Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 43 (28.8.1903)
- Date
- 1903-08-28
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692298-2692340--00425-2694804- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr, 48, Berlin. Nach den Aufstellungen des städtischen Statistischen Amtes sind in Berlin unter 1252 Blinden 66 und unter 1660 Taubstummen 160 Juden. Stuttgart. Gestern abend ist hier Kommerzienrat Emanuel Benzinger, Direktor der Württ. Vereinsbank seit der im Jahre 1869 erfolgten Gründung dieses Justituts, im Alter von 63 Jahren gestorben. Durch seine außerordentliche Tatkraft und sein großes Wißen auf dem Gebiete des Bankwesens hat der Verewigte hier wie in ganz Süddeutschland eine einzigartige Stellung eingenommen. Er war Vorstand der hiesigen Effektenbörse, Aufsichtsralsmitglied bezw. Vorstand vieler industrieller und finanzieller Unternehmungen, speziell in Württemberg. Kommerzienrat Benzinger war auch Mitglied des israelitischen Kirchenrats. Nordhausen. Fabrikant Jul. Herrmann, der jüngst nach langem Leiden verstorben ist, wurde gestern auf dem israelitischen Friedhofe beerdigt. Die große Beteiligung bei dem Leichenbegängnis bewies, welcher Beliebtheit sich der Verstorbene in allen Kreisen, mit denen er in Verbindung stand, erfreute. Jul. Herrmann war fast 10 Jahre hindurch Vorsitzender des Synagogenvorstandes und war auch sonst zu finden, wo es galt, im öffentlichen Leben zu wirken. Die Liberale Partei verliert ein treues und bewährtes Mitglied. Er ruhe in Frieden! Aus dem westfälischen Sauerlande. 19. August. Gestern konnte der Schöpfer der Neheimer Industrie, Fabrikbesitzer Noa Wolfs, seinen 95. Geburtstag feiern. Wolff ist Ehrenbürger von Neheim, das ihm viel verdankt. Auch in Arbeiterkreisen erfreut sich der ehrwürdige Greis, den die israelitische Gemeinde mit Stolz den ihren nennt, ungemeiner Sympathie, da er stets ein Herz für seine Arbeiterschar hatte. Burgdors. Bon einem Schulidyll weiß die »Preuß. Lehrerztg." von hier zu berichten. Hier besteht eine israelitische Schule, deren Gesamtschülerzahl schon seit langem aus einem einzigen Mädchen, der Tochter des Lehrers, besteht. Und so bereitwillig zahlt der sonst in Schulsachen ziemlich sparsame preußische Staat hier seine Beihülfe, daß es der Regierung zu Lüneburg noch nicht gelungen ist, die Genehmigung des Ministers zur Aushebung der Schule zu erwirken, obwohl nachweislich gar keine Aussicht vorhanden ist, daß je wieder ein halbes Dutzend Kinder in dieser Schule zusammen kommen werden. Die wenigen jüdischen Familien in und bei Burgdorf senden nämlich ihre Kinder lieber in die gut gegliederte evangelische Stadtschule, als daß sie sich für diese mit ihrer eigenen stets doch nur einklassigen Schule begnügen sollten. Hamburg. Diamant-Hochzeit. Das seltene Fest des 60jährigen Ehejubiläums begehen heute der namentlich in der Hafengegend sehr bekannte Herr Julius Meyer und Frau, Kielerstraße 85. Das Jubelpaar, das in voller geistiger und körperlicher Frische den heutigen Tag begeht, steht ini 86. resp. 89. Lebensjahr. Wie bei der allgenieinen Beliebtheit des Jubelpaares nicht anders zu erwarten war, wurden ihm viele Ovationen zu teil. Im Aufträge des Senats erschien Herr Oberrabbiner Hirsch, der den Diamant- Hochzeitern die vom Senat gestiftete Ehejubiläums- Medaille überreichte, sowie ein Schreiben, in welchem Herr Senatssekretär Dr. Hagedorn den Oberrabbiner beauftragt, dem Jubelpaar die Glückwünsche des Senats auszusprechen. Unter den vielen Gratulanten befand sich auch Herr Generaldirektor Ballin, der ein Verwandter des Hauses ist. Altona. Aus der S. I. Warburg-Stiftung zur Verbreitung bürgerlicher Gewerbe unter der j ü d ischen Bevölkerung der Stadt Altona sind auch in diesem Sommer wieder eine Anzahl Portionen » 1060 Mk., wie es heißt -ca. 20, verteilt worden. Das Vermögen der Stiftung, deren Administratoren Kommerzienrat Albert Marburg, Justizrat Jul. Heymann und Justizrat Dr. Siegfried Marburg sind, beträgt ca. 55 000 Mk. Posen. Die Posener Zeitung enthält seitens des Herrn Or. B. Königsberger, Pleschen, das folgende Eingesandt: Ich habe s. Zt. bei dem Besuche, den der frühere Oberpräsident der Provinz Posen, Exzellenz von Bitter, unsrer Stadt abstattete, in meiner an die »Pos. Ztg." gerichteten und von ihr aufgenommenen Notiz das Berschen registriert, das durch Uebergehung der Synagoge begangen worden ist, und in einer weiteren Vorbesprechung zur Reichstagswahl ist nur auf mein Monitum vom Landrat des hiesigen Kreises,Herrn von Eichmann, eine Entschuldigung zu teil geworden. Die neueste Wahrnehmung aber läßt mich leider vernruthen daß in der Nichtbeachtung der jüdischen Gotteshäuser ein System liegt. Wie ich aus einem Berichte über den Besuch des Herrn Regierungspräsidenten von Guenther in Wongrowttz ersehe, sind dort die katholischen Gotteshäuser, wie auch das evangelische mit einem Besuche beehrt und dabei die resp. Kirchenvorstände von den Geistlichen vorgestellt, dagegen ist auch dort Synagoge und jüdischer Korporationsvorstand übergangen worden. Die jüdischen Bürger haben, zumal man oft genug an ihre vaterländische Treue und Opferfreudigkeit, und nicht vergeblich, appelliert, wohl das Recht, dieselbe Achtung zu verlangen, die man den christlichen Mitbürgern ohne weiteres konzediert. Posen. Die „Posener Ztg." nieldet aus Jnowrazlaw: Der bisherige Inspektor des hiesigen Wolfsoyn'schen jüdischen Waisenhauses, Alexander, hat heute in Bentschen das Amt als Prediger, Lehrer und Kantor Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. der dortigen jüdischen 'Kultusgemeinde übernommen. Sein Scheiden wird hier von jedem Mitgliede der jüdischen Gemeinde, besonders von dem Bethamidraschverein, dem er in uneigennütziger Weise große Dienste geleistet hat, schmerzlich empfunden. Noch nicht volle 7 Jahre besteht das Waisenhaus, und dennoch wurde es durch zwei Perioden von Frauen. interimistisch und von 4 Inspektoren verwaltet. Der erste Inspektor. Prediger Boß, ein wahrer Liebling des hiesigen Publikums, der das Waisenhaus auf die Höhe der Zeit gebracht, konnte sich hier nicht lange halten und ging als Verwalter einer 'Alterversorgungsanstalt nach Breslau. Der zweite und dritte mußte vom Kuratorium entlaßen werden. Inspektor Alexander, der die Anstalt in einem höchst verloderten Zustand übernahm, hat mit Hilfe seiner Frau unausgesetzt dahin gearbeitet, daß die armen Waisen ein angenehmes Heim bekamen. Die Mühewaltung und die Sorge dieses braven Ehepaares für das Wohl ihrer Zöglinge fanden überall die gebührende Anerkennung. Trotz alledem sah sich Alexander nach kaum halbjähriger Tätigkeit genötigt, seine Stelle zu kündigen. Fragt man nach der Ursache des fortwährenden Wechsels der Leiter des Waisenhauses, so ist die Antwort für die hiesigen Einwohner ein offenes Geheimnis. Jeder weiß, wo der Schuh drückt. Am 1. Dezember trifft der neue Inspektor Schüler aus Züllichau hier ein, hoffentlich wird er seinem hiesigen Posten längere Zeit vorftehen, als seine Vorgänger. Randegg (Baden), 17. August. Herr Moses Hoffmann, Sohn des Herrn Seminar-Direktors vr. D. Hogmann in Berlin ist als Rabbiner an unsere Gemeinde berufen worden. Die Wahl erregt ungetheilte Befriedigung, und wir schätzen uns glücklich, einer so bewährten Kraft die religiösen Interessen unserer Gemeinde anvertraut zu wißen. Herr Hoffman hat seine Ausbildung an dem Rabbiner- Seminar zu Berlin erhalten. Ezarnikau, 18.August. Für die hiesige Synagoge haben die Herren Kaufleute Gebrüder S e e l i g er aus Berlin, welche geborene Ezarnikauer sind, zusammen mit ihrer Mutter eine Gasbeleuchtung mit 84 Flammen gestiftet. Bei der letzten Sabbatfeier erstrahlte die Synagoge in der neuen Beleuchtung. Aus diesem Anlaß waren HerrBürgermeister Zager, eine Anzahl Stadtverordnete und andere Herren erschienen. Herr Rabbiner Dr. Wehl dankte den Spendern der Beleuchtung und hob noch hervor, daß die Familie Seeliger sich öfter schon durch Spenden an die jüdische Gemeinde hervorgetan hat. Oesterreich-Ungarn. (Der Tempeleinbruch in Baden). Aus Wiener- Neustadt wird uns berichtet: Die Staatsanwaltschaft hat die Untersuchung gegen den des Einbruches im Israelitischen Tentpel in Baden verdächtigen Hotelgehilfen Brandt eingestellt. Brandt wurde in Haft genommen, weil die Spuren des Einbrechers bis zu dem Hause zu verfolgen waren, wo er bedienstet war und weil ihm, der bereits zweiundzwanzigmal wegen Diebstahls und Landstreicherei vor Gericht stand, eine solche That wohl zuzutrauen war. Da jedoch weder die aus dem Tempel entwendeten Silberteller in Brandl's Besitz vorgefunden wurden, noch ein sonstiger directer Beweis seiner Thäterschaft erbracht werden konnte, sah sich die Staatsanwaltschaft veranlaßt, die Untersuchung gegen ihn einzustellen. Türkei. Salonik, 10. August. Baron EdmundRothschild nebst Gemahlin und Tochter sind gestern mit der Jacht »Atmah" hier angekommen und besuchten die Stadt. Eine große Anzahl Neugieriger folgte den Gästen auf ihrem Rundgange. Herr und Frau Baron Rothschild spendeten 15.U00 Franken für die hiesigen Armen, und für den Wiederaufbau der Synagoge Talmund Tora. AuMton. (Nachdruck verboten.) Ein Schüler Spinozas. Erzählung aus denr 'Amsterdamer Ghetto. Von H e n n y Rosenbau in. „Ganz gewiß, Jan, Sie irren sich. In dieser schmutzigen Gegend kann doch meine Großmutter nicht wohnen," sagte das schlanke, schwarzgekleidete Mädchen mit trotziger Bestimmtheit zu seinem hochgewachsenen Begleiter und sah init zornfunkelnden Augen zu ihm auf. „Sie wollen mich gewiß wieder necken." Sie glitt bei diesen Worten ans den nassen, holperigen Steinen aus. Der Herr fing sie aus und legte im Weiterschreiten stützend den Arm um ihre feine Gestalt. „Sie müssen sich erst an das rauhe Amsterdamer Pflaster gewöhnen, Gerta. Ihre feinen Füßchen sind ja Berliner Asphalt gewöhnt," mahnte er liebevoll und zog sie etwas fester an sich. Sie stieß , ihn unwillig fort. „Sie sollen mich doch nicht immer so fest anfassen. Ich will doch nur wissen, ob meine Großmutter wirklich hier, wohnt." „Gewiß, Gerta, wir sind gleich bei ihr." lind als er den enttäuschten, fast entsetzten Ausdruck 'in dem zarten Gesicht sah, suhr er zärtlich fort: „Daß ich die kleine Tochter meines toten Freundes lieber in mein Elternhaus geführt hätte, als hierher, brauchte ich Ihnen wohl nicht erst zu sagen. Aber es ist der letzte, bestimmt geäußerte Wille Ihres Vaters, daß «ie bis zu Ihrer Volljährigkeit bei Ihrer Großmutter leben sollen. Selbstverständig steht Ihnen aber trotzdem jeder Zeit das Rhederhaus an der Heerengracht offen. Und ehe ich nach Deutschland zurückgehe, mache ich Sie noch mit meiner Mutter bekannt. Gerta Rüben wird bei ihr immer geöffnete Arme finden, denn meine Mutter weiß, wie teuer mir das — Kind meines Freundes ist." Sie ließ jetzt ruhig ihre Hand in der seinen, als sie ohne zu sprechen weitergingen. Angstvoll und angeekelt prüften ihre, Blicke die schmalen, unschönen Gassen der alten Judenstadt, die im abendlichen Herbstnebel doppelt ungastlich und unfreundlich aussahen, die vielen, lauten, schmutzigen Kinder, welche ihr Worte nachriefen, die sie nicht verstand, die Erwachsenen mit den scharsmarkierten, teilweis versorgten und verarbeitete» Gesichtern, die sich nnt dreister Neugier an die junge Fremde drängten. Nirgends gab es hier in diesem Stadtteil etwas Lichtes, Schönes, denn nur die Aermsten der Armen, oder solche, die von deren 'Armut leben, schlagen hier »och ihre Zelte auf, nachdem die äußerliche Schranke, die die unglücklichen Kinder Israels einst von den Wohnsitzen ihrer andersgläubigen Herren trennte, längst gefallen ist und seitdem die reichen Juden Amsterdams gleichberechtigt selbst als stolze Herren in den großen Rhedereipalästen der Stadt gebieten. Wie etwas gänzlich Unmögliches erschien Gerta der Gedanke, ihr feiner, liebenswürdiger, chevalereskcr Vater habe hier seine Jugend verlebt, und sie, sein einziges, vergöttertes Kind sollte nun auch Jahre hier zubringen. „Nein, nein," sagte sie halblaut und stampste .mit dem Fuß aus die Erde. Jan tcr Borg tat, als bemerkte er das gar nicht. Sekundenlang flog ei» befriedigtes Lächeln über sein Gesicht.. — „Hier werde ich Dich nicht verlieren. Du liebe, - kleine, verwöhnte Puppe," dachte er. H. Die alte Frau putzte nun schon zwei Stunden in der Stube herum, obgleich alles blitzblank war. Dan» ging sie an den Tisch und schaute strahlend ans das dritte Gedeck. „Da wird nu das Enkelche sitzen," sagte sie halblaut, wie alte Leute sprechen, die viel allein sind. Es klopjte. Die Großmutter fuhr freudig erschreckt auf. 'Aber in der Tür erschien nur die vom schweren Lastentragen krumm gebogne Gestalt einer alten Judenfrau. „Guten Abend, Rubenschc. Ich Hab mer ^gedenkt, Se sind nebbich allein und die Zeit wird Se lang sein, bis'n Aaron sein Kind ßu de Großmemme kommt. 'As mer dakitzt, Hab ich mer gedenkt, wird se korzer wern." „Gewiß, Rebeckche. Ich kenn mer oster mehr aus mit mer, bis das gebenschte Kind da iS. IS is doch nebbich 's Letzte, was mer geblieben iS von mei einz'gen Sohn, olon hascholem," weinte die alte Frau. „Wenn ich'n nor noch hätt sehen könn, eh Se'n gebracht hab'u auf'n guten Ort." „Gehn Se. Is is'n doch gutt gegangen ins deutsche Land. Von e armen Schnorrer, der is weggegangen, is er geworn e Ehotzen. Und auf seine Meschspoche hat er auch nicht vergessen und har imm'er e offene Hand gehabt vor de alten Eltern. Nor daß er nich mehr gelebt hat wie e Jüd und ne Goje seine Frau ivar." „Ja, ja, Rebeckche, is hat lang gedauert, bis wer den Gedanken haben denken kennen, daß mei Sohn e Posche Jisroet is. Abber wie er denn geschrieben hat, sei Frau is tot und nor 's Kindche lebt und so verschachert gesessen hat in sei Mahmed, da habn wer'» doch wieder gebenscht, denn er war doch unser Einziges auf der Welt." Der schlanke Manu mit dem seinen, kurzen, schwarzbärtigen Gesicht unterbrach durch sein Eintreten die Sprechenden. „Guten Abend," sagte er mit voller Stimme: „a, Mutter Rüben, ist das Enkelkind noch nicht da?" „Gutten Aben, Herr Doktor," antwortete sie. „Noch is es nich da. Wen» ihm nor kein Schlimmasel passiert ist." „Gewiß nicht, Mutter Rüben. Tie Ankunft des Hamburger Dampfers ist nicht so genau zu bestimmen." Es kamen nun immer inehr Menschen in die Stube, Nachbarn, die die Neugier herauftrieb, das „Kotzenkind" zu sehen. Dr. Adam Seclig wollte eben Mutter Rüben bedeuten, sie sollte die Fremden entfernen, damit die kleine Gerta die Großmutter, die sie nicht kannte, allein finde, als Jan ter Borg mit seiner jungen Begleiterin eintrat. Erschreckt durch das Stimmengewirr und die vielen, ihr fremdartig scheinenden Menschen schmiegte sich Gerta an Jan. k—.V