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Neue jüdische Presse · 1903-08-28 · Heft 43 (28.8.1903) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 43 (28.8.1903)
Date
1903-08-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 43. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Leite 3. den Schritt die Entsendung einer Kommission von Fachleuten anzuordnen, die den Landstrich auf seine Eignung zur Besiedelung und aus die Aussichten seiner Kolonisation Prüfen sollte. Um die Zustimmung der maßgebenden egyptischen Autoritäten zur Entsendung der Komniission und deren Unterstützung zu erlangen, begab sich unser Vertreter, Mr. Gremberg, . versehen mit Empfehlungsschreiben des englischen Auswärtigen Amtes im die egyptische Regierung, Ende Oktober nach Egypten. Lord Eromer und der egyptische Minister des Auswärtigen nahmen ihn sehr freundlich auf, und gaben nach einigen Verhandlungen ihre Zustimmung zur Entsendung der Kommission. Die Kommission kam in Egypten Ende Januar an und brach Anfang Februar nach der Sinai-Halbinsel auf. Inzwischen verließ unser Vertreter, Mr. Greenberg England und ging wieder nach Egypten, um dem-Lord Eromer und der egyptischen Regierung den Entwurf eines Eharters für einen Landstrich auf 'der Sinai-Halbinsel zu unterbreiten. Nach langen Verhandlungen erhielt unser Unterhändler von der egyptischen Regierung ein Schreiben, worin sie sich mit dem Grundsatz "des vorgeschlagenen Eharters einverstanden erklärt. Dieser bestimmt die jüdische Selbstverwaltung für den in Betracht kommenden Landstrich und gewährt Munizipalrechte für das gesamte bewilligte Gebiet, unter der Voraussetzung, daß die entsendete Kommission einen günstigen Bericht erstatte, welcher der Regierung die Ueberzeugung beibringt, daß hie Besiedelung der Halbinsel tunlich ist. Die Kommission kehrte Anfang März nach Egypten zurück und ich reiste selbst» hin, um mit ihr zusammenzutresfen. Ich unterbreitete Lord Eromer und der egyptischen Regierung verschiedene Vorschläge, betraute jedoch, da ich nach Europa zurückkehren mußte, mit den weitern Verhandlungen ein Mitglied der entsendeten Kommission. Es folgten langwierige Verhandlungen, die jedoch, wie ich mit Bedauern mitzuteilen habe, das Ergebnis hatten, daß die egyptische Regierung erklärte, sie sei nicht in der Lage, auf die Sache weiter emzugehen, da das fachmännische Gutachten dahin ging, daß es unniöglich sei, die pclusinische Ebene ausreichend mit Wasser zu versorgen, und daher auch die Besiedelung von El-Arisch oder einem andern Teile der Halbinsel nicht erfolgen könne. Als die Mitglieder der britischen Regierung, mit denen ich vorher in Verbindung gestanden, von dem der egyptischen Regierung erteilten fachmännischen Rate und von den Entschließungen, zu welchen sie sich genötigt sah, Kenntnis erlangt hatten, schlugen sie mir sofort an Stelle des früheren die Bewilligung eines anderen Landgebietes zum Zwecke der jüdischen Kolonisation vor. Das neue Landgebiet hat nicht den geschichtlichen, poetisch-religiösen und zionistischen Wert, den auch noch die Sinaihalbinsel besessen hätte, aber ich zweifle nicht, daß der Kongreß als Vertreter der jüdischen Masse auch das neue Anerbieten mit wärmster Dankbarkeit entgegennehmen würde. Der Vorschlag bedeutet eine autonome jüdische Ansiedelung in Ostafrika mit jüdischer Verwaltung, jüdischer Lokalregierung und einem l ü d i s ch e n Oberbeamten, alles natürlich unter britischer obcrhoheitlicher Ueberwachnng. Im Hinblicke auf die Verfassung des Judentums und die Notwendigkeit, sofort irgend ein Mittel zur möglichsten Besserung der Lage zu finden, fühlte ich mich nicht berechtigt, etwas anderes zu tun, als die Erlaubnis zu erlangen, den Vorschlag dem Kongresse 'zu' Unterbreiten. Ich möchte den Anschauungen des Kongresses über die Politik, die die zionistische Bewegung diesen Vorschlägen gegenüber befolgen will, nicht vorgreifen, allein obschon selbstverständlich das jüdische Volk kein anderes Endziel haben kann als Palästina, und obwohl, was immer das Schicksal des Vorschlages sein mag, unsere Anschauungen über das Land unserer Väter unabänderlich 'sind und bleiben müssen, so wird der Kongreß doch erkennen, welche außerordentliche Förderung "unsere Bewegung durch die Unterhandlungen mit der britischen Regierung erfahren hat. Ich darf sagen, daß unsere Anschauungen in Betreff Palästinas mit voller Offenheit und Ausführlichkeit den Mitgliedern des britischen Kabinetts und den in dieser Angelegenheit zuständigen hohen Regierungsbeamten auseinander gesetzt worden sind. Ich glaube, daß der Kongreß Mittel finden kann, von dem Anerbieten Gebrauch zu machen. Dieses Anerbieten wurde uns in einer Weise entgegengebracht, die dazu beitragen muß, die Lage des jüdischen Volkes zu bessern und zu erleichtern, ohne daß wir irgend etwas von den großen Grundsätzen aufgeben, ans welche unsere Bewegung gegründet ist. Die Einzelheiten des Vorschlages, auf den ich Ihre besondere Aufmerksamkeit aufs Ernstlichste hinlenken möchte, dem gesamten Kongresse vorzulegen, würde mir nicht praktisch scheinen. Es scheint mir richtiger. Sie zu bitten, daß Sie einen kleinen Sonder-Ausschuß wählen, der sich mit der ganzen Angelegenheit zu befassen hätte. Was immer beschlossen werden mag — soviel kann ich getrost sagen, daß wir Alle das tiefste Gefühl der Dankbarkeit für das staats- männische Wohlwollen empfinden, das Großbritannien in diesen Verhandlungen dem jüdischen Volke gegenüber bekundethat. Zion ist dies freilich nicht und kann es nie werden. Es ist nur eine Kolonisationsaushilfe, aber wohlgemerkt, auf nationaler und staatlicher Grundlage. Das Zeichen zum Ausbruche können und werden wir unseren Massen darauf hin nicht geben. Es ist und bleibt lediglich eine Notstandsmaßregcl, die der jetzigen Ratlosigkeit aller philantropischen Unternehmungen abhelfen und dem Verluste solcher versprengter Volksteile Vorbeugen soll. So lagen die Dinge, als die letzte Wendung eintrat, die erst wenige Tage alt ist, aber eine sehr bedeutende Entwicklung vorstellt. Die wohlbekannten Ereignisse machten es notwendig, daß ich im Interesse des jüdischen Volkes nach Rußland reiste. Ich hatte die willkommene Gelegenheit, mit der dortigen Regierung zu verkehren, und ich kann sagen, daß ich einem gewissen Verständnisse unserer zionistischen Bestrebungen begegnete, sowie auch Aeußerungen des guten Willens hörte, etwas Entscheidendes für uns zu tun. Ich gestehe übrigens, daß ich bei dieser Gelegenheit nicht nur Parteimann war — Sie werden mir es nicht übel nehmen. Ich sprach nicht nur für die Zionisten, sondern für alle Juden in Rußland. Ich bemühte mich, einige Verbesserungen ihrer traurigen Lage zu befürworten, und erhielt auch die Zusicherung, daß solche Erleichterungen demnächst in Erwägung gezogen werden sollen. Bedeutender waren die Zusicherungen, die ich für die zionistische Bewegung erhielt. Ich bin in der Lage zu erllären, daß die russische Regierung dem Zionismus kein Hindernis in den Weg legen will, wenn er wie bisher einen ruhigen und gesetzlichen Eharakter behält. Die russische Regierung ist ferner bereit, bei der Deckung der Gelderfordernisse einer von uns Zionisten geleiteten Emigration mitzuwirken. Endlich, und darauf ist wohl das allergrößte Gewicht zu legen, ist die russische Regierung bereit, unsere Bemühungen um die Erlangung von Palästina bei S. M. dem Sultan mit ihrem Einfluß zu unterstützen. Die Tragweite dieser Erklärung, die ich dem Zionistenkongresse übermitteln darf, ist wohl jedem erkennbar. Ein solches Versprechen der russischen Regierung bedeutet einen diplomatischen Gewinn, der nicht zu hoch veranschlagt werden kann. Nicht nur ist ein enorme3 Hindernis beseitigt, es ist auch plötzlich eine mächtige Nachhilfe vorhanden. Es wird natürlich auch jetzt wieder Leute geben, die nur das Bittere aus diesen Vorteilen heraussehen. Die Hilfe der Mächte, werden diese Leute sagen, bedeute nichts Erfreuliches. Sie wollen uns los haben oder sie wollen uns nicht hinein lassen. Gut! wenn darin eine Ungerechtigkeit gegen unser Volk liegt, so wollen wir darauf die Antwort in Zukunft geben. In unserer Zukunft, in unserem Lande! Und diese Antwort soll bestehen in einem Erhöhen der menschlichen Gattung. Die Rede des Führers wurde mit nicht endenwollendem Beifall ausgenommen. Hierauf wurden die Bureauwahlen vorgenommen. Ins Präsidium wurden die Herren Dr. Herzl (Wien). Dr. Max Nordau (Paris). Sir Francis Montefiore (London). Dr. Mandelstamm (Kiew) und Dr. Bodenheimer (Köln) gewählt. Die Sitzung wird vertagt. Nachmittagssitzung. Vizepräsident Nordau eröffnet die Sitzung um 31/2 Uhr und gibt Herrn Dr. K 0 kesch das Wort zum Kaffabericht des kleinen Aktionskomitee. Aus diesem geht hervor, daß die Schekeleinnahmen sich im Vergleich zum ersten Jahre verdreifacht, im Vergleich zum zweiten Jahre verdoppelt haben. Der Bericht wird von den Revisoren bestätigt. Hierauf nimmt Herr Architekt Marmore! das Wort zum allgemeinen Teil des Rechenschaftsberichts des Aktionskomitee Redner schildert die Entwicklung der jüdischen Lage seit dem V. Kongreß, die durch die furchtbaren Ereigniffe der letzten Zeit noch schlimmer geworden sei. Daß die englische Einwanderungskommission den Präsidenten des Aktionskomitees trotz seiner fremden Staatsangehörigkeit vor sich lud. ist ein Beweis für die Achtung, welche die zionistische Bewegung jetzt genießt. Dafür spricht, daß auch solche Juden, die unserer Organisation nicht angehören, sich an das Aktionskomitee als die Zentrale des jüdischen Volkes wenden. So breitet sich auch unsere Bewegung immer mehr aus. Am größten ist der Zuwachs natürlich in Rußland, das aus allen seinen Teilen Delegierte, zum ersten Mal auch Vertreter der kaukasischen Bergjuden entsendet hat. Eine starke Vergrößerung ist auch in Deutschland und der Schweiz zu konstatieren. Neue Organisationen entstanden in Norwegen, Dänemark, Griechenland, Nordafrika. Cochinchina, Australien und der Mandschurei. Referent bespricht nun die zionistischen Organisationen aller Länder, die im steten Wachstum begriffen sind und sowohl ihrer zionisttschen Aufgabe als auch allgemein kulturellen Zwecken vollauf gerecht werden. Redner schließt mit den Worten, daß nicht nur die Zukunst, sondern schon die Gegenwart unser 'ei, da die zionistische Organisation die einzig zusammenassende gegenüber allen zersplitternden Besttebungen sei. Hierauf findet eine kleine Pause statt, in der die Landsmannschastenzur Eröffnungsrede Stellung nehmen sollen. Nach Wiedereröffnung der Sitzung erklärt Dr. D. tarbstein, Zürich, namens der schweizerischen andsmannschaft. daß diese die Einsetzung einer Kommission zur Prüfung der Ostafrikafrage vorchlage. Nun nimmt Davis Trietsch, Berlin das Wort zu einer längeren Kritik des Aktionskomitees, insbesondere der Tätigkeit Dr. Herzl's. Redner befürwortet, den Plan der Besiedlung des egyptischen Palästinas ttotz des gegenteiligen Votums der fachmännischen Kommission wieder auszunehmen. Die Ausführungen des Redners werden mit starker Unruhe ausgenommen. Ihm erwidert Dr. Herzl. der mit türmischem Beifall begrüßt wird. Er sagt: Die Polittk res Aktionskomitees ist durchaus von der Verantwortung »etragen, die Herrn Trietsch gerade fehle. Die Parteileitung hat in dieser Frage so gehandelt, wie sie handeln mußte. Sie hat vor allem keine falschen Versprechungen gemacht, noch Erwartungen zu erwecken versucht. Mit vollem Ernst ist sie an die Prüstmg dieser Angelegenheit herangetteten und wir besitzen das Gutachten der hervorragendsten Fachmänner auf diesem Gebiete. Denn unserer Untersuchungskommission gehötten der geniale Erbauer der Stauungswerke von Assuan, Ingenieur Stephens und der Experte der belgischen Regierung im Kongostaate, Prof. Laurmt an. Wir sind heute über El Arisch sehr gut orientiert, denn wir nennen eine ganze Litteratur über diesen Landsttich bereits unser Eigen. Dr. Herzl macht nun den Vorschlag, eine Kommission zur Untersuchung der Sachlage einzusetzen. Die Sitzung wird hierauf nach Verlesung eines Anttages der englischen Landsmannsschaft, die sich ebenfalls für die Prüfung der Ostafrikasrage ausspricht, um 8% Uhr geschlossen. II. jBerhandlungs-tag. Bormittagssitzung. Die Sitzung wurde durch den Präsidenten, Dr. Herzl, um IO*/* eröffnet. Hierauf ergreift Dr. Max Nordau das Wort. Dieser Kongreß dürfe weniger als je eine Akademie sein, auf der bloße Rethorik eine Stätte findet. Der Präsident habe gestern zwei Tatsachen mitgeteilt, die über den bisher beschrittenen Weg eine große Helligkeit verbreiten. Die britische Regierung sei bereit, dem jüdischen Volke eine Landkonzesffon zu gewähren. Da nun auch Rußland sich bereit erklärt habe, unsere Besttebung bei seiner Majestät, dem Sultan zu unterstützen, so hätten nunmehr vier Mächte, mit die größten, dem jüdischen Volke oder auch nur dem Zionismus steundliche Sympathie gezeigt. Deutschland, England, Rußland und die Bereinigten Staaten. Redner giebt nun einen Rückblick von dem Wege, den der Zionismus bisher zurückgelegt habe und konstatiert als wichtigste Tatsache, daß wir die Welt in aller Fornr mtt der Judenftage befaßt hätten. Die Nachwett würde die Tatsache zu würdigen wissen. Bis zum Auftteten des Zionismus sei das jüdische Volk kein lebender Organismus gewesen, sondern ein Menschenstaub. Da es selbst nicht wußte, was es wollte, konnten auch die Regierungen nicht wissen, was es verlangte. Das geändert zu haben scheine wenig, ist aber in Wirklichkeit sehr viel. Unsere Aufgabe bestehe daher nach wie vor in der möglichsten Vermehrung unserer Machtmittel. Der Zionismus ist das System jüdischer Vottspolitik. Dieser Kongreß, der der bevollmächtigte, rechtmäßige Vertreter des jüdischen Volkes ist, hat in großen Zügen die jüdische Bolkspolitik für jetzt und noch wohl für lange Zeit hinaus bestimmt. Eine jüdische Volks- Politik hat es bis jetzt niemals gegeben. Mit den krampfhaften, unzusammenhängenden, automatischen Reflexbewegungen der Abwehr war dem jüdischen Volle in seiner Gesamtheit nicht geholfen. »Wir sind es müde, jährlich Äckerbauschulen zu unterhalten dort, wo die Juden keine Ackerbauer werden können und Handwerker dort heranzubilden, wo das Handwerk nur dazu ausreicht, um zu verhungern." Indem wir nun aber in der Organisation zur Stärkung unserer Machtmittel zu unserer Erreichung unseres Zieles alles sehen, müffen wir einen Augenblick Halt machen zur Errichtung eines Notbaues für die unglücklichen Hunderttausenden von Juden, die anders als wir Ansässigen nicht warten Wunen, die bereits auf der Wanderung begriffen sind. Für diese müffen wir, ehe wir ihnen eine ständige Dauerwohnung anweisen können, gleichsam ein Nachtasyl verschaffen. Ein solches Nachtasyl würde ich die Kolonie ansehen, deren Gründung uns die britische Regierung vorgeschlagen hat. Freilich für ein Nachtasyl ganz eigener Art. Nicht bloff für den Augenblick geschaffen, sondern gleichzeitig ein politisches Erziehungsmittel ersten Ranges. Daß wir Juden ein Volk find, ein Voll, tätig, willig und berett, alle Gesamtausgaben eines gesitteten Volles bei politischer Selbständigkeit zu erfüllen. Die Wirkung einer solchen Tat wird sofort fühlbar werden. Die Welt wird uns achten, wenn sie uns nicht geduckt, sondern wenn sie uns aufrecht sieht. Sie wird erfahren, daß wir nicht nur ein Handelsvolk, sondern ein handelndes Volk sind. (Stürmischer Beifall.)

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