Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1903-09-04 · Heft 44 (4.9.1903) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 44 (4.9.1903)
Date
1903-09-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692298-2692341--00432-2694812
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Frnnkfuvtev Israelitisches Jüiuiliculiltttt sa Abonnementspreis ML 1 — vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen SO Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) Uostzeiturrgsliste 2741. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband Mk. 1.50 vierteljährlich (Ausland Mk. 2.—). B= =a Redaktion und Haupt-Expedition- ® Frankfurt «. M. Vergrrstraßr 28, parterre. Herausgeber: Kaly Geis. ,a Jnfertionspreis für die viergefpallene Petitzeile 25 Pfg., für die Rellame-Zeile Mk. 1.—, im kleinen Anzeiger (Familien-Nachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, Mk. 5.— bis 8.- das Tausend. er No. 44. Freitag, den 12. Mul 5663 (4. September 1963). Ro. 44. Indische Turnvereine. Kürzlich sagte ein christlicher Bekannter zu mir: „Ihr Juden könnt euch nicht genug über unsere Zurückhaltung beschweren; übt doch aber erst selbst einmal Selbsterkenntnis und fragt euch, ob ihr nicht grade so gegen uns handelt, wie wir gegen euch. Seht, ihr schließt euch zusannne» in konfessionelle Bnai-Brith-Logen, in die ihr keine Christen ansnehmt; nun — warum soll es denn keine Logen geben, die sich ans dem Christentum aufbauen und deshalb das jüdische Element von sich fern halten!" Hatte der Mann recht? Nein, — denn er hat den Spieß herumgedreht und die Tatsachen auf den Kopf gestellt. Wir Juden haben uns seit unserer Emancipation genug bemüht, jede Eigenart von uns abzustreifen, um gleich zu werden den Völkern, in deren Mitte wir wohnen. Wir haben unsere Religion und unsere einzigartig große Geschichte vergessen, wir haben unsere Selbstachtung verleugnet, nur um von unseren Mitbürgern als gleich geachtete Bürger ausgenommen zu werden. Doch alles Liebeswerben war vergeblich, — und als die besseren Elemente der indolenten jüdischen Masse die Unfruchtbarkeit ihrer verlorenen Liebesmüh' endlich eingeschen hatten, da griffen sie zu der einzigen Konsequenz, die ihnen übrig geblieben war und suchten unter sich den Anschluß, den sie bei ihren andersgläubigen Mitbürgern nicht erlangen konnten. Eigentümlich muß es unter solchen Umständen erscheinen, wenn Freunde und Feinde sich immer wieder bemüßigt sehen, die jüdische Abschließung zu tadeln. Erst jüngst hat die Einberufung eines jüdischen Turntages nach Basel den angesehensten Tageszeitungen Veranlassung gegeben, ihre warnende ‘Stimme zu erheben und ihrem Mißfallen gegen die jüdischen Turnvereine Ausdruck zu geben. Stuf einen diesbezüglichen Artikel in der Kölnischen Zeitung werden in diesem Blatte von Seiten einiger Geburtsschein- Juden die merkwürdigsten Vorschläge gemacht. So schreibt ein Einsender: „Praktisch ließe sich diesen Abschließungsbeftrebungen gewisser jüdischer Kreise u. a. dadurch entgegenarbeiten, daß man die Mischehen zwischen Jude und Ehrist wieder mehr populär machte, ivie es zu Bismarcks Zeiten der Fall war und zwar durch Hinweis auf die ganz vorzüglichen Produkte einer Verschmelzung von Christen- und Judenblut. Nach meinen langjährigen Beobachtungen sind diese Mischehen, wie sie ja in größeren Städten vielfach eingegangen werden, besonders glücklich und innig. Es sind mir eine Reihe von Fällen gegenwärtig, in denen christliche Männer mit jüdischen Mädchen verheiratet sind und wo aus dieser Verbindung durchweg selten schöne und hochintelligente Kinder hervorgegangen sind, eine durchaus glückliche Mischung zwischen dem kräftigen Germanenkörper und dem beweglichen jüdischen Geiste. Wünschenswert wären statistische Angaben über die Fruchtbarkeit dieser Mischehen wie überhaupt über Rassenkreuzungen." Warum das unglückliche Zwitter der Mischehe und nicht gleich, um auch dem leisesten Vorwurf der Abschließung die Spitze zu brechen, der Austritt aus dem Judentunr? Wir ivissen nicht, welchen vernünftigen Grund die Herren Geburtsschein-Inden für dieses Stehenbleiben auf halbem Wege anführen können. Anerkennung werden sie sich damit bei denen, um deren-Gunst sie buhlen, wahrlich nicht erwerben. Auch die Allgemeine Zeitung des Judentums träumte vor einigen Monaten den prächtigen Traum: „wie herrlich es Iväre, wenn der jüdische Jüngling sich der germanischen Jungfrau anschmiegen würde" und heimste ccks Dank dafür ein wahres Wutgeheul bei der konservativ-antisemitischen Presse ein. ('Nebenbei bemerkt,. lehren die Tatsachen, daß Mischehen unendlich viel unglückliche Kinder — Idioten, schwachsinnige re. — zur Folge haben, und setzt sich deshalb der Herr Einsender mit seiner Behauptung von der durchaus glücklichen Mischung in Widerspruch zur Wirklichkeit.) Ein anderer Einsender läßt sich über die Lösung der Judenfrage, die für ihn auch gleichbedeutend ist mit dem Aushören der Abschließung wie folgt vernehmen: „Zunächst glaube ich, daß diese Lösung teilweise von luis Juden allein durchgeführt werden muß und kann. Es haften uns aus den Jahrhunderten des Elends und der Verfolgung, während deren die Juden in der moralischen und geistigen Stickluft des Ghetto teilweise verkümmern mußten, noch gewisse Schlacken an, die trotz aller Arbeit noch unmer nicht ganz verschwunden sind. (Sä ist noch viel zu tun, bis wir unfern deutschen Volksgenossen ganz konform sind. Der einzige Weg aber, der zu diesem Ziele führt, heißt „innere Selbsterziehung". Dieser ist ja uns Juden heute nicht mehr fremd. Gerade in den letzten Jahren finden sich eine Menge Strömungen unter den deutschen Juden, die hierhin führen. Am besten und erfolgreichsten hat besonders unter de» jüdischen Studenten das Prinzip der innern Selbsterziehung der K. Cdurchgeführt. Es ist dies ein Kartell von jüdischen Studentenverbindungen, die seit 15 Jahren an verschiedenen deutschen Universitäten bestehen. Ihre Tendenz besteht darin, jüdische Akademiker zu waffenschneidigen Studenten heranzuziehen, die durch und durch deutsch denken und handeln, die aber auch ihre jüdische Abstammung nicht feige zu verdecken und verleugnen, sondern dieselbe in Ehren zu bringen suchen. Das heißt mit andere» Worten: „Wetteifert mit euren andersgläubigen Mitbürgern im Schlagen und Saufen; saufet und schlaget euch möglichst doppelt so viel wie die anderen: dann werdet und müßt ihr euch die volle Gleichberechtigung erkämpfen." 'Anders können wenigstens wir diesen Vorschlag zur „inneren selbsterziehung" nicht verstehen. Doch, was sollen wir bei diesen verschrobenen Gedanken in jüdischen Dingen vollständig unwissender und deshalb unklarer Persönlichkeiten verweilen. Wir hier reden zu Juden, die Juden sind und Juden bleiben wollen, und nur mit diesen wollen wir uns zu Rechte setzen. Es ist eine Tatsache, daß die christliche Gesellschaft uns im geselligen Verkehr mit ihr im allgemeinen nicht gern sieht und nicht die Religion, sondern der Instinkt des Rassenunterschiedes tragen die Schuld hieran. Deshalb ist auch nur mittels eines vollständigen Aufgebens des Judentums eine Verschmelzung mit unseren Wirtsvölker n ' d e n k b a r. Wer also den Selbstmord an sich — an seiner jüdischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft — nicht wünscht, der muß die 'Abschließungspolitik — ob er nun seiner Lebensführung nach religiös oder unrcligiös ist — gutheißen und kann deshalb auch nicht die Bildung jüdischer Turnvereine verwerfen. Wohl blühen grade bei uns Juden — und wir konstatieren diese Tatsache mit Genugtuung — die Ideen allgemeiner Menschenliebe und Menschenverbrüderung, doch vor der rauhen Wirklichkeit hält dieser träumerische Kosmopolitismus nicht Stand. Mso weg mit dem Traumleben und mannhaft für die innere Stärkung und Kräftigung gearbeitet. Hören wir was ein Nichtjude (Karl 'Mann in der Sportzeitschrift Kraft und Schönheit) sagt: „In deutschen Turnvereinen fühlen Juden sich selten recht wohl Und meiden sie daher; obschon gleichberechtigt, haben sie oft Grund, sich nur als geduldet zu fühlen. Grade den Angehörigen der jüdischen Rasse indes tut der Betrieb von Leibesübungen am dringendsten not. Wenn man von osteuropäischen Ghettojuden absieht, die meist in gedrückter sozialer Lage unbewußt ihrer Naturentfremdung und geistigen Verkümmerung dahinleben, so ist es eine bedauerliche Tatsache, daß die große Mehrzahl der im Daseinskämpfe stehenden „Knltnrjnden" unter den Folgen einer einseitigen frühreifen Ausbildung ihrer Geistes- und Verstaudeskräfte schlimm leidet. Nur der zähen Lebenskraft, die dank der durchschnittlichen Mäßigkeit in de» meisten Gliedern dieses uralten Stammes steckt, hat das Judentum cs zu danken, daß die heute unleugbare physische llnterwertigkeit — int Vergleich zur germanischen Rasse — nicht bereits zu einer allgemeine» >t e r v ö s e n Entartung geführt hat, wie sie sich bei vielen Einzelnen in wachsendem Maße zeigt." So denken und sprechen edeldenkende Christen, die da wünsche», daß auch der Jude an Körper erstarke. Wir glauben, daß cs viel weiser wäre, auf den Rat dieser Edlen zu hören und nach ihrem Beifall zu strcbeir, als auf das Geschrei derer zu achten, die bei all' ihrem Gerede und Getue nichts anderes im Auge haben, als unseren Untergang, und nichts sehirlicher lvünschen, als uns physisch schwach zu sehen. Es ändert nichts an der Sache, wenn leider auch in unserer Mitte solche Feinde zu finden sind. . G.-£- / Das Ostafrikaprojekt. Stimmungsbild vom VI. Zionistenkongresse. Bon S. Schachnowitz - Endingen. Ostafrika! .... Man mitßte es gehört, gesehen haben. — Ein Vogel, dessen Flug sich zunt Himmel erhob, dessen schwingen sich zur' höchsten Höhe emporwagten. Aengstlich schaut er um sich her, aber mutig fliegt er weiter; er fliegt und singt. Und plötzlich Halt! Man zwiitgt ihn herunter, ans den trocknen, prosaischen Boden mit roher Menschenhand. Hier bleibst du; nicht mehr fliegen, nicht mehr iin hohen Schwünge aufwärts streben. Glicht mehr schwingen, nicht mehr singen! Siehst du dort die reich gestreuten Körner? Die gut geschützte Hecke? Die iveich gebetteten Nester? Also hier! Hier bleibst du! Für Nahrung ist gesorgt, vor dem Pfeil des Jägers bist du geschützt, - wie vor der Falle der Straßenbuben. Also was willst du noch mehr? Nein? Du willst nicht? Lieber ein Wandervogel bleiben und ferner den Flug nach den unbestimmten, unerreichbaren Wolken richten? Unbegreiflich!!! Man muß es gehört und gesehen haben! Zion hat sie gesammelt, hat sie zusammengerufen. Sie kamen zur Urne und wählten für Zion. Sie , weinten beim Abschiede von ihren Gewählten für 'Zion. Mit Zionsgrnß schlossen die letzteren ihre Briese und sie fuhren lange und sprachen von Zion. Und daheinr flammten alle Herzen und blickten alle Augen nach Zion. Artikel wurden geschrieben und Bilder gemalt von Zion. Tie Zeitungen brachten lange Begrüßungsworte und man spendete für Zion. Man hielt Vorkonferenzen und man zankte sich um Zion. . . . Nun war der große Moment da, sie standen im historischen Saal und bebten um Zion. Und der beliebte Führer kam und — er sprach von Zion. Zion ist es freilich nicht und kann es nie werden — denn es ist Ostafrika.- Man muß di.' gesehen und gehört haben. War es eine Enttäuschung? Nein, es ist dies kein Ausdruck dafür. Für eigentümlich schmerzliche Empfindungen von Millionen, die sich in einem Moment wie ein Reflex auf dem Gesichte einzelner abspiegeln, hat das menschliche Sprachvermögen noch keine Ausdrücke gefunden. Druck, Liebe, Schmerz, Hoffnung, Leid, auch Hohn, alles was Menschen jemals gefühlt und gedacht haben, konzentrierte sich ' um einen Begriff, der sich wie eine Platzbombe entlud und den Saal und die Tausende, die sich darin versammelten, erschüttern machte. Am Abend vor der Abstimmung wohnte ich als Delegierter und Mitglied des „Misrachiverbandes" Abonniert das Frankfurter Israelitische Famitienblatt!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.