Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 43 (28.8.1903)
- Date
- 1903-08-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 43. Soweit sind wir denn doch aber noch nicht! Mit freien Amerikanern ist nicht zu spaßen. Die haben mehr Rückgrat, als der Misrachi bisher bewiesen hat. Die Zukunst des Zionismus liegt in Amerika, England, Deutschland. Deshalb ist es sehr notwendig, daß die Gesetzestreuen aller dieser Länder, deren Pflicht es ist, sich dem Zionismus anzuschließen, sich aneinander schließen, um das große Werk zu fördern. Aber — Einheit und Durcheinander sind ganz verschiedene, nur zu oft verwechselte Begriffe. Getrennt marschieren, vereint schlagen. Schluß! Was geschicht? Erstens, was geschicht mit dem englischen Charter? Zweitens. Was geschicht mit den: Verlangen der russischen Regierung, die ihre Erlaubnis der zionistischen Propaganda von der Bedingung abhängig macht, daß etwas geschieht? Drittens. Was geschieht angesichts der Katastrophe, welche den Balkan-Juden, den Juden von Salonichi und Konstantinopel droht? Meine Befürchtungen werden von den mazedonischen Delegierten getestt. Der Gang der Ereignifle beschleunigt wunderbar die Geburtswchen,der jüdischen Renaiffance. Ostafrika ist „bluff"' aus amerikanisch. Also, was denn? Cypern ist die Antwort. Darüber soll nicht geredet, sondern gehandelt werden, worüber später Näheres. __ Ein kleines Ereignis. Man schreibt uns: In Basel hat sich am letzten Samstag in der Synagoge ein kleine, aber denkwürdiges Ereignis vollzogen: Zum ersten Male hat ein deutscher orthodoxer Rabbiner von der Kanzel herab den Zionismus in begeisterter Rede gepriesen. Der Vorfall gewinnt an Bedeutung dadurch, daß das Bekenntnis vor den offiziellen Führern der Bewegung abgelegt wurde, die in eorxoro die Synagoge besuchten und zur Thora aufgerusen wurden. Wir beglückwünschen Herrn Rabbiner Dr. Ko hu zu diesem, von ehrlichem, unerschrockenem Mut und von selbständigem, unbeeinflußten Urteil zeugenden Schritt. Ist damit den Zionisten doch einmal gezeigt worden, daß es allmählich ein Ende mit ihrer schroffen Verkennung und Verdammung nimmt. Möchte doch jeder deutsche Jude, auch der fromme, zu der Einsicht gelangen, daß es seine heilige, gebieterische und unabweisbare Pflicht ist, öffentlich Anhänger und Förderer der erhabenen, weltumspannendenzionistischen Bewegung zu werden, möchte jeder zu der Einsicht kominen, daß es kein reineres und reicheres Eemiluth Chesed, keine zweckmäßigere und echtere Liebesbetätigung heute giebt, als den sechs Millionen verschmachtender, verkommender, in steter Lebensgefahr schwebender russischer Juden durch den Erwerb eigenen Landes die Mittel zu bieten, sich durch ihrer Hände Arbeit in gerechten Zuständen ihr Brod zu verdienm? - _ Eine Erklärung der englischen Regierung. Sir Element Hill an Sr. Grcenberg. Sehr geehrter Herr! Herr Ehamberlain teilte dem Marquis von Lansdowne den Brief mst, den Sie unter dem 13. v. M. an ihn gerichtet haben und der den Entwurf eines Vertrages enthielt, den Dr. Herzl zum Abschluß zwischen Sr. Majestät Regierung und der jüdischen Kolonialbank vorschlägt und der die Errichtung einer jüdischen Siedelung in Ostafrika bezweckt. S. Herrlichkeit hat auch die Bemerkungen erwogen, die Sie am 6. d. M. gelegentlich Ihrer Unterredung mit Sir E. Barrington und Mr. Hurst in diesem Amte machten. Ich bin nun von Sr. 'Herrlichkeit beauftragt, zu sagen, daß sie die Frage mst dem Interesse studiert haben, das Sr. Majestät Regierung immer an jedem wohlerwogenen Plan nehmen muß, der die Besserung der Lage der jüdischen Rasse bezweckt. Die Zeit, über die sie verfügten, war zu kurz, als daß es ihr möglich geworden wäre, auf alle Einzelheiten des Plans einzugehen oder ihn mit Sr. Majestät Vertreter für das ostafrikanische Protektorat zu erörtern, sic bedauern daher, daß sie nicht in der Lage sind, eine endgiltige Meinung über die Angelegenheit auszudrücken. Lord Lansdowne nimmt an, daß die Bank einige Herren in das ostastikanische Schutzgebiet zu senden wünsche, die persönlich feststellen sollen, ob es dort freies Land giebt, das sich für die ins Auge gefaßten Zwecke eignet, und wenn dies der Fall ist, wird er sich glücklich schätzen, ihnen jede Erleichterung zu gewähren, damit sie mit Sr. Majestät Vertreter die Möglichkeit erörtern, den Anschauungen entgegen zu kommen, die am nächsten Zivuistenkongreß in Betreff der Bedingungen ausgedrückt werden dürsten, unter denen eine Niederlassung möglich, sein würde. Wenn ein Landstrich gefunden werden kann, den die Bank und Sr. Majestät Vertreter als geeignet betrachten und der Sr. Majestät Regierung empfehlenswert scheint, dann wird Lord Lansdowne geneigt sein, Vorschläge zur Errichtung einer jüdischen Kolonie oder Ansiedelung unter Bedingungen günstig aufzunchmcn, die den Mitgliedern die Möglichkeit gewähren, ihre Bolksbräuche zu beobachten. Zu diesem Zwecke würde er geneigt sein, wenn ein geeigneter Landstrich gefunden ist, und vorbehaltlich der Meinung der Berater des Staatssekretärs in Ostafrika, die Einzelheiten eines Plans zu erörtern, dessen Hauptpunkte jctit sollen: die Gewährung eines ansehnlichen Stückes Land, die Ernennung eines jüdischen Beamten zum Oberhaupt der örtlichen Verwaltungsbehörde und die Gewährleistung voller Bewegungsfreiheit an die Kolonie für Munizipalgesetzgebung und für die Ordnung der religiösen und ausschließlich inneren Berwaltungsangelegenheiten; dieses örtliche Selbstverwaltungsrecht muß indes das Recht Sr. Majestät Regierung unberührt lassen, eine allgemeine Oberaufsicht zu üben. Es ist zur Zeit unnötig, die Einzelheiten der Bedingungen zu erwägen, unter denen das Land bewilligt werden würde, ob dies in Form eines Verkaufs oder einer Pacht geschehen würde, aber Seine Herrlichkeit nimmt an, daß kein Teil der Verwaltungskosten der Siedelung Sr. Majestät Regierung zur Last fallen würde, und letztere würde sich das Recht Vorbehalten, das Land wieder in Besitz zu nehmen, wenn die Siedelung sich "als Mißerfolg erweisen sollte. Ich bin, sehr geehrter Herr, Ihr ganz ergebenstet Sir Element Hill. Der VI. Zionisten-Kongretz. 1. Berh an d lun g stag. Der IT. Zionistenkongreß wurde heute, Sonntag den 23. August, in Gegenwart von etwa 700 Delegierten und 2000 Gästen durch Dr. Theodor Herzl eröffnet. Die Eröffnungsrede Dr. Herzls. Geehrte Kongreßmitglieder! Zum IT. Zionistenkongresse versammeln wir uns nun in der guten Stadt Basel, die unserer Dankbarkeit bereits vertraut ist. Wir versammeln uns wieder in Sorgen und Hoffnungen. Die Lage der Juden in der ganzen Welt ist heute nicht günstiger, als in den Jahren der früheren Kongresse. Was wir über die Lage unseres Volkes in den früheren Jahren von dieser Tribüne aus sagten, es gilt auch zur Stunde noch. Da und dort hat sich wohl eine Aenberung begeben — aber nicht zum Besseren. Die Lage der Judenheit ist noch schlechter geworden, als sie zur Zeit des vorigen Kongresses war. Wie ein Hochwasser ist das Elend gekommen. Alle tiefer gelegenen Existenzen sind bereits überschwemint. Wenn diejenigen, die an höheren, geschützteren Stellen wohnen, diese erschütternde Tatsache leugnen, so stellen sic ihrer Einsicht oder ihrem Herzen kein gutes Zeugnis aus. Mit dem Zugeständnis der Tatsache, daß es den Juden erbärmlich übel ergeht, ist freilich auch noch nicht viel gewonnen. Das führt höchstens zu Handlungen der Barmherzigkeit, die im Einzelnen gewiß nur zu loben, aber aus einem höhern umfassenden Gesichtspunkte zu tadeln sind, weil sie bei all ihrer erwiesenen llnzulänglichkeit das Gewissen der solidarisch Verpflichteten beschwichtigen. „Je nun, man tut, was man kann!" ist ein bequemer Spruch. Es giebt vielleicht Leute, die ein ausreichend feines Gefühl der Selbstbefriedigung haben, wenn sie nach der Morgenblatt-Lektüre eines mittelalterlichen Judenmassacres der Zeitung eine bescheidene Geldspende zum Ausweise schicken. Doch auch wer sich ehrlich nach seinem Vermögen selbst besteuert, hat mit Geld allein nicht genug getan. Das Geld giebt den Toten das Leben, den Verstümmelten ihre Gesundheit, den Waisen ihre Estern nicht wieder. Und wie will man mit solchen Almosen das Zittern derjenigen heilen, die zwar nicht am eigenen Leibe getroffen sind, aber in denselben Verhältnissen weiterleben? Die haben es noch nicht überstanden. Wir Zionisten gebrauchen eigentlich diese Argumente nur mit innerem Widerstreben. Es geht gegen unser Gefühl, Unglücksfälle politisch auszubenten und einen agitatorischen Nutzen aus dem Jammer ärmster Geschöpfe zu ziehen. Aber es muß doch von dieser Stelle gesagt werden, mst welchem Schmerz und welcher Entrüstung wir. die grauenhaften Vorgänge in Kischinew vernommen haben, und mit welchem Kummer es uns erfüllt, daß Juden unter solchen Bedingungen leben. Arme sorgenschwere Existenzen haben dort unter Martern geendet. Wir wollen ihr Andenken ehren, uns um ihre Hinterbliebenen kümmern, und dann wollen wir unsere Zeit nicht mit nutzlosen Demonstrationen verlieren, sondern unsere lebendige Sorge den Lebenden zuwenden.. Denn die bluttgen Tage der bessarabischen Stadt sollen uns nicht vergessen machen, daß es noch manches andere Kischinew, und nicht nur in gkußland, giebt. Kischinew ist überall, wo Juden an Leib oder Seele gequält, an der Ehre gekränkt, am Vermögen geschädigt werden, west sie Juden sind. Wer die sichtbaren . Zeichen sieht,. muß sehen, daß in der Lage eine geradezu verhängnisvolle Verschlimmerung cingetreten ist. Wir Zionisten haben diese Verschlimmerung seit Jahr und Tag vorausgesagt — und nun sie da ist, sind wir doch aufs schmerzlichste betroffen. In den letzten zwei Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts glaubte man in jüdischen Gemeindekreisen an die Emigration als Allheilniittel. Das ging, wenn wir von allem anderen absehen — vom Elend der Wanderer, von der Grausamkeit neuer Verhältnisse, in die sie unvorbereitet gerieten, vom nationalen Verluste durch immer wiederholte Zerstremingen, und so weiter — es ging doch nur so lange, als die Länder der Jinmigration sich gegen diesen Zufluß eines verzweifelten Proletariates nicht wehrten. Dies ist die neue Epoche, in die wir eingetreten sind. Die E i n w a n d e r n n g s l ä n d e r beginnen sich zu wehren, weil die Juden not im Osten Europas steigt. Und doch sind es Länder, an deren hoher Gesittung zu zweifeln einfach töricht wäre. Diese Staaten glauben ihrer sonstigen Humanität — ich sage es nicht ironisch — Einhalt gebieten und die Judenfrage, die für sie die Frage der jüdischen Einwanderung ist, politisch behandeln zu müssen. Nur bei uns Juden sträuben sich noch manche ängstlich, darin ein Politicum zu sehen. Indessen entwickeln sich die Dinge unaufhaltsam. In England, dem letzten bisher noch ganz offenen Zufluchtsorte, wurde eine königliche Kommission zur Untersuchung der Fremdeneinwanderung eingesetzt. Die Konklusionen des Berichtes lassen aber keinen Zweifel zu, über wessen Einlvanderung die Kommission sich zu äußern hatte. Man sieht ordentlich, wie das freie großmütige England mit sich kämpft, wie schwer es sich eine harte Maßregel gegen arme Menschen abringt, wie es eine eigene langwierige Untersuchung einleitet, bevor es' zu Endgiltigem sich entschließt. Es giebt nämlich alte Prinzipien, glorreich wie Föhnen, die nicht ganz unbeschädigt bleiben, wenn England unschuldig Unglücklichen nicht mehr das freie Asyl gewährt. Und genau dasselbe gllt von Amerika, das groß geworden ist, weil es ein Asyl war. Bon den.Re gier un gen der an der Judenwanderung beteiligten Länder wird unser Werk täglich besser verstanden. Unsere Lösung, die dem jüdischen Volke zu einer Heimstätte verhelfen will, entspricht so sehr einem allgemeinen Bedürfnisse, daß sie endlich gelingen muß. Eine leichte Arbeit ist es freilich nicht. Es giebt Schwierigkeiten, die außerordentlich viel Geduld und. Treue erfordern. Aber schon dies ist ein Stück der Erziehung, die wir unterwegs bekommen. Es giebt schwere Tage, an denen man mühselig Errungenes zerfließen sieht und viel versprechende Anfänge, die dann in sich zusammenbrechen. So lange eine Bewegung jung und schwach ist, müssen die Führenden befürchten, daß solche Rückschläge die Anhänger demoralisieren könnten, und zur eigenen Enttäuschung und Ermüdung tritt noch die Sorge um die Fortführung der Arbeit, uM die Beschaffung der Mittel, um die Ausdauer der Genossen. Doch auch das ist zum Guten. verlieren sich die, an denen man nichts verliert. Sie ziehen ab, die einen mit ihrer gekränkten Eitelkeit,- die zweiten, weil 'sie bei der Sache ihre Rechnung nicht fanden, die dritten, weil sie nur gern an Erfolgen teilnehmen und so noch andere aus mancherlei anderen Gründen. Die aber bleiben, denen wird, die Sache durch jedes Opfer nur noch teurer. " Seitdem wir hier zum fünften Male beisammen waren, hatte ich neuerdings zweimal die Ehre, von Sr. Majestät denr Sultan nach Konstantinopek berufen zu werden. Beide Male, im Februar wie im August 1802 blieben jedoch die Unterhandlungen resultatlos. Ich konnte mich selbstverständlich auf qichts .einlassen, was mit unserem Basler Programm, sticht^vereinbar gewesen wäre, insbesondere konnte eine zerstreute zusammenhanglose Kolonisation in verschiedenen Teilen des türkischen Reiches unseren nationalen Bedürfnissen nicht genügen. Aus allen diesen beschwerlichen Verhandlungen ging nur hervor, daß Se. Majestät der Sultan dem jüdischen Volke andauernd eine freundliche Gesinnung bewahrt. Da nun die' gütigen Gesinnungen des Souveräns gegeben sind, sowie die zweifellosen Vorteile, die das türkische Reich davon hätte, mußte das Hindernis in der Haltung der im Orient interessierten Hauptmächte gesucht werden, namentlich Rußlands. Denn von Deutschland hatten wir uns keines Widerstandes zu versehen, nach der unvergessenen Teilnahme, die uns der deutsche Kaiser bekundete. Als ich im Jahre 1898 die Ehre hatte, mit einer zionistischen Abordnung in Jerusalem' empfangen zu werden, versicherte Se. Majestät unsere Bewegung seines Wohlwollens. Auch von England war eine Gegnerschaft nicht zu besorgen, und Ereignisse, die ich jetzt melden will, bestätigen dies. Im Oktober vorigen Jahres setzte ich mich mit einigen Mitgliedern des britischen Kabinets in Verbindung und unterbreitete ihnen den Vorschlag, uns eine Landkonzession für die Sinai-Halbinsel zu bewilligen, damit wir dort eine Ansiedelung für unser Volk gründen. Sowohl die Minister, als auch, die hohen Beamten der britischen Regierung, welche für diese Angelegenheit zuständig sind, haben mich mit dem größten Wohlwollen und Entgegenkommen angenommen. Es wurde mir bedeutet, daß, da das ins Auge gefaßte Territorium egyptisch. sei,.es notwendig wäre, nnmittelbar mit der egyptischen Regierung Hu verhandeln, doch stellte die englische Regierung mir großherzig ihre Empfehlung zur Verfügung. Die britische Regierung gab uns anheim, als vorbereiten-