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Neue jüdische Presse · 1903-08-21 · Heft 42 (21.8.1903) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 42 (21.8.1903)
Date
1903-08-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 42. geschmerzt, als die Mutter ihr vorhin mitgeteilt, daß es aus sei mit ihrer Liebe. Wie schlecht war sie gewesen, wie schlecht in Gedanken, zu denken, daß diese Mutter nicht ihr Bestes wolle. Sie war eine undankbare Tochter, brachte der Mutter, die sie mit linder, weicher.Hand bis jetzt durchs Leben geleitet, weder „Glück noch Freude." O, wie das schmerzte! Rahel sprang ans, kühlte die Vertveinten Ungen mit kaltem Wasser und schob das wirre Haar aus der glühenden Stirn. Und nun hinunter zur Mutter .... Leise, leise klinkte sie die Tür auf. ... Da saß sie am Fenster und blickte in den sinkenden Abend hinaus. . . Ein wehmütig trauriger Zug lag auf deni immer noch schönen, gütigen Antlitz, ganz still, die Hände im Schoße gefaltet. ... Ob sie Fühlung suchte mit ihm, der viel zu früh von ihr gegangen? Leise, unhörbar schlich Rahel näher. Die Mutter schreckte erst freudig auf, als der dunkle Lockenkopf ihres Kindes in ihrem Schoße ruhte, die weichen Mädchenarme sie innig umfaßten. Wie ein Hauch kam es dann zu ihr herüber: „Mutter, vergieb mir!" . . . Da hob sie, wie erlöst 'aufatmend ihr Kind mit beiden Armen empor, während ein Blick so heiß, so dankbar hinaufflog zu dem dunkler und dunkler werdenden Abendhimmel. (Nachdruck verboten.) Cheiderkinder. Novelle aus dem Emigrantenleben Von S. Schachnowitz, Endingen (Schweiz). (Fortsetzung.) Die Werbung der englischen Miliz, die noch den größten Teil ihrer Söhne auf de» Gefilden Südafrikas im Kampfe mit den Buren hatte, mußte fiir die Beschaffung der Kriegstruppen für China eifrig an die Arbeit gehen. Die findigen Agenten suchten auf den Straßen und in den Kneipen, in den Spelunken und in den Armenhäusern; keine Stätte des Elends oder des Lasters, die von ihnen verschont blieb. Ueberall suchten sie ihr Netz auszubreiten, um die Mißvergnügten und Unglücklichen, die Gedrückten und Unzufriedenen, die nicht mehr zu hoffen wagten, oder die nichts mehr zu verlieren hatten, heran zu locken. . . . Unter solchen Umständen stieben die Werber auch auf ihn, auf Motel. Er wog, iwerlegte und berechnete lange und fand endlich, daß er das Schicksal, das seiner in der Heimat harrte, auch hier und in viel gelinderer Gestalt erreichen könne. Seit drei Monaten — schrieb er — lebte er in der Kaserne, wo er bei schwerer Arbeit, infolge der militärischen Ausbildung ein leidliches Dasein fristete, um, vielleicht schon binnen einiger Tage, mit einem Truppentransport nach China abzuziehen. Wie so immer vor einem Wendepunkte seines Lebens, dachte er jetzt an seinen Onkel und Lehrer. Er nahm von ihm für alle Fälle Abschied und erbat sich seinen Segen- Antwort erwartete er keine, da er seine Adresse für die folgenden Tage nicht anzugeben vermochte. . . . Mit Grauen und Entsetzen erfüllten Nochum diese Schilderungen, das Schicksal seines geliebten Neffen- „Warum kommt er jetzt, wo es zu spät ist? Hätte er doch nur früher, in den Tagen seiner Not, geschrieben, wie leicht hätte er ihm durch seine dort wohnenden Kinder unter die Arme greifen können! Und gerade jetzt, >vo auch seine jüngste und liebste Tochter dort eingetroffen, da wo er sich stille Hoff- , mmgen gemacht, dieser totkühne und vcrzweiflungsvolle Entschluß! Wie groß inußten seine Leiden gewesen sein, die einen solchen Plan bei ihm hcranreifen ließen . . ." Nachdem sich aber Nochum mit diesem Gedanken vertraut machen mußte, gewann er ihm auch eine hochinteressante Seite ab. Er fühlte sich von dem Momente ab als Mitbeteiligter; er machte den chinesischen Krieg innerlich in all seinen Phasen mit. Sein Urteil war indes so wenig objektiv, wie sein Empfinden — er befand sich auf Seiten der Engländer. . . Er las von einer Revolte der Chinesen gegen die Engländer. — Nochum ließ den Kopf hängen und antwortete auf die ihm gestellte» Fragen nur knapp und nervös. Er wirtschaftete mit seinen armen Kleinen, als wären sie die Chinesen und schrie mit seiner von all denr nichts wissenden Frau, als wäre sie allein an dem allen schuld. . . . Ein Waffenstillstand, wahrscheinlich wegen der jüdischen Feiertage, in der „Hazefiroh". —! Nochum war zerstreut und lebte in peinlichster Aufregung und Ungeduld. Die Pause hatte sich rentiert, denn als die „Hazefiroh" wieder kam, gab es Heldentaten der Engländer. — 9lod)um f)ob ben Kopf hoch, war so stolz darauf, als hätte er es selber mit vollbracht. . . Dann kam die Kunde vom Friedensschlüsse. Nur noch Besatzung. — Nochum atmete frei und froh auf und er erzählte jedem, den es nicht anging, haarklein von den Einzelheiten des Weltkrieges, von den Natureigenschaftcn der bezopften Chinesen und — von der übermenschlichen Tüchtigkeit der Engländer. .... Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Leite 5. Motel aber ließ nichts mehr von sich hören und: auch die Briefe von London wußten keinerlei 'Auskunft über ihn zu geben. II. Teil. Kapitel 7. Zwischen dem Freihafen bei Schanghai und dem europäischen Viertel der Stadt erhebt sich von einheimischen Bäumen, sowie von europäischen Tannen und Eichen umgeben, das russische KonsulatSgebäude. Ein langes, uusörnlliches Parallelgebäude bildet die Kaserne, die die russische Garnison beherbergt. Ein weiter, kahler mit Pflöcken umsäumter Exerzierplatz wird von der Ost- und Nordseite durch die Gebäude mit ihren 'Nebenbauten gedeckt und stößt im Süden und Westen auf eine deltaartige Barrikade. Von dieser aus führt ein schmaler Fußweg durch das in stillen Tagen offen stehende Tor nach einein abgerundeten Tal, auf das die es gleichmäßig umgebenden Hügel wie auf einen wilden Park herablugten. Eine prächtige Ebene, eine würdige Einleitung zuin Gebiete der Engländer. Auf einem Steinblocke der als Ausläufer eines Felsenabhanges von Bambuspflanzen und wildem Gestrüpp beschattet wurde, und einen schrägen Ausblick nach dem Meere gewährte, saß, den Kopf in beiden Händen gestützt, ein einsamer Soldat in russischer Uniforin und schaute brütend vor sich hin. Aus den nahen Kasernen drangen hie und da einzelne Stimmen und unzusammenhängende Rufe, die in der Abendluft verhallten. Soldaten in bunten Kostümen der verschiedenen Nationalitäten kamen in einzeln oder in kleinen Truppen, grüßten kurz oder gingen, ohne, den Einsamen zu beachten, weiter. Dienst gab es in den ruhigen Tagen nur wenig und heute, am Sonntag, tvar der größte Teil der Mannschaft bis zur späten Nachtstunde beurlaubt. Die aber in der Kaserne blieben oder bleiben mußten, versahen mißvergnügt ihren Wachtdienst oder suchten sich in ihrer Art ein sonntägliches Hausvergnügen zu bereiten. Bon dem drüben sich erhebenden Hügel, wo die deutsche Schenke stand, brachte die Abendluft gedämpft ein wirres und mehrsprachiges Stimmengewühl herüber, das je nach der Windschwankung des Meeres sich erhob und senkte und oft in die Luft verschwamm. Oft konnte man deutlich die Töne mehrsprachiger Gesänge unterscheiden. Chinesische Bauern kamen, an zweirädigen Handkarren ziehend, von der Arbeit oder kletterten langsam, aber mit ihren Plattfüßen sicher auftretend, die Hügel hinauf, wo die Teegärten liege». Für die Sonnenkinder im Reiche der Mitte gicbt es weder Sonntag noch Feierabend. Für sic hat die Woche sieben Arbeitstage, der eine wie der andere mit derselben Gleichmut gehalten. Als Konfuzius vor jenen Millionen von Jahren all die oberen und unteren Regionen geschaffen und die verzwickten Seelenwanderungen, geordnet, blieb ihm keine Zeit für die Ruhe übrig.' . . Sie sahen durchaus nicht neidisch auf die sonntägliche Stimmung ringsumher, nur etwas mißtrauisch und in asiatischer Neugierde richteten sie ihre Schlitzaugen nach dem einsamen Soldaten, gingen aber, .als sie die ihnen längst bekannte russische Farbe erkannten, gleichgiltig weiter. Hie und da huschte auch, von zierlichen Füßchen leicht getragen und mit buntem Schirm überdacht, eine kleine Chinesin vorüber, die wie ein verscheuchtes Reh einen Augenblick, als sie den Fremden gewahr wurde, stehen blieb, um dann in koketter Verlegenheit weiter zu schnellen. Der Soldat kannte diese Sorte der einheimischen Damen. Sie standen abseits von allen politischen Umtrieben und zeigten weder Furcht noch Abneigung gegen die fremden Teufel, deren Haß sie auch nie empfanden. ... Es waren im gewissen Sinne Weltdamen internationalen Charakters, die jetzt offenbar in dte Kneipen der Fremdenniederlassung zogen, unr ein feiertäglich gestimmtes europäisches Publikum durch chinesischen Gesang und Tanz zu erfreuen. Der Soldat seufzete leise und starrte sehnsuchtsvoll nach der Seite, wo Himmel und Meer sich im lichtblauen Glanze vereinigten und in einander ausgingen. — Auch er hatte heute Mittag nach getanem Dienste und geduldigem Harren Urlaub bekommen. „Aber wohin damit?" mußte er sich fragen. Kameraden, die abgesehen von dienstlicher Interessengemeinschaft ihm näher standen, hatte er keine. In einer der Wirtschaften bei Spiel und Trank zu verweilen, war nie sein Geschmack gewesen und die Arien der chinesischen Primadonnen hatten keinen Lockreiz für ihn. Sich aber im Innern der Stadt unter die bezopfte Bevölkerung zu mischen, hatte bereits den Reiz der Neuheit für ihn längst verloren und war zudem nicht ganz ungefährlich. Er wandelte in der Nachmittagshitze am Strande und zwischen den Bäumen auf den Vorplätzen des europäischen Viertels umher. Endlich tat er, was er fast immer in solchen Fällen zu tun pflegte — er setzte sich auf den Felsblocken am Hügel, von wo aus seine Blicke nach dem Meere schweifen konnten, und träumte. Er träumte von der fernen Heimat und der nahen Vergangenheit. Es war kaum ein halbes Jahr verflossen, seitdem er sie zum ersten Mal erblickt und eine neue Area in seinem Leben, in seinem inneren und äußeren, durch sie begann. Was er in diesem Jahre alles erlebt und erfahren, haftete schwer an seinem Geiste und Körper. Das Andenken jenes Mädchens aber, das ihm ein brutales Schicksal in jener Schreckensnacht, in die Arme geführt, um die Grauen des Momentes mit nnauSsäglicher Seligkeit zu übertünchen, dieses Andenken lebte mit ihm. ES winkte ihn» wie ein Lenchttnrin mitten in der finstern Oede seines Lebens, Licht und sogar einige Schimmer von Hoffnungen zu. . . . Als Scholem, nachdem die Untersuchungen und Verhöre glücklich zu Ende ivare», in die Straskompagnie eingestellt wuroe, da stand Rahel wie ein lebendiges Traumbild vor ihm, an dem er in den Stunden der Not, wie an denen der Ruhe zehrte. „Es war um sie geschehen," sagte er sich, „um sie . . ." Und ihr Bild, so rein und schön wie das eines Engels stand vor seiner Seele. „Wie" — er konnte den schrecklichen Gedanken kaum fassen — „wie, wen» sie anstatt seiner in die Hände der verfolgende» Brutalität geraten wäre? Nein" — schloß er dann seine Gedanken — „für sie und der Preis war durchaus nicht zu hoch." Seine Lage hatte sich ungemein verbessert, als er endlich in die ostasiatische Truppe eingereiht wurde und nach unendlichen Touren Und Seereisen das Amurgebiet, wo seine Garnison stationiert war, erreichte. Das Land, der Schrecken des westrussischen Soldaten, bedeutete für ihn, nach den Leiden der Strafepoche das Land der Verheißung. Das Leben war da freier und die Berge, so roh und so wild wie die unter ihnen wohnenden Tunguser, boten Abwechselung und Naturfreuden, wie er sie bisher nie gekannt. Ein Stück rohe Natur oben und unten, sowohl in der Landschaft, wie im Leben in den Lehmhütten und Jütten. Die Männer sind tagsüber auf der Jagd und beim Fischfang. Der junge schmucke Kosak, dessen Stamm nicht zu den einheimischen gehört, liebt offen die daheim gebliebene derbe Maid des Tunguser; er besucht sie in der Hütte, begleitet sie ins Feld und hilft ihr beim Eintreiben des Viehs. Scholem sah dort täglich diese Idylle» und immer und wieder blutete ihm das Herz vor Sehnsucht und Liebe. Er liebte die Natur/ die er bis jetzt nicht recht gekannt, er sehnte sich nach der Liebe, die er erst jetzt erkannt. . . . Dann träumte er von einer trauten Hütte, dort an der Felsenwand gebaut mit dem Ausblick ins weite Tal. Was bedeutet alle Kultur, aller Chaos des Lebens gegen ein solch ruhiges Glück, ein stilles Heim in dieser welt- und menschenentfernten Gegend?! Er ginge dann, so frei wie die Tunguser, so mutig wie die Kosaken zu den Bergen hinauf, in den Wald und zum Fischfänge, und wenn er dann abends heimkehrte, käme aus der Hütte seine über alles geliebte Frau, im groben Bauernhemde, gesundheitsstrotzend und mit lachenden Augen ihm entgegen. Diese Frau aber trug trotz dem groben Bauerngewande und der robusten Glieder die Züge RahelS. Als die Wirren in China ausbrachen, wurde er mit einem Truppenteil in Schanghai eingeschifst, wo er sich erst seit einigen Wochen unter der Besatzungsmannschaft befand. Er hatte den eigentlichen Krieg nicht mehr gesehen, keine besonder» Stürme 'mehr erlebt. Die Boxer hatten sich ins Innere zurückgezogen und die harmlose Bevölkerung in den Hafenstädten ertrug die Militärgeißel Europas init der ihr eigenen Gleichmut. Der Hof schmollte im Süden und die Mandarine, die mit der einen Hand die Glut zu schüren verstanden, waren andererseits bestrebt, mit allein was ihnen zu Gebote stand, für Ruhe und Frieden einzustehen. . . In diesen ruhigen Zeiten fühlte sich Scholem kaum. als Krieger auf feindlichein Boden. Die liene» Verhältnisse im fernen Osten hatten nach de», Vor« erlebten keinen wesentlichen Eindruck auf sein Gemüt mehr machen können. So saß er jetzt, wie früher ain Ufer des Aniurstromes, da und träumte. Feste Schritte in seiner Nähe rüttelten Scholem aus seinem Traume aus. Aus der Böschung wurde die kompulente Gestalt eines Vorgesetzten sichtbar, der den schmalen Pfad zum Hügel einbog. Scholem richtete sich rasch auf und machte die Honenrs. Als er sich wieder hinsetzte, hörte er noch mehrere Minuten lang, die dicke Bruststimme des Offiziers, der über etwas, das ihm wohl in den Weg kam, zeterte und schimpfte. Offenbar war es ein mongolisches Gelbgesicht, dessen Anblick den Gestrengen aus dem Konzepte gebracht oder die dürre Gestalt eines Engländers, der wie alle seine Landsleute ohne Gruß an Vorgesetzten anderer Nationalitäten vorübergeht. In der Tat entwickelte sich aus dem Gestrüpp ein Schatten heraus, der in der. Bewegung immer länger wurde, dann aber wieder zusammenschrumpfte. Endlich kam zum Vorschein, eine kräftige Gestalt in englischer Uniform mit intelligentem, aber wettergeschwärztem Gesichte und verwitterten Zügen. Während der Russe sich bemühte, die Gesichtszüge des Vorübergehenden unauffällig zu studieren, machte dieser plötzlich eine Wendung und blieb vor ihm stehen. „Guten Tag, Bruder!" rief er auf Englisch. Scholem verstand kein englisch, aber aus dem Tone glaubte er etwas wie Hohn herauszuhören. Er überlegte einen Augenblick. Dann erinnerte er sich eines Regimentsbefehles, wonach wegen vorgekommenen Reibereien zwischen Russen und Briten jede

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