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Neue jüdische Presse · 1903-08-21 · Heft 42 (21.8.1903) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 42 (21.8.1903)
Date
1903-08-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr- 42. zog, die nicht rechtzeitig den Beweis vorlegen, daß sie Gesellcnrechte besitzen. Der im Ausweisungsbefehl angesetzte Terinin war aber so kurz bemessen, daß die meisten von diesem Befehl bctrosfenen Personen nicht imstande waren, ihre im Stadtamt befindlichen Gesellenzeugnisse rechtzeitig zu erhalten und den Behörden vorzuweisen. Aus diesem Anlaß haben sich — der. ,,4iow. Wr." zufolge — die in Kiew ansässigen jüdischen „handwerklichen Arbeiter" an den stellvertretenden Gouverneur mit dem Gesuch gewandt, den Termin für die Vorweisung der Gesellenzeugnisse bis zum 15. August er. zu verlängern. Diese Terminverlängerung ist bewilligt worden. Moskau. Ermordung einer ganzen jüdischen Familie. In einem Dorf des Kreises Masovicn in Russisch-Polen wurde dieser Tage eine schreckliche Bluttat verübt. Die ganze Familie des Pächters Mordek Leifcrt wurde in der Nacht überfallen und im Schlafe nicdergemetzelt. Mordek hatte fünf Söhne, von denen sich einer in Amerika befindet. Der Pächter, seine Ehefrau und seine Söhne wurden am Morgen in ihrer Wohnung ermordet aufgefunden. Alle Leichen lagen nackend und blutüberströmt auf den Betten und Sofas. Die Wände waren mit Blut bespritzt und der Fußboden mit Blutlachen bedeckt. Als Mordwaffen hatten Acxte gedient. Die Leiche des Westen Sohnes war am ärgsten zugerichtet. Bis jetzt sind sieben Personen aus der Umgegend als des Mordes verdächtig verhaftet worden. Man glaubt, daß der Mord aus Rache verübt worden ist. Dwiusk. Die Witwe Frau S. I. Sachs wird Hierselbst zu Ehren ihres kürzlich verstorbenen Gatten ein Siechenhaus demnächst erbauen, dessen Kostenaustvand auf mehr als 100000 Rubel sich beläuft. Amerika. Newhork, 10. Aug. (Unfall in einer Synagoge). Panik und Schrecken herrschte dieser Tage unter den Andächttgen, welche sich in der Synagoge Nr. 62 Moore Street zum Gebet versammell hatten. Rabbiner Rosenberg leitete zur Zeit den Gottesdienst. Plötzlich während des Gebetes fiel aus irgend einem bis jetzt noch unaufgeklärten Grunde das Oberlicht iwl Dach der Synagoge, welches 4 Fuß lang und 5 Fuß brett ist, herunter, mitten unter die Andächttgen. Daß Niemand dabei getötet wurde, ist als ein Wunder zu betrachten. Bier Personen wurden indessen ziemlich schwer durch die fallenden Glassplitter verletzt und mußten von zwei Ambulanzärzten in Behandlung genommen werden. Sprechsaal. Bad Neuenahr, den 16. August 1903. Meine Absicht, Ihnen ftüher zu korrespondieren, ist auch hier vereität worden, da der Kurgebrauch die Zeit ganz in Anspruch nimmt. So möchte ich heute zwischen den zwei Korrespondenten I!. und X. Y. Frieden stiften, denn cs ist für die Leser Ihres geschätzten Blattes unerquicklich, persönliche Reibereien zu verfolgen und der Sache schadet es mehr als es nützt, denn durch derartige Korrespondenzen wird die Hauptsache nicht berührt und das soll nicht sein.*) Ich möchte den Herren eine Erzählung aus dem Talmud mttteilen, um von denselben besser verstanden zu werden. Im Tractat Menuchoth (wenn ich nicht irre) wird erzählt: Als unser Lehrer Moses den Berg bestteg, um die Thora zu empfangen, sah er auf einzelnen Buchstaben Charizin (Erhöhungen), Auf seine Frage, welche Bedeutung dieselben haben, wurde ihm durch eine Sttmme erwidert: „Nach Tausenden von Jahren wird Jemand kommen, der diese Zeichen erllärt." Wie heißt der Mann? Akiba ben Joseph ist sein Name, erwiderte die Stimme. Und worin besteht seine Größe, srug Moses Wetter und die Stimme erwiderte: Schau um Dich. Und Moses sah, wie dem Akiba ben Joseph (Rabbi Akibah) das Fleisch mit eiferen Zangen vom Leibe gerissen wurde. Und was lehrt diese Erzählung? Moscheh Rabcinn war keine Autorität und Rabbi Mibah war keine Autorität. „Das Judentum kennt keine Autorität!" Die jüdische Wissenschaft, die Thora ist allein Autorität und diejenigen, die sich ihr widmen, sind die Träger der Autorttät. Die Artikel der Chewrahfrau hatten die Erziehung unserer Töchter im Auge und die Fortsetzung dieses Gedankens war ein Gang um den heißen Brei, auf den Kern ist noch Nie mand gekommen. Ein Hauptfehler in unserem Unterrichte besteht darin, daß sowohl die Mädchen wie die Knaben, wenn sie das 13. Lebensjahr zurückgelegt haben, und erst reif für den Religionsunterricht sind, keinen Unterricht mehr genießen. Die Herren „Buben haben, wenn sie Barmizwah sind, anderes zu lernen. Ich wlll hier nicht unerwähnt lassen, daß es falsch ist, mit den Knaben Raschi, Mischnah und Gemorah zu lernen und kein Tcnach, das das Fundament ist. Anstatt den erwachsenen Kindern einen geistes- und herzensbildenden Religionsunterricht zu *) Wir stimmen mit dem geschätzten Herrn Ein sender 'hierin vollkommen überein. Wir selbst haben cs bedauert, daß durch die Schuld der Herren L. und X. Y. die Diskussion über Erziehungsfragcn verlassen worden ist. geben, denkt kein Mensch daran, und die Folge ist, daß im 17. oder 18. Jahre nur noch eine Schale ohne JnhW zu bemerken ist. Deshalb dürfen wir nicht staunen, wenn eine Dame aus der besitzenden Klasse aus die Frage, waruni sic sich taufen, ließ, antwortete: „Die Psalmen hätten ihr so gut gcfWen." (Wer lacht da?) Die Fahnenflucht hat in Frankfurt auch in einer erschreckenden Weise zugenommen. Wandel wird geschaffen, wenn die Gemeindeverwaltung dafür sorgt, daß unsere Jugend (ich meine die aus der Schule entlassene) 1 oder 2 Jahre einen Unterricht erhält, in den Jahren, wo das kindliche Herz und der kindliche Geist empfänglich sind, damit die Kinder wissen „warum sic Juden" sind. Sobald cs die Zeit inir erlaubt, erhalten Sic einen Wegweiser zu einem solchen Unterrichte. Es sind 3 Abteilungen, über die ich Ihnen korrespondieren werde und zwar: 1. über Thora, 2. über Abodah und 3. über Gcmiluth chasodim. Ein Abonnent. (Nachdruck verboten.) „Mutter". Sttzze von B. Leiser. Rahel Lehmann stand am Fenster ihres freundlichen Mädchenstübchens und blickte in das Schneegestöber hinaus. Nicht in wildem Gewoge, begleitet vom pfeifenden Nordost, sondern in tausend und abertausende» schimmernden Sternen, groß und majestätisch, schwebte es hernieder, dort unten jauchzend von ungeschickten Mnderhändchen aufgefangen. Ach, wie schön das war! Ein tiefer Seufzer entrang sich der jungen Brust. Sonst hatte Rahel in kindlicher Freude initge jubelt, den Nachbarskindern, ihren Lieblingen, wohl einen mächtigen Schneemann aufbauen helfen. Heute siel all der weiße Zauber vergebens für das junge, einsame Menschenkind dort. Es hatte auch Wichttgeres zu tun und zu denken. Rahel, dieses fröhliche, gesunde, gutherzige Mädchen, hatte rote, ver weinte Augen, und immer noch fallen mit den glitzernden Sternen dort draußen um die Wette, große Tropfen von den langen, seidenen Wimpern. Und all diesen Schmerz, bas ist das bitterste, traurigste, diese erste und einzige herbe Enttäusch ung ihres ganzen jungen Lebens, hat ihr die Mutter, ihre zärtlich geliebte gütige Mutter bereitet! Und diesen Gedanken spinnt das kleine Köpfchen immer weiter aus, immer weiter. Zwei Tage, erst wars her! Da gabs eine Stunde, in der Rahels junges Herz so wild und heftig in nie gekannten, rasendem Tempo geschlagen, um dann in so eigenartig fremdem, seligem Glück zu llopfen. Sie hatte „ihn" kennen gelernt in der Familie ihrer Freundin, mit deren Brrider er bekannt geworden. Sie waren mit einander vertraut geworden, ohne daß es irgend jemandem ausgefallen wäre. Seine Gewandheit im Verkehr mit jungen Mädchen, sein schneidiges, elegantes Aussehen, hatten es ihm leicht gemacht, ihr unerfahrenes Herz zu gewinnen. Daß sie Jüdin war, hatte ihn nicht abgcschreckt. Er hege keine Vorurteile gegen die Juden im Allgemeinen, es gebe sehr anständige Leute darunter. Besonders die reiche», die sich vermöge ihres Geldes mehr zu assimilieren verständen, seien ihm sehr sympathisch. Die Zweifel, die ihr dennoch gekommen, wußte er im Keime zu ersttckcn. Und so hatten sic nttteinander verabredet, daß er heute bei der Mutter um sie werben solle. Zur vorschriftsmäßigen Stunde, in vorschriftsmäßiger Toilette war er denn auch erschienen. Hier in ihrem Zimmer hatte sic auf den Moment gewartet, da man sie rufen würde Mutter war cs doch gewiß recht, wann hatte sie ihr jemals eine Bitte abgeschlagen! Ob sic sehr überrascht sein würde, ob sie ihr zürnte, daß sie nicht vorher gesprochen, zu ihr, ihrer besten, teuer sten Freundin? Lange, lange dauerte die Unterredung. In ihrer Ungeduld setzte sie sich an den Schreibtisch, ein- und auskramend. Da war ja auch "das Päckchen vergilbter, engbeschriebcncr Briefe, die Mutter ihr vor einigen Tagen gegeben. Es fiel auseinander. Aber Rahel fehlte die Ruhe zum lesen, sic sprang wieder aus und ging unruhig im Zimmer umher. Was die Zwei da unten sich wohl alles zu sagen hatten, merkwürdig! Mutter brauchte doch nur „ja" zu sagen. Jetzt endlich llang die Tür, ihr Herz llopste ungestüm, ob er jetzt kam, sic zu Holen? Noch hörte sie nichts. Jetzt litt cs sie nicht mehr im Zimmer,' sie sprang an die Treppe. Da ging er grade hinaus, mit stolz erhobenem Kopfe. San derbar dünkte ihr das, auch daß Mutter ihn nicht wenigstens begleitete. Am Fenster lehnte sie Ivicdcr und überblickte die schmale'Straße, da ging er ja! Komisch, er wendete sich Nicht einmal, um zu ihr hinaufznblicken, wie sonst immer. Fast kamen ihr die Tränen. Da wendete sie den Kops 'und blickte wie gebannt nach der Tür, die sich fast geräuschlos öffnete. Langsam, zögernd trat ihre Mutter ein. Noch nie, so lange sie sich erinnerte, hatte sie diese geliebten Züge so schmerzbewegt gesehen. Sie streckte die Arme aus .... „Rahel, mein Kind, komm zu mir! Warum hattest Du kein Vertrauen zu Deiner Mutter? Sieh, diese hosfentlich nicht schmerzliche Enttänschnng wäre Dir erspart geblieben! Der Onkel hatte also recht mit seiner Warnung! Aber ich dachte, meine kleine Rahel hätte ihn gekannt den einzigen Weg, den sie gehen mußte, den zu ihrer Mutter, er wäre ihr nicht so schwer geworden!" Und sie: „Aber, Mutter, wenn Du doch nur willst, uns glücklich machen Ivillst!" „Ich will nur Dein Glück, mein Herz! Soweit es in meiner Macht steht, sollst Du nicht unglücklich werden! An der Seite dieses Herrn, der soeben in heller Entrüstung darüber, daß ich die Ehre seiner Werbung nicht besser zu ivürdigen weiß, unser Haus verließ, wärst Du cs sicher geworden. Sieh, mein Kind, cs ist nicht so leicht. Dir dieses alles klar zu machen. Deine Jugend und Unerfahrenheit sind ein Hindernis. Indessen wirst Du verstehen, Ivas es heißt, wenn ich Dir sage, daß die Moral jenes Herrn nicht derart ist, daß ich ihm mein einziges Kind anvertrauen möchte. Aber abgesehen hiervon, solltest Du doch wissen, daß ich nun und nimmermehr meine Einwilligung zu diesem Bunde geben konnte. Wie hattest Du Dir denn Tein künftiges Leben gedacht? Wolltest Du abfallen von dem heiligen Glauben, in welchem bis in ferne, graue Zeiten die Vorderen Deiner Eltern und diese selbst glücklich und zufrieden, ja reich gewesen sind, in dem Du erzogen und bis heute gelebt hast? Mit anderen Worten, llar und deutlich: wolltest Du Christin werden?" Und als Rahel mit schamrotem Antlitz nur schmerzlich entrüstet, das Haupt schüttelte, fuhr ihre Mutter fort: „Also nicht. Du wolltest Jüdin bleiben? Da kommen schon die Konflikte! Glaubst Du, daß Dein Gatte als künftiger Beamte, Dir die Ausübung der uns üherkommenen Gesetze und Bräuche, ja nur das offene Bekennen zu unserm Glauben erlauben würde? Oder hast Du geträumt, daß er ans Liebe zu Dir, denselben annehmen würde? Nein, auch das nicht? Nun wohl! Es soll nur einen, einen einzigen gemeinsamen Weg in der Ehe geben! In Eurer Ehe würde cs viele Wege geben, und sie würden immer und immer auseinandergehen! In der Religion zunächst! . . . Hast Du Dir auch ein Bild von der Stellung geinacht, die Du in der Gesellschaft einnehmen ioürdest? Die, in der Du bis jetzt gelebt hast, die jüdische, auf die Dich Deine Geburt hiiuveist, sie würde Dich mit Fug und Recht mit Verachtung strafen, und die andere, nun, sür die wirst Du immer und immer die Jüdin bleiben, die Jüdin wird stets verächtlich über die Schulter angesehen werden! Und so wird cs immer wcitergehe». Bei jedem neuen Ereignis, das in Dein Lebe» tritt, und in das Deines Mannes, wird die „Jüdin" als böser Schatten neben Erich stehen, ja selbst das Mutterglück wird Dir nicht ungetrübt zu teil werden, denn schon die Geburt des Kindes bringt den Kummer und die unausbleiblichen Kämpfe um dessen Glauben. . . . Kannst Du nun begreifen, Kind, daß ich handeln mußte, wie ich getan, ihn abweisen, und daß diese Abweisung auch nach dem Sinne unseres treuen Verstorbenen, der seinem Stamm treu und fest anhing, war?" Da erst hatte Rahel verstanden und sich gleichzeitig losgcrissen, uni die hcrvorstürzenden Tränen zu verbergen, sie wollte nichts mehr hören und sehen: „Geh fort, Mutter, Du tust mir weh, schrecklich!" Da war die Mutter gegangen. . . Rahel stand wieder am Fenster. — Sie hatte soviel geweint. — Das Beste war wohl, sie bat die Mutter, sie auf einige Zeit zu ihrem Onkel aufs Land reisen zu lassen. Dort war es einsam und still und der Onkel und die Taute so gut. . . . Wenn die Mutter so war ... so unbarmherzig ... so ungerecht ... so .... ja das wollte sie, und gleich schreiben und dann der Mittler Einwilligung holen. Sie ttat an den kleinen Schreibtisch... Da fiel ihr einer der vergilbten Briefe in die Hände und unwillkürlich blieb ihr Auge an dem alten Briefblatt wie gebannt hängen; es war sehr alt, datierte fast achtzehn Jahre zurück und die Handschrift war die feste, sichere ihrer Mutter, der Brief war an ihren, Rahels, frühverstorbenen Vater gerichtet, damals war sie erst ein halbes Jahr alt gewesen. Da las sie: „Geliebter Max! Ich habe unser Herzblatt auf dein Schoße, während ich Dir schreibe. Selbst für diese wenigen Minuten vermag ich es nicht, mich von ihm zu trennen. Ist es doch jetzt das einzige Band, das mich mit Dir, mein Teurer, verbindet! Es ist so süß, das kleine Wesen! Wieviel Glück und Freude uns so ein kleines, winziges Ding schon jetzt bereitet. Wie mag es erst werden, wenn solch süßes Geschöpfchen größer und verständiger wird! Bald eile ich wieder zu Dir, mein geliebter Mann, ich weiß, wie Du entbehrst, wenn wir Dir fehlen." Hier mußte Rahel abbrechen. Heiße, glühende Tränen verdunkelten ihren Blick und fielen unaufhaltsam auf den teuren, alten Brief. So Heiß hatte sie nicht geweint, hatte es sie nicht

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