Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 41 (14.8.1903)
- Date
- 1903-08-14
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. Plötzlich, die Arme ausbreitend, rief er sanft: „Meine Kinder, meine lieben Kinder! Seid glücklich, lebt in Frieden! Einen großen, einen Herzenswunsch hat mir der Herr an diesem Tage der Trauer erfüllt! Sein Name sei gepriesen!" (Nachdruck verboten.) Aus unser« Tagen von Friedrich Rott. (Schluß.) Sie richtete sich hastig auf und streckte dem Eintrctendeü beide Hände entgegen, iin Nu war er an ihrer Seite und hielt ihre Händen in den seinen. „Meine liebe, liebe kleine Fanni!" Sie erwiderte nichts, aber sie blickte still lächelnd zu ihm auf. Cr aber bedurfte seiner ganzen Selbstbeherrschung, um sie seine Erschütterung nicht gelvahren zu lassen, denn daß sie so schattenhaft werden könne, hatte er doch nicht für möglich gehalten. Ihm war, als müsse er sie mit aller Macht festhalten, damit sie ihm nicht vor seinen Augen entschwinde. Aber er bezwang sich; nach längerem Schweigen sagte er: „Mama läßt Dich grüßen, sie wollte eigentlich mitkommen, aber ich dachte, klein Fanni wäre am Ende schon in's Bett gegangen." „Ach, wie hast Du das glauben können! — ich habe doch gewußt, daß Du kommen wirst." „Das hast Du gewußt? ich glaubte, Ernst hätte Dir gesagt, daß ich heute nicht kommen würde." »Ich hab's aber nicht geglaubt. Siehst Du, daß ich recht gehabt habe?" sagte sie mit triumphierendem Lächeln zu dem seitwärtsstehenden Bruder. „Wer ich möchte doch wissen, woher Du wissen konntest, daß ich heute noch kommen werde." „Weil Du schon so lange nicht da gewesen bist." „Hast Du mich denn vermißt?" „Ja, sehr." „Meine liebe, süße, kleine Fanni!" sagte er mit leiser bebender Stimme, indem er sich zu ihr neigte, „hast Du mich lieb 2" „Das ist doch schon eine alte Geschichte," .erwiderte sie lachend. Es war dasselbe silberhelle Lachen, nach dem er sich diese ganze Zeit hindurch so oft gesehnt. Das Herz pochte ihm, als wollte es die Brust zerspringen. „Fanni," flüsterte er, „liebe kleine Fanni, sage nur ein einzigesmal: Felix, ich habe Dich lieb." „Felix, ich habe Dich lieb," wiederholte sie lächelnd. Plötzlich aber fuhr sie zusammen, indem sie ihm hastig ihre Hand entzog. „O Gott! nein, nein, ich darf doch nicht Felix sagen und auch nicht Du — wie habe ich das nur vergessen können! —" „Fanni, ich bitte Dich! —" „Nein, nein, o bitte nein! — nicht Dich! —" Felix erhob sich hastig und flüsterte dem Freunde einige Wortezu. Dieser trat näher und neigte sich über das vor Erregung zitternde junge Mädchen. „Mein liebes Schwesterchen! —" „Ach Ernst, es tut mir so leid, daß ich vergessen hatte, was die Mutter gesagt hat. Das ist ein großes Unrecht, nicht wahr?" „Nein Kind, beruhige Dich, Du hast kein Unrecht getan. Und ich weiß sogar mit vollster Bestimmtheit, daß unsere Eltern gar nichts dagegen hätten, wenn Du zu unscrm Freunde von nun an, immer Felix und Du sagen würdest." „Wer Du weißt doch „Höre mich an, Kind, ich will Dir etwas sagen, was Dich sehr freuen wird. Du weißt, Felix war mehrere Monate nicht im Geschäft und hat überhaupt nichts zu tun gehabt. Da hat er diese unfreiwillige Muße dazu benutzt, aUes das nachzuholen, was er als Jude in früheren Jahren hätte lernen sollen, aber nicht gelernt hat. Und dadurch hat er den festen Entschluß gefaßt, von nun an, als gesetzestreuer Jude zu leben." „Wh wie schön! wie schön!" jubelte Fanni, „wie mich das freut!" „Glaubst Du nun nicht auch, daß unsere Mern nichts dagegen hätten?" „Wenn Du es sagst, glaube ich es. Aber wie mich das freut! wie mich das freut! Felix, jetzt habe ich Dich noch viel lieber als früher." Er hatte sich wieder zu ihr gesetzt, hatte wieder ihre Hand genommen, der Ausdruck ihrer Freude erfüllte ihn mit unsagbarem Glücke, er wagte kaum zu sprechen, fürchtete beständig, seine Fassung zu verlieren und er durfte sie doch nicht aufregen. Jetzt erwiderte sie auch den leisen Druck seiner Hand und plauderte munter drauf los. „Wenn Du nur wüßtest, wie ich mich freue. Jetzt wirst Du nie wieder am Sabbat arbeiten oder rauchen oder —" „Ich werde nie wieder etwas tun, was meine . süße, kleine Fanni mißbilligen wird. Meine — meine —" Ernst legte ihm die Hand auf die Schulter, es war eine Warnung, nicht weiter zu gehen: „Ich denke, es wäre schon Zeit, daß unsere Kleine in die Federn kriecht. Meinst Du nicht auch, Ella?" wandte er sich an die Eintretende. „Ganz gewiß," erwiderte diese, „ich komme eben, um daran zu erinnern. Herr Kohn wird entschuldigen." „Aber ich bitte sehr. Gute Nacht kleine Fanni. darf ich Mama von Dir grüßen?" „Wenn Du so freundlich sein wolltest. Deiner Mama zu sagen, daß es mir sehr leid tut, daß Du sie zurückgehalten hast, herzukommen, es hätte mich sehr gefreut, sie zu sehen." „Werd's bestellen, übrigens werden sich likeine Eltern morgen das Vergnügen machen, meine süße, kleine —" „Fortsetzung folgt," fiel Ernst lachend ein, indem er ihn mit sich aus dem Zimmer zog. Es war in den Vormittagsstunden des folgenden Tages. Fanni hatte eben mit Hilfe ihrer Schwägerin ihre einfache Toilette beendet, als ihr Bruder in das Zimmer trat. „Ich komme, meine Dienste anzubieten, ich muß in einer Viertelstunde fortgehen, soll ich Dich nicht vorher hinüber in das Wohnzimmer tragen?" „Ach nein, ich danke sehr, heute werde ich hinüber gehen." „Glaubst Du wirklich gehen zu können?" „Ich weiß es ganz gcioiß, ich kann gehen, wenn Du mir nur ein bischen helfen wolltest, mich auf die Füße zu stellen." „Mit Vergnügen. — So, nun siehst Du. Jetzt stütze Dich nur recht fest auf meinen Arm." „Auf meinen 'Arm stütze Dich auch," sagte Ella, „und dann wollen wir uns auf den Weg machen." Langsam, aber doch ohne aUzugroße Anstrengung ging das junge Mädchen von den Geschwistern gestützt zum ersten Mal seit ihrer Krankheit durch das Zimmer, hinaus auf den Koridor: den sie durchqueren mußten, als die Hausglocke tönte und gleich darauf Felix in die Wohnung trat. „Ah," rief er, „da komme ich ja grade recht. Bitte, lasset mich helfen — liebe Frau Doktor, ich kann es nicht mit ansehcn, wie sehr Sie sich anstrengen, gestatten Sie, daß ich an Ihre Stelle trete." Ella trat lächelnd zurück, er legte Fanni's Arm in den seinen und langsam ging es nun weiter. „Wird cs Dir nicht doch zuviel?" fragte Ernst besorgt, „soll ich Dich nicht lieber weiter tragen?" „Nein, nein, ich bin so froh, daß ich wieder gehen kann." Dabei lehnte sie aber doch im Gehen den Kopf gegen den Arm ihres Bruders. „Warum lehnst Du Dich gegen Ernst?" fragte Felix, „warum nicht gegen mich." „Weil Ernst mein Bruder ist." „Ich bin froh, daß ich nicht Dein Bruder bin," versetzte er. „O Du Böser!" rief sie und in einem Anfall von Mutwillen wollte sie ihm ihren Arm entziehen, er aber drückte ihn fest gegen seine Brust, so daß sie das Klopfen seines Herzens fühlte. Aengstlich blickte sie zu ihm empor und atmete erleichtert auf, als sie gleich darauf in das Wohnzimmer traten. Hier aber hob Ernst sie sogleich in den der Tür zunächst stehenden Sessel. „So Herzchen, ruhe ein Weilchen aus, dann wird Felix Dir weiter helfen, ich habe keine Minute länger Zeit, wenn ich zu spät in die Schule komme, springen die Kinder auf Tische und Bänke. Du entschuldigst, Felix. Auf Wiedersehen!" Fort rannte er. „Weshalb sitzest Du denn da neben der Tür?" fragte Ella, die mit einer Weinflasche und einigen Gläsern eben hereinkam. „Ernst hat mich hierher plaziert," erwiderte Fanni, „ich soll mich hier ausruhen, er hat fort müssen." „Ja, er hat sich verspätet. Stärke Dich jetzt erst durch ein Glas Wein und dann helfen wir Dir weiter. Bitte, Herr Kohn, trinken Sie auch ein Glas." „Nein, bitte Felix, tue cs nicht, trinke jetzt keinen Wein," rief das junge Mädchen. Er blickte sie betroffen an. „Wenn Du es nicht wünschest, werde ich nie im Leben wieder Wein trinken, aber möchtest Du mir nicht sagen, weshalb Du wünschest, daß ich keinen trinke?" „Nicht für immer, nur im Augenblick möchte ich nicht, daß Du Wein trinkst. Ich fürchte, ich habe mich zu schwer auf Deinen Arm gestützt, Dein Herz hat eben sehr stark geklopft, ich habe es bemerkt." Er lachte hell auf. „O Du liebes herziges Kind! — ich werde gewiß keinen Wein trinken, aber ich versichere Dich, mein Herz schlägt schon wieder ganz ruhig." Auch Ella hatte sich eines Lächelns nicht erwehren können, aber sie war gerufen worden, es verlangte draußen jemand nach ihr. „Nun, Kleine, ich dächte. Du wärst jetzt ansgeruht, komm, nimm meinen Arm, ich führe Dich Dich zu dem Fauteuil dort am Fenster." „Ich will lieber warten bis Ella kommt. Dir allein bin ich zu schwer." Er lachte abermals, aber es war ein ärgerliches Lachen. ,D» beleidigst mich, Fanni." „Verzeih', das wollte ich nicht." „Nun, so stütze Dich auf meinen Arm und lasse Dich von mir führen. — To, jetzt bist Tu ein liebes Mädchen. Und wie schön Du gehen kannst, es geht jetzt bedeutend besser als vorhin." „Ja," sagte sie freudig erregt, „ich hoffe, ich werde bald wieder allein gehen können." „So lasst uns ein paarmal im Zimmer auf- und abgehen, damit Du Dich wieder an das gehen gewöhnst." Er stützte sic sorglich und geleitete sie langsam hin und her, aber er hütete sich wohl, ihren Arm wieder an sich zu drücken, denn das Herz pochte ihm, als wolle es die Brust zersprengen. Und endlich hielt er sich nicht mehr. „Fanni," flüsterte er, „liebe, liebe Fanni! — nicht wahr. Du weißt, wie lieb ich Dich habe?" „Ja," sagte sie leise. „Und Du hast mich auch lieb. Du hast keinen Menschen so lieb, wie mich?" „Rein," flüsterte sie. „Und Du wirst keinen andern heiraten, als mich — sage nein, ich bitte Dich!" „Nein," hauchte sie. „Und jetzt bist Du meine liebe, liebe, kleine Braut." Sie erwiderte nichts, aber ein unaussprechlich glückliches Lächeln spielte um ihre Lippen und ihre sonst >o bleichen Wangen waren mit einem rosigen Hauch überzogen. Er fühlte sich nahezu trunken vor-Glück, aber verhielt sich schweigend, er wollte sie nicht aufregen. Vorsichtig ftihrtc er sie zum Fenster, hob ie in das Fauteuil und schob ihr einen Schemel unter die Füße. „Du mußt jetzt ausruhen, Geliebte." Er setzte sich neben sie und nahm ihre Hand und Io saßen sie lange nebeneinander in wortloser Wonne. Ein Wagen hielt vor dem Hause, Felix trat zum Fenster und sah' Hinalls. „Es sind ineine Eltern. Bitte, bleibe nur ganz ruhig liegen, ich gehe auf einen Augenblick zu ihnen hinaus und sage ihnen, daß wir mit einander einig geworden sind- Sie werden zu Dir kommen, aber Du mußt Dich ganz ruhig verhalten." Er ging hinaus, eben begrüßte Ella seine Eltern und wollte sie in das Wohnzimmer führen. „Einen Augenblick," bat er, indem er beiden gleichzeitig je eine Hand entgegenstreckte, „ich muß es Eich erst mitteilen." Aber seine Stimme zitterte so sehr, daß er nicht sogleich fortfahren konnte. „Was wolltest Du uns mitteilen, Kind?" fragte seine Mutter. „Daß wir uns verlobt haben," flüsterte er. Tief bewegt umarmten ihn die Eltern. „Konimt hinein," bal er, „aber bitte, reget sie nicht auf." „Nur auf einen Augenblick gehen wir hinein," sagte seine Mutter, indem sie vorauseilte und die junge Braut in ihre 'Arme schloß. „Mein liebes, liebes Töchterchen!" „Liebe Mama!" erwiderte Fanni leise, indem sie die Hand der Freundlichen an ihre Lippen zog. „Gott segne Dich, liebes Kind," sagte Kohn, indem er ihr die Hand drückte und sie auf die Stirn küßte. Felix lachte vergnügt. „Ella, liebe Ella, sehen Sie nur, der Papa hat sie auf die Stirn geküßt und ich habe es noch nicht einmal gewagt, ihr die Hand zu küssen." „Das war sehr weise von Ihnen und ich empfehle Ihnen, noch einige Zeit in dieser Weisheit zu verharren, sie könnte sich sonst wieder über Ihr Herzklopfen ängstigen." „Sagen Sie aufrichtig Ella, ist sie nicht ei» Engel?" „Freilich ist sie ein Engel," versetzte Ella lächelnd, „aber ein Engel, der noch sehr geschont werden muß. Ich höre Ernst draußen, er wird gleich hereinkommen. Nachdem Sie ihn begrüßt haben, würde ich Ihnen sehr empfehlen, sich zu empfehlen und Ihre Mern mitzunehmen. So lebhaft Fanni auch jetzt mit Ihren Eltern spricht, so dringend bedarf sie der Ruhe." „Aber ich darf doch Nachmittags wiederkommen?" „Gewiß, aber einige Stunden muß Ihre Braut unbedingt ruhen." Ernst trat jetzt in baä Zimmer, Felix ging ihm entgegen und schlang den Arm um ihn. „Mein Bruder, Deine Schwester hat mir ihr Wort gegeben, ich bitte um Deine Zustimmung." „Die hast Du," erwiderte Ernst mit warmem Händedruck, „aber Du weißt. Eure Vermählung kann nicht vor einem Fahre stattfinden." „Das macht nichts, aber ich mußte die Sache zur Entscheidung bringen, ich konnte unmöglich länger warten." * * * „Mein lieber, teurer Felix! Empfange meine innigsten, herzinnigsten Glückwünsche, was sie enthalten, das könnte ich Dir nicht so rasch schreiben. Aber Du weißt es auch, ohne daß ich es Dir schreibe. Das war eine freudige Ueberraschung, wie mir noch keine zuteil geworden. Ich war nämlich deinethalben sehr, sehr besorgt. In einem deutschen Blatte hatte ich von dem schrecklichen Unglück gelesen, das Dich getroffen; daß ich keinen Moment an Deine Schuld geglaubt habe, bedarf nicht erst der Versicherung. aber ich habe mich telegraphisch an unser» Freund Ernst gewandt und ihn um -eingehenden Bericht gebeten. Er hat mir eingehend den Sachverhalt, berichtet und hat hinzugesügt, daß Du Tein Unglück nicht nur wie ein Mann erträgst, sondern wie ein