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Neue jüdische Presse · 1903-08-14 · Heft 41 (14.8.1903) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 41 (14.8.1903)
Date
1903-08-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ZjraMschts JaniilintMatt A Abonnementspreis Mk. 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen 90 Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) 'NostzeiLungskiste 2741. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband Mk. 1.50 vierteljährlich (Ausland Mk. 2.—). B Redaktion und Haupt ^Erpedilion FrslnkfrrrL «. M. Vergerstrsße 23, parterre. -- Herausgeder: Saly Geis. Jnfertionspreis für die viergespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklame-Zeile Mk. 1.—, im kleinen Anzeiger (Familien-Rachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, Mk. 5.— biL 8.— das Tausend. Bk m. 41. Freitag, den 21. Aw 5663 <14. August 1963). Ru. 41. Krankheiten und Sterblichkeit bei den Inden. Schon Tacitus weist darauf hin, daß die Juden im allgemeinen eine viel größere Lebenszähigkeit haben, als die Völker, unter denen sie wohnen, und nach ihm haben zahlreiche Autoren der historischen, ethnologischen, medizinischen Literatur kürzere oder längere Betrachtungen dem Gegenstände gewidmet. Während zahlreiche Nationen bis auf den Namen untergegangen sind, hat das jüdische Volk dem Wechsel der Zeiten und allen Verfolgungen trotzend, sich mehr oder weniger unverändert in ursprünglicher Gestaltung und Lebenskraft erhalten. giebt für diese Verhältnisse kaum ein Analogon in der Geschichte der Völker". Erst die großen staatlichen Statistiken, die das 19. Jahrhundert uns gebracht hat, haben eine exakt wissenschaftliche Beleuchtung des interessanten Rassenphänomens ermöglicht. Dr. H. Hoppe, der sich durch wissenschaftliche Betätigung auf nerven- und irrenärztlichem Gebiet einen Namen gemacht hat, bringt unter obigem Titel*) in fesselnder, populärer Darstellung eine Uebersicht über die einschlägigen Daten, die wir hier kurz skizzieren wollen. Die Statistik aller Länder (es liegen Angaben aus Deutschland, Oesterreich, Ungarn, Holland, Belgien, Italien, Dänemark, Algier, Vereinigten Staaten vor) ergiebt übereinstimmend, daß die Sterblichkeit der Juden wesentlich geringer ist als bei den Nichtjuden. Alle Jahrgänge der preußischen Statistik erweisen es, von 1822 ab; zuletzt (1897) starben durchschnittlich auf je 1000 Personen bei den preußischen Nichtjuden 21,84, bei den Juden 14,73; diese Mortalitätsziffer ist so gering, „daß sie von keinem Staat der Welt erreicht wird und als Ideal der Hygiene angestrebt werden könnte". Die sehr sorgfältige amerikanische Statistik ergiebt auch für die New-Uorker Juden eine Todesrate von 14,85 für das Tausend, während sie bei den dort lebenden Deutschen 22,3, Engländern 25,6, Iren 32,5, Italienern 35,2, Böhmen 43,5 betrug; dabei muß man bedenken, daß die 600000 Juden New-Porks zu 9/10 in Armut und Elend leben, die erbärmlichsten und ungesundesten Quartiere bewohnen. Wie außerordentlich ist also die Widerstandsfähigkeit der Juden, wenn selbst die materielle Not ihre Sterbeziffer kaum beeinflußt! Speziell die Kindersterblichkeit ist bei den Juden ungemein gering, fast überall nur 30—50 Proz. der allgemeinen Kindersterblichkeit. Zweifellos liegt das an der liebevollen Sorgfalt, mit der die Kinder selbst in den ärmsten Judenfamilien gepflegt und gehütet werden. Auch die Zahl der Totgeburten ist bei den Juden erheblich geringer als bei Nichtjuden. Den günstigen Sterbeverhältnissen der Juden entspricht ihre längere Lebensdauer. Die durchschnittliche Lebensdauer in Frankfurt a. M. betrug bei Juden 48, bei Christen 36 Jahre; das 60. Lebensjahr erreichten 25 Prozent der christlichen, 44 Prozent der jüdischen Bevölkerung. In Berlin erreichten das 70. Lebensjahr fast doppelt so diel jüdische wie christliche Männer: 2,3 zu 1,2 Prozent. Ein amerikanischer Statistiker berechnet, daß von den Juden die Hälfte nicht vor dem 71. Jahre, von den Christen die Hälfte vor dem 47. Lebensjahre sterben. In stetigem Sinken befindet sich die Zahl der Heiraten und darüber hinaus noch die Zahl der Geburten bei den Juden. Letztere war, trotz des Märchens von der jüdischen Fruchtbarkeit immer unter dem Durchschnitt, hat aber in den letzten Dezennien dermaßen weiter abgenommen, daß nur die äußerst günstigen Sterblichkeitsverhältnisse noch einen mäßigen Geburtenüberschuß, also eine langsame absolute Bevöllerungsvermehrung in die Erscheinung treten läßt. Der relative Bevöllerungsanteil hat sich jedoch unter diesen Umständen stetig vermindert: auf'10 000 Ein- *) Verlag von S. Calvary u. Co., Berlin 1903. wohner entfielen in Preußen 138 Juden im Jahre 1851, 114 im Jahre 1900. Es ist selbstverständlich, daß der geringeren Sterblichkeit und der größeren Lebenszähigkeit auch eine geringere Neigung zu Erkrankungen entsprechen muß. Das zeigt sich vornehmlich gegenüber den Infektionskrankheiten; fast alle Typhus-, Malaria-, Cholera-, Pocken-, Pest-Epidemien haben eine auffallend geringe Morbidität der Juden beobachten lassen. Diese Tatsache gab, als 1348 der „schwarze Tod" ganz Europa verheerte, den Vorwand zu der wahnwitzigen Beschuldigung der Brunnenvergistung und zu entsprechenden Judenverfolgungen. Selbst unter der Tuberkulose haben die Juden weit weniger zu leiden, als die Nichtjuden. In New-Pork starben infolge Schwindsucht auf je 100000 Seelen bei den Juden 98, bei den Amerikanern 205, Italienern 233, Engländern 322, Deutschen 328, Schotten 384, Böhmen 499, Iren 645, Negern 744. Selbst in den 3 dichtbevölkertsten Bezirken, wo fast ausschließlich die ärmsten Juden wohnen, -überstieg die Tuberkulosesterblichkeit nicht 150 :100 000. Eine andere verheerende Volksseuche, die Syphilis, spielt ebenfalls bei den Juden, nach dem Urteil aller Beobachter, eine erheblich geringere Rolle. Die ärgste Volkskrankheit fast, der Alkoholismus, ist unter Juden beinahe unbekannt. Man bedenke, daß in Preußen allein jährlich über 2000 Menschen an den direkten Folgen der Trunksucht zu Grunde gehen, daß in der Schweiz jährlich jeder 9. Mann an den unmittelbaren oder mittelbaren Folgen des Alkoholmißbrauchs stirbt, dqtz 1899 in die Kranken- und Irrenanstalten Preußens 21000 offenkundige Alkoholiker ausgenommen wurden — und man wird beurteilen können, wie tief dieser Faktor in die Morbiditäts- und Mortalitätsverhältnisse einer ganzen Bevölkerung eingreift. In dem großen Heere der Trinker, das unsere Kranken- und Armenhäuser, Irren- und Trinker-, Korrektions- und Strafanstalten bevölkert, trifft man nur selten auf einen Juden. In New-Iork starben 1885 bis 1890 auf 100000 Seelen an Alkoholismus bei den Iren 31, Deutschen 10, Amerikanern 9, Negern 6, Italienern 3, Juden 1! Doch das glänzende Bild der Krankheitsverhältnisse bei den Juden zeigt auch tiefe Schatten. Nicht spurlos sind, selbst bei diesem zähen und widerstandskrästigen Stamm, die jahrhundertelangen Bedrückungen und Verfolgungen, die ewige Unsicherheit der Geschicke, die noch heute fortdauernden Anfeindungen und Zurücksetzungen, der Ausschluß von den gesündesten und ruhigsten Berufsarten, die Beschränkung auf die intellektuell und physisch angreifendsten Berufe vorübergegangen. Kein Wunder, daß die Juden erheblich mehr von Nervenkrankheiten heimgesucht sind, als die Mchtjuden. Die ungeheure Verbreitung von Neurasthenie und Hysterie unter ihnen kann statistisch nicht belegt werden, wird aber von allen Nervenärzten bezeugt. Die Zählung der Geisteskranken in Preußen ergab 1895, daß auf 100000 Seelen bei den Juden 498, bei Mchtjuden 255 Geisteskranke entfielen. In fast allen anderen Ländern liegen die Verhältnisse ähnlich. Auch die angeborene Idiotie ist bei Juden weit häufiger als sonst, wie statistische Daten verschiedener deutscher Bundesstaaten und Frankreichs ergeben. Ganz merkwürdig ist, daß eine sehr seltene und schwere Form der Idiotie, die mit Erblindung kombiniert ist und familienweise auftritt, bisher fast ausschließlich bei Judenkindern beobachtet ist (von 70 Fällen 69!). Selten silft» bei den Juden die Epilepsie und die organischen Nervenkrankheiteil (Rückenmarkschwindsucht, Gehirnerweichung), unbekannt die alkoholischen Nerven- und Geistesstörungen. Ueberhaupt sind es vorzugsweise die funktionellen Nervenkrankheiten und die degenerativen Formen der physischen Leiden, zu denen die Juden ein so überwiegendes Kontingent stellen. Zu den Entartungszeichen gehört schließlich noch die Häufigkeit der Farbenblindheft, der angeborenen Blindheit und Taubstummheit bei den Juden, worüber ausreichende statistische Daten vorliegen. _ Die Zahlen bezüglich der jüdischen Geisteskranken ind wahrhaft erschreckend, denn fast doppelt so hoch ist die relative Ziffer der Geisteskranken bei den deutschen Juden, als bei den Nichtjuden. Auch in anderen Ländern ist das Verhältnis dasselbe. Kann es ein drastischeres Bild von der traurigen, ozialeu Lage und von dem schweren Lebenskämpfe rer Juden geben? Die uns übel wollen, sprechen o gern von dem jüdischen Reichtume; — ach, wüßten sie nur, unter welchen Schwierigkeiten sich im allgemeinen der Jude sein Stückchen Brot erringen muß. Für uns aber ist die Frage, was können wir unter den obwaltenden Verhältnissen tun, um Legen die Nervosität und ihre Folgen, die so verheerend unter uns wirken, vorzugehen. Da müssen wir uns nun an die jüdischen Eltern wenden und ihnen zurufen, betätigt an euren Kindern weniger Affenliebe und wollet nicht zu hoch mit ihnen hinaus. Verzärtelt sie nicht und strenget nicht bereits vor der Schulzeit, um mit ihnen zu glänzen, ihr Gehirn an. Auch schicket euere Kinder, wenn sie schwächlich sind, in keine höheren Schulen. Ganz besonders aber stemmet euch mit aller Wucht gegen die bei der jüdischen Bevölkerung der Großstadt so beliebten Kindereinladungen und Kinderbälle, denn solches Flitterwerk ist für den zarten Kinderkörper Gift.' Habt ihr schwächliche Kinder, dann gehet zu einem tüchtigen Nervenärzte, lasset sie untersuchen und lasset euch Verhaltungsmaßregeln, die ihr genau befolgt, geben, denn nur so läßt sich gegen die „jüdische" Nervosität wirksam Vorgehen. Der „Misrachi". Werden die Zionisten die erste praktische Tat vollführen? so schwirrt anläßlich ihres demnächst beginnenden sechsten Kongresses ein allgemeines Fragen durch die Luft. Freilich, wer mit Aufmerksamkeit und objekivem Wohlwollen den Werdegang von dem ersten bis zu dem sechsten Kongreß verfolgt hat, weiß, daß eine praktische Tat nach der andern vollbracht worden ist. Oder war die mustergiltige Durchführung der Parteiorganisation, die Erringung der Anerkennung und Achtung vor dem Forum der Oesfentlichkeit, die Gründung der Kolonialbank, die Schaffung des Nationalfonds, waren dies alles keine praktische Taten, die als Urheber und Bollführer selbstlose, energische Persönlichkeiten und weise Staatsmänner erforderten? Wahrlich, selbst der Gegner muß anerkennen, daß die zionistischen Führer, die unbeirrt von 'dem Drängen der Freunde und uneingeschüchtert von dem argwöhnisch kritisierenden Hohn der Feinde, gemächlich einen Baustein auf den anderen gesetzt haben, weitsichttge, markante Persönlichkeiten sind! Wenn auch der Erwerb eines großen Grundbesitzes im Lande der Väter für die zionistische Partei eine Frage von weittragendster Bedeutung ist, so stellt er also doch nicht die erste praktische Tat dar. Eine weitere wichtige Bildung in der Kette seiner Entwicklung hat der Zionismus durch die Spaltung innerhalb seiner russischen Anhänger — und in Rußland liegt seine Kraft — erlebt; auch hier ist ein Moment, dem die Neugier der Welt mit Spannung entgegensieht. Der Terrorismus religionsloser, unüberlegt hitzköpfiger, jugendlicher Elemente hat die Gesetzestreuen Rußlands gezwungen, sich zur Wahrung ihrer religiösen Interessen zu vereinigen. Mit dieser neuen Parteigruppe, die sich Misrachi nennt, wollen wir heute unsere Leser bekannt machen, denn ihre nähere Bekanntschaft wird notwendig sein, um manchen etwaigen Vorgängen der Kongreßverhandlungen mit Verständnis folgen zu können. Abonniert das Frankfurter Israelitische Familienblatt l

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