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Neue jüdische Presse · 1903-08-21 · Heft 42 (21.8.1903) · p. Seite 6

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 42 (21.8.1903)
Date
1903-08-21
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 42. Anbindung mit den letzteren verboten wurde, und antwortete nichts. „Nun, Soldat, hörst Du denn nichts?" — wiederholte der Engländer im gebrochenen russisch. — ^.Guten Tag Bruder, sagte ich." Der Angeredcte starrte ihn an und erwiderte nichts. ' Der Engländer fuhr im trotzigen Spotte fort: „Habe Dich gestört Kosak, he? Erwartest wohl Dein Liebchen? 9hm nur nicht verzagen!" — er schaute ihm dabei kühn ins Gesicht — „kommt schon!" Bei dem Russen regte sich etwas, er blieb aber ruhig. „Im übrigen" — spottete der Engländer weiter —. „ist dieses euer Hauptgeschäft. Zu was wäre der Kosak sonst noch nütze? Liebchen auffangen, dann noch Kohl fressen und vor Chinesen daher laufe»!" In Scholem war in .dem Moment der idealistische Träumer ganz verschwunden und das Blut, das ihm aus allen Kanälen zum Kopf stieg, war wieder das unverfälschte Blut eines Soldaten. Er griff nach einigen nervösen Zuckungen instinktiv an sein Seitengewehr, blieb aber, immer noch i>n Bestreben die Hänseleiendes rauflustigen Gesellen zu ignorieren, ruhig sitzen. „Und feige sind sic. Hasefuße wie Du einer . . ." Er konnte den Satz nicht aussprechcn, denn der Russe hatte ihn bereits mit der Linken vorne am Kragen gepackt, während er die Rechte zum Schlage auszuholen sich anschickte. Der-Engländer griff, ohne einen Augenblick den Gleichmut zu verlieren, die Hand auf und indem er mit der Linken ebenso ruhig an die Gurgel seines Partners faßte, schaute er ihm erst spöttisch amüsiert, dann scharf 'forschend ins Gesicht. Der Ringkampf war eingelcitet, stumm und würdig; der Sieg schien auf Seiten des muskeliösen Engländers zu liegen; er verstand auch als gewandter Kämpfer dabei die Ruhe zu bewahren. Der Engländer schaute seinem Gegner unverwandt ins Auge. Plötzlich ließ er die Hand sinken und sein Gesicht überzog sich mit einem eigentümlichen Rot. ,^Hör 'mal! Die Wahrheit! Ein Barisrael?" stieß er kurz in russisch-jüdischer Mundart heraus. Auch der Angercdete ließ sofort, als hätte ein Zauberwort eine geheime Macht über ihn geübt, die Hände fallen. Er antwortete nicht gleich, sondern schaute, immer ruhiger werdend, mit durchdringenden Blicken seinen Gegner an. Ei,dlich sprach er: „Ich bin Jude, natürlich, oder sollte mich die Kosakenuniform bis zur Unkenntlichkeit entstellt haben?" „Nein, nein" — lächelte der Engländer mit einem Anfluge von Bitterkeit — „nicht so sehr. Aber die Entstellung, die das Soldatenleben auf meinen Geist ausgeübt, scheint eine derartige zu sein, daß er seine Volksbrüder nicht auf den ersten Augenblick zu erkennen vermag." Ihre forschenden Blicke begegneten sich und fingen einander auf; es lagen darin auch die gleichen Gefühle, die sich berührten. „Also" — begann der Russe — „also auch D '. ." — er konnte in dem Augenblicke, trotzdem er sich ihm ungemein näher fühlte, nicht das. unter Soldaten übliche Du finden — „also auch Sic ein Jude?" Es waren nicht mehr die Raufenden von früher. Aller Groll war verschwunden. Auf beiden Gesichtern lag plötzlich der gleiche Ausdruck angenehmer Uebcrraschnng. Ohne Antwort abzuwarten, reichte Scholem dem Engländer die Hand, die dieser innig drückte. . Sie schauten sich eine Weile Hand in' Hand stumm. an. - Endlich brach der Engländer das Schweigen. „Sind also Jude und wie es scheint auch Landsmann. Wie kamen Sie nach China? Doch nicht als Freiwilliger?"' Jetzt erst hörte und sah auch Scholem im Tone und in der ungezwungenen Haltung seines Gegenübers den Landsmann und Glaubensgenossen, und konnte es gar nicht begreifen, wie ihm dieses, im ersten Augenblicke entgehen konnte. Diese unruhig funkelnden Augen, dieses bräunliche Haar, das aus der kleinen Marinenmütze hervorlugtc. Der gutinütige Zug in diesem verwitterten Gesichte; dann auch der Tonfall der Rede, alles schien ihm so bekannt; es heimelte ihn an. Es schien ihm, als ob er diesem Gesichte schon einmal begegnet sein müßte; allerdings in anderer Gestalt upd unter anderen Umständen. „Wollen wir nicht ein wenig ausgehcn? Dort am Strande, oder ins deutsche Wirtshaus?" beantragte der Engländer. Dazu verspürte aber der Gefragte keine Luft; so I ctzte sich . der erstere auf den nächsten Baumstamm und sie plauderten . Sie sahen sich nicht mehr als Russen und Engländer an. Sie legten im Geiste ihre Uniformen sowie die anderen treunenden Formen ab. Voll Rührung und Freude schauten sie sich einander an. Als Juden, als Glaubensgenossen habe» sic sich in weiter Ferne unter Brutalität und Schrecken des Krieges gefunden. Als Brüder, ohne sich jemals gekannt zu haben, saßen sie da, die treuen Blicke aus einander gerichtet und plauderten vertraut in ihrer Hcimatsprache. Scholem erzählte in einigen kurzen Zügen die Vorgeschichte seines Militärlebens, von seinem mißlungenen Fluchtversuch und seinen jetzigen Dicustverhältnissen und der Engländer fand, daß sein eigenes Schicksal bis zum gewissen Grade dem des Russen ähnlich und verwandt war. „Mißlungen!" — sagte er in leichter Resignation — „mißlungen war auch mein Fluchtversuch, obzlvar ich seinerzeit die Grenze glücklich überschritten und das ersehnte Jcuseit erreicht." Dann schilderte e r kurz das Leben in London, seine bitteren Enttäuschungen, die auf eine Welt von Träumen und Erwartungen folgten, und die ihn auch freiwillig in die Kaserne trieben. »Jetzt" — schloß der Engländer — „habe ich weder Ansprüche noch irgend welche Sorgen, habe mit der Vergangenheit '.ganz gebrochen und führe hier, oder wo mich die Fahne morgen immer hintransporticren sollte, ein hoffnungsloses und glückliches Leben." Der Abend hatte bereits seine tiefen Schatte» ringsumher ausgcbreitct. Das Meer glitzerte in immer dunkeler werdendem Glanze. Die Nacht hatte über seinem Spiegel nur eine leichte Decke gezogen, die seine schimmernde Pracht nicht verhüllen konnte. Aber die neuen Freunde merkten dieses kaum. (Fortsetzung folgt.) Telegramm. Basel, 20. Aug. 11 Uhr 34 Min. Das Dementi der Frankfurter Zeitung bezüglich der Trennung der New-Porker Zionisten ist unrichtig. Die Orthodoxen separierten sich als United Zionists. Ihre Delegierten für den Kongreß sind Dr. Blaustcin und Ahrou Marcus. Personalien. Dicblich bei Koblenz. Unter zahlreicher Beteiligung der hiesigen jüb. Kreise feierte Frau Hanna Herz in vollster Rüstigkeit ihren 80. Geburtstag. Berlin. Dem Kausinann Julius Valentin, Inhaber der Firma H. Rosenthal, wurde der Charakter als Kommerzienrat verliehen. Bei der gestrigen- Prcisverteilung an der h i e si g e n U n i v e r s it ä t ist der Preis der medizinischen Fakultät Herrn cand. med. Salo Jacobius zuerkannt worden, der Preis der juristischen Fakultät Herrn stud. jur. Leo Nehab aus Posen. Frankfurt a. M. Dr. Theodor Neubürger, früheres Mitglied des Gemeindcausschusscs der israel. Gemeinde und eine Zeit lang Präsident derselben, feierte gestern das goldene Jubiläum seiner Doktorpromotion.^ Als Arzt hat der Jubilar sich in Praxis und Witzenschaft und als Stadtverordneter im Frankfurter Gemeinwesen einen hochachtbaren Namen zu erwerben gewußt, sodaß weite Streife der Bevölkerung an seinem Ehrentage reges Jntcreffe nahmen. Es soll eine Neubürger-Stiftung gegründet werden und sind hierzu von seinen Verehrern schon Mk. 75 000 gesammelt. Vakanzen. Landstu hl (Pfalz). Neligionslchrcr, Vorbctcr und Schächter. Gehalt Mk. 900.-. Briefkasten. B. M. Der neue Roman „Ein Schüler Spinozas" wird in nächster Nummer beginnen. Familieunachrichten. Geburten. Eine Tochter, Herrn Louis Levy, Wiesbaden. Einen Sohn, Herrn S. Rabinowitz, Frankfurt a. M., Städelshof 9. Eine Tochter, Herrn Heppenheimer, Frankfurt a. M., Oederweg 56. Eine Tochter, Herrn Levy, Frankfurt a. M., Rottcckstraße 3. Eine Tochter, Herrn Dr. E. Frankel, Rechtsanwalt, München. Einen Sohn, Herrn Jacob Adln, Nürnberg. Einen Sohn, Herrn D. L. Wopsohn, Memel. Sterbefälle. Hermanda Helga Jakobsohn, 1 I., Frankfurt a. Ai., Gaußstraße 3. Sahel Sack, 62 I., Frankfurt a. M, Röderbergweg 97. Jda Rosenseld, geb. Wilmersdörfer, Wwe., 76 I., Frankfurt a. M-, Kcttenhosweg 77. Auf Wunsch werbe» wir eine Pädagogische Beilage „Schule und Haus" nach Bedarf erscheinen lassen. Wir bitten unsere Freunde um recht rege Mitarbeit. Redattion des Frankfurter Israelit. Familienblattes. Wochen-Kalender. Sabbath-Anfang: 6 Uhr 50 Minuten. Sabbath-Ausgang: 8 Uhr 15 Minuten. Kaiser Fried rieh Quelle -Olfenback a. M.- Vornehmstes Tafelwasser. NORDERNEY, Hötel Falk. Ref. Herr Landrabbiner Dr. Löb, Emden. 111. Prosp. gratis. Wilhelm Qlücklich Gegr. Scliillerstrasse 4, i. Gegr. 1879. Frankfurt a. M. 1879. Immobilien, Hypotheken. Abonnements und Inserate für das „frankfurter Israelit, familienblatt“ nehmen die hiesigen Buchhandlungen: A. Rothschild, Börnestrasse 38, A. J. Hofmann, Allerheiiigenstrasse 87 zu Originalpreisen entgegen; daselbst ist auch stets die neueste Nummer zu 10 Pfg. das Exemplar zu kaufen. Wir bitten unsere geehrten Leser sich be- Einkäufen auf das Frankfurter Israel. Familienblatt beziehen zu wollen. jlntiquiiaten. # Jtf. Mder. Am SalzhaUS 5, •s/is~ä~\/is tfon Rudolf fS/Tosse. " Specialität: Louis XVL und Empire-Möbel, sowie garanür echte Porzellane. LEWIS WARSCHAWSKI ' FRANKFURT a. M., Ostendstr. 39, II. gestattet sich, den verehrl. Herrschaften zu Familienfestlichkeiten seine Dienste ergebenst anzubieten. lieöerlap im laCiue Bad-Nauheim Georg Andreas, Trierifchegaffe 25 3Frankft!ft 2. JÄ. Trierifchegaffe 25 empfiehlt Nauheimer Badesalz, Nauheimer Mutterlauge. ' Telephon 4169. ~ Vogelfutter — Hundelinclieru

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