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Neue jüdische Presse · 1903-09-04 · Heft 44 (4.9.1903) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 44 (4.9.1903)
Date
1903-09-04
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Sokolow, Warschau macht die 'Mitteilung, daß die allgemeine hebräische Eneyklopaedie nunmehr gegründet sei. Nunmehr bringt Dr. Soskin, Berlin, einen Antrag vor, eine Kommission zur Erforschung Palästinas zu errichten. Dr. H a n t k e, Berlin, unterstützt im Namen der deutschen Landsmannschaft diesen Antrag. Tic Mittel für die Kommission hat das Aktionskomitee anfznbringen. Ter Antrag wird ohne Debatte angcnoinmcn. Darauf wird die Debatte über den Nationalfonds eröffnet. In der Diskussion, an der sich eine sehr große Anzahl Redner beteiligen, wird im wesentlichen über die Legalisierung, über eventuellen sofortigen Landankauf, sowie über das Gemeineigentum des gekauften Landes gesprochen. Sämtliche Anträge werden dem zu bestellenden Ausschuß überwiesen. Hierauf wird die Siinnig vertagt. Nachtsitzuiig. Die Sitzung ivird um 10% Uhr durch den Vizepräsidenten Dr. B o d c n h e i m c r eröffnet. Als Referent für den Nationalfonds ergreift Krcnien c z k y, Wien, das Wort. Man solle der Kommission nicht nur gute Vorschläge machen, sondern auch wirklich für den Nationalsonds arbeiten. Der sofortige Landankauf wäre nicht geraten. Auch einen Zeitpunkt dürfe man nicht angcben, da das die Landspekulation befördern dürfte. Daß die jüdischen Gemeinden einen Teil ihrer Einnahmen dem jüdischen Nationalfonds zuwenden sollten, ist vorläufig ivohl nur ein froimner Wunsch. An dem goldenen Buch brauchen wir keinen Anstoß zu nehmen, die Hauptsache ist der Zweck, dem es gilt. Die Sammelbüchsen sind für den Nationalfonds durchaus nicht vom Aktionskomitee zu bewilligen. Hieraus schreitet man zur Abstimmung über die Vorschläge der Nationalfondskoinmission, die als 3iesultat ergicbt, daß der Nationalfonds seine Tätigkeit beginnen darf, auch bevor er die Höhe von 5000000 Fr. erreicht hat. Nun wird die Debatte über das Referat Dr. Franz Oppenheimers eröffnet. Davis Trictsch, Berlin, hat einige Einwände. Die Grundlage der Kolonisation brauche durchaus nicht in jedem Falle eine agrarische zu sein. Weder Menschennoch Bodcnmaterial eignen sich bei uns von Anfang an für bloße Agrikultur. Auch die industrielle Kolonisation muß in Betracht gezogen werden, dann kann auch El-Arisch wicder in Berücksichtigung gezogen werden. Wir müssen außerdem möglichst viel Menschen, mit möglichst lvenig Geld und möglichst wenig Mühcaufmand unterbringcn. Es sind ja am Suezkanal in den dort liegende» Städten eine ganze Reihe Jndusttien entstanden. Oppenheimer hat den speziellen Fall der jüdischen Kolonisation nicht genügend berücksichtigt. Die Reisekosten nach sernliegenden Ländern sind um so viel größer, daß man dadurch in den Nachbarländern Palästinas kostspieliger gestalten könnte. Es gicbt auch einen Weg von der ,Industrie zur Agrikultur, dieser Weg könnte ja bei uns bcschrittcn werden. Man kann ja auch bei uns mit Städten anfangen, in der Weise wie in England die Gartenstädte gebaut werden. Wir, die wir uns die modernsten Errungenschaften zu Gute machen wollen, können doch recht wohl eine derartige gesunde industrielle Kolonisation voriiehinen. Wenn lvir diesen Weg beschrciten werden, so dürfte sich das Bild ganz bedeutend verändern. Daher können wir auch daran denken, schlechteres Land zu besiedeln. Die Kvlonisationssrage Palästinas braucht nicht nur theoretisch zu sein, sondern kann praktisch vorgenomnlcn ivcrdcn. Dr. Pasmanik, Genf. Damit unsere Kolonisation gelingen soll, müssen wir mit der 'Agrikultur beginnen. Dabei dürfen mir allerdings nicht in der altgewohnten Weise verfahren. Viel ökonomischer und wifscnschaftlichcr muß vorgcgangen ivcrdcn. Der Privattnittativc muß trotz der Siedlungsgcnosscnschast freien Raum gelassen iverden. Die industrielle Kolonisation müßte ja sofort einen Absatz haben und könnte infolgedessen nicht konkurrieren mit den andern Ländern. S o n d h e i m e r, Frankfurt, meint, daß die Kolonisatton sowohl eine agrikulturelle und kolonisatorische sein müsse. Die Sitzung wird uin ein Uhr Nachts vertagt. VL Vcr handlungstag. Nachmittagssitzung. Dr. Friede mann spricht über notwendige Aendcrungen des Organisationsstatutes, worüber der Organisattonsausschuß lange Beratungen gepflogen hat. Insbesondere hat cs sich als notwendig erwiesen, den Passus, daß 100 'Schckclzahlcr einen Delegierten wählen, auf 2 00Schckelzahler zu.ändern, da sonst der nächste Kongreß 2000 bis 3000 Delegierte haben werde. Rabbiner Reines gicbt die Anregung, zum Laubhüttenfest die Esrogim nicht mehr von Griechenland, sondern aus Palästina zu beziehen. Auch in diesem Jahre stehe dem kein Hindernis entgegen. Wer dies verlveigere, mißachte die religiösen Gesetze. . Dr. Nordau teilt mtt, daß eine Eingabe zahlreicher Kongreßmttglieder beantragt, die Nationalbib¬ Frankfurter Israelitischer Familienblatt. liothek in Jerusalem mit Fr. 2000 zu unterstützen und daß jeder zionistische Verein der Nationalbibliothek jährlich mindestens 3 Rubel übermachc; das Aktionskomitee hatte sich mit beiden Teilen des Antrages einverstanden erklärt. Es werden nunmehr die verschiedenen Wahlen vorgenommen; u. a. findet die Neuwahl des großen Aktions-Komitees statt, das sich nun aus folgenden Herren zusymmensetzt: für O e st e r r c ich: Dr. Salomon Krenberger-Wien, Rczek-Prag, Dr. Lndivig Göldwasscr, Adolf Stand, Dr. gtubin Jonas Stanislau. für Ungarn: Obcrrabbincr A. M. Roth in Papa, für Deutschland: Dr. Max Bodenheimer-Köl», Dr." M'oscs-Maiinhcinl, Dr. Klee-Berlin, als Ersatzmann: Dr. Friedeniann-Wiesbaden. für Italien: Dr. Felice Ravenna-Ferrara. - für Holland: I. Kahn-Haag, für die Schivciz: Dr. Farbstein-Zürich, für Frankreich, Algier und Tunis: Dr. Alex Marmorek. . für Belgien: Heinrich Grünzwcig-Grunau Antwerpen. für Serbien: Dr. Alkalay-Bclgrad. 'für Bulgarien: Dr. H. Nimalowski-Filipoppel. für 3k u m ä n i c n: S. Pinelcs, Dr. Lippe, Dr. Moskowitz. für England: Eowcn, Greenberg, Moser und Montcsiorc. für die Bereinigten Staaten v o n 4k o r d - A m c r i k a: Professor Gottheit-New-Iork, I'. de Haas-Ncw-Iork, Zolotkof, Horwitsch, Mayer, für K a n a d a: Mr. Elarence de Sola, für Südafrika: S. Goldreich, Ing. Keßler, für 3inßland: Dr. Bruck, Dr. Bernstein, Dr. Belkowski, I. Goldberg, Wilna, Rabbiner Dr. Jclsky, I. Jasinowsli, Dr. W. Jakobsohn, Max Mandelstamni, Ing. Teinkin, Dr. E. W. Tschlcnosf, Ing. M. Ussischlin, Rabbiner 3iabbinowitfch, Schcinkin. ferner als Ersatzmänner: Dr. Sapir, Slatbpolski und 3kabbiner 3keincs. für die skandinavischen Länder: Tr. Fränkcl in Kopenhagen. In das engere Aktionskomitee werden gewählt: Dr. Herzl, Dr. Kahn, Dr. Kokcsch, Kremcnetzki, Architekt O. Marmorek. Es wird dann der Antrag angenommen, die Zahl der je einen Delegierten wählenden Schekelzahler von IM auf 200 zu erhöhen. Präsident Dr. Theodor Herzl erhebt sich zum Schlußwort: Werter Kongreß! Sic wissen, welche Grenze wir unsern Beratungen setzen müffen. Tie 3iuhe schwebt schon über uns, und erlauben Sic mir, als der Ordner in unserer Bcrsaminlnng Sic zu bitte», diese 3kuhc auch nach -Schluß des Kongresses eintreten zu lassen. Der VI. Zionistenkongreß, der sich in Basel versammelt hat, war in mancher Beziehung merkwürdig. Wir haben Erfreuliches und auch Schweres durchgemacht. Zum Erfreulichen rechne ich vor allen Dingen den Willkommgruß, den der sechste Kongreß zum erstenmal von der jüdischen, Gemeinde in: Basel erhalten hat. Es war ein schwerer, aber lassen Sic es mich sagen, auch ein großer Kongreß, nicht nur durch die Zahl der Teilnehmer, sondern auch durch die Gestaltung unserer Verhandlungen. Man hat auf eine cigcntüinlichc Weise gesehen, daß man auf die Zionisten rechnen kann. Ich sehe die Wahrheit des Wortes: 0n ne s'appuie que sur ce qui resiste. „Man stützt sich nur ans dasjenige, was widersteht," und so haben wir bei einer sehr bedeutenden Abstimmung, in der lvir alle nainentlich die Verantwortung für das, lvas wir getan haben, übernehmen wollten, gesehen, daß ein großer Teil des Kongresses, vielleicht mancher mit schwerein Herzen, vor allem, cs für notwendig gefunden hat, das Vertrauen zur Führung zu bekunden, weil es dieser Teil des Kongresses heransgcfühlt und verstanden hat, daß sich die Führung in einer schweren Lage befindet. Wer auch den andern ist kein Vorwnrf zu machen; denn sie haben nur bekundet, daß Sic zur suche stehen. Allerdings muß ich Ihnen sagen, daß man in der Luftlinie nicht immer gehen kann. Die Luftlinie ist so lange nicht praktikabel, so lange es keine lenkbaren Luftschiffe gicbt und so lange man nicht in den Wolken' wandeln kann. Wäre es möglich, immer in der Luftlinie auf das Ziel loszugchcn, dann brauchte man keine Führer; denil wo Zion ist, das wissen alle. Ich glaube nicht, daß wir unsere Massen erst weiter verelenden lasfcn müssen, um sic zu starken Zionisten zu machen. Ich glaube, daß ihre Stärkung auch den Zionismus stärkt. Wer es muh, weil hier manches Mißverständnis aufgekonnnen ist, cs muß im Augenblick unseres Wschiedcs gesagt werden, was ich bei der Eröffnung dieses Kongresses sagte, und wenn Sie meine inzivischen vergessenen Worte wieder durchlcsen, so werden Sie vielleicht finden, daß sie sich in der 3icde eines der sogenannten Neinsager ganz gut ausgenoinmcu hätte: „Zion ist dies freilich nicht und kann cs nie werden," und wenn manche dies vielleicht für eine Phrafe halten, es stand weiter ein förmliches Engagement: „Das Zeichen zum Ausbruch werden und können wir unsern Massen daraufhin nicht geben", und darum darf ich lvohl sage», nach allem, was vorgekommen ist, daß in keiner Sekunde und mit keinem Gedanken das Basler Nr. 44. Programm verlassen worden ist. (Bravo.) Als ich dachte — in einem der schweren Augenblicke, an denen cs nicht sehlte — als ich dachte, alle Hoffnung sei für eine absehbare Zeit, also für die Dauer eines Menschenlebens etwa, verloren, da wollte ich Euch einen großen Notbehelf Vorschlägen und wollte, da ich inzwischen Eure Herzen kennen gelernt habe. Euch ein Trostwort sagen, zugleich sine Verpflichtung für mich: „Wenn ich dein vergesse, Jerusalem, verdorre meine Rechte!" Das aber, was ich an tröstenden Worten sagen wollte, das habe ich gar nicht notwendig gefunden; denn wie ich ebenfalls schon mitgetcilt habe, hat sich eine neue Aussicht, größer als je vorher, für Palästina eröffnet, in der versprochenen Hilfe der russischen Regierung. Also durchaus kein Durchbruch, keine Aenderung, keine Wwcichung vom Basler Programm. Und da möchte ich auf einen rührenden Zwischenfall in dieser namentlichen Abstimmung zurückkommen. Als sich hier die einen von den andern sonderten, da wurde auch der Name eines Mannes verlesen, der heute ein alter Mann ist und sein ganzes Leben dem Palästinadienste gewidmet hat, das war einer von den llnbekanntcn, nicht unbekannt, aber bescheiden, ini Hintergründe bleibend, und als sein Name aufgerusen wurde bei der Abstimmung, da habe ich cs erwartet, daß er selbst mit nein abstimmen Ivürde. Es ist Dr. Josef Ehasanowitsch, und dieser Mann hat mit ja gesttmmt, weil er Vertrauen zur Führung hat. Und soll ich Ihnen weiter erwähnen, daß die Rabbiner, die Zion nicht aus dem Gebetbuche streiche» wollen, die Oberrabbincr von Florenz, die 3iabbiner von Lida und Sopotzkin auch mit ja gestimmt haben? Aber — es ist vielleicht das erste unbescheidene Wort, daß man mir vorwerfen kann: Der Bürge bin ich selbst. An diesem Basler Programm, an dem ich mitgewirkt habe, ist nichts zu ändern. Warum hätte ich nach meinen Kräften beigctragcn, diesen Kongreß zu schassen, diesen Kongreß, der im Kleinen, auch schon manches 3iudiment, den Anfang künftiger besserer Einrichtungen zeigt? Wir haben die ersten Ansätze zu Reformen, die anderswo noch lange nicht reisen Iverden; wir haben die Gewissensfreiheit und auf nationaler Grundlage die Achtung aller religiösen und politischen Ucbcrreugung, wir haben das gleiche Recht der Frau, die Genossenschaft der Schwachen und noch vieles andere, in unserem Programme festgelegt. Dieser Kongreß ist unsere erste Institution und ich wünsche, daß er iinincr unsere beste, höchste, würdigste bleiben soll, bis wir ihn hinüber nehmen in das schöne Land unserer Väter, das wir nicht zu untersuchen brauchen, um cs zu lieben." Schluß des Kongresses: Freitag Nachmittag 0% Uhr. Aus aiXev Well. Deutschland. Berlin. Die jüdischen Flüchtlinge aus Kischenew, sie dich in Berlin aufgehalten haben, sind dank der Unterstützung des hiesigen Hilfskomites bereits auf dem Wege nach Amerika. Dieser Trupp Auswanderer kam nach Berlin, ehe das Hilfskomitö den Beschluß gefaßt hatte, die Auswanderung aus Kischenew zu bekämpfen und nur die Hilfsbedürftigen am Orte zu unterstützen. Seitdem wird aber an dem Beschluß streng festgehalien, so daß Kischenewer Auswanderer, die nach Berlin kommen, gleichviel welches ihr Reiseziel -ist, auf keinerlei Beihilfe zu rechnen haben. Jnowrazlaw. Die hiesige Synagoge ist jetzt 70 Jahre alt. Ihr Bau hat im Jahre 1830 begonnen, hat aber wegen verschiedener Hindernisse, so auch wegen einer Meinungsverschiedenheit zwischen Regierung und Gemeinde drei Jahre gedauert. In den letzten Jahren hat die Synagoge vielfache, auch kostspielige Renovierungen erfahren. Da die Synagoge teilweise schon baufällig geworden ist und sich besonders an hohen Festtagen als zu klein erweist, so geht der Vorstandschon seit Jahren mit dem Projekt um. eine neue Synagoge erbauen zu lassen. Aus diesem Grunde fanden auch bereits Kollektivsitzungen statt, in denen Beschlüsse bezüglich des Baues eines neuen Gotteshauses gefaßt wurden. Doch blieb es bis jetzt bei den Beschlüssen. Neuerdings lief eine Anzeige bei der Regierung ein, daß die Synagoge baufällig und für die Besucher gefährlich geworden ist Hierauf beaufttagte der Landrat den Stadtbaurat, den Zustand des Gotteshauses' zu untersuchen.. Dieser gab sein Gutachten dahin ab. daß das Gebäude im allgemeinen noch widerstandsfähig sei, daß dagegen die Decke für die Besucher gefährlich werden könnte. Gegenwärtig wird daher an der Renovierung der Decke gearbeitet; Die Gemeinde muß sich daher einstweilen mit dem Betlokal des Bethamidrasch begnügen. Leipzig, 23. August. "Heute mittag wurde auf dem israelitischen Friedhofe hier in schlichter Feier ein Denkstein für den im März vorigen Jahres verstorbenen neuhebräischen Dichter und Schriftsteller Dr. zur. et phil. Solomon Mandelkern geweiht. Hamburg. 35 mittellose Rückwanderer hat der Dampfer „Portia" von London mit nach hier gebracht. Das israelitische Hülfskomitre verschaffte den Leuten einstweilen ein Unterkommen in einem Logierhause. (Fortsetzung in der Beilage.)

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