Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1903-08-21 · Heft 42 (21.8.1903) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 42 (21.8.1903)
Date
1903-08-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692298-2692339--00411-2694789
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2. nehmen des edlen Philantropen Baron Hirsch war, und man wundert sich über den ALnt der Verwalter der MMonen, weitere Versuche zu wagen und ans die erfahrenen Mißerfolge ruhig weiter bauen zu wollen. In den beiden größten und Westen jüdischen Ansiedelungen in Argentinien, in „Mosesvillc" und in „Entte-Rios" liegen jetzt die Verhältnisse so hoffnungslos da, daß selbst der Optimismus einer I. <i. A. ihnen nicht mehr standzuhalten vermag. „Mosesvillc" hat zwar am Umfang ihres Areals wie an Zahl ihrer Bevölkerung zugenommen. Aber es war keineswegs ein natürliches Wachstum ans sich selber heraus und der Zuwachs von den eingcwanderten Kolonisten hat nur die Zahl der Unzufriedenen und Enttäuschten vermehrt. Die Administratoren, die von vornherein ihrer Aufgabe in kolonialer und ökonomischer Beziehung nicht gewachsen waren, mußten abgesetzt werden. Die Provinz eignet sich wegen der chronischen Dürre auch wenig für Getreidebau, trotzdem wurde Getreide gezogen und schlechte, vollständig entmutigende Ergebnisse erzielt. Von 18 341 Hektaren, die 1902 in der Kolonie bebaut wurden, wurden mehr als 5011 für den Getreidebau verwendet. Die Folge dieser klimatischen Miseren, verbunden mit einer Wer Umsicht baren Verwaltung, war, daß die meisten Kolonisten der Unterstützung verfielen und sich dem Ideale, einen freien, selbstständigen Bauernstand zu bilden, sich, mehr als je entfernten. Mel schlechter und trostloser sieht es in der jüngern, aber größten Kolonie „Entre-Rios" aus, welche von 4097 Seelen bevölkert ist. Nicht einmal die Luzerne, die in den anderen Kolonien den Rück- HW einiger Wen, erfahrenen Bauern bildet, kann hier wegen des zu tiefen Wasserstandes gedeihen- Ein Terrain von über 200000 Hektaren, das von Wen anderen Menschen mit Recht gemieden wurde, wurde den Juden, die dem Ackerbau entfernt lebten, zur Bebauung und Urbarmachung übergeben. Ueber diesen merkwürdigen Fehlgriff wundert sich heute die I. E. A. selber und ist nicht darob verwundert, daß die Bevölkerung trotz der Einwanderung aus Rußland immer mehr im Rückgänge ist. Die letzten vier Jahre Wein weisen eine Frequenzabnahme von nahezu 1000 Personen auf. Relativ etwas besser geht es den Kolonisten in Lucienville, Primero de Mayo und Basalrilbasa, indem sie sich wenigstens ohne direkte Unterstützung kümmerlich ernähren können. Weit schlimmer dagegen liegen wieder die Verhältnisse in den Gruppenkolonien Clara und San Antonio. Und die I. E. A.? Was sagt sie angesichts dieser Zustände, die sie selber nicht verheimlichen mag, noch kann? Sie reorganisiert neue Administrationen, sie läßt den Kolonisten Mut und geduldiges Ausharreu zusprechen und vertröstet sie auf eine bessere Zukunst — für ihre kommenden Geschlechter. An Hoffnungen für die Zukunft hat cs uns Juden nie gemangelt. Dazu bedurften wir der Millionen des seligen Baron Hirsch und des Kerwaltungsrates der I. E. A. nicht. Für unsere unglücklichen Brüder soll aber in der Gegenwart etwas getan werden! Nur nicht nach Argentinien! Kosaken im WarschauerJudeuviertel. Posen.. Der Warschauer Korrespondent des »Dziennik Poznanski", der als ganz zuverlässig bekannt ist, berichtet: Während des Durchmarsches einerWteilung russischer Sängersoldaten, die bei jedem russischen Infanterie-Regiment zur Musikkapelle gehören, entstand am 10. d. im Judenviertel Nalewki zwischen den Soldatensängern und den Juden ein Streit, der bald in ein Handgemenge überging. Die Polizei versuchte vergebens Ordnung zu schaffen. Man requirierte hierauf vier Sotnien Kosaken, und es entstand ein förmlicher Kampf. Die Juden verteidigten sich mit Stöcken und eisernen Stangen. Auf beiden Seiten gab es viele schwer Verwundete. Beinahe sechshundert Juden wurden verhaftet. Die Zensur untersagte den Warschauer Blättern, über diesen Vorfall zu berichten. Das Judenviertel Nalewki zählt beinahe 120,000 Einwohner. Björuson gegen Rußland. Björnstjerne Björnson verössenllicht im Pariser „Europäer:" einen Arttkel, in welchem er die Mitschuld des europäischen, in erster Linie des französischen Kapitals an dem Fortbestände des autokrWschen, durch, und durch korrupten russischen Regiegierungssystems konstattert und ziffermäßig daran erinnert, daß von der öfsenttichen Schuld Itußlands — 171,4 Milliarden Franks — mehr als ein Drtttel im Auslande untergebracht ist. Björnson fährt sodann fort: „Wir wissen alle, daß der größte Tell dieses fremden Goldes, welches die Selbstherrschaft mit ihren Unterdrückungs- und Eroberungsplänen fett 1889 auftecht erhält, aus dem Lande der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkett geflossen ist. Wir wissen ebenso,, daß diese Anleihen zum Teil durch französische Juden begeben worden Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 42. sind. Man sagt in Europa wie in Amerika allgemein, daß ohne das französische Gold die russische Selbstherrschaft schon längst zur Kapitulation gezwungen worden wäre. Keine Zentralgewalt, auch die beste nicht, ist imstande, für längere Zeit so zahlreiche und verschiedenartige Völker zu beherrschen. Keine Hand, auch die mächtigste nicht, kann einen so gewaltigen Raum umspannen oder so gegensätzliche Ziele vereinigen, wie sic durch das verschiedenartige Klima und die zahlreichen Rassen und Religionen geschaffen wurden. Aber was die beste Regierung und die mächtigste Hand nicht zustande bringt, das wird zu Chaos und Elend unter einer schwachen selbstherrlichen Macht, wo eine brutale, feile und lügenhafte Bureaukratic korrumpiert, plündert und unterdrückt. Ohne die Hilfe des Auslandes fände das von selbst sein Ende, sei es auf dem Wege der Revolution, sei es auf dem der Verwahrlosung. Das Natürlichste wäre, daß sich, die gewaltigen Massen Rußlands zu einer fördcrativen Organisation dezentrWsierten. — Mit Hilfe des fremden Geldes konnte die ganze leicht entflammbare Masse dieser entsetzlichen Anhäufung von Ungerechtigkeit und Drangsal lange genug bestehen, um zu einer Gefahr für uns alle zu werden. Wenn nicht ein Krieg den Zündstoff auf die Nachbarn ausschüttet, wird er dort in Brand geraten, und es werden während langer Jahre Explosionen und Erschütterungen folgen. Darüber sind alle, Russen und Fremde der gleichen Ansicht. Aber der Krieg.wird ausbrechen. Wenn die allmächtige russische Bureaukratic bisher vor keinem Mittel zurückgewichen ist, um ihre Herrschaft zu verlängern, weshalb sollte sie vor diesem zurückweichen? Welches auch das Ergebnis dieses Krieges sein möge, eins ist sicher: die Zinszahlungen werden aufhören. Rußland wird sich für die Hilfe, die man ihm zu teil werden ließ, durch einen Staatsbankerott bed Ulken. Man braucht, wie ich meine, kein Prophet zu sein, um vorausznsagen, daß man sich dann zuerst und zunächst an die Juden hWen wird. Wenn man zornig ist, ist man selten gerecht, und die Betrogenen werden dann die Banken über den Juden vergessen; ihr Bedürfnis, sich zu rächen, wird sie nicht nur die Schuldigen unter den Juden tröffen lassen, sondern auch die völlig Schuldlosen. „H i c r ha st D u den Loh »dafür, daßDudieSolidarität verraten hast, welche Dein Volk, Deine Rasse gleichmäßig bewähren mußten!" Mer wir anderen werden allen erregten Betrogenen zurufen: „Hier hast Du selbst den Lohn, weil Du die Solidarität verraten hast, die gleichmäßig unter den Völkern bestehen - muß! Du hättest der letzte sein sollen, der russischen Tyrannei zu helfen." Es steckt unendlich viel beherzigenswerte Wahrheit in diesem Protest! Aber auch er wird leider wirkungslos verhallen. — /Wort rmd Wirklichkeit. Vtzch Stiftsrabbiner B. Blumgrund, Karlsruhe. / Wenn von berufener Seite für die Bewertung und Abschätzung der Kutturhöhe eines Volles oder einer Zeitperiode als Gradmesser die Vollkommenheit aufgestellt wird, mit der das Wort und die Rede gebraucht und gehandhabt werden, so stehen Lehre und Geschichte des Judentums diesem Maßstabe, wenigstens was die sittliche Höhe einer Gesamtheit bettifft, entschieden ablehnend gegenüber. Wohl ist es wahr, daß die Kunstfettigkeit der Rede im Judentum sich großer Wertschätzung crfteut, doch hindert das nicht, daß wir vor Ueberschätzung der Zaubermacht der Rede gewarnt und wiederholt darau; hingewiesen werden, wie viel leichter es ist, zierlich und gewandt zu reden, als edel und gut zu handeln. Man kann in vollendeter Darstellungs- Weise von Tugenden reden, die zu bewähren man sich nicht besttebt, man kann an dem Wohlllang von Ideen sich berauschen, ohne den Versuch zu machen, sie ins Leben zu setzen. Bon allen hohen Idealen, welche das Herz der Menschen höher schlagen machen, gilt das Wort unseres Wochenabschniües: »Den Laut der Worte hörtet ihr, aber eine Gestalt saht ihr nicht, ausschließlich Laute." Es gab Epochen, in denen man in klingenden und tönenden Worten von Friedensliebe übersttömte, und dieselben Blätter der Geschichte, welche diese Epoche behandeln, erzählen von den grausamsten und blutigsten Kttegen. Wahrlich, wir müssen nicht gar weit zurückblättern, um diesen Gegensatz zwischen Wott und Wittlichkeit zu finden. Selbst heute noch dürfen wir, ttotz der vielgerühmten Segnungen der Kultur/ ttotz der hochgepriesenen Errungenschaften der neuen Zeit trostbedürftig den Worten des Prophtten lauschen, der uns eine Zett verheißt, in der Mcnschenseelen nicht niehr unter den: Drucke seufzen, eine Zeit, in der auch dem Rest Israels kein Unrecht mehr geschieht. „Redet nicht soviel vom Hohen und Erhabenen, nicht gehe das Gewalttge aus Eurem Munde, denn ein Gott des Wissens ist der Ewige und bei ihm werden nur die Th aten gewogen." (il. Sam. 2, 3/ Das haben unsere Weisen wohl begriffen und beherzigt, und nichts hielten sie als größeres Hindernis ür das fortschreitende Eindringen des Guten und Edlen in den Menschentteis, als die Täuschung und Selbstverblendung, welche der Gebrauch lieblicher, schön klingender Schlagworte erzeugt. Daher kam es auch, daß sie beinahe Angst hatten/ wie vor etwas Gefährlichem. vor jenen Stellen der heiligen Schrift, welche abstrakte Grundsätze allgemein ausstellten. Besondere Vorsicht und Umsicht ließen sie daher gerade bei Auslegung dieser Stellen walten. Es war ihnen weniger darum zu thun, diese erhabenen Grundsätze des Judentums mit dem Glanz und Schmuck der Sprache zu kreisen, als mit allem Nachdruck darauf hinzuweisen, )aß es nicht genügt, diese Worte den Lippen enttrömen und an das leibliche Ohr dringen zu lassen. Sie zeigten, wie diese Grundsätze Verwirklichung finden müssen im Leben und im Verhalten und veranschaulichten es mit Vorliebe an Beispielen aus dem Leben biblischer Gestalten. Die schlichten, schmucklosen Erzählungen der Schrift, in denen die Frommen und Edlen der Urzeit den späteren Geschlechtern vorgesührt werden, ohne Mahnung und Lehre, ohne Nutzanwendung und Erörterung ' — diese stellen sie als Kommentar, als Erläuterung jener allgemeinen Lehre dar. Auch die Helden einer späteren Zeit, welche die leibhaftige Berkörpemng jener erhabenen Lehren bildeten, führten sie gern dem Volke vor. Es wäre wahrlich eine dankbare Aufgabe, alle von der heiligen Schrift aufgestellten Grundsätze allgemeiner Natur im Lichte der Bettachtungsweise unserer Weisen darzustellen, zu zeigen, wie sie dem, was so leicht wie das Zucken des Blitzes einen Augenblick lang aufleuchtct, um dann spurlos zu verschwinden, die lebenerweckende Wärme des Sonnenlichtes, die gleichmäßige fielle des Tages zu geben sich besttebten. Hier soll er Versuch an zwei Sätzen gemacht werden/ welche die Beziehungen des Menschen zu Gott zum Gegenstand haben. Du sollst lieben den Ewigen deinen Gott mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen. — Den Ewigen deinen Gott sollst du fürchten, ihm dienen, und ihm anhangen. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, uns in eine philosophische Erörterung der Begriffe Gottesliebe und Gottesfurcht einzulaffen. Solche philosophische Untersuchungen sind unfruchtbar fürs praktische Leben. Auch unsere Weisen sind gern aufgestiegen zu den Höhen geistiger Bettachtung; aber wenn sie mit ocm lebendig pulsirenden Leben in Berührung kamen, wenn sie lehrend herabstiegen zum Bolle, ließen sie alle nebelhaften Forschungen unter sich, und ihr Bestteben war einzig und allein darauf gerichtet, den Inhalt solcher Lehren an Beispielen zu veranschaulichen, in ihre besondern. tatsächlichen Forderungen aufzulösen. Gott lieben — lehrt die Mischna — heißt nicht, Gott in seinem Herzen still und lautlos bergen, ihn im Geiste und in der Gesinnung verehren, auch nicht, ihn laut und klangvoll bekennen, Gottliebenheißt, das Gottesbewußtsein in allen Lebenslagen und in allen Lebensäußerungen-bekunden. »Liebe Gott mit deinem ganzen Herzen", indem du alle deine Wünsche und Neigungen aufgiebst und unterdrückst, wenn sie nicht in Einklang zu bringen sind mit dem Willen Gottes. „Liebe ihn mit deiner ganzen Seele," indem du eher dein Leben hinzugeben bereit bist, als deines Levens höchstes Gut. »Liebe ihn mit deinem ganzen Vermögen," indem du auf jeden Erwerb verzichtest, der nur mit Außerachtlassung eines göttlichen Gebotes zu erringen ist. Jede Kraft, die du verwertest, jede Fertigkeit, die du anwendest, jeden Besitz, den du gebrauchest, stelle sie in den Dienst deines Gottes. Huldige ihm, wenn Freude dein Herz erhebt, aber auch, wenn Kummer es drückt, wenn er deine Seele erheitert, aber auch, wenn er sie trübt. Bettachte auch seine Heimsuchungen als Beweise seiner Liebe, die den Menschen nie verläßt, selbst wenn sie den Arm der Züchtigung ausstteckt. Akiba sagte zu seinen Schülern: Täglich, wenn das leuchtende Sonnenlicht das Leben weckt, und wenn die Schatten des Abends sich auf die Erde herabsenken, erhebe ich mein jüdisches Bewußtsein an den Wotten: Liebe den Ewigen deinen Gott re., und jedesmal empfinde ich einen Seelenschmerz, daß die Möglichkeit der Erfüllung der Forderung ihn mit wirklicher Hingebung der „ganzen Seele" zu lieben, mir so ferne liegt. Dieses Wort in seinem Munde, es war keine leere Phrase, die vor dem Schreckensbild der Wirklichkeit in Nichts zerfloß, es war der Ausdruck unbedingter Bereitschaft und gereifter Entschlossenheit für seine Ueberzeugung zu lehen und zu sterben. Seine Standhaftigkeit im Gottesglauben und sein unerschütterliches Festhalten am Thorawort bewahrte er auch unter Um- Sinben, die ihn mit einem gewaltsamen Tod bedrohten. ls er unter grausamen Martern in den Tot ging, erfüllten Wonneschauer seine Seele, und tröstend sprach er zu seinen Schalem, die ihn weinend umgaben: Soll ich nicht fteudig sterben, wenn der Schmerz des Todes den großen Schmerz meines Lebens aufhebt, wenn mein letzter Atemzug Erfüllung bringt meiner heißesten Sehnsucht! Wir haben es nicht nötig, unsere Liebe zu Gott durch Aufopfemng unseres Lebens zu bekunden; aber erweckend und mahnend ttitt ein Ausspmch unserer Weisen an uns heran: Willst du wissen, wie du Liebe zu Gott zu betättgen hast, so lese und beherzige den Ausspmch, welcher der Auffordemng Gott zu lieben, folgt: die Wotte, die ich dir heute befehle, sie sollen nicht nur geschrieben sein auf den Blättem der Thora,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.