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Neue jüdische Presse · 1903-08-07 · Heft 40 (7.8.1903) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 40 (7.8.1903)
Date
1903-08-07
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 40. dieses am 1. d. M. 546 Schüler. Auffallend im Vergleich zur konfessionellen Zusammensetzung unserer Stadt und deren vorwiegend katholischer Umgegend ist es. daß den 229 evangelischen und 101 israelitischen Schülern nur 216 katholische gegenüberstehen. Das in diesen Ziffern liegende Mißverhältnis tritt besonders dann zutage, wenn man sich vergegenwärtigt, daß Colmar 24183 Katholiken, dagegen nur 8301 Protestanten und 1183 Israeliten zählt. Mülhausen i. Elf. Eine sonderbare Prinzipienfestigkeit legte der Gemeinderat von Mülhausen in einer seiner letzten Sitzungen an den Tag. Derselbe hatte infolge seiner sozialistischen Mehrheit beschlossen, nicht. Wie der vorige Gemeinderat, verschiedenen konfessionellen Wohltätigkeitsanstalten gewohnheitsmäßige Zuschüsse zukommen zu lassen, sondern hatte 50 000 Mk. ausgesetzt, aus welcher Summe »aus Ersuchen und nach Prüfung der Bedürfnisfrage" von Jahr zu Jahr Zuschüsse bewilligt werden sollten. Aus diesem Fonds waren nun viele konfessionelle Anstalten unterstützt worden, das katholische und evangelische Waisenhaus, das Spital der Schwestern, das protestantische Institut Stricker u. a. m. So baten auch das israelitische Spital und die israelitische Gewerbeschule um je 4000 Mark Zuschuß. (Die beiden Anstalten hatten auch früher jährlich diese Summe erhallen). Diese Eingaben waren nicht, wie die übrigen, einzeln aus die Tagesordnung gesetzt, soiüiern unter »Verschiedenes" untergebracht worden. Infolgedessen waren dieselben den Gemeinderatsmitgliedern, welche nicht zu der betr. Kommission gehörten, unbekannt. AE Herr Dr. Elias (Dem.) sie verlesen hatte, teilte der Parteiführer der Sozialisten mit, daß seine Frattion die Bewilligung aus prinzipiellen Gründen, wie er näher ausführte, ablehne. Vergebens wies Herr Dr. Elias darauf hin, wie notwendig die jüdische Handwerkerschule sei u. s w. Es half nichts. Die Petitionen fielen, wobei übrigens der Sozialist Haas für, der Sozialist Drehfuß dagegen stimmte. Bon den Demokraten stimmte nur der Führer Herr Simonet dagegen. Die Folge dieser Ablehnung war, daß die jüdischen Gemeinderäte Herren Wallach und Dr. Elias ihre Demission gaben. Letzterer hat dieselbe auf Ersuchen der demokraüschen Partei zurückgezogen; der Gegenstand wird noch einmal zur Verhandlung kommen. Kolberg, 28. Juli. Stiftungsfest des jüdischen Kur-Hospitales. Am vergangenen Sonnabend, den 25. Juli, beging, wie wir der „Kolb. Ztg." entnehmen, das jüdische Kurhospital sein 29. Stiftungsfest. Zur Feier dieses Tages fand am Dormitttlg in Verbindung mtt der Sabbat-Andacht ein Festgottesdienst in der Anstaltssynagoge statt. Das Gotttshaus war fesllich erleuchtet und mit Pflanzendekorationen reich gelchmückt. Es konnte die Fülle der Andächttgen nicht fassen, so daß eine große Zahl der Besucher in der Vorhalle dicht gedrängt der Andacht folgen und vielen anderen der Eintritt überhaupt verwert werden mußte. Nach der Liturgie und dem Gebet für unser erhabenes Herrscherhaus hiell Rabbiner Dr. Goldschmidt eine zündende Festtede über Jeremia 2. 2. Von dem Textwort ausgehend wies der Redner auf das höchste Gebot Gottes, die Nächstenliebe, hin, die ihre Vollendung in Werken selbstloser Menschenliebe finde. Aus solcher Liebestättgkeit sei das jüdische Kurhospital entstanden; ttotz vieler Stürme und Gefahren habe es sich aus bescheidensten Anfängen, dank der edlen, um sein Gedeihen hochverdienten, Männer zu seiner heuügen Größe und segensreichen Wirksamkeit entfallet. Vor geöffneter, heiliger Lade gedachte Rabbiner Dr. Goldschmidt der verklärten Stifter und Wohltäter der Anstatt und erflehte für ihr ewiges Seelenheil die Gnade Gottes. So endigte diese Dank- und Gedenk feier und hinterließ bei allen Erschienenen einen tiefen nachhattigen Eindruck. Pose«. Es haben Fräulein Gertrud Kantorowicz, Tochter des Herrn Max Kantorowicz, Posen, die Doktorprüfung in der Züricher philosophischen Fakultät und Fräulein Therese Oppler, Tochter des Herrn Jakob Oppler in Pieschen, das medizinische Staatsexamen bestanden. Drambürg I.P., 31. Juli. (Ermittelte Vandalen!. Bor kurzem wurden auf dem hiesigen jüdischen Friedhofe fast sämtliche Denkmäler demoliett. Steine, über 1000 Mark wert, in kleine Stücke zerschlagen, die Gräber geschändet und Teile der Umfassungsmauer niedergerissen. Jetzt ist es der Staatsanwaltschaft gelungen, die Unmenschen in den Arbeitern Kanitz, Julius Porath, Eduard Marquardt und Paul Brandenburg zu ermitteln und verhaften zu lassen Oesterreich. Lemberg. Im Dorfe B u d z i w o j (Bez. Rzeszow) hat ein Jude seine Dorfschenke blau angestrichen und dies gab Anlaß zu einem Gerüchte, „der Jude hätte sich gerühmt, seine „Karczma" sei schöner als die Kirche". Doch nicht genug daran, daß die Mazuren beschlossen haben, den Juden zu boykottieren und jedermann den Eintritt in seine Schenke zu verwehre», sie verbieten sogar, bei einem Jude» in Arbeit zu treten. Das Märchen von Budziwoj fand rasche Verbreitung in den Nachbardörfern, und überall geschieht dasselbe. In Straszydlo geht niemand zum Juden arbeiten, selbst wenn dieser 2 Kr. Tagclohn zahlen wlll. Als zwei Söhne des Bauern Kubacki eines Tages zum Juden arbeiten gingen, überfiel eine große Menge das Hans ihres Vaters und bedrohte es. Sie mußten sich verstecken, um der Gefahr zu entgehen. Die Menge jedoch schlug die F-enster ein und richtete den alten Knbacki arg zu, den sie halbtot in den Bach stießen. Auch der Schwiegersohn K-'s wurde, als er den Alten zu retten versuchte, mißhandelt. Die Gendarmen verhafteten zwei Bauern, die sich nun in Rzeszow in Untersuchungshaft befinden. Jin Dorfe Lubicu verschleppten die Bauern den gemähten Klee der Inden in einen Sumpf und zerstampften ihn mit den Füßen im Kot. Da sie auf diese Weise nicht alles vernichten konnten, scharrten sie den Klee auf einen Ort zusammen und zündeten ihn an. In den Dörfern Zerzecze und Boguchwal boykottieren die Mazuren die Juden und schlagen sie sogar. Diese judenfcindliche Bewegung unter den Mazuren nimmt täglich zu. In den Dörfern verbreiten die Agitatoren Aufrufe zur Boykottierung der Juden; wer nicht gehorcht, wird. geprügelt. Pest. Das Adele-Brüdy-Kindcrspital der Pest er israelitischen Religio ns -Gemeinde erstattet einen detaillierten Bericht über seine Wirksamkeit iin abgelaufenen Jahre. Das Spital kann nun aus eine sechsjährige Tätigkeit zurückblickc»; die Aufgaben, die diese Heilanstalt sich gestellt, wurden im Laufe der Jahre durch erhöhte Anforderungen des Publikums stets größer. Fm Vorjahre nahmen^insgesamt 15 805 Kinder die Hilfe des Spitals in Anspruch, hiervon waren 13 449 Budapester und 2351 aus der Provinz. 4860 Pfleglinge gehörten der jüdischen, 10945 aber anderen Konfessionen an. Das Spital verabreichte auch vielen unbemittelten ambulanten Patienten unentgeltlich Medikamente und Verbandzeug. Mit Schutzimpfung wurden 565 Kinder versehen. Im Spital wurden 1052 bettlägerige Patienten behandelt, hiervon waren.547 Israeliten; anderen Konfessionen gehörten 505 an, nach der Zuständigkeit waren 725 Patienten aus Budapest, 322 aus der Provinz und 5 ausländische Kinder. Im Laufe des Berichtsjahres wurden . seitens der Bezirksvorstehungen, Bezirksphysici und wohltätigen Anstalten viele Kinder in das Spital geschickt, die immer mit der größten Zuvorkommenheit unentgeltlich aufgenommen und verpflegt wurden. . Todesfälle kamen 101 vor. Die gesamten Ausgaben des Spitals betrugen 90 464 Kr., die Verpflegung eines bettlägerigen Patienten kostete, per Bcrpflegstäg 3 Kr. 40 H., die Verköstigung kostete per Tag 62 H, Das ärztliche Personal des Spitals wurde durch die Spezialisten Dr. Adolf Neubauer (Ohrenarzt) und Dr. M.. Klar (Nasen- und Nachenleiden) verstärkt. Die Agenden des Spitals leiteten der Präsident der Spitalskommission Leopold Kcppich und Spitäls-Oberärzt Dr. Julius Groß. Rußland. Odessa. Wie die Zeitungen melden, haben über 1500 jüdische Kaufleute seit der Zeit des Kischincwcr Greuels beschlossen, ihre Geschäfte am Samstag zu schließen. Diesem Beifpicl folgten auch, wie die russischen Zeitungen melden, die nieistcn jüdischen Kaufleutc vieler Städte Südrußlands. Rumänien. Bukarest. Der Korrespondent des »Adeverul" in Jassy hatte eiüe Unterredung mit dem Bürgermeister jener' Stadt, dem Abgeordneten Penesku. Auf die Frage des Korrespondenten, wie er die ökonomische Lage betrachte, antwortete der Bürgermeister; „Nicht nur, daß ich keine Besserung erblicken kann, sondern unsere Stadt geht immer mehr zurück. Niemand kann das besser wissen, als wir, die wir sehen, daß die Gemeindeeiunahmeu in stetiger Abnahme begriffen sind. Die Ursachen sind nur allzu bekannt. Es hat dazu viel die Notwendigkeit beigetragen, in welcher sich Staat und Gemeinde befanden, alle Arbeiten einzustellen. Viele Leute, erwarben sich durch diese Arbeiten ihr Brot und unsere Stadt hat ihre Einstellung besonders hart bettoffen. Die Judenauswanderung trägt gleichfalls zu dieser schlechten ökonomischen Lage bei. Aus Jassy sind mindestens sieben tausend Juden ausgewandert (bei einer Gesamtbevölkerung . von 60 000.). Wenn wir annehmen, daß jeder dieser Leute nur einen Franke» täglich verbrauchte, so sind doch dem Konsum über zwei Millionen entzogenttwiden." Der Bürgermeister antwortete auf eine Bemerkung des Korrespondenten, daß er nicht die Möglichkeit habe, die Auswanderung einzudämmen, da die Leute eben hingehen, wo sie ihr Brot finden. Herr Penesku ist früher selbst Antisemit gewesen. Vielleicht hätten diese auswandernden Juden, .die bei einem au Bevölkerung so armen Lande wie Rumänien, einen doppelten Verlust bedeuten, das Stück Brot doch in einem der vielen Berufe gefunden, die ihnen durch gegen die „Fremden" gerichtete Gesetze verschlossen worden sind. Amerika. Rew-Nork. Die russische Regierung hat sich geweigert, die. Petition amerikanischer Bürger in Sachen der Greuel in Kischinew cntgegcnzunehmen. Um unrichtigen Auffassungen vorzubeugen, sei erwähnt, daß dies keine Petitton hiesiger Israeliten war, sondern eine, von amerikanischen Bürgern ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses Unterzeichnete ist. Unter den Unterzeichnern sind fast alle Mitglieder beider Zweige des Kongresses, die Oberlichter aller Staaten und alle Mitglieder des Bundes-Obergerichts, die erreicht werden konnten, fast alle Staats-Gouverneure, die Mayors von 50 der bedeutendsten Städte der Union, eine lange Reihe hervorragender Geistlicher aller Konfessionen und viele Schriftsteller, Aerzte, Schulmänner und Fabrikanten. Im Einzelnen möge» nochmals folgende Unterzeichner erwähnt werden: Earl Schurz, die früheren Gesandten in St. Petersburg Elision B. Breckinridge und Andrew D. White, der frühere Schatzsekretär John G. Earlisle und die ganze Legislatur von Georgia (andere Staats-Legislaturen sind gegenwärtig nicht in Sitzung). Wenngleich die Petttion nicht an ihre Adresse gelangen konnte, unterliegt es keinem Zweifel, daß sic viel Gutes wirken wird. Sie muß in den Archiven des Staats-Departements begraben werden, aber ihr Einfluß dürfte selbst in Rußland ein weitreichender sein. Es ist der Ausdruck der Ansichten eines ganzen Volkes, der sich in diesem Dokument kundgiebt, denn hierzulande hat religiöse Unduldsamkeit keine Stätte. Scho» die mächtige Agitation, die dieser Petition voraufging und die erst dieses Dokument zeitigte, muß und wird eine weittragende Wirkung ausüben. (Nachdruck verboten.) Cheiderkinder. Novelle aus dem Emigrantenleben von S. Schachnowitz, Endingen (Schweiz). (Fortsetzung); Heißes Sehnen und tiefes Weh starrte dem Vater aus jedem Federzuge des Briefes entgegen. „Sic hat nicht alles geschrieben," seufzte er leise vor sich hin und versank in tiefes Nachsinnen. . Sie hatte in der Tat nicht alles geschrieben. Konnte sie doch nicht schreiben, mit welchen Gefühlen .und Gedanken sie die Reise verbracht. Sie sah das riesige Schiff und das bunte Leben, aber im Grunde sah sie nur ihn, ihren Schutzengel. Die Seekrankheit packte sie mit Macht und im Fieber glaubte sie sich in seinen Armen getragen. Neue Freunde drängten sich an sie heran, die Kapelle spielte zur Zerstreuung der Reisegesellschaft. Der herrliche Meeresspiegel und das Spiel der Wellen. Neue Erscheinungen und neues Leben. Mer Rahel blieb einsam mitten in diesem Gewühle; sie sah zurück und dachte an ihn. . . Wenn die See still war und das Schiff auf. der unendlichen Wasserfläche sich ruhig bewegte, dann dachte sie an die Dampferfahrt auf der Memel, wo sie ihn zum ersten Mal gesehen. Wenn aber der Sturm tobend die Wogen trieb und das Hängebett in ihrer Kabine, in der sie im Halbschlummer lag, hin und her wackelte, dann sah sic sich wieder in der finstern, grauenhaften Nacht am Grenzgraben. . . Alles lief in wilder und kopfloser Hast. Ein Schreien und Johlen. Schüsse und Verzweiflungsrufe. Sie fühlte sich aber allein sicher und geborgen, denn sie wurde in seinen Armen getragen- . . . Dann wachte sie mit brennendem Hirn und fieberglühenden Augen auf: Wo ist er? „Die Ueberfahrt war scheints gut!" — Nöchum zupfte dabei mit der Rechten an seinem Barte, als wollte er ihn mit zu Rate ziehen und gab der Pfeife eine kleine Ruhepause — „gut, aber welche Rede», welche Gedanken! Was für Striche und Punkte! Heimweh! nichts als Heimweh!" „Ja wohl Heimweh!" sagtö Chajeh kopfschüttelnd und in einem Tone, der sich zwischen Bestätigung und Opposition bewegte. „Und übrigens" — fügte sie bedeutungsvoll hinzu — „man hat so lange Heimweh, bis daß man selber ein Heim hat. Auch dieses kommt noch; ich verzage nicht." Dabei wischte sie sich aber eine Träne ab, die in ihrem Auge ohne ihr Wissen und Willen als demonstrative Kundgebung des Mutterherzens funkelte. . . . Die folgenden Briefe Rahels waren nicht viel befriedigender. Es gefiel ihr gut in der neuen Heimat. Alles wäre so schön und so neu. Ob sie da aber ihre Zukunft finden würde, müßte sie bezweifeln. Die eckten Erinnerungen ließen nicht von ihr. . . Die Reise hätte ttefen Eindruck auf sie hinterlassen, und in allen wechselvollen Lagen ihres Lebens würde sie an die Nacht der Grenzüberschleichung zurückdenken müssen. . . Ihre Schwester und Schwager, in deren Haus sie in London lebte, drückten sich in ihren Briefen llarer und eindeutiger aus. „Rahel" — schrieben sie — „ist lieb, schön und tüchtig über alles Erwarten, aber etwas zerstteut, ernst und nachdenklich. „Heimweh, nichts als etwas Heimlveh," meinte die Schwester. „Noch die Spuren des traurigen Ghettos, mit seinem sorgenvollen Leben," glaubte der Schwager. Wer beide zweifelten keinen Augenblick daran, daß sich Rahel, für die sie sonst nicht- Worte, des Lobes genug finden konnten, bald eingewöhnen und sie die Sorge um ihre Zukunft erleichtern würde. . ." Diese optimistische Auffassung übertrug sich auch auf die Eltern und sie hofften. . . Die Kunde des fernen Krieges war auch in Lithauen und bis in die Mauern des weltentlegenen

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