offenbar nicht was. Der talmudischc Scharfsinn hat ihn für heute verlassen. Wie jener, der etwa ein Dutzend Namen für die sicher erwartete Geburt des Sohnes vorbereitet und nun ratlos vor der Wiege der geborenen Tochter sitzt, da er nicht weiß, wie er sie benennen soll. Auch seine Autorität läßt ihn heute im Stich. Ein wilder Tumult Und der greise Rabbi, dessen Erscheinen allein sonst ehrfurchtsvolles Schweigen gebietet, findet keine rechte Aufmerksamkeit. „Es ist bereits Polizeistunde, meine Herren" — bittet bescheiden der christliche Wirt — „bitte doch nicht so laut!" „Nein" — bekommt er zur Antwort — „nein! nein! Fällt uns nicht ein! Wir gehen nicht nach Ostafrika!" „Das Endziel ist freilich Palästina!" — Welche Paradoxie! Erst nach Afrika, um dort eine nationale. Konstitution zu erlangen und dann nach Palästina. Es hätte dies sonst jemand sagen müsse». Aber Herzl ist der allbelicbte, halbvergötterte Führer. Wenn er sich zeigt, applaudiert man, wenn sich seine imposante Gestalt nur erhebt, so jubelt man schon. Und doch ist es paradox. Es sagt cs keiner, aber man fühlt cs. Und es fühlen es am meisten diejenigen, die nicht wissen, was „paradox" ist.- Aber auch er, der greise Nestor, der Verfasser der „Paradoxen", der eine Welt auf ihre „konventionclleu Lügen" hinwcist, der Staaten und Kommunionen, Einrichtungen und Traditionen auf der goldenen Wage der reine» Logik zu lviegen gewöhnt ist. Wie sonderbar! Auch er steht da, auf der historischen Bühne, wo er zum fünften Male von der Lage seines Volkes berichtet, und sagt, ohne sich einer Paradoxie bewußt zu sein, ohne sich auf einer konventionelle Lüge zu ertappen:,„Unser Ziel und unsere Hoffnung ist zwar Palästina, aber hier errichten wir ein Nachtasyl." Ein merkwürdiges Nachtasyl mit nationaler Grundlage. „Es ist nicht wahr" — ereifert sich mein Nebenmann — „und wenn es auch, ein Nordau gesagt. Wenn das Nachtasyl gut ist, dann bleiben wir auch bei Tag darin, ist es aber nicht gut, wozu dann den neuen Golus?" Tonart und Gestikulation erinnern mich an „Omar Rowo," aber die Einwendung ist nicht so gar unlogisch. „Schluß der Debatte!" — beantragte einer. „Wir müssen ja morgen in Kongreß und müssen Nachtruhe haben!" „Nachtruhe?" — wird ihm erwidert — „Nein, nichts da. Keine Ruhe! Unsere Brüder leiden und wir wollen ruhen? Pflegten wir doch auch die I o m - kippurnacht zu durchwachen. Es ist heute wichtiger als Jomkippur, denn gilt es doch heute nicht einem menschlichen Leben für ein Jahr, sondern dem ewigen Schicksal eines Volkes." Hat mich der Mann überzeugt? Ist mir erst jetzt die prinzipielle Wichtigkeit der Frage recht zu Bewußtsein gekommen? Von meinen Augen sind plötzlich alle Spuren des Schlafes, der Müdigkeit geschwunden und an deren stelle stehen große dicke Tränen.... * * * Der Tag war da. Die Sonne hatte sich durch einen dicken Nebel endlich durchgcbrochen, aber ihr Glanz hatte heute etwas eigentümlich stechendes, etwas fremdartiges. Die grünen Wogen des Urvaters Rhein haben heute nicht jene alte Vertraulichkeit. Es ist nicht mehr das alte, schöne Lied, das sie singen, sie erzählen ganz etwas neues, etwas wild fremdes. Auf der Rheinbrücke haben sich große Menschenmassen angesammclt. Ob sie wohl für Ostasrika sind? Nein, es sind lauter Basler; sie sprechen von einem großen, geschichtlichen Ereignis. — Ein großer Passagierdampfer ist seit vielen, vielen Jahren wieder in die Gewässer Basels eingetroffen. Uyd sie stehen und gaffen. Eine Schar Kongreßteilnehmer zieht auch an mir vorüber, sie bemerken das große Ereignis des Dampfers nicht. Müde, abgespannte Gestalten und viele jugendliche Greise mit sorgenvollen, ernsten Mienen und ihre Kongreßmappcn fest an die Brust drückend, als lägen darin ihre kostbarsten Güter, ihr Leben und ihre Zukunft. . . Viele, die die Nacht durchwacht und viele, die sie in den Kleidern und mit dem Zionsstern auf der Brust auf irgend einem Sopha oder einer Anlagebank zugebracht. Es sind Kinder ihres Volkes, das in seinen ersten Anfängen der Altersschwäche zu verfallen schien und nun alt und abgelebt plötzlich Jugendfrische verspürt und zum neuen Leben erwachen ... In den Terrassen und Wandelgängen des Kasino tobt und wogt cs; treppauf, treppab, tummeln die erregten Menschcnmaßen. „Die Welt! 40 Eentim!" Es ist die neueste Nummer des zionistischen Organs, die heute hier mit der Sonne erschienen, die im Vorraume feilgeboten, wird. „Die ganze Welt für 40 Eentim." Mir scheint, als ob auch, diese heute nicht mehr die alte sei. Das gelbe Vordcrblatt hat h'ute nicht mehr die alte Lieblichkeit; es starrt mir etwas fremd, kalt entgegen. Ist da etwas nicht recht? Fehlt da etwas? Ich betrachte cs näher; cs fehlt in der Tat etwas. Das sonst übliche Programm ist heute nicht mehr gedruckt und die leere Stelle schaut wie eine frische, klaffende Wunde einher. Man wagt cs nicht, von der „öffentlich-rechtlich-gesicherten Heimstätte in Palästina" zu schreiben, während man über Ostafrika abstimmt. Wird jetzt drin abgestimmt? Nein! Franz Oppenheimer hält sein Referat über Ansiedlung. Wo soll diese Ansiedlung geschehen? Es ist der Kernpunkt des ganzen Kongresses, was Oppenheimer doziert, dies fühlt jeder. Ueberdies ein Meisterstück ans dem Gebiete der Nationalökonomie. Aber lvas nützt dies alles? — es ist die grausige Frage, die nach jedem Satze in der Luft des Saales schwebt — was nützt dies, wenn die Ansiedlung in der lieben, heiligen Heimat noch so fern liegt und der Akt, der dem Vortrage folgen soll, sie eventuell noch in weitere Ferne hinausschieben kann? -ft qe * Man hat abgestimmt. — Mit 295 gegen 178 Stimmen beschloß der Kongreß die Wahl einer Kommission und die Entsendung einer (Spedition für Ostafrika. Man hat sinnlos applaudiert und bitter denwnstriert. „Es .ist nicht wahr!" schrie man. Wie ein Kind, das, als es,allle seine Argumente dahinsallen sah, sich doch noch trotzig an seine lleberzeugung festklammertc. „Nicht wahr! Die Abstimmung ist ungiftig!" Man protestierte unsinnig und keiner wagte zu lachen. Und viele verließen voll Schmerz den Saal. Und das laute schluchzen der eifersüchtigen Zionsliebhaber .vermischte sich mit den Freudentränen derer, die den Anfang einer besseren Zukunft für ihr Volk in dem Momente sahen.... Als ich mich gleich darauf durch die tief erregte Menge im Korridor durcharbeitete, stieß ich auf einige, die gestern Abend für das Projekt so warm cingetreten waren. Freuen sie sich nun ihres Sieges? Nein, sie sind bleich und scheinen fast erschrocken um ihren Erfolg. Tief in ihrem Herzen war doch eine Stelle, die von einer frischen Wunde blutete. „O möge es zum Guten führen! Dem Volke zum Wohle gereichen!" In einiger Eutferuung steht eine Gruppe der erbittersten Afrikagegner beisammen. Ich sinde keine Spur von einer Niederlage bei ihnen. In ihren bleichen Gesichtern blitzt ein kleiner Strahl von Hoffnung auf. „Vielleicht — wer weiß — vielleicht wird es doch dem Volke zum Wohle gereichen! —!" (Nachdruck verboten.) Wie es kam, daß der Wolf und das Lämmlein sich gesellten!^) Eine Fabel. „Es weilt dann der Wolf neben dem Lämmlein." Es war einmal ein Wolf. Das war ein gar. grimmiger Geselle. Vor dem fürchteten sich alle anderen Tiere und er suchte sie zu beherrschen. Er war nicht von Natur aus König, aber durch seinen kecken Mut und seine scharfe Klugheit hatte er sich allmählich zu einem kleinen König gemacht. Denn Vorurteile erkannte er nicht an. Was lag ihül dran, daß eigentlich der Löwe König war, wenn er auch sonst ein großer Freund vom Natürlichen war und mit seinem Wolfsverstande nur natürliche Triebe und nichts Uebernatürliches gelten ließ? Im klebrigen machte er sich nicht viel aus seiner angemaßten Würde. Er wollte haben, daß seine Ansicht herrschte und gebärdete sich stets so, daß man merkte, eine andere gabs nicht und durfte es nicht geben. Einige Tropsen königlichen Blutes hatte er tatsächlich in seinen Adern. Im Lauf der Zeit war das nur ziemlich abhanden gekommen, und durch Rassenkreuzung, für die er eine besondere Vorliebe hatte, war wohl ein Wolf aus dem Löwen geworden. Wer oft regte sich das edle Blut noch in ihm und er verteidigte, mit wirklichem,. echtem Löwenmute die angegriffene Ehre seines ursprünglichen Stammes. Denn der Löwenstamm, -var bei anderen Tieren nicht sonderlich/gut gelitten. Sie stachen und bissen aus ihn ein von -allen Seiten. Da gab's Skorpionen, die ihn nicht mochten, da gab's Ungeziefer, das ihm das Blut aussaugen wollte, da gab's Hyänen, die ihn heimtückisch belauerten, da gab's Schlangen, die ihn in die Ferse bissen- und so noch allerlei Fliegendes, Schleichendes und Kriechendes. Aus 'sie aUe drang der Wolf stets unerschrocken ein und setzte ihnen gehörig zu. Er wollte erreichen *) Die Fabel verdankt ihre Entstehung dem ergötzlichen Schauspiel, 'daß die allem Religiösen durchaus abholde, wenn auch sonst als meisterlich beredter und wackerer Anwalt der bürgerlichen Ehre der Juden fungierende „Frankfurter Zeitung" und das sogenannte „Eentral-Organ für das orthodoxe Judentum", der Mainzer „Israelit", in tiefster Eintracht beide den Zionismus bekämpfen. Siehe Abendblatt der „Frankfurter Zeitung" vom 29. August und „Israelit" vom 27. August.. ■ - vVr' : ‘V;iy;i, > .Vi.fv

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