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Neue jüdische Presse · 1903-08-14 · Heft 41 (14.8.1903) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 41 (14.8.1903)
Date
1903-08-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. ' Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Petersburg. Die Herren Julian Back in Petersburg und Dr. Stanislaus Nathanson in Warschau sind mit Genehmigung des Ministers des Innern zu Mitgliedern des Zentralkomitees der Jüdischen Kolonialgesellschast (I. C. A.) ernannt worden. Die Gerichtsverhandlung über die Kischiuewer Greuel wird anscheinend eine Farce bleiben. Die Prozesse finden, wie dem »B. aus Odessa geschrieben wird, nicht in Kischinew, sondern in dem kleineren Städtchen Tiraspol statt, und zwar hinter verschlossenen Türen. Dadurch ist auch die Presse nicht in der Lage, mehr als die Tatsache der Anklage und das Urteil zu bringen, und die Regierung, ebenso wie die Beamten, welche sich an den Ausschreitungen beteiligt haben, sind vor unliebsamen Enthüllungen gesichert. Der Gerichtspräsident ist seiner in der Lage, die Verhandlungen fast ohne Kontrolle zu führen, und man darf sicher sein, daß sie in dem von der Regierung gewünschten Sinne geleitet werden. Es kommen im ganzen 42 Personen vor das Gericht, welche des Moües oder schwerer Körperverletzung angeklagt sind. Die Zahl ist außerordentlich gering, wenn man bedenkt, daß 47 Personen getötet, 30 schwer und viele Hundert leicht verwundet wurden. Von den eigentlichen Anstiftern der Massenmorde war bisher nur der Notar Pisarzewski angeklagt, den man am Tage nach Erhebung der Anklage wt in seiner Wohnung vorfand. Die stark kompromittierten Kaufleute Stepano, Ponin und Staatsbeamter Szerban sind heute noch nicht dent Gericht übergeben worden. Diese Personen haben, wie das »B. T." bemerkt, seinerzeit dem »Deutschen Volksblatt" in Wien und der „Staatsbürger-Zeitung" in Berlin das Material zu der erlogenen Darstellung der Ereignisse in Kischinew geliefert. Die genannten vier Personen hatten regelmäßige Sitzungen, um das Massakre zu organisieren; die letzte fand zwei Tage vor den: Ausbruch der Exzesse statt. — Zu den amtlichen Persönlichkeiten, welche bemüht sind, die Wahrheit zu vertuschen, gehört vor allem auch der Chef der Gendarmerie in Kischinew, Baron Lcwendahl. Er hat in das Gefängnis einige seiner Agenten zu den angeklagten Räubern und Mördern einsperren lassen und läßt diesen vorschreiben, was sie aussagen sollen. Andrerseits werden Zeugen, welche über die'Beteiligung der .Polizei bei den Unruhen Aussagen gemacht haben, auf das Polizeiburcau gerufen und dort mit Schmähungen und Drohungen überschüttet. So wird dafür gesorgt, daß sich bei den Prozeßverhandlungen möglichst wenig Unannehmlichkeiten für die russischen Behörden ergeben. Tarnopol. Etwas ganz Unerhörtes hat sich hier ereignet. Die Bezirkshauptmannschaft diktierte vielen jüdischen Kaufleuten laut § 53 des Gewerbegesctzes hohe Geldstrafen, weil sie an den hohen jüdischen Feiertagen das Geschäft geschlossen hatten. Der § 53 besagt nämlich, daß Geschäftsleute, die ihren Betrieb ohne Anmeldung einstellen, bestraft werden können. Die Bestraften rekurrierten an die Statthalterei und diese hat die Verfügung des Bezirkshauptmannes bestätigt! — In Gewerbesachen ist die Statthalterei die oberste Instanz; trotzdem wäre es ein großer Fehler, wenn die Juden Tarnopols die Sache auf sich beruhen ließen. Es bleibt chnen noch ein Gnadengesuch an den Minister des Innern offen, um diese unerhörte Entscheidung verschwinden zu machen. Palästina. Jerusalem. Nach einer Statistik der türkischen Regierung beziffert sich die Zahl der jüdischen Auswanderer aus Palästina während der letzten 3 Jahre auf 5000. HemKeion. (Nachdruck verboten.) „Die Kroneuberg's." Erzählung von B. Leiser. (Schluß.) „Ach Judith," kam es weich von seinen Lippen, „ich möchte wohl, daß Sie wieder einmal in der alten Linde säßen und ich zn Ihren Füßen im Grase. Ob Sic mir nun wohl endlich die Frage beantworten würden, die ich vor Jahren so oft und ohne Erfolg an Sie richtete!" Sie blickte erschrocken auf. „Nun auch L-ie noch! Auch Sie wollen mich quälen!" Er nahm ihre beiden Hände und blickte ihr tief in die Augen. „Quälen wlll ich Sie sicher nicht, das haben Sie lange genug besorgt, «ie böses Mädchen! Nur Sie fragen, wie einst unter der Linde: „Hast Du mich lieb, Judith?" Er fühlte, wie ihre Hände zitterten, und sah ihre blauen Augen fast ängstlich auf sich gerichtet. „Ja," klangs dann leise wie im glücklichen Traum. „Judith, Judith!" ertönte es nun jubelnd. Fm nächsten Augenblick fühlte sie sich umschlungen und warme Lippen drückten sich fest auf die ihren. „Und Deine Eltern?" schreckte sie plötzlich angstvoll empor. „Du meinst meinen Vater, Kind! Nun, er ist gut und edel und wird Dich .freudig ausnehmen, wenn er sieht, daß Du mein ganzes Glück ausmachst. Im Uebrigen bin ich mein eigener Herr," sagte er, sich hoch aufrichtend. „Zudem will ich Dich nicht in jenes Haus bringen, das mich nie angeheimelt, seit meine arme Mutter ihre Äugen schloß. Du kennst doch unser Haus in der Stadt, das mir, mir ganz, allein, laut Testament, meine Mutter vermacht hat! Dort wollen wir unser Nest bauen, wenn es Dir recht ist! Und nicht wahr, Du richtest unsere Häuslichkeit genau so ein, wie ich es als lleiner Junge gewöhnt war!" Er umfaßte sie von neuem. „Hast Du mich nun auch wirllich lieb, Judith?" „Von ganzem, ganzem Herzen!" Plötzlich sagte er scherzend, dicht an ihrem Ohr: „Judith, wer hat nun die Wette gewonnen, wettest Du noch tausend gegen eins?" Sic mußte herzlich lachen. „Freilich, eigentlich müßte ich mir die Sache doch noch reiflich überlegen, ehe man eine solche Wette verloren giebt!" „Ei, sieh da! Da hätten wir glücklich den alten Kobold wieder, bei dem man aus seiner Hut sein muß! Aber das Vögelchen ist uns nun einmal ins Garn geflogen, wir lassen es nimmer los!" Und da standen sie vor dem Hause, aus dessen zweiten Stockwerk ein hell erleuchtetes Fenster in die Nacht hinausstrahlte. . . . Frau Leviton hatte soeben den Tisch abgeräumt. Nun saß sie, ihr Jüngster war schon längst in der Sofaecke sanft cingcschlummert, bei der Lampe Schein und versenkte sich mit schmerzlicher Wonne in jene glücklichen Zeiten, da ihr geliebter Mann noch lebte. Flüchtig eilten die Gedanhen weiter, sorgenvoll blickten nun die blauen, immer noch schönen Augen. Was würde aus Judith, aus ihrem Sohne werden, wenn die geliebte Tochter durch Krankheit öder Unglück einen Teil ihrer Stunden einbüßte und sie selbst vorzeitig abgernfen würde. Aber gleich darauf schalt sie sich ündankbar. Hatte, Gottes Güte sie gnädig bis an den heutigen Tag geführt, so würde er auch seine Hand ferner nicht von ihnen abziehen. Und in diesen« Gedanken sichtlich getröstet, erhob sie sich. Sinnend blieb sie vor dem Tische stehen. Kamen nicht Schritte den Gang herauf, sollte Judith schon zurückkehren? Aber nein, das konnte Judith nicht sein! Deutlich unterschied sie eine «vohlllingende Männerstiinme. Nun flog die Tür auf. Ein Ausruf des höchsten Erstaunens entfuhr ihren Lippen, als Judith am Arme Siegmund Kronenberg's das Ziminer betrat. Hand in Hand kamen sie, ihren Segen zu erbitten. Eine hohe Freude inalte sich in ihren immer noch schönen Zügen, als die jungen Leute mit strahlenden Gesichtern sich ihr näherten. Tief neigten sich die jugendlichen Häupter, als die glückliche Mutter seancnd ihre Hände auf den dunklen und den blonden Scheitel legte, und während ihr Auge auf dem Bilde ihres verstorbenen Gatten ruhte, erllang cs innig von ihren Lippen: „Der Herr segne Erich und behüte Euch, der Herr lasse sein Antlitz Euch leuchten und sei Euch gnädig! Der. Herr wende seinen Gnadenblick 'Euch zn und schenke Euch Frieden!" Am Tage nach dem Feste herrschte im Kronenberg'schen Hause eine dnmpfc Gewitterschwüle. Es war nicht jene ungemütliche Stimmung, hervorgerüfen durch die Störungen, die in jeder Häuslichkeit eine solch geräuschvolle Festlichkeit hinterläßt. Bei der großen, gut geschulten Dienerschaft, in der Villa des reichen Fabrikherrn, fand die Hausfrau bereits alles wieder in tadelloser Ordnung, wenn sie sich am Frühstückstisch niederließ. Dennoch befand Frau Kronenberg sich an diesem Morgen in gereizter, nervöser Stimmung. Ueberwacht und leidend hob sich, ihr schönes Gesicht von dem matten Weiß ihres Morgengcwandes ab. Sie' war unendlich verstimmt. Zunächst hatte ihr Siegmund eine bittere Enttäuschung bereitet. Sie hatte als sicher angenommen, daß er sich auf ihren ihm deutlich ausgesprochenen Wunsch hin Fräulein Ostberg nähern würde! Statt dessen ließ er sich angesichts der ganzen Gesellschaft, in eine intime Unterhaltung mit dieser hochmütigen „Prinzessin von Habenichts," wie sie Judith gern titulierte, ein. Natürlich ahnte sie noch nichts von den weiteren Geschehnissen an diesem ereignisreichen Abende. Zudem fühlte sie sich wirklich elend. Dieses aber sich oder andern einzugcstehen, brachte sie nicht über sich, denn hiermit hätte sie ihrem Gatten Recht gegeben, der sie stets vor diesen anstrengenden Abendunkerhaltungen warnte. Mißmutig, mit einem heftigen Worte des Tadels, schob sie jetzt dem Diener die duftende Frühstückschokolade herüber, die ihr bitter wie Galle dünkte. Wie lange Salo heute doch ausblieb, heute, wo sie so Wichtiges mit ihm zu verhandeln gedachte! Sie hatte es dem hochstehenden Freunde am gestrigen Abende ja fest versprochen, daß sie nun endlich Ernst machen würde! Gewiß, er hatte Recht/Elisabeth war ihr Kind. Wer wollte es ihr wehren, sie jenen Schritt tun zu lassen, der allein sie einer glänzenden Zukunft znzuführen vermochte! Noch war es nicht zu spät,-wenn auch die höchste Zeit! Nr. 41. In diesem Moment wurden die. festen, gleichmäßigen Schritte ihres Gatten in der Vorhalle laut. Wohl, nun galt es, sie wollte nicht weichen, bis sie ihr Ziel erreicht hatte! „Du siehst nicht gut aus, mein Kind!" meinte Herr Kronenberg besorgt, als er in das erregte, blasse Gesicht feiner Frau sah. „Soll ich zum Arzt schicken?" „Unsinn," erwiderte sie ärgerlich, „was Du nur imnier hast! Ich habe heute an Wichtigeres zu denken, als meine Nerven!" „Und das wäre!" meinte er lächelnd. „Die Zukunft meiner Tochter!" Er wurde aufmerksam. „Nun, die geht mich allerdings auch etwas an! Doch wüßte ich nicht, inwiefern heute grade Besonderes vorliegen könnte, was Bezug auf dieselbe hätte! Elisabeth ist noch . ein halbes Kind, und wir haben zudem keine Veranlassung, uns ihrer Zukunft wegen Sorgen zu machen!" „Du nicht, aber ich!" gab sie schroff zurück. „Meine Tochter, mein Fleisch und Blut soll nicht dem ersten besten Krämer als Beute zufallen! Ich habe bestimmte 'Absichten mit ihr!" „Das sind ja ganz interessante Enthüllungen, Anna! Willst Dü nicht die Freundlichkeit haben. Dich deutlicher auszudrücken? Denn als Vater habe ich doch wohl das Recht, diese Absichten kennen zu lernen!" „Gewiß, das hast Du! Aber ich versichere Dir gleichzeitig, daß ich dieses Mal das letzte Wort reden werde. Sei cs drum! . . . Ich sprach gestern Abend mit dem alten Herrn von Stetten, dessen Adel, wie Du weißt, einer der ältesten im Lande ist." „Aha," erklang cs vom Fenster herüber, wo Herr Kronenberg soeben seinem Töchterchen zunickte, die sich im Garten vergnügte. „In zwei Jahren ist Elisabeth erwachsen," fuhr seine Frau fort. „Sie hat auf den alten Herrn einen vorzüglichen Eindruck gemacht. Er ist ganz entzückt von ihr, wie er inir anvertraute. - Er ließ sogar Andeutungen falle», Andeutnngen, ... die sehr schmeichelhaft für uns sind! Sein Sohn ist jetzt zwanzig Jahre alt." „Wenn ich nur ivüßtc, wozu Du mir dieses alles erzählst, Anna," sagte ihr Gatte nun ruhig. „Du scheinst ja heute sehr schwer von Begriff zu sein, mein Lieber!" erwiderte sic spöttisch. „Nun denn, so höre es in llaren Worten, ich habe Herrn von Stetten erklärt, daß sein Sohn sich keinen Korb holen würde, wenn er in einigen Jahren um Elisabeth anhielt. Natürlich beanspruchen sie die Taufe!" Herr Kronenberg trat vom Fenster zurück und trat zn seiner Frau. Er griff nach der Hand der Erregten und erklärte, iinmer noch ruhig: „Mir scheint. Du redest' im Fieber, Kind! Elisabeth soll nicht dem ersten besten Krämer als Beute zufallen, sagtest Du! .Dagegen soll sie diesem jungen Taugenichts, dessen Wandel mir sehr wohl bekannt ist, die Schulden bezahlen! Das ist in der Tat ein schlechter Spaß, den Du Dir mit mir erlaubst! Sollte es aber Tein Ernst sein, Anna, so verninim schon heute ineinen festen, unabäilderlichen Entschluß: Niemals wird Elisabeth, Dein Kind, wie auch das meine, einem solchen Schurken, der nur das Geld seiner Frau erheiratet und sie selbst als lästige Zugabe betrachtet, ihre reine Hand reichen! Niemals wird sie die Taufe empfangen, so wahr mir Gott in meiner letzten Stunde gnädig sein soll!" Dicht vor sie hintretend, ließ der jetzt ebenfalls erregte Mann seine Hand schwer ans ihre Schulter fallen: „Und nie wieder ein solches Wort, oder.. . . oder es giebt ein Unglück!" „Elender," schrie sie nun auf, seine Hand heftig abschüttelnd, „nicht mich allein also hast Du unglücklich gemacht! Auch sie soll jene hohe Stellung niemals einnehmen dürfen, nach der ich mich mein Leben lang gesehnt! Fort von mir! Ich hasse Dich!" Abwehrend streckte sie ihm beide Hände entgegen, als er sich besinnend, sie besänftigen wollte. „Berühre milch' dicht, oder. . ." Das letzte Wort erstarb in leisem Röcheln. 'Aschfahl wurde plötzlich das Gesicht der zornigen Frau und schwer sank ihr Haupt gegen die.Lehne des Divans. Mit zwei Schritten war Herr Kronenberg bei ihr und ließ die Bewußtlose sanft niederglciten. In diesem Moment öffnete sich die Tür, in. dessen Rahmen Siegmund. erschien, der seine Braut dem Vater zuzuführen gedachte. Ein einziger Blick genügte, um ihm die Situation llarzumachen. „Armer Vater," sagte er leise, „komni Judith, die Stunde. ist schlecht gewählt, um ihm von unserin Glück Kunde zu geben! Dennoch! Es mag ihm ein Trost sein!" Sie näherten sich ihm, der die Hand der nun Verschiedenen noch immer in der seinigen haltend, in gebeugter Haltung dasaß. „Mein Vater, mein armer Vater! Trotz allem. Du hast sie geliebt!" Er legte seinen Arm um die Schultern des Gebeugten und versuchte ihn anfzurichten. . „Gott hat sie erlöst!" erllang es nun leise von des älteren Mannes Lippen. „Er wußte wohl, was er tat, als er sie hinfort nahm! Wohl, sie hat ausgelitten! Sie war doch eine Unglückliche, durch Erziehung und Eharakterveranlagung Irregeleitete. Gott möge ihr gnädig sein!"

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