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Neue jüdische Presse · 1903-08-21 · Heft 42 (21.8.1903) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 42 (21.8.1903)
Date
1903-08-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 42. sondern sie sollen auch eingegraben sein auf die Tafeln deines Herzens. Präge sie deinen Kindern ein, und rede zu ihnen von ihrer ewigen Verpflichtungskraft. Jede Tat deiner Hand, jedes Gefühl deines Herzens, jede Regung deines Geistes sollen ein Ausdruck deines Gottesbewußtseins sein, und die Pfosten deines Hauses sollen ein Zeugnis geben dafür, daß heilige Ruhe darin schaltet und waltet. Abraham liebte Gott — sagte Rabbi Meir — denn treu und wahr wurde er sein lebenlang vor Gott befunden. Isaak bezeugte Liebe zu Gott auf dem schweren Gang nach Morija. »Siehe hier ist das Feuer und das Holz, aber wo ist das Lamm zun: Opfer? Vater!" sprach er. »Gott hat sich bereits sein Opfer ersehen". Er verstand ihn wohl, und sie gingen beide zusamen. Jakob äußerte Liebe zu Gott, als er sprach: »Der Ort, an dem mir Gottes waltende Nähe offenbar wurde, soll zum Gotteshause werden, und alles, was du nur gicbst, will ich dir verzehnten." Willst du Gottesliebe betätigen — so sagt ein anderer Weise — so lebe so, daß' der Name Gottes durch dich geliebt und anerkannt werde. Abraham liebte ihn so. Seine Zeitgenossen blickten bewundernd auf zu seiner Seelengröße und der Ausgeglichenheit seines Wesens, und sie erklärten als deren Quelle seine unbegrenzte Hingebung in Gott. So hatte er Seelen für den Gottcsglauben gewonnen »gemacht" — wie der bezeichnende Ausdruck lautete — nicht durch das Wort, besten Wirkung vergänglich ist, sondern durch das Beispiel, durch die Tat, durch das Leben. Und du Israelit, Nachkomme Abrahams, Bekenner der Gotteslehre, wenn dir jede erhabene Tugend ferne ist, wenn du unredlich und tadelhaft bist in deinem Lebenswandel, unmoralisch und menschenfeindlich in deiner Daseinsführung — dann hast du deinen Gott nicht geliebt, du hast seinen Thron geschändet, seinen Nanien entweiht! Höre, was der Prophet über dich und deinesgleichen klagt: »Sie kommen unter die Völker, und entweihen dort meinen heiligen Namen, indem man von ihnen spricht: »Dieses will als das Volk Gottes gelten, dieses will aus seinem heiligen Lande hervorgegangen sein?" (Ez. 36, 20). Wenn du Israelit aber dir der Würde und der" Pflichten bewußt bist, die deine Zugehörigkeit zum Priesterreiche dir auferlegt, wenn man kein Unrechtsieht in deinem Leben, keine Schuld in deinsy: Streben, wenn man bewundernd zu deiner Reinheit und-Makellosigkeit aufschaut, und von dir spricht r „Sehet doch diesen vom Thorageist erfüllten Mann, wie schön sind seine Taten, wie ausgeglichen seine Wege!" — dann hast du deinen Gott geliebt, und sein väterliches Auge sieht wohlgefällig auf dich herab: »Mein Diener bist du, ein Jude,,dessen ich mich rühme." (Jes. 49, 3). (Schluß folgt.) Die Nervosität bei den Inden.*) Zu unseren in der vorigen Nummer gebrachten Ausführungen, erhalten wir von Herrn Professor L. Edinger, hier, folgende Zuschrift: An Jsr. Familienblatt, Hier. Mit bestem Danke für Ihre Zuschrift beehre ich mich zu antworten, daß die Erfahrungen und Schlüsse, zu denen ich über die Neurasthenie der hiesigen jüdischen Bevölkerung gekommen bin — die wandernde verhält sich anders — schwerlich sich mit der Tendenz Ihres. geschätzten Blattes vereinen dürften. Ich habe nämlich nicht nur in abnormen gesell. Ansprüchen k., die Sie andeuten, auch nicht in übermäßiger Verzärtelung Ursachen zu ^Nervosität gefunden, sondern es sind mir auch eine ganz ungewöhnlich große Zahl Kinder begegnet, welche durch das Uebermaß von Unterricht, welches ihnen zngennttet wurde, schwer litten. Die speziell jüdischen Schulen mit ihrein begabten und strebsamen Schülermaterial überlasten dasselbe dadurch, daß sic neben dem ganzen Pensum, das anderen Kindern zugemutet wird. Hebräisch und Religion viel Zeit widmen. Dadurch, daß am Samstag nicht gefahren wird, Sonntags aber früh Unterricht ist, kommen alle diese Kinder auch nicht genügend in unsere kräftigende Gebirgsumgebung hinaus. Es leidet all der Körperknlt, der nun einmal hier wegen lieber-- lastung und bekannt schlechter körperlicher Anlage doppelt nötig wäre. Gerne gestatte ich Ihnen natürlich, falls Ihnen das erwünscht scheint, von diesen Zeilen Gebrauch zu machen. Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ergebener Edinger Wir bemerken hierzu, daß dein bewußten Juden stets die Wahrheit über die Tendenz geht, und haben wir deshalb keinen Anstoß genommen, die freundliche,: Zeilen des Herrn Prof. Edinger zu veröffentlichen. Wir sind davon überzeugt, daß die Ausführungen des Herrn Prof. E., der ja eine anerkannte Autorität ist, die Resultate einer reichen Erfahrung sind. *) Es wäre gewiß von allseitigen: Interesse, wenn sich noch mehrere Aerzte zu diesem für die jüdische Bolksgesundheit so wichtigen Kapitel äußern würden. Anm. d. Redakt. Frarcksurter Israelitisches Familienblatk. Die Sache ist jedoch viel zu wichtig für uns, als daß wir sie von gar zu allgemeinem Standpunkte aus betrachtet wissen wollen. Wir stellen deshalb folgende Punkte fest. 1. Bis zum 6. Lebensjahre kommt der Schulunterricht nicht in Frage, und gerade während dieses Lebensabschnittes dürfte, wie wir in voriger Nummer schon kurz andeuteten, sehr viel für die Grundlage eines gesunden kräftigen Körpers und damit eines gesunden Nervensystems geschehen. 2. Was nun die Kinder während der Schulzeit betrifft, so möchten wir für Frankfurt, dessen Verhältnisse Herrn Prof. E. zur Grundlage seiner Ausführungen diene», folgende Momente zur Erwägung anheimgeben. Unter den 5200 jüdischen Familien sind wohl nur ca. 709, die die Sabbatruhe beobachten. Es konnnt also bei dem größten Teil dieser Familien irgend welche Einwirkung durch das Sabbatgesetz nicht in Frage. Ilm diesen Unterschied zu konstatieren, müßten schon die Nervenverhältnisse bei unseren religiösen Glaubensgenossen getrennt von denen der nicht auf diesem Standpunkt stehenden betrachtet werden. Von diesem Gesichtspunkte aus scheinen wenigstens uns die Ausführungen des Herrn Prof. E. nicht präzise genug und wird es uns interessieren zu erfahren, ob er einzig und allein die Kinder von religiösen Juden dabei im 'Auge hatte, getrennt von den Kindern der Aiwersdcnkenden. 3. Erscheint uns die Wohltat der Sonntagsäusflüge zum Teil" dadurch wieder aufgehoben, daß die Kinder Myntag Früh nur 7 Uhr in der Schule sein müssen und so nicht der notwendigen Ruhe pflegen könnend Aus atXex WeLt. Deutschland. Berlin. Se. Majestät der Kaiser und König haben dem Rentier Herrn Herrmann Abraham in Berlin den Kronenorden l. Klasse verliehen. Diese Auszeichnung ist erfolgt als Anerkennung seiner Dienste auf dem Gebiete praktischer Humanität. Berlin. Durch die Preffe ging kürzlich die Mitteilung, daß. der Hauptmann der 10. Kompagnie des 2. Schlesischen Grenadierregiments Nr. 11 die Einstellung eines Zweijährig-Freiwilligen wegen seines jüdischen Glaubens beanstandete. Der „Voss. Ztg." liegt der Wortlaut der Antwort vor, die das Kriegsministerium auf eine erhobene Beschwerde erteilt hat. Der Bescheid lautet: Auf die Eingabe von: 19. Mai d. I. wird dem Zcntralverein ergebenst erwidert, daß das Verfahren der 10. Kompagnie Grenadierregiments König Friedrich HI. (2. Schlesischen) Nr. 11 bezüglich Abweisung des Handlungskommis Ludwig Hans Hauptmann als Freiwilliger durchaus nicht gebilligt werden kann. Das Generalkommando 6. Armeekorps hat das Erforderliche veranlaßt. Eine von hier ausgehende allgemeine Verfügung ist nicht erforderlich. Mlerhöchst mit der Vertretung des Kriegsministers beauftragt gez.: v. Einem. — An den Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hier. Berlin. Der Frauenverein der Berliner Bni-Brithlogen zur Pflege armer jüdischer Wöchnerinnen hat seinen Jahresbericht und seine Satzungen veröffentlicht. Der Verein zählt ca. 500 Mitglieder und hatte im verflossenen Fahr eine Einnahme von ca. 12 500 Jt. Aus dem Statut seien folgende Paragraphen, die über die Tätigkeit des Vereins Auskunft geben, angeführt: Paragr. 8. Die Pflege wird nach vorangegangener Prüfung eines Gesuches jeder achtbaren bedürftigen jüdischen Wöchnerin gewährt. Die Anmeldung ist an eine der Vorstandsdamen zu richten; diese Anmeldungen sind der Reihe nach in ein Meldejournal einzutragen. -Paragr. 9. Die Pflege beschränkt sich nicht nur ans die Pflege der Wöchnerin und des Kindes, sondern umfaßt auch die Arbeiten zur Aufrechterhaltung der Ordnung des Haushalts. Paragr. 10. Die Tauer der Wochenpflege ist im allgemeinen ans 10 Tage festgesetzt, doch kann sie in besonderen Fällen mit Bewilligung des Vorstandes bis auf 14 Tage ausgedehnt werden. Paragr. 11. Bei besonderer Bedürftigkeit soll äußer der Pflege, Unterstützung von Lebensmitteln und hygienischen Erfordernissen gewährt werden. Paragr. 12. Die Ausübung der Pflege geschieht durch die für diesen Zweck vom Vorstand gewählten Pflegerinnen, welche ans ihre Befähigung von einem Arzt einer Prüfung zu unterziehen sind. Paragr. 13. Nach jeder Meldung für eine zu leistende Pslege hat sich die recherchierende Dame sofort über die Würdigkeit und Bedürftigkeit im Haushalt zu unterrichten, die Petentin genau über die Leistungen unserer Pflegerinnen zu verständigen. Jede Pflegschaft wird der Aufsicht einer Dame des geschäftsführenden Ausschusses unterworfen. Die Pflegerin darf nur bei einer gesunden Wöchnerin die Pflege antretcn; bei eintretender Erkrankung der Wöchnerinnen oder bei außergewöhnlichen Fällen hört die Pflege seitens des Vereins auf. 11 Berlin. Einen jüdischen Turntag gedenken die schon zahlreich bestehenden jüdischen Turnvereine in der Zeit vom'21. bis 23. August in Basel abzuhalten. Einbernfer des Turntages ist der über 500 aktive Mitglieder starke jüdische Turnverein „Bar Seite 3. Kochba"-Berlin. Nach den bisher vorliegenden Nachrichten wird der Turntag von einer größeren Anzahl von Vereinen, insbesondere Oesterreichs und Deutschlands beschickt werden und zu der schon lange angestrebten Bereinigung der vertretenen Turnvereine in eine „Jüdische Turnerschaft" führen. Aus Wandsbek. Der israelitische Beerdigungsverein blickt am kommenden Dienstag auf ein 109jähriges Bestehen zurück. Da der Verein unter den verschiedenen Wohltätigkeitsvereinen der hiesigen israelitischei: Geineinde eine hervorragende Stellung einnimmt ,so haben die Mitglieder bestimmt, daß der 18. und 19. August Festtage sein sollen. Am Diestag morgen sollen die Friedhöfe an der Langenreihe und an: Jnselderweg besucht werden. Nachmittags beginnt das Schlußschrciben an der aus Anlaß des Festes von dem Verein gespendeten neuen Thorarolle, zu welchem besondere Einladungen ergangen sind. Die Einbringung dieser Thorarolle in die Synagoge, sowie die eigentliche Festandacht in dieser, beginnt um 7 Uhr. Die Chorgesänge werden von den: Synagogen-Knabenchor ausgeführt. Die Direktion hat der Musiklehrer Ph. S. Philip übernommen. Die Festpredigt und 'Ansprachen wird der Rabbiner Bainberger halten. Am Mittwoch vereinigen sich die Mitglieder zu einer gemeinsamen Ausfahrt nach Travemünde. Oesterreich-Nngarn. Stomsa. Die israelitische Kultusgemeinde beging am Sonntag in festlicher Weise die hundertste Jahreswende des Bestandes ihrer Synagoge. Zu dem seltenen Jubiläum, an welchem sich zahlreiche Notabilitäten des Komitats beteiligten, waren aus der Umgegend wie auch aus Wien zahlreiche Gäste eingettoffen. Die Feier nahm einen imposanten Verlauf. Herr Rabbiner Moriz Herezog hielt die Festpredigt. Jsasseg. Die hiesige Kultusgemeinde hat mit großen Opfern ein neues Gotteshaus errichtet. Die Einweihung vollzog Herr Rabbiner Dr. Kohn von Gödöllö. Budapest. Der transdanubische Rabbinerverein hält am 19. und 20. d. im Beratungssaale der Ofner israelitischen Kultusgemeinde unter dem Vorsitz des Komaronrer Oberrabbiners Dr. Schnitzer seine Generalversamnrlung. Dieselbe wird am 19. d., 3 Uhr Nachmittags, mit einem Gottesdienste in der Ofner Synagoge eingeleitet, wobei der Oberrabbiner von Nagybecskerek Dr. Moriz Klein die Festrede hält. Gegenstände der Generalversammlung sind: Die Gründung eines Landcs-Rabbinervereins, diejenige eines Rabbiner - Pensionsinstituts, die Feststellung eines einheitlichen Lehrplans des Religionsunterrichts und die Diskutierung mehrerer konfessioneller Fragen. Frankreich. Paris. Der gefeierte amerikanische Philanthrop Herr William Seligmann ist zum Offizier der Ehrenlegion ernannt worden. — Der Artillerie-Kapitän Marcus wurde zum Eskadrons-Ches befördert. TrouvUle. Alphonse Rothschild erlitt gestern auf seinem Automobil einen Unfall. Das Gefährt kippte um und die Jnsaffen wurden herausgeschleudert. Rothschild erlitt mehrere Verletzungen am Kopfe, die jedoch nicht lebensgefährlich sind. Rußland. Petersburg. In jedem Jahre wandern etwa 50000 Juden aus Rußland nach Amerika aus. In diesen: Jahre ist die Answanderungsbewegung besonders stark, wozu vor allem das Blutbad in Kischinew beigetragen hat. Das Petersburger Zentralkomitee der jüdischen Kolonisationsgesellschast „Jca" hat nun beschlossen, die Auswanderungsbewegung mit Hülfe von besonderen Kolonisationsbureaus und Auswandernngsagenten zu leiten, um die Emigranten vor der Ausbeutung durch Privatgesellschaften, die besonders in Russisch-Polen nick» in Südrußland tättg sind, möglichst zu schützen. Das Petersburger Komitee wird demnächst in Warschau und Lodz HmHtagenturen errichten; sodann sollen noch in mehreren Grenzorten Agenturen errichtet werden. Die Mittel für die Errichtung und den Unterhalt dieser Aemter entnimmt die genannte Gesellschaft dem ihr von Baron Hirsch hinterlassenen ansehnlichen Kapital. Petersburg. Die Auswanderung der Juden aus Südrußland ist in diesem Sommer besonders stark. In den letzten Wochen haben 300 jüdische Familien Jelissawetgrad verlassen und sind nach Amerika ausgewandert. Die Auswanderungsbewegung hält noch an, und täglich verlassen zehn bis zwanzig Familien Jelissawetgrad und Umgegend. Kiew. Zur Ausweisung jüdischer Handwerk e r. Die jüdischen Handwerker, welche Gesellenzeugnisse besitzen, haben das Recht, auch außerhalb des jüdischen Ansiedelungsrayons zu leben. Ms nun kürzlich in Kiew die Leitung aller auf die Handwerker^ bezüglichen Angelegenheiten vereinfacht und dem stadtamt übergeben wurde, hatte man die jüdischen Gesellen als „handwerkliche Arbeiter" eingetragen. Das hatte nun von seiten der Gouvernementsverwaltung einen Ausweisungsbefehl zur Folge, der sich auf alle jüdischen Handwerker be-

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