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Neue jüdische Presse · 1903-08-14 · Heft 41 (14.8.1903) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 41 (14.8.1903)
Date
1903-08-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 41. fall passiert. Als er mit einem mit Mais beladenen Fuhrwerk durch die Straße fuhr, kam ein neunjähriges Kind unter die Räder des Wagens und wurde derart verletzt, daß es bald darauf verstarb. Herr R-, der ein hochbetagter Mann, taub und von Schicksalsschlägen sehr heimgesucht, indem ihm viele große Kinder starben, ist sehr zu bedauem und kann gewiß sagen: jodenu lo schofchu es hadom haseh. OO Vom Lande. Vorbei ist wieder die Ernte und eingeheimst die heiß errungene Frucht des Feldes. Auf die große Hitze trat alsbald die kühlende Labung des Regens ein und die Vegetation ist neu aufgelebt. Auch in unserer nächsten Umgebung von Frankfurt sieht man auf dem Lande noch vielfach Jehudim mit Ökonomie sich beschäftigen und schöne Resultate erzielen. Grotzen-Linden (Oberheffen). Ein alter israelitischer Friedhof befindet sich in unserer Gemarkung, nahe dem neuen Gemeindefriedhof. Hier wurden vor etwa 100 Jahren die Juden aus den umliegenden Orten Gießen, der Rabenau und nördlichen Wetterau beerdigt. Um 1850 wurde der Friedhof aufgegeben und das Gelände ging an hiesige Einwohner über, die es als Obst- und Grasgärten benutzten. Die zum. Teil sehr alten Grabsteine sind noch zahlreich vorhanden. Jetzt sind Verhandlungen über den Wiedererwerb des Friedhofs im Gange. Mehrere Frankfurter Familien haben schon die Grabstätten ihrer Voreltern zurückerworben. Egelsbach. Klein, aber fein, kann man von der neuen Synagoge, deren Einweihung wir vorigen Freitag vollzogen, sagen. Der gesamte Ort hat unser Fest mitgeseiert, fast von jedem Hause wehte eine Fahne und legte Zeugnis ab von dem einträchtlichen Zusammenwohnen der jüdischen und der christlichen Bevölkerung. Bisher hatten wir Egelsbacher Juden eigentlich noch keine Synagoge, denn ein schmuckloses Zimmer in dem ersten Stocke eines Privathauses mußte unserem gottesdienstlichen Bedürfnisse Genüge leisten. Jetzt haben wir nun eine Synagoge und zwar eine, die sich sehen lassen darf. Deswegen war auch die Freude an dem Gelingen des Werkes, zu dem ein jedes Mitglied unserer Gemeinde sein Scherflein beigetragen hat, allgemein sehr groß, deshalb bildet auch die Einweihungsfeier ein Denkstein in dem Leben eines jeden Einzelnen unserer Gemeinde. Eine große Anzahl Gäste aus der Umgegend von Egelsbach hatten sich zur Einweihungsfeier cingefunden- In der alten Synagoge fand um 1 Uhr ein Abschiedsgottesdienst statt, an den sich eine Predigt des Rabbiners Dr. Marx aus Darmstadt anschloß. Ein Zug, wie ihn Egelsbach noch nie gesehen hat, durch zog hierauf die Straßen. Voran die Schulkinder, hierauf die Damen, vier Thorarollen und hinterher die Herren, alles festlich gekleidet und geschmückt. Nach Ueberreichung des Schlüssels zog man in das neue Gebäude ein, während eine Darmstädter Kapelle spielte. Nachdem der Chor Ma towu und Boruch habboh in meisterhafter Weise gesungen hatte, betrat dann Herr Rabbiner Dr. Marx die Kanzel und hielt in kernigen Worten die Einweihungsrede. Er dankte dem Baukomitee, insbesondere dem Vorsitzenden desselben, Herrn. Hofmann und dem Architekten Eck für ihre Mühe und Sorgfalt, mit denen sie das Werk zu gutem Ende führten- Ferner sprach er den Gemeinden und dem Großherzog Ernst Ludwig, die das Unternehmen gefördert und unterstützt haben, seinen tiefgefühlten Dank aus. Nach Beendigung der Einweihungsrede wurde im Hotel „Zur Krone" ein Konzert gegeben, und Abends wieder ein solches bei Rinnenthal. Zlvei Festbälle im Hotel zum „Heß" und im Hotel zur „Krone" schlossen die Feier. Nicht unerwähnt wollen wir lassen, daß das Porauches mit schöner Goldstickerei und die Schulchandecke, welche die Firma A. Rothschild, Hebräische Buchhandlung und Kunststickerei in Frankfurt sür die neue Synagoge geliefert hat, durch ihre gediegene und künstlerische Ausführung allgemeinen Beifall fanden. Mannheim. Eine Zusammenstellung der hiesigen jüdischen Schüler an den höheren Schulen giebt folgendes Bild: Gymnasiuni . . 88 unter 537 Schülern Realgymnasium. 43 » 654 „ Oberrealschule . 83 » 670 Reformschule. . 23 „ 285 Mädchenschule . 201 »611 Berlin. Der Lokalanzeiger meldet: »Eine Hauptcigenschaft des neuen Papstes ist seine Mildtätigkeit, die ihn manchmal geradezu in Verlegenheit gebracht hat, so daß er zeitweise bei Juden, mit denen er stets auf freundschaftlichem Fuße lebte, Geld ausleihen mußte." Ohne uns Juden einen Fußtritt zu versetzen, scheint es bei gewissen Blättern garnicht zu gehen. Der latente Antisemitisinus, der selbst bei den sich „unparteiisch" nennenden Zeitungen immer und immer wieder zur Geltung komnit, sollte uns Juden zn denken geben und uns unserer nichts sehen wollenden Sorglosigkeit entheben.. Berlin. Die Tägliche Rundschau bringt die folgende merkwürdige Notiz: Ein Beispiel von Bescheidenheit lieferte ein Kantor Schloßberg, der einen gelben Reklamezettel mit folgendem Text auf den Straßen verteilen ließ: „Adieu! Auf allgemeines Frankfurter Israelitisches Familienblatr. Verlangen des hochverehrten jüdischen Publikum Berlins verbleibe ich, der weltberühmte Kantor Schloßberg, nur noch zu diesem Sonnabend in Berlin, und werde ich mir erlauben, am Sonnabend, Vormittags 8 Uhr, einen Gottesdienst in Dräsels Festsälen, Neue Friedrichstraße 35,. Ecke Rochstraße, mit ganz neuen Gesängen, worüber jeder staunen wird, abzuhalten. Wer sür Kunst und Talent interessiert ist, versäume nicht, diesen Gottesdienst zu besuchen." Köln. Wie wir bereits berichteten, feierte am 7. August der Direktor des hiesigen israelitischen Lehrerseminars, Rabbiner Dr. Plato, sein öOjähriges Doktorjnbiläum. Im Jahre 1822 in Halberstadt geboren, bezog er nach beendeten Gymnasialstudien die Universität Jena, an der er auch im Jahre 1853 promovierte. Drei Jahre später trat er als Lehrer in die noch junge Realschule der israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt a. M. und wirkte an dieser mit sichtbarem Erfolg. Einige Jahre später gründete er in Weinheim in Baden eine Knabenerziehungsanstalt, die er später nach Karlsruhe verlegte. Im Jahre 1867 wurde er an das neugegründete Lehrerseminar für Rheinland nach Düsseldorf berufen, 7as später nach Ehrenfeld und vor 25 Jahren nach Köln kam. Als Direktor dieser Anstalt schaute der verehrte Jubilar auf eine segensreiche Wirksamkeit zurück; viele Lehrer sind aus der Anwalt hervorgegangen. Wissenschaftliche Arbeiten neben humanitärem Schaffen werfen aus die zurückgelegte lange, arbeitsreiche Zeit ein freundliches Licht. Möge der würdige Greis noch viele Jahre die Früchte seines Schaffens schauen und sich ungetrübter Körper- und Gcistesfrische erfreuen. Breslau. Pater Mortara, ein ehemaliger Israelit, der sich gegenwärtig in Warmbrunn aufhält, schreibt der „Schles. Bolksztg." einiges über den neuen Papst, zu dem er in Venedig in Beziehungen gestanden und ihn erst vor vier Wochen gesprochen hat. Pater Mortara schreibt über Pius X.: „Anno 1897 hielt ich in Venedig in der St. Moses- Kirche eine hl. Mission während der Fastenzeit. Venedig zählt in seinem Schoße viele Israeliten, darunter auch Verwandte von mir. In dem aufrichtigen Wunsche, meinen lieben Stammesgenossen das Licht des Glaubens beizubringen, gab ich meinen Vorträgen eine ihnen angepaßte apologetische Wendung. Die Israeliten kanien auch tagtäglich, und Se. Eminenz äußerte mir oft seine Freude darüber und segnete auch meinen wohlgemeinten Proselytismus. Da aber die Moseskirche nicht geräumig genug war und viele von den Söhnen Abrahams mich doch hören wollten, so erteilte mir der Patriarch gern die Erlaubnis, in der berühmten, prachtvollen Malerbasilika zwei Borträge zu halten, welche Hochderselbe persönlich zu beehren geruhte. Damit mich dann meine Stammesbrüder auch lesen könnten, so veröffentlichte ich einen Auszug nieiner Predigten, welche ich an dieselben richtete. Se. Eminenz nahni die Widmung desselben Auszuges huldvoll entgegen. Es bot sich mir während meines längeren Aufenthaltes beim Patriarchen Gelegenheit genug, Hochdenselben des näheren kennen zu lernen. Vieles, gar vieles bewunderte ich an ihm, seine Gelehrsamkeit und außerordentliche Begabung, seine tiefe, höchst erbauliche Frömmigkeit, seinen aufgeklärten' asketischen Sinn; doch über alles sein schlichtes, anspruchsloses, würdiges, zugleich auch zärtliches und väterliches Benehmen." Dessau. Nach der jetzt vollzogenen Regulierung des von der Baronin Cohn-Oppenheim hinterlassencn Vermögens verbleiben für die Stadt Dessau als eine Hälfte etwas über 5 Millionen Mark, die zweite Hälfte erhält die hiesige israelitische Kultus g e m e i n d e. Bon der genannten Summe sind, der Saale-Ztg. zufolge, die Beträge sür Erbschaftssteuer rc. schon in Abzug gebracht. Der anhaltischen. Staatskasse sind allein an Erbschaftssteuer ca. 1400 000 JL zugeflossen. Iserlohn, 4. August. F r e v e l t a t. In der Nacht auf gestern sind übermütige Burschen sowohl in die Synagoge als auch in die evangelische Kirche eingedrungen, und zwar hat man in beiden Fällen ein Fenster eingeschlagen und ist durch dasselbe eingestiegen. Stehlen haben die Eindringlinge nichts wollen, denn sie haben nichts mitgenommen, obwohl in der Synagoge eine massiv silberne Hand hing, auch der Opferstock wurde nicht erbrochen; hier hat man die Gasheizöfen beschädigt,' sowie Schränkchen erbrochen und Bücher, Teppiche, Vorhänge üsw. zerrissen und durcheinander geworfen. Altona. Hundertjähriges Jubiläum. Der in Wandsbeck bestehende israelitische Cabronim- Berein (Beerdigungs-Brüderschaft) will sein 100jähriges Bestehen am 18. und 19. ds. durch Festandacht in der Synagoge und Einweihung einer vom Verein gestifteten neuen Thora-Rolle besonders festlich begehen. An der Feier nehmen auch Delegierte der israelitischen Gemeinden von Hamburg und Altona teil. Posen. Die Posener Zeitung meldet aus Jnowrazlaw: Das Kuratorium des hiesigen israelit. W o lf so huschen Waisen Hauses hat den Kultusbeamten Schüler aus Züllichau zum Waisenhausinspektor gewählt. Er wird seine Stelle im Dezember übernehmen. Man wundert sich darüber, daß, obgleich das Waisenhaus mit allem Komfort ausgestattet ist, dennoch sich kein Leiter lange halten kann. Denn seit seinem kurzen Bestehen bekommt es jetzt bereits den fünften Inspektor. Der jetzige Inspektor Alexander, Leite 3. der gewiß im wahren Sinne des Wortes ein treuherziger Vater der Waisen ist und die Liebe des ganzen Publikums besitzt, hat nach kaum halbjähriger Tätigkeit seine Stelle gekündigt. Liffa. Die Synagoge in der Kaiser Friedrichstraße soll umgebaut werden. Die Angelegenheit ist soweit gediehen, daß bereits ein bestimmtes Bauprojekt vorliegt, dessen Ausführung voraussichtlich noch im Herbste in Angriff genommen wird. Der Fußboden wird mit Linoleumbelag versehen. Die nach der Straße zu gelegenen Fenster werden eine bunte Verglasung erhalten. Die Empore werden erneuert und die Sitzplätze bequemer eingerichtet. Auch soll der Tempel Zentralheizung erhalten. Die Kosten des Umbaues sind auf 60000 Mk. veranschlagt. Tarnowitz, 30. Juli. Herr Dr. Emmrich, Direktor der Religionsschule in Beuthen ist als Nachfolger des nach Hamburg berufenen Herrn Dr. Loewenthal einstimmig zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde gewählt worden und wird sein Amt bereits zu den hohen Feiertagen antreten. Diese Wahl ist um so ehrenvoller, da sie ohne vorhergegangene Probepredigt erfolgte. Herr Dr. Emmrich hat seine Ausbildung an dem Rabbiner-Seminar zu Berlin erhalten. Oesterreich. Wien. In K r a k a u wurde am 9. Aug. in der alten Synagoge eine große internationale Rabbinerversammlung abgehalten, worin bei geösfneter Thoralade alle anwesenden Rabbiner den Schwur leistete», daß in keinem Buche der jüdischen Gesetzgebung und Religionslehre auch nur die mindeste Andeutung des Blutrituals enthalten sei, daß dasselbe auch von keiner Seite oder einzelnen Person je geübt wurde. Wien. Der neue israelitische Tempel im 8. Bezirk. In wenigen Tagen geht der neuerbaute Tempel in der Nendeggergasse, ein Prachtbau des Architekten Max Fleischer, seiner Vollendung entgegen. Die Einweihung dieses neuerbauten Tempels findet in der ersten Hälfte des kommenden Monats statt. Baden. (Einbruch in einer Synagoge.) Gestern wurde im israelitischen Tempel in Baden ein Einbruch verübt. Als der Tempel am Morgen behufs Abhaltung des Morgengottesdienstes geöqnet wurde, fanden die Eintretenden die Tür zwar unversehrt, doch die Bundeslade war angelweit offen und die darin befindlichen mit Sammtumhüllungen und Silbergcräten geschmückten Thorarollen durcheinandergeworfen. Die Diebe hatten die Silbergeräte, welche leicht zu ihrer Entlarvung führen konnten, zurückgelassen und sich damit begnügt, dieselben zu deformieren. Die Beute der Einbrecher bestand in einigen silbernen Ketten. Sie hatten auch den Versuch gemacht, die in der Vorhalle des Tempels eingemauerten Spendenkasten, die gerade jetzt reichhaltig sind, zu zerbrechen, doch widerstanden die guten Schläger den Angriffen der Einbrecher. England. London. Die Kommission sür Fremdeneinwanderung empfiehlt, daß die Einwanderung gewisser Klassen von Fremden unter staatliche lleberwachung gestellt werde. Ein Einwanderungsamt soll errichtet werden, um den Zutritt von Personen schlechten Charakters, die dem Staate lästig werden könnten, sowie von solchen, die an ekelerregenden, ansteckenden Krankheiten leiden, zu verhindern. Die Kommission stellt fest, daß die letzte Zunahme der Einwanderung hauptsächlich dem Znsluß russischer und polnischer Juden zuzuschreiben sei und empfiehlt besonders die Ueberwachung der aus dem östlichen Europa kommenden Einwanderer. Die Schifsseigentümer sollen gehalten sein, die Einwanderer gegebenenfalls nach dem Einschisfungshafcn zurückzubringen. Alle Einwanderer sollen, wenn sie irgend eines Vergehens schuldig erkannt sind, eingeschrieben werden. Der Richter soll befugt sein, den Einwanderer zum Verlassen des Landes anzuhalten, wenn dieser nicht gehorcht, soll er als Landstreicher bestraft werden. Rußland. Ekaterinoslaw. Eines Sonnabends versammelte sich auf dem Prospekte von Ekaterinoslaw um 9% Uhr morgens eine große Menschenmenge, deren größter Teil aus jüdischen Handelsgehilfen bestand, und wandte sich an die Besitzer der am Prospekte gelegenen jüdischen Magazine mit der Bitte, ihre Geschäfte zu schließm, damit die jüdischen Handelsgehülfen ihre Sabbatruhe hätten. Einige der Magazinsinhaber kamen dieser Bitte sofort nach und schloffen ihre Geschäfte. Andere aber, darunter ein gewiyer Ratschewski, weigerten sich entschieden, dieser Bitte nachzukommen. Da versuchte die Volksmenge diese Geschäfte mit Gewalt zu schließen, wobei in die Fenster der Handlung von Ratschewski Steine Hineinslogen und diese zertrümmerten. Die bald erschienene Polizei zerstreute die Menge, so daß bald wieder Ruhe und Ordnung eingetreten war. Die Folge des Tumults aber wm, daß sogar die Gegner der Sabbatruhe ihre Geschäfte schlossen. Petersburg. Das im Reichsgesetzblatte publizierte Gesetz über die neue Gemeinde-Ordnung von Petersburg enthält folgende Bestimmung: »Juden werden zur Wahl nicht zugelassen, ebenso dürfen sie keine Verwendung als Beamte der Gemeindeverwaltung finden."

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