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Neue jüdische Presse · 1903-08-07 · Heft 40 (7.8.1903) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 40 (7.8.1903)
Date
1903-08-07
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 40. Seite 5. Judenstädtchens gedrungen und bot auch den Gedanken Nochums eine kleine Ablenkung. Man witterte schon lange so etwas; es lag sozusagen geradezu in der Lust. Der alte Mansche, der noch den Krieg unter dem ersten Franzeis Napoleon I.J mitgemacht und in solchen Dingen Bescheid weiß, hatte im Traume Blut gesehen, ganz der gleiche Traum, wie er er ihn damals vor jenen 80 Jahren, als er nachts ans Furcht vor den einziehenden Franzosen im Keller geschlafen, gesehen. . . . Der als Astronomiker weit und breit bekannte „Josse der Lu ach" hat am mondlosen Himmel deutlich den Schweifstern erblickt und so was trügt nie. . . . Man sprach schon lange davon. Nun war er da, der Krieg mit all seinen Grauen und blutigen Schrecken. „Wo ist Krieg?" — fragte man sich schaudernd und die Mütter und Väter, die ihre Söhne in fernen Garnisonstädten beim Militär hatten, Hingen zerknirscht daher und fragten sich mit bebender, leiser Stimme, als ob sie es nicht wagen dürften, das grausige Wort aus dem Munde zu bringen: „Wo ist der Krieg?" Weit, weit im Osten — hörte man als Anttvort — aber ein Weltkrieg! Alle haben sie sich zusammengetan, die ° Engländer und die Franzosen, die Italiener und der Ocsterreicher uin die chinesische Mauer zu durchbrechen und das Land der Zöpfe zu erobernd Auch der Ruß' macht mit — wurde als der interessanteste Punkt des Ganzen betont. — Die Freiwilligen sind schon aufgefordert und die ganzen Truppen des Amurgebietes aufgeboten- „Was schreibt Rochum in der Zeitung?" Nochum als Maskil, der in solchen Sachen Bescheid wissen muß, und als Leser der „Hazefiroh" (hebräischen Tageszeitung) wurde bestürmt. Die einfachsten Leute der Gasse eines kleinen Städtchens unterscheiden nicht zwischen dem Zeitungsleser und dem Zeitungsmacher und auch bei den anderen, die nie eine Zeitung in der Hand gehabt, gilt eine solche als Quelle der Allwissenheit. Und Nochum hatte zu tun- Zunächst mußte er in der Klaus ungefähr die Lage von China angeben. Dann die dortige Bevölkerung, soweit er sie aus der Völkerkunde in der Uebersetzung von Kalman Schulmann kannte, schildern. Er wußte auch von der 9trt des Krieges zu erzählen und die Namen der beteiligten Völker aufzuzählen. Man hörte ihm mit Andacht zu. Sogar seine Konkurrenten, die Melamdim, die ihn, weil sic seine Neberlegenheit fühlten, haßten und sonst ihn und seine Weisheit zu ignorieren pflegten, blieben jetzt in einiger Entfernung stehen, um die gruseligen Neuigkeiten zu hören. Die Neugier und Wißbegierde war stärker als der Geschästsneid. . . . Nochum war plötzlich ein gesuchter Mann, der namentlich von den besorgten Vätern und Müttern täglich und überall mit Fragen bestürmt wurde. Und Nochum vermochte authentische Berichte zu erteilen. Nicht allein aus der „Hazefiroh", die tagtäglich alle Einzelheiten des Krieges haarklein berichtete. Nochuni bekam auch einen Brief, einen langen, offiziellen Brief, der unmittelbar von einem Krieger herstammte, von seinem Neffen Motel nämlich. Der. Brief war zwar nicht aus Peking abgesandt und darin lag für den philosophischen Melamed, nachdem er sich einmal mit dem Inhalte desselben vertrant machen mußte, eine kleine Enttäuschung; er kanr von London. „Er hat dort sicher Rahel getroffen" — tvar sein erster Gedanke als er den Poststempel sah und die Schrift erkannte — „er, der noch nie eine Silbe von sich hören ließ, hat sie dort sicher getroffen und sich nun seines Onkels erinnert." Im Stillen hatte der Vater dieses stets und sicher erwartet. Ohne sonderliche Ueberraschung, aber mit dem inneren Behagen einer erfüllten Hoffnung setzte er sich an die Lektüre des Briefes. Da kam die große Enttäuschung. Das Erwartete kam nicht; im ganzen langen Briefe war der Name Rahel nur einmal erwähnt, nämlich am Schlüsse, wo er in etwas flüchtigem Tone ihr viele Grüße entbot; er wußte also nichts von ihrer Anwesenheit in seiner Wohnstadt. Aber das unerwarteste, das unglaublichste kam, staud da schwarz aus weiß. . . . „In den sechs Jahren seines Aufenthaltes in der Riesenstadt," — schrieb er — „hatte er Not gelitten wie noch nie in seinem Leben. Die Kindheitsjahre im Cheider, die Jugend auf der Jeschiwoh, die späteren sogenannten Vernunftsjahre an den Büchern der Haskoloh (großen Literatur) zugebracht, hatte er den Anschluß an das praktische Leben verpaßt. Ohne eigentlichen Beruf und von Natur aus schüchtern, sah er sich plötzlich mitten im Kampfe des Lebens, da wo er am heftigsten wütete, ohne jemals das Kämpfen gelernt zu haben. ... Er konnte sich trotz aller Mühe zu keinem Nahrungszweige zuschlagen. Mit seinem Talmudwissen wußte er so wenig anzufangen, als mit seiner Kenntnis der hebräischen Literatur, beide hatten sie ihm für den prosaischen und bittern Ernst des Alltagslebens nicht vorbereitet. Er fing alles mögliche an, stellte verschiedenartige Versuche an — alle mit dem gleichen Mißerfolge. Hunger und Not, Mangel und Entbehrung hatten indes seinen Geist abgestumpft, seine physische Kraft dagegen gestählt; seine Muskeln gestärkt und sein Herz mit Resignation erfüllt. Nach sechs Jahren mißlungener Versuche und harter Prüfungen gab er Frankfurter Israelitischer FamRenblatt. die Hoffnung auf, sich in der fremden Großstadt ein Heini zu gründen. Er ivar just im Begriffe zurück nach seiner alten Heimat, nach Rußland zu kehre», um sich dort der Hand der Militärbehörde, der er desertiert war, auszuliefern. Da kam der Krieg mit China und sein Vorhaben bekam dadurch plötzlich eine andere Wendung. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) „Die Kronenberg's." Erzählung von B. Leiser. (Fortsetzung.) Als Judith sich vom Flügel erhob, sab sie sich Siegmund gegenüber, der ihr einige anerkennende Worte sagte. Aber sie war sichtlich erstaunt und verlegen, als er ihr den Arm reichte, um sie zu einem Sitz zu geleiten. Ihre Augen suchten die Frau des Hauses, ohne sie jedoch zu finden. Judith ahnte, daß diese Aufmerksamkeit ihres Stiefsohnes nicht nach ihren: Sinn war. „Ich will ausrichtig sein," sagte er nun, sich neben sie fetzend, „ich komme mit einer Bitte zu Ihnen! Würden Sie selbst nicht eins jener reizenden Lieder singen, die Sie mein Schwesterchen mit soviel Verständnis lehrten?" Sie errötete heftig. Es war ein Klang in seiner Stimme, der sie an längst vergangene Zeiten erinnerte. Aber sic schüttelte nur bitter lächelnd das schöne Haupt. „Ich bedauere herzlich, diese Ihre Bitte nicht erfüllen zu können; ich bin im Programm der gnädigen Frau nicht vorgesehen. Aber es ist auch wohl kein großer Verlust für Sie, Herr Kroneubcrg." „Also nur hierher befohlen!" meinte er lächelnd. „Und amüsieren Sie sich denn bei diesen Festen?" „Nein, durchaus nicht!" gestand sie aufrichtig. „Wenn ich nur wüßte, wie Sie überhaupt hierherkommen? Sie hatten doch ganz andere Pläne in Ihrem unternehmenden, klugen Köpfchen." „Das kam ganz einfach," sagte sie schlicht. „Mein Vater starb plötzlich, als ich kauin zwei Jahre beim Konservatorium war. Bis dahin hatte ich einen immerhin mäßigen Wohlstand kennen gelernt. Nun brachen, die Not und das Unglück über uns herein. Ach, ich konnte mich so schlecht daran gewöhnen, und meine Mutter war ganz darniedergebeugt, ganz gebrochen. Da entschloß ich mich, zu ihr in die Heimat zurückzukehren, die Aermste konnte mich auch nicht entbehren, und durch Stundengeben unfern Unterhalt zu erwerben. Es mußte eben gehen, und es ging auch!" Er täuschte verwundert, gerührt. „Sie sind ein bevorzugtes Wesen," sagte er endlich. „Bevorzugt? Ich wüßte nicht, weshalb! Daß ich eine Existenz für meine Mutter und mich suchte, ist nichts Besonderes. Daß ich sie fand, danke ich zum großen Teil der Güte und Empfehlung Ihres Herrn Vaters. Denn was sind Talent und Können, zudem bei mir nur halb Ausgebildeten, heutigen Tages ohne Protektion?" Sie brach plötzlich ab und erhob sich. Ein Blick der Hausfrau hatte sie gestreift, der sie erschreckte. Sie kannte dieses kalte, hochniütige Gesicht nur zu gut, sie kannte auch diesen Ausdruck in demselben, der auf Sturm deutete. Siegmund, der verwundert aufblickte, eine leichte Verbeugung machend, beeilte sie sich, Frau Kronenberg, die den Salon verlassen hatte, aufzusuchen. Sie fand dieselbe, nachdem sie die ganze Flucht.der Gemächer durchschritten, in ihre,» Boudoir im eifrigen Gespräch Nlit Fräulein Ostberg. Als Judith eintrat, erhob sich die junge Dame und entfernte sich eiligen Schrittes. „Gnädige Frau, ich wollte mir erlauben zu fragen, ob ich hier noch nötig bin, oder . . „Keinensalls," unterbrach Frau Kronenberg sie hochfahrend. „Ich muß Ihnen vielmehr meine Verwunderung aussprechen. Sie noch hier zu sehen! Elisabeth ist ja längst in ihrenr Zimmer, und hiermit erledigte sich, denke ich, auch Ihre Mission bei uns!" Judith war tief erblaßt. Eine derartige Behandlung hatte ihr noch niemand zugesügt. Gewaltsam suchte sic sich zu fassen. „Allerdings, ich hätte wissen, begreifen müssen, daß ich nicht zu den Gästen zähle, und ich muß gestehen, ich kann mir eine solche Anmaßung nicht verzeihen! Es wäre ebenso anmaßend," fuhr sie hoch aufgerichtet, festen Tones sort, „wenn ich noch länger in einem Hause Unterricht erteilen wollte, in welchem ich mich derart gegen die Hausregeln verging. Ich bitte Sie, gnädige Frau, sich nach einem Ersatz umzusehen!" Ein Lächeln des Triumphes flog über die kalten Züge der schönen Frau, als sie lässig erwiderte: „Das werde ich allerdings besorgen! Die Stunden mögen, bis ein solcher gefunden, ausfallen!" Sie -nahm ihre Schleppe ans, und ohne noch einmal zurückzublicken, rauschte sie eilig hinaus. Judith ging gleichfalls. Sie lächelte bitter. Ahnte sie, daß Frau Kronenberg längst diesen Moment herbeigesehnt! Wie grausam war man gegen sie gewesen! Mau rechnete es ihr als ein Verbrechen an, daß der Sohn des Hauses sic eine halbe Stunde lang seiner Unterhaltung gewürdigt hatte! Durfte man ihr eine solch' entwürdigende Behandlung zu Teil werden lassen, nur, weil sie arm war! Als sie ins Freie trat, soielte grade die Musik eine lustige Weise, der Tanz begann. Run würde wohl das hübsche Fräulein Ostberg in Siegmunds Armen dahinfliegen, während sie selbst hier draußen unbeschützt und einsam, doppelt verwundet im Herzen, ihrer Wege ging. „Judith!" ertönte es da vlötzlich neben ihr und jemand berührte leicht ihren Arm. Sie zuckte heftig zusammen. Ohne aufzusehen, wußte sie, wer neben ihr stand. Denn nur eine Stimme gab es, die sie so mächtig erregte. Und wie durch Zauberinacht, glaubte sie sich um Jahre zurückversetzt, in jene glücklichen Tage, da das Lebe» »och ei» Märchen und die Welt voll lieblicher Wunder für sie war. „Judith," erklang es abermals. Da blickte sie aus, und der Mann neben ihr sah, daß sie zitterte und daß ihr Gesicht im Mondlicht erschreckend blaß und leidend aussah. „Armes Kind," sagte er mitleidig, „was hat man Ihnen getan? Mir ahnte nichts Gutes, als Sie so plötzlich verschwanden!" Und sie berichtete niit fliegendem Atem Wort für Wort, das Gespräch, das sie mit seiner Stiefmutter geführt- „Ja. daS paßt nun nicht 'in ihre Pläne," murmelte er. als sie geendet. „Desto besser, nun giebt es ein Ende!" „Für mich ist die Zache nicht so einfach, wie Sie denken, Herr Kronenberg. Bin ich es auch, welche die Stunden auskündigte, so fällt doch der Einfluß und das Ansehen Ihrer Frau Mutter hier am Platze sehr in die Wagschale. Und ich bi» doch daraus angewiesen, für unseren Unterhalt zu sorgen. Trotzdem ist mir nicht bange, nur sehr, sehr weh ums Herz. Ich müßte eben gar keinen Stolz besitzen, den sich Jemand in dienender Stellung allerdings auch nicht leisten sollte, wenn es anders wäre!" Sie wandte sich, um weiterzugehen, aber da stand er plötzlich dicht neben ihr und sah ihr mit solch sonderbarem Ausdruck, in die Augen, daß sie betroffen die ihren senkte. (Schluß folgt.) Sprechsaal- Ein Wort an die Leser der „Erwiderung" des Herrn B. In dem Folgenden kann ich mich nur an die Leser dieses gefch. Blattes wenden, denn Herr B. selbst hat mir das Recht abgesprochen, mitznreden, wo es sich um unser Volk handelt, denn ein jeder, der in dieser Beziehung nicht wie Herr B. denkt und spricht, der „scheint es nicht ahnen zu können wie es Millionen unseres Volkes zu Mute ist." Herr B. hat die Freundlichkeit, mich einen Propheten zu nennen; es scheint ihm aber beim Schreiben seiner „Erwiderung" eine Ahnung davon aufgedämmert zu sein, daß es eines ziemlich starken Prophetengeistes bedarf, zu finden, was er tatsächliches erwidert hat. Die erste seiner Entgegnungen auf dem Gebiete deutscher Syntax mutet mich so an, wie wenn man erklären würde: Was Herr Bin seiner Entgegnung sagt, ist falsch, denn „Nomen" ist ein Neutrum, während Herr Bvon „seinem ursprünglichen Nomen" spricht. Es muß nicht allzugut um eine Sache bestellt sein, wenn man deren Gegner Verstöße gegen die Grammatik vorwirft (In Paranrhese möchte ich aber auch bemerken, daß sich vielleicht dieser von Herrn B. angegriffene Satz „National ist das ureigenste Wesen einer Nation, ist das, was die Nation zur Nation macht", doch rechtfertigen läßt; es giebt nämlich gewisse Leute, sür welche die Begriffe National, eigenes Land, eigene Sprache u. dgl. identisch sind, insbesondere da wo sie im Zusammenhang mit dem jüdischen Volke gebraucht werden; demgegenüber sollte in jenem Satze hervorgehoben werden, daß in dem Begriffe national an und für sich noch gar nichts Bestimmtes liegt und es seine Bedeutung ganz nach dem Wesen des Volkes erhält, bei welchen dieses Wort angewandt wird.) Herr B. scheint arabisch zu studieren, und auch Schillers „Wilhelni Tell" gelesen zu haben; es scheint aber doch, daß dieses nicht die richtigen Quellen sind, aus denen sich der Begriff des Judentums und seinem Verhältnis zu anderen Völkern schöpfen läßt; nein die nationalen Pflichten sind bet uns nicht in der natürlichen Moral zu suchen. Unsere Pflichten sind uns von Gott vorgeschrieben, und da stehen die Pflichten der „natürlichen Moral", du sollst nicht morden, du sollst nicht ehebrechen u. s. w. ganz dicht neben dem keineswegs natürlichen..Sabbatgebote" und nur die Erfüllung beider ist das, was einen Menschen zum Juden macht, während bei allen anderen Böllern die Erfüllung des Gotteswillens nicht die Grundlage ist, auf der das Bolksdasein ruht. Wir können Herrn B: nicht helfen, aber solange man in Israel sich wie um einen Gestorbenen trauernd zu Boden setzt, sobald ein naher Verwandter das praktische Judentum verleugnet, solange dieses bestehen bleibt, steht auch die Tatsache fest, daß nicht die gemeinsame Abstammung, nicht die gemeinsame Sprache, sondern nur die gemeinsame Tauro d. h. ihre Erfüllung und Bewahrung uns zu Brüdern, zu Gliedern eines Volkes macht. Herr B. meint, daß Schreiber dieser Zeilen sich von „Gründen, die aus der Thora und Bcrnunst

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