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Neue jüdische Presse · 1903-08-28 · Heft 43 (28.8.1903) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 43 (28.8.1903)
Date
1903-08-28
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Dr. fyriebemamt, Berlin erklärt im Namen der deutschen Landsmannschaft, der sich die Dänen, die Holländer und die Italiener anschließen, sowie im Namen der österreichischen Landsmannschaft, daß sich diese Landsmannschaften für die Einsetzung einer Kommission zur Prüfung der Ostafrikaftage aussprechen. Dr. Nossig, Berlin übt noch eine ausführliche Kritik der Tätigkeit des Aktionskomitees und empfiehlt die El-Arisch-Frage einer nochmaligen Prüfung zu unterziehen. «ierauf entspinnt sich eine rege Diskussion, in der lee, Berlin nochmals auf die eminente Wichtigkeit des Vorschlages der britischen Regierung aufmerksam macht. H. Verhandlungstag. Nachmittagssitzung. Die Sitzung wurde eröffnet durch den Vizepräsidenten Dr. N o r d a u um 3 Uhr 30 Min. Dr. Gronemann beantragt namens der deutschen Landsmannschaft die Diskussion über den Rechenschaftsbericht des Aktionskomitees unter Ausschluß des britischen Vorschlages vorzunehmen. Der Antrag wird angenommen. Hierauf folgen die Berichte der Landsmannschaften. Dr.Pineles erstattet für Rumänien, Dr.Zlo cisti für Deutschland den Bericht. Sie ergeben in manchen Distrikten ein Wachstum der zionistischen Bewegung auf das Vierfache. Dr. Pasmanik (Genf) spricht sich nach Vorbrinaungeiniger Beschwerden gegen den Rechenschaftsbericht energisch dafür aus, daß man ungeachtet der Stellungnahme zum ostaftikanischen Projekt unter allen Umständen fest an Palästina halten müffe. In der weiteren lebhaften Debatte zum RechenschafEbcricht versucht Lilien (Berlin) dem Aktionskomitee in dem ostaftikanischen Projekt ein Uebertteten des Basler Programms nachzuwcisen. Die Diskussion Wird des weiterm hauptsächlich über die Frage einer cvent. nochmaligen Prüfung der Frage der Besiedelung El-Arischs geführt. Dr. Weitzmllnn (Genf) richtet an das Attionskomttee die direkte Frage, ob das Schicksal des El- Arischs-Projektcs schon endgültig entschieden sei, oder ob es noch Mittel und Wege gebe, diese Frage noch einmal aufzunehmen. Dr. Awinowitsky (Odessa) hält die Vorschläge, die Dr. Herzl überbracht habe, für eine so große Errungenschaft, daß er sich für verpflichtet halte, das Aktionskomitee gegen jede unziemliche Krittk in Schutz zu nehmen. Scheinkin (Balta) spricht in längerer Ausführung für das Festhalten am allen Programin. Hierauf nimmt der Präsident des Aktionskomitees, err Herzl, das Wort zur Erwiderung. Bei der usammenstellung des Rechenschaftsberichtes sei man selbstverständlich auf die Berichte der Landeskomitees angewiesen. Die Stärkezahl und Tättgkeit der einzelnen Gruppierungen könne im Bericht fteilich nicht angeführt werden, da doch der Kongreß erst das Verhältnis der einzelnen Frakttonen zu einander erkennen laffe. Was die Frage des Aufsichtsrates der Jüdischen Kolonialbank betteffe, so könne er nur Mitteilen, daß das Allionskomitee die Aufsicht so ernst genommen habe, daß Revisionen aller Art in unerwarteten Momenten vorgenommen worden seien. Bctteffs des El Arischs-Projcttes macht Dr. Herzl folgende Mitteilungen. Die Verhandlungen über El Arisch sind gescheitert, weil sich die Unmöglichkeit hcraus-!gestellt hatte, bei einer nicht genügenden Wasscrverorgung das Land ansiedlungssähig zu machen. Es war der Standpunll der egypttschen Negierung, daß nur eine solche Ansiedelung vorgenommen werden dürfe, die Garantien für ein wirkliches Gelingen biete und die weitere Garantte, daß die Ansiedler später nicht der egypttschen Negierung zur Last fallen könnten. Man wollte auch nicht, daß eine Unternehmung, über deren gute Absichten man unterrichtet war, mit einem Mißerfolg ende. Die Aussendung einer Kommission entsprach daher nicht nur den Wünschen der beteiligten Regierungen, sondern auch unserem eigenen Bedürfnis. Die Wafferurenge von El Arisch ist eine auffällig geringe, giebt es doch daselbst nur wenige Stunden inr Jahre Regen. 'Immerhin wäre es möglich gewesen, durch kostspielige Wasserbau-Anlagen, Damme, Stauungen und Talsperren eine Bewäy erring in Wadi El Arisch, das im gewissen Sinne dem Nillale gleichzustellen ist, herzustüllen. Als für dm Anfang geeignet war die pclusinische Ebene erkannt worden. Die eigentümliche Beschaffenheit dieser Ebme aber hätte es erfordett, daß wir nach dm Gutachten der besten der egypttschen Wasserbaukünsttcr das Wasser vom Nil durch kunstvolle.Anlagen unter dem Suezkanal hättm herleiten müssen. Dieses Wasser aber konnte uns die egypttsche Regierung nicht gewähren, weil sie so viel Wasser selbst nicht mtbchren konnte. So mußten wir denn von diesem Projett ablassen. Nach einer langjährigm Tätigkeit dieser Klein- Kolonisation sind wir zu der festen Ansicht gekommen, daß diese nicht weiter führm kann. Unfer Ziel kann nicht durch Geld erreicht werden, sondcm durch die nattonale Idee. Allerdings gereicht es mir zur Freude, dem Kongreß Mitteilen zu können, daß die Jca sich bereit erklärt hat in einer noch zu bestimmenden Weise mitzuwirken, wenn Frankfurter Israelitisches Familienblatt. es uns gelingen sollte, eine ausreichende B a s i s z u s ch a f f e n. Es ist daher notwendig, daß wir alle unsere Kräfte vereinigen, um unser Ziel zu erreichen. Aus dem Zusamnicnprall der gegenseitigen Meinungen erwarte ich gerade das allerhöchste und beste. Ilm Schluffe der Sitzung gab Dr. Herzl. in Beantwortung einer Interpellation des Prof. Gottheil (New-Uork) die bedeutsame Erklärung ab, daß er im Besitze einer schristllchen Antwort der russischen Regierung sei. Er halte sich nicht für berechtigt, diese Antwort im Wortlaut bekannt zu geben, bevor er nicht die Autorisatton des großen Aktionskomitees hierüber eingeholt habe. III. V erh an d lungs tag. Vormittagssitzung. Die Sitzung wird durch den Präsidenten Dr. Herzl um 10 Uhr 30 Min. eröffnet. Hierauf wird der Bericht des Legitimationsausschusfes erstattet und von der Versammlung genehmigt. Dr. Herzl teilt nun auf die gestrigen Anfragen zweier Delegietten mit. daß das große Aktionskomitee beschlossen habe, das Dokument bett. die Verhandlung mit der russischen Regierung im offiziellen Organ zu publizieren, dagegen könne man die, die Verhandlungen mit England bctteffenden Papiere nur der Kommission übergeben. Nun nimmt Israel Zangwill das Wott zu seinem Refereat: Der Zionismus und die Wohltätigkeitsanstalten. Er führt darin aus, daß wir wohl wüßten, was der Zionismus sei, nicht aber, was die Wohltätigkeitsanstaltcn seien, diese wären immer das äußerliche Anzeichen der Fehlerhaftigkeit eines sozialen Organismus. Nach der Stufe ihrer Organisation ständen die Juden tiefer als die Bienen und. Ameisen, denn sie hätten im Gegensatz zu diesen kein festes Heim. Wir leugnen nicht den gegenwärtigen Wert der Wohltäigkeitsanstalten, aber wir bekämpfen sie als eine volkswirtschaftliche Verschwendung. Wir erlebten in Berlin zudem, daß Gesellschaften, die eigens für die Auswanderung gestiftet worden sind, sich gegen diese aussprachen. Die einzige Auswanderung. die sie begünstigten, scheint die aus Palästtna zu sein. - Es scheint, daß unsere Jmmigrationsgesellschaften nur den Zweck hätten, unser Volk an der Erringung einer eigenen Heimstätte zu verhindern. Wir haben es hier wieder mit dem Dogma zu tun, daß die Judenftage in jedem Lande einzeln zu lösen sei. Wenn man ein Zenttum polittscher Selbständigkeit schaffen würde, so würden damit eine ganze Reihe von Wohltätiakeitsanstalten zum Verschwinden verutteilt sein, so die Anglo-Jewish - Association, das russische Komitee u. s. w. Die größte Institution, die Jca. war schon von ihren! Stifter, dem Baron Hirsch, bestimmt, sich von den gewöhnlichen Wohltätigkeitsanstalten, scharf zu unterscheiden. Endlich habe nun auch der Präsident erklärt, daß das ganze Bestreben der Kolonisation gewidmet werden solle. Die Tätigkeit des Bne Briths Ordens sei ebenfalls zum größten Teil in äußerer Politik und im Einwanderungsproblem aufgegangen, dieses letztere sei überhaupt -das eigentliche Problem der Wohltätigkeit. Für die armen Juden New-Uorks werden jährlich über eine Million Dollars ausgegeben, welche blühende Anstedlung wäre damit zu erlangen. Auch in kultureller Hinsicht sei die Heimatlosigkeit das größte Uebel. Ein Jahrhundert kultureller Arbeit komme einem Jahrzehnt agrikultureller Arbeit nicht gleich. Solange wir auf der ganzen Erde verstreut kämpfen, werden wir unterliegen müffen, weil jede kaum gewonnene Position wieder vom Antisemitismus erobert wird. Nur Polittk kann ein politisches Problem lösen. Seit 7 Jahren verlangen wir die Errichtung einer Heimstätte. Vergessen wir nicht, wir sind nicht hier, um Kischinew zu heilen, sondern um zu verhindern. Zangwill sprach englisch, Dr. Nordau übersetzte die Rede ins Deutsche. Hierauf erhält Dr. Elias, Mülhausen das Wort, der sich entschieden dafür erklärt, daß die Zionisten bei den Wahlen zur Alliance Jsraölite Einfluß auf die Verwaltung dieser Körperschaft zu gewinnen suche. Im Namen der Fraüion des Misrachi bringt Dr. Nobel eine Erklärung hervor, daß sich seine Fraktionsfteundc durch eine Stelle in Zangwills Rede in ihren religiösen Gefühlen verletzt gefühlt hätten. Zangwill beantwortete die Erklärung dahin, daß er lediglich von politischen, 'nicht von religiösen Verhältnissen gesprochen habe. Nachmittagssitzung. ■ Die Sitzung wurde um 4'/- Uhr durch den Präsidenten Dr. Herzl eröffnet. Dr. Marmorck berichtet im Namen des Permanenzausschusses von den Wahlen in den Finanzausschuß. Dieselben werden genehmigt. Hierauf wurde die Debatte über die Ostaftika-Frage eröffnet. Dr. Nosenbaum-Minsk spricht sich scharf gegen den Vorschlag aus, er meint, daß man nicht an ein solches Projett denken dürfe, solange die Voraussetzungen, die zur Erreichung Palästinas nöttg geivcsen seien, nicht erfüllt worden wären. Wenn die Zionsidec das ganze Voll erobert haben werde und der Volkswille Palästtna verlange, werde man es auch erhalten. Der. Wille Nr. 43V eines Volkes von 12 Millionen sei ein so beachtungswerter polittscher Fattor, daß er berücksichttgt werden müsse. Sulzberger-New-Iork spricht für den Vorschlag. Die Judenwanderung nehme immer größere Dimensionen an und man müsse unbedingt einen Zufluchtsort schaffen, bevor sich die Einwanderungsländer den Juden gänzlich verschlossen hätten. Da sich über 70 Redner eingezeichnet haben, wurde die Redezeit auf 10 Minuten beschräntt. In der nun folgenden Debatte sprechen sich die verschiedenen Redner für und gegen das Projett aus. Auch bei denjenigen, die gegen den Vorschlag sprechen, dringt der Gedanke durch, welch ungeheure politische Bedeutung der Vorschlag habe, da durch ihn zum erstenmal das jüdische Volk als politischer Faktor behandelt worden sei. Teinkin-Elisabethgrad meint, daß sie, die schon 22 Jahre an der Zionsidee arbeiteten, mehr Anhänglichkeit Zion bewahrten, als dem Judenstaat. Dr. Friedemann-Berlin sagt,- daß das Projett durchaus in keinem Widerspruch zum Basler Programm stehe. Dagegen sei es unbedingt notivendig, den Millionen russischer Juden, die heute unter' unerträglichen Verhältnissen schmachten, eine llnterkunstsstätte zu verschaffen. Prof. Beltowsky- Petersburg spricht gegen den Vorschlag, durch den Eegenwartsstaat gehe der Zukunstsstaat verloren. Dr. Katzenellsohn - Libau weist auf die immer mehr anschwellenden Zahlen der Auswanderung hin, die unbedingt einer Reglung bedürfen. Dr. Tsch lenow-Moskau meint, daß man den Vorschlag ohne Bedenken ablehnen könne, daß große brittsche Voll werde am ehesten die Heimatsliebe des jüdischen Volkes verstehen können. Dr. Fink-Wien hält die Veranttvortung den elenden jüdischen Blassen gegenüber für zu groß, als daß man den Vorschlag ablehnen dürfe. Dr. Kohan - Bern st ein - Kischinew bringt namens der russischen Landsmannschaft eine Resölution ein, in welcher die polittschc Bedeuttmg des englischen Vorschlags wohl anerkannt, das Projett selbst aber abgelehnt wird. Es sprechen noch die verschiedensten Redner, die im wesentlichen aber die Gründe für und wider immer wiederholen. Gegen 10V* Uhr nachts wird die Sitzung eine halbe Stunde zur Wahl eines Generalredners unterbrochen. Nach Wiederaufnahme der Sitzung spricht Rabbiner Reines- Lydah sich dafür aus, daß man doch wenigstens die Angelegenheit einer Kommission übergeben und ernsthaft prüfen müsse. Nachdem noch Dr. S h r k i n - Berlin energisch für den Vorschlag der englischen Regierung eintritt, entspinnt sich eine Geschäftsordnungsdebatte, die durch eine Vertagung der Sitzung beschlagen wird. Die Sitzung wird 12V* Uhr vertagt. Aus aller Wett. Deutschland. , O Aus Starkcnburg. Wieder einmal beklagt sich das Mainzer Kath. Volksblatt in seiner vorletzten Nr. über Judenfrcchheit und Lümmelei. In Cincinati habe eine Hochzeit bei Mr. Goldsmith, einem Wursthändler, stattgefunden, wobei eine Anzahl'Frauenspersonen in der Tracht von Ordensschwestern Essen auftrugen, die Hülle dann abgcworfen und in einem schamlosen Kostüm Tänze aufgcsührt zum Gaudium der anwesenden Juden. Ein Schrei der Entrüstung hätte sich unter den kath. Einwohnern Cincinatis erhoben. Bei uns, fährt es fort, Hetzen Judenblätter gegen katholische Orden und Ordensfrauen rc. Wir möchten es doch sehr bezweifeln, ob dies in der Tat der Fall und wie könnte man gleich für eine solche Tat, welche vielleicht nur dem Namen nach sich Juden nennende Menschen begehen, gleich einen ganzen Stamm verantwortlich machen. Es ist , ebenso ungerechtfertigt, ein Priestertum wegen eines sich verfehlenden Priesters verächtlich zu' machen. Aber der tterikalen Presse ist cs offenbar darum zu tun, bei jeder Gelegenheit über die Judenpresse herzufallen. Das Zentrum hält so viel auf seinen Windhorst, aber seine goldenen Worte hat cs noch niemals beherzigt. Berlin. Als der größte Dauerschwimmer gilt Segenwärtig Leo Ledermann in Breslau. Derselbe at 145 Ehrenpreise aufzuweisen und in diesem Jahre beim Wetttchwimmen im Mittelländischen Meere in Nizza 5 Preise erhalten. 1895 ist er am 15 August von Dover nach Calais, 80,000 Meter, in 16'/° Stunden geschwommen. Berlin. Auf Grund des neuen Fursorge- Erziehungsgesetzes, durch welches die Altersgrenzen ■ wie die sonstigen Bedingungen für das Eintreten der staatlich zu überwachenden Erziehung wesentlich erweitert worden sind, wurden im Berichtsjahre, dem ersten seiner Geltung, 7787 Minderjährige, darunter 2838 Mädchen, der Fürsorge-Erziehung überwiesen, das sind 6238 mehr als im Jahre 1900 nach dem früheren Zwangs-Erziehungsgesetze in staatliche Erziehung genommen wurden. Es gehörten 62,6 v. H. der evangelischen, 36,8 der katholischen, 0,5 der jüdischen und 0,1 einer, anderen Religion an. .

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