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Neue jüdische Presse · 1903-08-14 · Heft 41 (14.8.1903) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 41 (14.8.1903)
Date
1903-08-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches FamilienLlatt. Nr. 41. Die „Welt", das offizielle Organ der zionistischen Partei, brachte in ihrer letzten Nninmer über den Misrachi einen Aussatz, dem wir die folgenden Stellen entnehmen: Auf dem Minsker Parteitage ist eine der schwierigsten Fragen unserer Organisation befriedigend gelöst worden. Die Kultnrfrage, die in jeder zionistischen Versammlung, noch mehr aber aus allen Kongressen, eine fast unüberbrückbare Spaltung in unserem Lager zu bilden schien, wurde dadurch gelöst, das; zwei Konunissionen für Kulturarbeit eingesetzt wurden, deren jede nach ihrer religiösen Richtung die Arbeit der Volkserziehung zu besorgen hat- Das war der einzig richtige und auch mögliche Weg zur Verständigung und zur Betonung des selbstverständlichen Gedankens, daß die zionistische Organisation alle Juden ohne Unterschied ihrer religiösen Anschauung vereinigen müsse, ohne aber eine Richtung vor der anderen zu begünstigen. . Zm Zionismus, der ja nichts anderes anstrebt, als die Zerfahrenheit unseres schwergeprüften Volkes zu beheben, sollen und müssen alle gleich sein. In Fragen der Erziehung soll jeder Richtung die Freiheit gelassen werden, nach ihrer Ueberzeugung zu arbeiten, soweit diese Arbeit nicht gegen die allgemeine nationale Idee verstößt, die dem Zionismus zugrunde liegt. Die Frommen haben durch diese Lösung einen Sieg errungen, der aber sür ihre bisherigen Gegner sicherlich keine Niederlage bedeutet. Denn ihr sogenannter Kulturkampf war nicht das, wosür er lange aus Mißverständnis gehalten wurde; es war kein Kanipf gegen die Kultur, sondern ein Kainpf um eine Richtung in der Kultur, die das traditionelle Leben in religiösem Sinne mehr geschützt wissen wollte, als es ihr die Nichtfrommen verbürgen zu können schienen. Die Frommen in unserer Organisation hatten fast unüberwindliche Schwierigkeiten zu beseitigen; sie hatten nicht allein gegen Unwissenheit und Unkenntnis zu kämpfen, sondern auch gegen grobe und genieine Verleumdungen und Entstellungen, durch die ihr Ideal bei den Volksmassen in Mißkredit gebracht werden sollte. Ihr Recht auf getrennte Arbeit in erziehlichen Dingen hat ihnen gute Dienste geleistet; sic konnten die Verleumder Lügen strafen, sie waren in der Lage, ihre gleichgesinnten Brüder über den Irrtum aufzuklären, in den diese von den Gegnern des Zionismus hineingeführt wurden. Seit der Minsker Versammlung sind hie orthodoxen Zionisten stärker und in musterhafter Disziplin organisiert; ihre Vereine, die streng auf dem Boden des Baseler Programms stehen, vermehren sich in sehr erfreulicher Weise. .Misrachi", - dies der Name der orthodox-zionistischen Partei, hat bereits sein eigenes Organ, eine hebräische Monatsschrift. Der 'Zweck dieser Zeitschrift ist, nach den einleitenden Auseinandersetzungen eines Artikels des Führers des Misrachi, Rabbiner I. Reines in Lida, „nicht zu kämpfen, sondern über das Wesen, die Ziele und die wahren Bestrebungen des Zionismus aufzuklären und die falschen Anschuldigungen, die gegen ihn erhoben werden, zu widerlegen". „Es sollen sich" — fährt Herr Reines fort — „unsere frommen Brüder überzeugen, welchen Nutzen der Zionismus unserer Religion bringen kann, unserem Volke und Land. Sie sollen erfahren, daß der Zionismus allein imstande ist, unsere Lehre zu heben, unsere Jugend dem Judentum zurückzugeben, daß er allein imstande ist, die Einheit Israels herzustellen und es zu einem geeinigten Volke zu machen. Nur d!er Zionismus kann die Kräfte des Volkes zu gemeinsamer Arbeit wecken, zum tzkutzen und Frommen unseres Volkes und Landes; er allein kann uns aus der furchtbaren geistigen und ökonomischen Nollage befreien. . ." Zum Wochenabschnitt Ekew. Die 3 Wochen nationaler Trauer sind mit dem Tischo b'Aw zu Ende, - die 7 Trosteswochen beginnen. Vorher giebt uns das Prophetenwort in der Haphtorah von Tischo b'Aw eine Mahnung mit aus den Weg, die — uns auf den Ernst des Ellulmonats vorbereitend — sehr der Beherzigung wert ist: „Der Soinmer ist zu Ende, die Ernte vollendet, die Natur hat ihren Tribut geleistet, aber uns ist noch nicht geholfen." Welche Hilfe ist es, die das Prophetenwort mit diesen sonderbaren Worten, als noch nicht erreicht, hinstellt? Ist cs die Erneuerung unseres nationalen Heiligtums, dessen Verlust wir am Tischo b'Aw betrauern, für die wir. Gottes Hilfe tagtäglich erbitten, oder ist cs die Vorbereitung unseres eigenen „Jch's", durch die wir uns der baldigen Herbeiführung des verheißenen Zieles Ivürdig zeigen sollen? Ich glaube, daß es richtiger ist, das Letztere anzunehmen, well wir alsdann doch unmittelbar zu dem Ziele gelangen werden, das uns als echten, wahrhaften Juden stets und ständig vorschwebeu muß. Die Art und Weise, wie wir diese» Weg der ernsten Einkehr in uns selbst betreten können, ist uns nun in dem Wochenabschnitte Ekew angedeutet durch die Worte: „Er ließ dich darben, ließ dich hungern und speiste dich dann mit dem Manna, das du nicht gekannt und deine Väter nicht gekannt, um dich ersehen zu lassen, daß nickst aus dem Brote allein der Atensch das Leben zu fristen vermöge, öndern ans allem, was dem. Munde Gottes cnttainmt, leben könne der Mensch." Es ist dies ein Satz, der eine Mahnung enthält, wie sie gar nicht rreffender für unsere Zeit, wo das Jagen nach dem Geld, nach dem Brote, in der rücksichtslosesten Weise, an der Tagesordnung ist, in einer Zeit, wo eben dieses Jagen nach irdischen Gütern, alle ideale Güter verdrängt, wo vergessen und übersehen wird, daß alles Jagen nach Geld und Gut nichts nützt, wenn Gottes Hilfe und Beistand dieses Jagen nicht unterstützt, gefunden werden könnte. Wir lebe» heute in einer Zeit (ich sage damit nur eine bekannte Tatsache, die aber nicht oft genug betont werden kann), wo der Mensch glaubt, er sei nur auf der Welt, um materiellen Gütern nachzujagen, die ihm wiederum dazu dienen, seinen Gelüsten zu stöhnen, von einem Vergnügen zum andern zu rennen, und ihn in den Stand setzen, vor der Welt zu glänzen. Wie wenig der Mensch ist, eine Blume die blüht und verwelkt, wie rasch und jäh sein Leben abgeschnitten sein kann, das bedenkt er nicht, so oft er auch das Beispiel vor Augen hat, er hat ja auch keine Zeit, daran zu denken. Da ist es nun das Gottes Wort, das uns mahnend ins Gedächtnis ruft: Genug des eitlen Strebens, denkt nun auch daran, sür den göttlichen Teil in euch ebenso zu sorgen, wie ihr es für euren Körper tut; wisset, nahe ist der Tag, an dein Gott zu Gericht über euch sitzt, und nicht nach dem Hab und Gut, nach dem materiellen Soll und Haben den Menschen richtet, sondern nach dem Saldo, den ein Mensch an guten, edlen Handlungen zu seinen Gunsten oder Ungunsten zu verzeichnen hat. Die Boten des Gerichts, die Schosartöne, mahnen dich noch rechtzeitig zur Mckkehr; freue dich, daß du noch. Zeit hast zur Mickkehr und nehme sie wahr! Nicht in dem Trieb und in der wilden Jagd nach Irdischem suche dein Glück, nicht gegen dein besseres „Ich" jage eitlem Flitter nach; gewiß hast du schon an dir selbst oder doch sicher an Andern erfahren, wie wenig irdisches Gut wert ist, im Vergleich zu der Beruhigung; die einem das Bewußtsein gewährt, stets das Gute getan zu haben und damit in Gottes Wegen gewandelt zu sein. Nicht der Körper allein muß und will befriedigt werden, sondern auch der Geist, die Seele des Menschen; nur in der Befriedigung der Seele, dem Ausgangspunkt alles menschlichen Denkens und Fühlens, kann und darf auch die Befriedigung des Körpers liegen. Dabei bedenke aber, der Organismus der Seele ist wesentlich verschieden von dem deines Körpers und das was dem Letzteren begehrenswert erscheint, ist oftmals der ersteren äußerst schädlich. Körperliche wie geistige Nahrung müssen Gott wohlgefällig sein und sind sie das, so wird der Körper wie die Seele gesunden. Das Aussteigen unedler Begierden kennzeichnet dich als Mensch, als Sklaven deines Körpers, während das Niederkämpfen derselben deine göttliche Bestiminung in dir ist und dich zum Herrn deines Körpers macht. Nicht durch Macht und nicht durch Kraft kannst du einmal geschehenes Unrecht rückgängig machen, darum hüte dich es zu tun, indcnl du deinen Körper beherrschest. Kurz ist das menschliche Leben und rasch kannst du vor dem allmächtigen Richter zu stehen haben. Darum laß dir seine Worte eingeschärft sein, auf daß du dir sagen kannst, auch du hast deinen Tribut zu deiner Vollendung nach bestem Können und Wollen geleistet. Stets führe dir vor Augen: Nicht allein durch Brot, durch Befriedigung deines Körpers, sondern durch das Wort Gottes, der geistigen Nahrung der Seele, kann diese und mit ihr dein Körper und du selbst gesunden. Jos. Sänger. Jüdische Reisevriese. i. München Aw 5663. Wenn einer eine Reise tut. Reisen „tue" ich sehr viel, mehr als mir lieb ist, ob ich aber was erzählen kann, das müssen Sie, verehrtes Fräulein, entscheiden. Sie haben mich gebeten, Ihnen über die jüdischen Verhältnisse zu berichten, ich selbst wasche meine Hände in Unschuld. Momentan steilich könnte ich's auch in Regenwasser, denn nur dem niederströmenden Regen haben Sie's zu danken, wenn ich mich jetzt anschicke. Ihnen den ersten Brief zu schreiben. Wie Sie andeuteten, haben Sie die heimtückische Absicht, was sich von diesen Briefen dazu eignet, dem .Frankfurter israel. Familienblatt" zu geben. Das soll Ihnen aber nicht gelingen, ich werde Ihnen Wahrbetten schreiben, die kein jüdischer Zeitungsleser der Jetztzeit zu erttagen vermag, ich werde nicht über verwitterte Grabsteine und Pracht-Mausoleen — Pardon — Synagogen schreiben, sondern über das lebende Judentum, über die verschiedenen Stadien und Grade seiner Lebenskraft, über die Aeußerungen seines Lebens, über die Schulen, die Lehrer, die Chasonim und über die nicht daseienden Lehrhäuser und ja daseienden Rabbiner. Ich hoffe, mit dieser Einleitung schon alle Leser genügend abgeschreckt zu haben, es wird jetzt von selbst niemand mehr weiter lesen, und jetzt kann ich es Ihnen offen bekennen, daß im Grunde genommen, richtige „Reisebriefe" etwas sehr nötiges sind. Allährlich finden sich zwar in den Spalten der jüdischen Zeitungen Reisebriefe, gewöhnlich von dem Mekka der Sommerreisenden, von der Schweiz aus, oder von irgend einem der fashionablen Badeplätze am Meerestrande. Es wechselt da gewöhnlich die Schilderung >er Natur mit irgend einem spezifisch jüdischen Intermezzo — z. B. das rituelle Schächten eines Huhnes auf dem Gipfel des Matterhvrns — De gustibus . . . aber mein Geschmack ist's nicht. Sie, verehrtes Fräulein, die Sie sich unähnlich den Töchtern Israels in Ihren Kreisen (ich bin überzeugt, Sie veröffentlichen das nicht) ja sür Juden interessieren, sehen aus den angeführten Reisebriefen weiter nichts als, daß der Herr Reisebriefschreiber auch auf dem Matterhorn-Gipfel koscher lebt. Wie aber das Judentum dort aussteht und wie's aussieht auch zu einer anderen Zeit als in den Hundstagen, das erfährt man gewöhnlich nicht und erfährt's um so weniger als es der Berichterstatter selbst nicht weiß, denn so wie es in den Kurplätzen ein besonderes Saisonkonzert und Saisontheater giebt, so scheinen sich viele Gemeinden während der Sommerftische ein besonderes Saisonjudentum zuzulegen. Und wie die Kurmusik nach dem vorherrschenden Geschmack der Fremden spielt, so ist auch das jeweilige Kur-Judentum nach der Mehrheit der Kurftemden zugestutzt. Solls doch in einigen Gemeinden Reserve-Orgeln und hafdil Reserve-Lehrhäuser geben, je nach Bedürfnis, wie die Rabbezin von Keltersbach am Sabbat in die Synagoge, aber am Sonntag in die Kirche gegangen sein sollman könne doch nicht wissen, wer Recht habe — —. Wie soll unter diesen Umständen so ein armer Berichterstatter wissen, wie es im übrigen Teil des Jahres zugeht. Es giebt dann noch eine zweite Art Berichte von irgend einem Einzelnen, mitten im Jahr über die Verhältnisse in seiner Gemeinde. Aber erstens fällt es dem im Getriebe der Parteien Stehenden viel schwerer sine ira et studio eine Sache zu beutteilen, als dem objekiven Blicke des ftemden Reisenden. (Die besten Beobachter sind die herumziehenden armen Leute, denn vor diesen hat man am wenigsten Rücksichten zu nehmen, und zeigt sich am offensten). Und dann fehlt es an einer — sozusagen — vergleichenden Judentums- Wissenschaft, die niindestens ebenso viel Berechtigung hat als die vergleichende Sprachwissenschaft. Wieviel Judentümer giebt's nicht: Norddeutsches, süddeutsches, nattonales, konservatives, liberales, historisches, undurchdringlich schwarzes und durchsichtig weißes Judentum. Fast schäme ich mich, so eine bitter ttaurige Wahrheit so leichthin zu konstatieren. Es ist doch so wahr, was man Rabbiner Hirsch s. A. nachsagt: Als unser Lehrer Moses die ersten Gesetzestafeln zu Boden geschleudett hatte, da stürzte ganz Israel sich auf die Scherben hin. Der eine nahm nur die spezifisch jüdischen, der andere die rein menschlichen Geböte, und der dritte von beiden eine halbe Scherbe, so daß nur Halbes und Unfettiges rauskam, und damals entstand das Scherben-Judentum. Wenn der erste Schritt zur Heilung die Diagnose ist, so soll wenigstens diese in meinen Reisebriefen zu geben versucht werden. Mit Gottes Hilfe wird's auch bei uns wieder heller, so wie jetzt die Sonne siegreich die Regenwolken durchbrochen und mein Schreiben unterbrochen hat. Leben Sie Wohl! Ihr . — a — Aus aller Welt. Deutschland. O Aus Starkenburg. Es dürfte gewiß von Interesse sein, zu erfahren, daß vor 60 Jahren in deni benachbarten Offenbach sich ein jüdischer Gesang- Verein befand, der sich den schönen Namen „Orpheus" beigelegt hatte und der auf dem Gebiete des Gesanges recht schöne Resuttate erzielte. Wir lesen nämlich in der damaligen „Didaskalia", welche heute noch, nach dem Eingang des „Journal", als Beiblatt des „Jntelligenzblatt" besteht, folgende Notiz: „Offenbach, 6. Dez. 1843. Jüngsten Samstag gab der israelitische Sängerverein „Orpheus", der erst seit einigen Monden besteht, eine öffentliche Produktton. Wir würden dies nicht berichten, wenn wir es nicht als einen Beweis mehr von dem Fottschreiten der Israeliten ansehen. Denn, daß dieser Verein von israelitischen Jünglingen ins Leben gerufen wurde, zeigt, daß ihre Brust von der Liebe zum Schönen und Guten beseelt ist, zeigt, daß der Jude sich immer mehr der Zeit anzuschmiegen und ihren Anforderungen zu genügen sucht, zeigt endlich, daß der Jude wenigstens sich selbst emanzipiert, wenn ihm die Emanzipation von Staate versagt wird." Diese Nottz ging denn auch bald in das von Herrn Dr. Saalschütz-Königsberg und Herrn Dr.Sommerfeld-Elbing redigiette „Sabbath-Blatt" über und rief einen allgemeinen Anklang hervor. O Aus dem Amte Langen, 11. August. Einem braven und rechtschaffenen Jehudi in Eppertshausen, Herrn L. Rothschild, ist dieser Tage ein trauriger Bor-

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