Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 43 (28.8.1903)
- Date
- 1903-08-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Britania rules the wares, die stolze Beherrscherin von 500 Millionen Menschen, die das wertvollste Drittel des Erdballs bewohnen, hat die aus so unscheinbaren Anfängen hervorgesproßte Vertretung des jüdischen Volles, das zioniststche Parlament, als solche anerkannt, durch das Anerbieten eines Charters für eine seiner Provinzen, deffen Wortlaut als beglaubigtes offizielles Dokument vorliegt. Ein weltgeschichtliches Ereignis, wie es die Diaspora seit fast zwei Jahrtausenden nicht zu verzeichnen hat. König Edward VII. tritt somit in vie Fußtapfen Cyrus des Großen, dessen Name für alle Ewigkeit von der Gloriole der Hunianität umwoben ist. God save the king! Nicht minder wichtig, nur in seiner Art noch besonders interessant, ist dieselbe Art der Anerkennung seitens der russischen Regierung. laereäihlle äiotu! Unglaublich — aber doch wahr. Dr. Herzl ist vom Kaiserlich russischen Minister des Innern Plehwe durch ein Handschreiben nach Petersburg berufen worden. Als Frucht der Besprechung erschien in der .Welt" folgendes Handschreiben des Ministers: „Mein Herr! Sie haben den Wunsch ausgedrückt, Spuren unserer Unterhaltung zu bewahren. Ich gebe diesem Wunsche gern statt, um Alles zu entfernen, was übertriebene Hoffnungen oder beunrllhigende Zweifel entstehen lassen könnte. Ich habe Gelegenheit gehabt. Ihnen vom Gesichtspunkte Kenntnis zu geben, aus dem die russische Regierung zur Zeit den Zionismus betrachtet. Dieser Gesichtspunkt kann ihr nämlich sehr leicht die Notwendigkeit nahe legen, ihre Politik der Duldung gegen Maßregeln zu vertauschen, die vom nationalen Selbstschutz vorgeschrieben sind. Solange der Zionismus in dem Willen bestand, einen unabhängigsgen Staat in Palästina zu schaffen, und solange er die Auswanderung einer gewissen Anzahl jüdischer Unterthanen aus Rußland zu organisieren versprach, konnte die russische Regierung ihin sehr wohl günstig sein. Allein in dem Augenblicke, wo dieses Hauptziel des Zionismus aufgegeben scheint, um durch eine einfache Propaganda der jüdisch-nationalen Zusammenfassung in Rußland ersetzt zu werden, ist es natürlich, daß die Regierung diese neue Bahn des Zionismus in keinem Falle dulden kann. Er hätte kein anderes Ergebnis, als Gruppen von Individuen zu schaffen, die den vaterländischen Gefühlen, welche die'Stärke eines jeden Staates ausmachen, vollkommen fremd und sogar feindlich gegenüberstehen würden. Deshalb könnte dem Zionismus das Vertrauen nur unter der Bedingung wiedergegeben werden, daß er zu seinem Men Aktionsprogramm zurückkehrt. In diesem FMe könnte er von dem Tage an auf moralische und materielle Unterstützung rechnen, wo einige seiner praktischen Maßregeln zur Verminderung der jüdischen Bevölkerung in Rußland dienen würden. Diese Unterstützung würde bestehen können im Protegieren der zionistischen Bevollmächtigten bei der ottomanischen Regierung, in der Erleichterung der Tätigkeit der Auswanderungs - Gesellschaften und sogar in der Bestreitung der Erfordernisse dieser Gesellschaften, selbstverständlich nicht aus Staatsmitteln, sondern aus Abgaben, die von den Juden erhoben werden. Ich, halte für nötig hinzuzufügen, daß die russische Regierung, die verpflichtet ist, ihre Handlungsweise ' in der Judenfrage den Staatsinteressen anzupassen, gleichwohl nieinals von den großen Grundsätzen der Moral und Menschlichkeit abgewichen ist. Noch in der allerletzten Zeit hat sie eben die Wohnrechte innerhalb der Grenzen der Gebiete, die der jüdischen Bevölkerung bestimmt sind, erweitert, und nichts hindert, zu hoffen, daß die Entwicklung dieser Maßregeln zur Verbesserung der Daseinsbedingungen der russischen Juden dienen würde, besonders wenn die Auswanderung ihre Zahl vermindert. Sie wollen die Versicherung meiner ausgezeichneten Gefühle entgegennehmen. v. P l e h v 6. Den 30. Juli — 12. August 1003." Besondere Beachtung verdienen die Sätze: .Solange der Zionismus in dem Willen bestand, einen unabhängigen Staat in Palästina zu schaffen, nur solange er die Auswanderung einer gewissen Anzahl jüdischer Untertanen zu organisieren versprach, konnte die russische Regierung ihm sehr wohl günstig sein. — Deshalb könnte dem Z. das Vertrauen nur unter der Bedingung wiedergegeben werden, daß er zu seinem alten Aktionsprogramm zurückkehrt. — Diese Unterstützung würde bestehen können im Protegieren der zionistischen Bevollmächtigten bei der ottomanischen Regierung, in der Erleichterung der Tätigkeit der Auswanderungsgesellschaften und sogar in der Bestreitung der Erfordernisse dieser Gesellschaften aus Abgaben, die von Juden erhoben werden." Rußland geht also noch weiter als England, es octroyirt der Judenheit eventuell den Zionismus resp. den Kongreß, als politische Oberbehörde mit Steuerexekutive. Wissen Sie was eine russische Protektion bei der Pforte bedeutet? Eine sanfte, aber unwiderstehliche Gewalt. Warum will der wirktlich ebenso bewundernswerte als liebenswürdige Dr. Herzl davon keinen Gebrauch machen? Wenigstens doch als erlaubtes Pressionsmittel gegen den Widerstand der Pforte darauf hinzuweisen, daß die Protektion im Hintergrund steht? Man wird Zweifel an dem guten Willen Rußlands hegen? Ganz überflüssig! Denn Rußland betrachtet sich als Erbe der Türkei, bevor es sein Ziel der alleinigen Weltherrschaft erreicht haben wird. Deshalb genieren ihn die russischen Juden in Palästina durchaus nicht, im Gegenteil, er betrachtet sie als Mittel, den Auflösungsprozeß der Türkei zu beschleunigen. Denn, das ist der Tenor, der aus dem Schreiben spricht; Rußland hat die Erfahrung gemacht: Qui mange da Juif en meurt. Wir halten diese Rechnung aus gewissen Gründen für falsch, aber sie ist da. Somit beginnt mit dem VI. Kongreß von Basel ein neuer Abschnitt in der jüdischen Geschichte! Hött, hört! Das Anerbieten Englands bezieht sich auf Uganda, das Höhenplateau des Kilimandscharo, 5° N. vom Aequator! Das Anerbieten muß abgelehnt werden. Wir wollen aus Semiten keine Hamiten machen. Wir haben schon schwarze Juden in Cochinchina.. Wir wollen die Juden nicht lebendig begraben in der Seimat der wilden Elefanten, Rhinocerosse nnd anderer asernenblüten. Und wenn wir es wollten, so wird kein russischer Jude einen Augenblick unschlüssig bleiben, ob - er als Pedlar mit Brillen und Bruchbändern diese Kunden oder die lieben Dankees auffuchen soll. Abgeschnitten vom Meere, von der zivilisietten Wett, unter der unkontrollierbaren Herrschaft von Beamten, wie wir sie in Argenttnien vor uns gesehen haben, im Lande des Tropenkollers, wäre Sibirien ein Eldorado dagegen. Das Anerbieten Englands ist deßhalb nicht minder großattig und wohlgemeint. Aber für die Bevöllerung, der es angeboten wird, ist es unannehmbar. Einen zweiten Charter hat England für Wadi et Arisch und die Sinaihalbinsel angeboten. Jeder wird sagen, der hätte unter allen Umständen angenommen werden sollen. Aber, sagt Herzl in seiner Eröffnungsrede: „Es war die Bedingung der Möglichkeit einer Großkolonisation daran jeknüpft." Wie kommt das? Herzl hat höflich verschwiegen. daß diese Bedingung seitens der Jca gestellt wurde. Dieselbe hat sich bereit erklärt, für diesen Fall einen großen Teil ihres Vermögens zur Verfügung zu stellen. Das ist der dritte, große Erfolg. Moralisch wichtiger als die beiden ersten. Denn eine Anerkennung des Nation« l-Judentums seitens der Juden von der Richtung Claude Montefiore's war schwerer zu erlangen, als die der Weltherrscher. Bleiben also nur noch die Kreise der Orthodoxie zu erobern, lieber den Verlauf des Kongresses bleibt für diese Besprechung nur hervorzuheben, daß die glänzenden oratorischen Leistungen Herzl's und Nordau's diesmal wirklich glänzenden Taten gleichzusetzen sind. Zangwills bellettistische Leistung war ziemlich überflüssig. Sein Genie ist bekannt. Aber er erregte einen Sturm der Entrüstung im Lager der Gesetzestteuen durch seine läppischen Beschuldigungen R. Jochanan ben Sakkai's, die von unwissenden Amhaarazim den böswilligen Pseudosemiten gedankenlos nachgebetet werden. Harkavy. gewiß kein Chossid, aber ein Forscher ersten Ranges, hat die niedrige Gesinnung dieser unwissenschaftlichen Forscher, die in ftechem llebermute alle Großen mit Schmutz bewerfen, in den schärfsten Ausdrücken gebrandmarkt. Männer wie Zangwill können für die Trübheit der Quellen nicht verantwottlich gemacht werden, aus denen sie ihre jüdische Geschichtskenntnis schöpfen. Nach dem Begeisterungsfusel der jugendlichen Brausereden contta und den unfteiwilligen Heiterkeitserfolgen der Pro Ostaftika-Redner, wirtte die Rede des Herrn Franz Oppenheim über die Kolonisationsftage wie ein luftteinigendes Gewitter. Besonders bemerkenswett ist der Passus, „daß der jüdische Staat durch die Nichtbesolgung des Jobel und Schmittahaesetzes zu Grunde gehen mußte," weil merkwürdiger Weise die Tochecha III. B. M. 32 ihre Warnungen vornehmlich auf dieses Religionsgesetz basiert. Os tirzeh hoorez- Einen Mißton in die freudige Festesstimmung brachte die Kritik, welche Herr Trietsch an der Tätigkeit Dr. Herzl's übte. Doch kann nicht geleugnet werden, daß die versuchte Justifizierung dieses tüchtigen Arbeiters seitens des Aktions-Komitees mit Hilfe einiger schneidigen Onkels aus den Fliejenden janz und jaar und wundaabar nicht fair zu nennen war. Ebenso ist die Behandlung der amerikanischen Delegierten der United Zionists zu rügen. Dr. Bluestone und meine Wenigkeit sind als Delegierte der von dem rühmlichst bekannten Schwiegersöhne des seligen Rabbiners S. R. Hirsch, dem Herrn Dr. Klein, Rew-Dork gegründeten unabhängigen Zionistenvereinigung gewählt. Dieselbe hat sich von der Bevormundung der Neologen, die aus ttiftigen Gründen nicht zu erttagen war, in öffentlicher Versammlung am 9. Juni losgesagt. 5000 Schekel find der Oberleitung in Wien Übermacht worden. lieber das Verlangen der Anettennung, das Dr. Klein an Dr. Herzl gettchttt hat, liegt eine Kabeldepesche des Letzteren mit „Einverstanden" vor. Dennoch konnte der mtt soviel Aufwand von Zeit und Geld direkt herübergekommene Dr. Bluestone nur mit Ach und Krach seine Legitimationskarte bekommen. Als er nach Verifikation durch den Legitimationsausschuß die Anerkennung nach Hause kabelte, folgte Seitens der Gegner, die, wie das unrichtige Dementi s. Zt. in der Frankfutter Zeitung beweist, lich die unumschräntte Autottatie nicht aus den Händen nehmen lassen wollen, ein Kabel mtt einem neuen Dementt auf dem Fuße. Abonniert das Frankfurter Israelitische JamiUenbtatt!