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Neue jüdische Presse · 1903-08-07 · Heft 40 (7.8.1903) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 40 (7.8.1903)
Date
1903-08-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 40. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. wirren Haufen der Häuser, das sommerlich graue, starre Gesicht des im Rücken von Salonik sich streckenden Berglandes, der im Westen und Osten sich lagernden Ebene. In manches jüdische Heim führte mich der Zufall. Nüchtern, schmucklos waren die getünchten Räume der Steinkasernen am Wardartor, in denen Wand an Wand Dutzende von Familien hausen, erstickende Hitze erfüllte nahe dem melancholisch öden Mauerwall der vom Feuer verzehrten Aja Sofia die Holzbaracken, unter deren niedrigem Dache in enger Kammer die Frauen jüdischer Tagelöhner emsig die Nadel führten. Nichts Unsauberes, die Sinne Verletzendes berührte das Auge, eine Liebe zur Reinlichkeit sprach aus den Behausungen dieser nicht von Reichtum begünstigten Spaniolen, eine Heiterkeit lag aus ihren Mienen, die wohltuend abstach gegen die Bilder, die ich von den schmutzigen, zu finsterem Ernste geneigten, gedrückten nordafrikanischen Juden im Gedächtnis hatte. Selbst die Aermste unter ihnen, sie besaß noch die zahlreichen Stücke ihres Festgewandes, das phantastische, von Lunten Bändern unter dem Kinn festgehaltene Mützchen,diesogenannte„Köffia", mit dem breiten hcrabfallenden Seidenstreifen, den Silbertressen in kühnen Musterungen bedecken, dann die kokette Pelzjacke, die „Capitana", die kunstvoll gcweütenSpitzen, die.Bawadörs", die das miederartige, feingewobene Hemd des ärmellosen Untergewandes umrahmen, den „Sajo", das mantelartige farbenreiche Ueberkleid mit den weiten Aermeln. Unter Hellem Lachen weihten sie mich ein in die Geheimnisse dieser niannigfachen Kostümteile, in die Kunst des Faltenwurfes, in die vorgeschriebene Kostbarkeit der Stoffe. EinpaarjungeMädchen.fränkisch gekleidet, schüttelten freilich, ungläubig über den Reiz solcher „unmodernen" Herrlichkeit, die Köpfe, in die auch sie gezwungen werden, wenn ein Gatte sie heimführt. Und eine alte Jüdin, mit verwelktem Gesicht, brennenden, tiefschwarzen Augen hob aus der Tiefe der Truhe wehmütig das jüdische Trauergewand, in dem sie schon zu Ehren dreier frühverstorbener Söhne einhergeschritten. Die feuerrote Mantille mit den pelzverbrämten Aermeln, das lange „Maramüm", das schwarze doppelstreifige Tuchstück, das, einer schwer lastenden Kette ähnlich, finster vom Haupt über den grellen Mantel sich legt, sie atmen die ganze verzehrende Leidenschaftlichkeit, welche den Klageszenen orientalischer Frauen ein so seltsames, wildes, herzzerreißendes Gepräge gibt. Ein mohammedanischer Beobachter Hadj Chalfa Rumeli schrieb vor etwa zweihundertfünfzig Jahren: „Die meisten Häuser in Salonik sind jüdische. Die aus der Christenheit heimlich entflohenen Juden retteten sich zumeist hierher und mieteten die Chane und Wohnungen auf lange Termine. Wiewohl nun die Stadt durch das Unglück, so mit Juden überhäuft zu sein, gebrandmarkt ist, so wird diese Schande doch durch den weltlichen Nutzen dieser Bewohner wieder ausgelöscht." *) Gewiß, noch heute stellen die der spanischen Verfolgung enttonnenen Juden hier den Türken, Griechen und Bulgaren gegenüber die Mehrzahl der Stadtbevölkerung (reichlich 2/3 von 110000 Einwohnern), und seinen wirtschaftlichen Ausschwung verdankt Salonik unstteitig ihrer rastlosen Bettiebsamkeit auf allen Gebieten von Handel und Gewerbe. Eine treffliche unparteiische Schilderung entwirft von ihnen Freiherr von d e r G o l tz, der bekannte Reorganisator der türkischen Armee, in seinem Buche „Ein Ausflug nach Macedonien" lBerlin 1894). Er sagt Seite 12: „Die Juden sind und bedeuten hier alles. Sie sind Landwirte, Kaufleute, Untemehmer, Bankiers, Kommissionäre, Geldwechsler, Handwerker, Arbeiter, Lastträger, Barkenführer. Vom Augenblick des Einlaufens in den Hasen umgeben sie uns, und wir gewöhnen uns bald daran, alles durch sie getan zu sehen. Sie haben nichts von der Unterwürfigkeit, die man so oft im Norden und Osten Europas bei ihren Glaubensgenossen findet, und das kennzeichnet sie schon in ihrer ernsteren Haltung. Die meisten sind hochgewachsen; viele übrigens rotblond. Sie sollen durchaus energisch, ja selbst stteitbar und händelsüchtig sein, *) Hadj Chalfa starb im September 1658 (siehe Flügel, Rexicoa bibliographicum). wie man es auch an den spanischen Juden Konstantinopels erfahren kann. Mit den türkschen Behörden finden sie sich gut ab und fühlen sich unter der ottomanischen Herrschaft wohl; ja selbst erobernd sind einzelne Kolonien schon in die Provinzstädte vorgedrungen.*) Zum großen Teil haben sie die spanische Muttersprache mit vielen levantinischen Zutaten. Eine hält sich während seiner Ferien (August-September) in Frankfurt a. M. auf. Herr Professor Geismar hat sich bereit erklärt, während der Zeit seines Aufenthaltes einen Kursus für Erwachsene einzurichten. Dieser Kursus wird innerhalb 8 Wochen die Teilnehmer dazu heranbilden, das Französische im Wort zu beherrschen, so daß sie imstande find, eine Reise nach Frankreich wagen zu dürfen und dabei sicher zu sein, die französische Sprache überall zu verstehen und sich verständlich zu machen. Anmeldungen zu diesem Kursus wolle man gefl. an Herrn Realschuldirektor Dr. Lange oder an die Redaktion dieses Blattes richten. Egelsbach. Heute Freitag findet hier die Einweihung der neuen Synagoge statt. Herr Rabbiner Dr. Marx. Darmstadt, wird die Festrede hatten. Cassel. Aus dem Kreise Schlüchtern wird dem „Cageler Sonntagsblatt" mitgeteilt: „Im Kreise Schlüchtern besteht die Absicht, für die im Herbste stattfindende Wahl zum preußischen Abgeordnetenhaus den Hofprediger a. D. D. Stöcker-Berlin aufzustellen. Auch im Kreise Gelnhausen, namentlich im Vogelsberg, soll man einer Kandidatur Stöcker lebhafte Sympathien entgegenbringen. Daß ein Mann wie Stöcker im preußischen Abgeordnetenhaus „bitter not" tut, bedarf keines Beweises. Hundertfach haben dies alle ehrlichen Volksfreunde in den letzten 5 Jahren, wo Stöcker dem Landtag nicht angehörte, erfahren. Da, wo man über das Wohl und Wehe der evangelischen Kirche zu Rate sitzt, wo wirkliche Heimatspolitik getrieben und das soziale Moment in der Gesetzgebung gebührend berücksichtigten werden soll, da gehört Stöcker unbedingt hin. Sollte es zur Aufstellung Stöckers im hiesigen Wahlkreis kommen, dann wird er der gemeinsame Kandidat der gutkonservativen, christlich-sozialen und deutschsozialen Wählerschaft sein." Nürnberg. Aus den Renten der Mayer und Babette Obermayerschen Stipendienstiftung werden im September l. I. an vier bayrische isr. Studierende, welche an einer Universität. Akademie, technischen Hochschule, höhere Schule für Musik oder einem öffentlichen Lehrerseminar studieren und nach den Satzungen dieser Anstatt im allgemeinen zum Genüsse von Stipendien befähigt sind, Präbenden, und zwar in diesem Jahre in einem Bettage von je Mk. 250 verteilt werden; in erster Reihe sind Blutsverwandte des Stifters, 2) Deszendenten der Schwester seiner Gattin, der Witwe Fanny Rosenthal von Fürth, je nach der Berwandtschaftsnähe und bezw. der Würdigkeit und Bedürftigkeit der Bewerber, 3) in Nürnberg, Fürth oder Schnaittach geborene, 4) überhaupt dem bayerischen Staatsverbande angehörende Jünglinge zu berücksichtigen. Die Bewerbungen sind mit Heimatschein, Zeugnis über Jmmattikulation bezw. Besuch der bett. Anstalt. Ghmnasialabsolutorium und bestandene Stipendienprüfung, event. Jahreszeugnis überzurückgeleate Studien bis 1. September cr. portofrei an die Administtation d. isr. Kultusgemeinde einzusenden. In dem Gesuche ist anzugeben, ob sich der Bewerber im Genüsse eines Stipendiunis befindet, event. in welcher Höhe. Nürnberg. Beim 10. deutschen Turnfest begrüßte Realfchuldirettor Gombrik-Nürnberg, ein Jude, namens des Ortsfestausschusses die Mitgliüer des Ausschusses der deutschen Turnerschaft. Karlsruhe. Im hiesigen Großherzogl. Lehrerseminar sind unter 90 Seminaristen 5 Israeliten. Etteuheim. Das Realgymnasium wurde im verflossenen Schuljahre insgesamt von 240 Schülern besucht. worunter 51 Juden sind. Berlin. Jüdischer Turnverein „BarKochba." Bericht über die Hauptversammlung. Bor Eintritt in die Tagesordnung gedachte der Vorsitzende, Dr. Tuch, der freudigen Tatsache, daß der altbewährte jugendfrische Vorturner der alten Herrenriege des ,,B. K-", Herr S. Loeske, der wohl der älteste aktive jüdische Turner überhaupt sein dürste, vor wenigen Tagen seinen 70. Geburtstag' begehen konnte. Die Versammlung ehrte den Jubilar durch Erheben von den Plätzen. — Alsdann gelangte der erste Punkt der Tagesordnung, die Berichte der einzelnen Borstandsbeamten sowie der Ausschüsse zur Erledigung. Der Vorsitzende gab in kurzen Worten ein Bild der allgemeinen Entwickelung des Vereins sowie insbesondere der Tättgkeit des Vorstandes im letzten Halbjahre. Der Verein, der 389 Mitglieder (inkl. Lehrlinge und Mädchen) am 31. Dezember 1902 gezählt hat, verzeichnet am 30. Juni 1903 545 Bereinsangehörige. Berlin. Am 1. August ist der außerordentliche Profegor an der Universität Berlin, Vorsteher der speziell-physiologischen Abteilung im physiologischen Institut, Dr. Jmanuel Munk, im Alter von 51 Jahren geswrben. Colmar. Ein Herr Rheims aus Paris hatte, wie s. Zt. gemeldet, dem hiesigen israelitischen Zufluchtshause eine jährliche Rente von 3000 Mark geschenkt zur Errichtung eines Asyls für israelitische Waisenknaben im genannten Zufluchtshause. Da dieses Haus für den neuen Zweck ungenügend ist, hat der Vorstand des israelitischen Zusluchtshauses beschlossen, an Stelle des allen Hauses einen Neubau zu errichten. Der Gemeinderat hat in seiner letzten Sitzung sein Wohlwollen diesem Plane gegenüber ausgesprochen und eine Subvention in Aussicht gestellt. Colmar, 30. Juli. Wie aus dem soeben erschienenen, von Direktor Dr. Bauer erstatteten Jahresbericht des hiesigen Lyzeums hervorgeht, zählle Jüdin aus Zalonik. ganz ttesfliche Bemerkung schien mir zu sein, daß man unsere heimischen Philo- und Antisemiten nach Solonik schicken solle, wo an der Stätte, an welcher sich das Judentum ungehemmt hat entwickeln können, beider Auffassungen sich mildern möchten. Die ersteren würden durch den Uebermut, die Intoleranz und Selbstsucht mancher der Reichen von ihrer Vorliebe, die zweiten durch die Arbeitsamkeit und Tüchtigkeit vieler der unbemittelten Juden von Salonik von ihrem Abscheu geheilt werden." * * Wir haben diesen Aufsatz mit Erlaubnis des Allmeinen Verein für Deutsche Litteratur dem Buche: „Auf türkischer Erde" durch Makedonien, Albanien, Armenien. Reisebilder und Studien von Dr. Hugo Grothe. Mit zahlreichen Abbildungen. 2. Auflage. 455 Seiten. Geheftet 7,50, gebunden Mark 9.— Berlin 1903. entnommen. Ein prächtiges Buch! Eine Fülle von Belehrung fließt in lebhaftem Style durch das Ganze. Fremde Länder, ftemde Menschen in ihrem Denken, in ihren Sitten und Gebräuchen kennen zu lernen, ist eines der besten Hilfsmittel, unseren Anschauungskreis zu erweitern und uns eine idealere Welt- und Lebensanschauung anzueignen. Bon diesem Gesichtspunkte aus bettachtet, dürfte das Werk zu jenen Büchern gehören, die man besonders der Heranwachsenden Jugend in die Hand geben sollte, und glauben wir, daß es sich vorzüglich als Barwizwohgeschenk eignet, zumal es interessante Details über die Lebensweise, unserer türkischen Glaubensbrüder bringt. Aus aller Wett. Teittschlail». Frankfurt a. M. Herr Professor Geismar vom Gymnasium Besoul (Frantteich), ein Glaubensgenosse,' *) Näheres über die Verbreitung der spaniolischen Juden in Makedonien Seite 365 des Buches. Heber die mohammedanische jüdische Sette der „Dönme" gibt Struck eine Skizze im Globus (Bd. LXXXI Nr. 14); ihre Entwickelungsgeschichte wird dargestellt in der „Revue des äcoles de l’aliiance isradlite“ Nr. 5 avriljuin 1902. Paris.

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