Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 40 (7.8.1903)
- Date
- 1903-08-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 40. Schulter an Schulter vor dem Feuer flüchten, erschöpft niedergefallen, dann für reinliche Scheidung trachten, so muß man, omnis comparatio claudicat — es so machen, wie es die russischen Gesetzestreuen anfangen, so weit als möglich zusammengehen, ohne seine großen Ziele und Ideale preiszugeben. Es handelt sich — wie wir erklärend beifügen wollen — im Osten um den sogenannten Kulturkampf, den uns einige Querköpfe aufladen wollen, bevor noch irgend eine Tal erfolgt, irgend eine Leistung zu Staude gebracht ist. — Bei dieser Strömung bewahrheitet. sich wieder einmal'der Satz: schono uverasch koscho mikulom, d. h. aus deutsch ungefähr: wer einmal im Beshamidrasch aufgezogen, hinausgeworsen wurde, der ist viel gefährlicher, als der ungelehrte Neologe. So ist es auch bei den polnischen Neuhebräern mit ihrem konservativen Nihilismus und verkapptem Acheismus, denen die längst vermoderte Pscudogelehrsamkeit der Anfänge der Reform als neue Geistesnahrung dient. 3. Wadi el Arisch. Wadi el Arisch, das „Tal der Deichsel," ist das laut Josua 23, 10 zu Palästina gehörige Land Gosen an der egyptischen Grenze, westlich vom Suezkanal, an das sich das Wadi Tumilat, das egyptische Gosen, anschließt. Dieser Streifen Landes von 40 Kilometer Länge und 25 Kilometer Breite, etwa y29 des Flächeninhaltes des heutigen Palästina, gehört seit 1887 unter egyptische Herrschaft. Es grenzt an das Gerstenland von Gaza (Asa) und hat große Dattel- und Feigen-Pflanzungen. Ein brauchbarer Hafen giebt diesem Ländchen ebenso wichtige Aussichten für die Zukunst, wie die projektierte und in absehbarer Zeit durchzuflihrende Verbindungsbahn, welche die afrikanische Bahn vom Cap nach'Egypten hindurch über Palästina zum Anschlüsse an die Bagdadbahn führen soll. Das Tabur haarez, Centrum des Welthandels, wie der Prophet Jecheskeel Kap. 38, Palästina nennt, dürste also von hier aus wieder hergestellt werden. Davis Trietsch, einer der fleißigsten und fähigsten Mitarbeiter in der Bewegung, hat zuerst darauf aufmerksam gemacht. In seinem Jahrbuch Palästina, Jüdischer Verlag Berlin, Jahrgang I, das überaus interessante Mittellungen enthält, kann der genaue Bericht nachgelesen werden. Dr. Herzl's Reise nach Egypten und seine Besprechungen mit Lord Cromer sollen derErwerbungvonWadielAri sch gegoltenhaben. Es wäre von ungeheurer Wichtigkell, es hieße im wahren Sinne des Wortes: Geschichte machen, wenn da einmal nach so langem planlosen Trerben auf stürmischem Meere der Ruf „Land" aus dem Mastkorbe ertönte, nach meiner Parole: wechiper admossau ammau, zuerst das Land, dann das Volk. Jedenfalls muß etwas geschehen, damit „das große Aktions-Komitee" kein lueus a non lucendo und der Zionismus kein bloßes Ideal bleibt nach der Definition des Grafen Taaffe: Ideale sind nur dazu da, um nicht erreicht zu werden. Ohne greifbare Taten, mit bloßen Deklamationen wird die Bewegung sich nicht halten lassen. Die Juden sind die größten Idealisten, denn sie leiden für die Idee, aber auch die eien Realisten, denn dieses Ideal hat eine reale s: Palästina. Der bisherige Verlauf entspricht den hochtönenden Versprechungen keineswegs, Als der erste Kongreß durch dm ästestm Privatier als Asterspräsibenten eröffnet wurde, fiel die mehr als kühne Phrase: Wir könnm auf dm Eselreller nicht warten (im Talmud wird der Messias als Armer, der auf einem Esel rellet, dargestellt). Das war eine arge Provokation der Gläubigen. Ich wollte dagegM remonstriren. Da man, wenn man mit sich allein ist, auf Europens übertünchte Höflichkell nicht Rücksicht zu nehmen braucht, sagte ich mir: Du hältst sein säuberlich den Mund, bringst keinm Mißton in die Harmonie und siehst zu, was der Esel ohne dm Reller fertig bringt. Sell 7 Jahren steht das Ding noch immer auf demselbm Flecke. Das kann nicht so weiter gehen. Dm Charter bekommm wir nicht. Der Schell ul Islam wird es aus religiösem Fanatismus nicht zulassen. Ich habe aus sehr ernst zu nehmmdem Munde die Aeußerung des Pascha mitgeteilt erhallm: Wir wollm gar nicht die Restauration Palästina's, denn da nimmt es uns der erste Beste weg. Außerdem ist die Türkei in ihrer Dekadmz ganz und gar von Rußland abhängig, das seine Hand immer drückender auf das Lcmd legt. Bei dm naturalistischen Tendenzen des Zionismus könnm wir nur mit England und Amerika Fühlung suchen. Wadi el Arisch gehört zum allen Palästina, aber politisch zu England. Man muß es nehmen, nicht um endlich einmal etwas Praktisches getan zu haben, sondem weil damit eine Tat vollbracht wäre. Der Talmud sagt: Als Salomo die Tochter Pharao's heiratete, da schlug Gabriel einm Pfahl in's Meer, der setzte Schlamm an, daraus wurde Festland, auf welchem dann Rom erbaut wurde. Spielen wir keine Vogel-Straußpolitll, unsere Feinde, und wir sind das bestgehaßte Volk auf Erden— haben Argusaugen. Aber wir habm auch Freunde, und England hat Interesse aller Art an der Festsetzung fähiger und trmer Untertanen in der Levante. Das Baseler Programm wird dadurch nicht im Mindesten tangiert. Es ist auch kein Dogma, am allerwenigsten ein Schulchan Aruch. Und wenn die neologen Zionisten dem Letzteren so manches Schnippchen schlagen, so sehen wir Konservativen nicht ein, warum das dem Programm nicht widerfahren dürfe. Turbulente Elemente, wie die unreifen russichen Studenten, dürfen da nicht wieder die hohe Geige spielen, wie. beim Cypernprojekt, das nur ein irregeleiteter, falscher Idealismus verwerfen konnte. Nun ist. zwar mit Vernunftgründen sehr wenig auszurichten. Aber wir haben auch die Macht, mindestens ebensoviel zu tun, als das große Aktionskomitee bisher geleistet hat. Angesichts der furchtbaren Lage im Osten werden diese ewige Deklamationen am Ende als blutiger Hohn aufgefaßt. Laßt Euch nur ruhig die Gedärme austrennen, wir tanzen dafür einen zionistischen Cake-wall, den Ihr in Eurem Leben noch nicht gesehen habt. Also! Es muß etwas geschehen, nur keine Wohltätigkeitsaktion. ßeneficia non obtruduntur! Wohltaten dürfen nicht aufgezwungen werden. Gebt den Juden Land und volle Freiheit, auch Religionsfreiheit, und lasset sie nach ihrer Fayon selig werden. Abstrahiert einmal von Eurer Rayen- und Religions-Angehörigkeit! Stellet Euch vor, Ihr wäret Engländer und bloße Philantropen, die sich sagen: Dieses bedauernswerte Voll hat für seine Ideale so viel gelitten, daß es verdient nach seiner Art einmal in Ruhe leben zu können. Helfen wir ihm dazu, soweit wir können. Es hat ja ein wunderbares Organisationstalent und Self-Governement in allen Zonen und Verhältnissen bewiesen. Kann es das nicht mehr, so ist es seine eigene Schuld. Also fort mit dem Bureaukratismus, den widerwärttgen Stellenjägern, Halbrenegaten und Schürzenjägern, die dem Juden verhaßter find, als der russische Prystar, den er sich mit einem Rubel vom Halse schaffen kann. Versorget auch keine Schnorrer und glaubet nicht, daß die Landstreicher deshalb kulturfähige Elemente sind, weil sie keine Religion mehr achten. Die Fehler, die alle bisherigen Verbindungen in und außerhalb Palästina's gemacht haben, dürfen nicht wiederholt werden.; ' Wird man die Mahnungen der Orthodoxen ohne Hintergedanken mit gutem Willen beachten, - dann ist es gut. Wenn nicht, so werden wir uns selbst zu helfen wissen. Eine Schabvs-Nachmn-Betrachtnng. Die letzten Wochen waren dem Andenken unseres nationalen Unglücks geweiht, das wir in all seiner Herbheit 1 und Bitternis, mehr als sonst, im Jahr, in der Zeit „zwischen den Marken" empfinden, in der Zeit, da vor nunmehr fast 2000 Jahren wir aller Selbständigkeit bar hinausgetrieben wurden in eine Welt, die uns nur Feindschaft, Hohn und Spott entgegenbrachte. Am 17. Tamus begannen die „drei Wochen", in denen wir auch äußerlich der Trauer Ausdruck gaben,' die unser Inneres erfüllt. Und am Tischo b'af da zog uns der Schmerz zu Boden, damit aussprechend, daß wir an diesem Tage die Macht verloren haben. Und auf diesen Tischo b'af mit seinen Kinot, diesen Meisterwerken jüdischer Dichter, die bald eligisch schwermütig die vergangene Pracht Zions uns vor's Auge sühren, bald in wildtobendem, stiirmischem Weh die Zerstörung unseres Heiligtums beklagen — aus diesen Tischo b'af folgt ein Sabbat Nachmu, ein Trostessabbat. Es ist in der dazwischenliegenden Woche alles beim alten geblieben, und doch atmen wir freier auf, und doch, sehen wir freudiger in die Zukunft. Vielleicht dürfte gerade darin das Trostreiche des Schabos Nachmu zu suchen sein, daß ihm ein Tischo b'af vorangegangen. Liegt doch schon ein hoher Trost darin, daß es noch Menschen giebt, die um Zion klagen und denen die jüdische Vergangenheit nicht fremd geworden. Solange der Tischo b'af richtig gewürdigt wird, solange ist auch die an den Schabos Nachmu sich knüpfende Hoffnung eine berechtigte. In diesem Sinne dürste das Wort unsrer Weisen ganz buchstäblich genommen werden: „Wer da trauert um Jerusalem, der sieht auch dessen Trost." In der Trauer selbst liegt die Garantie für das endliche Aufhören derselben. Vor allem aber dürfte es von hohem Interesse sein, den in der heutigen Trostes-Haphtora geschilderten Jdealzustand Israels etwas näher zu betrachten, und daraus zu erkennen, wie nah und wie fern wir heute von der Zeit stehen, in der dieses Ideal sich, realisiert haben wird. Es ist vor allem nicht allein Judas Geschick, das Jesaias voraussieht, sondern die Morgenrots-Hoffnung der Menschheit ist's, die er hier verkündet. Diese Tatsache legt uns den Gedanken nahe, wie das letzte Ziel der Gotteswaltungen mit Israel doch nur der Aufbau des Gottesreiches unter allen Völkern der ■ Erde, und die Sammlung der Gesamtmenschheit zu Gott ist. Wenn der Gottes - Ruf ertönt, dann muß überall dieser Stimme und dem was sie verlangt, Platz gemacht werden. „Die Wüste geebnet, die Einöde mit einem Weg durchzogen, Tal zu Berg, und Hügel zu Tal, gerades krumm, und krummes eben." Alle Verhältnisse und Umstände müssen dem Gotteswillen angepaßt werden, nimmer aber darf unsere Tora, diese Gottesstimmc par excellence, irgendwie nach Zeit und Ort, nach irgend welchen menschlichen, irdischen Verhältnissen, umgemodelt und abgeändert werden. Dann erst, wenn wir uns entschlossen haben, ganz rückhaltslos unbeirrt von Allen, Gottes Stimme als einzig maß-' gebenden Faktor in unserem Leben zu betrachten, dann wird sich, die einzig beglückende Wirkung der Befolgung des göttlichen Willens zeigen, dann „offenbart sich, Gottes Majestät und jeder Körper erkennt, daß Gott gesprochen." Noch 'aber haben wir diese Wahrheit der Menschheit zu verkündigen. „Verkünde," erschallt eine Stimme. „Was soll ich. verkünden? Mles Fleisch, ist Gras und alle seine Gnade, wie die Blume des Feldes." „Bosor", der Körper, ist als Vermittler zwischen dem unsichtbaren Geiste und der sichtbaren Außenwelt, Symbol dafür, daß die Menschheit Vermittler des göttlichen Willens auf Erden sei. Statt dessen ist sie aber nur „Chozir", nur „Gras"; was in ihr reift, hat keine Zukunft, und in ihr feiert das Reinmenschlich-Göttliche keinen Frühlingsanfang seiner Fruchtreife. „Und seine Gnade wie die Blume des Feldes." Gewiß ist auch die Feldblume schön und erfreut durch ihre Gestalt, Farbe und Dust, gleich der sorgsam gezogenen, gepslegten Gartenblume. Allein nichtsdestoweniger ist sie ein Produkt des Zufalls. Und wie sie ihre Entstehung dem Zufall zu. verdanken hat, so ist auch, ihr weiteres Bestehen Sache des Zufalls. Und das wäre ein schlechter Ackersmann, der auch nur einen Moment zögerte, die Feldblume auszureißen, sobald nur irgend etwas anderes nutzbringendes an deren Stelle gesetzt werden kann. ,. Giebt es ein - treffenderes Bild für die Stellung der edelsten. Blüte reinen Menschentums in jenen Kreisen, wo . nicht das göttliche Pflichtgebot herrscht und ihre Erfüllung nicht als oberstes Diktat eben dieseß Pflichtgebotes kategorisch ihre Verwirklichung fordert. Nur die kleinste Ovportunitätspflicht und — die Feldblume muß weichen, ihr ganzes Bestehen ist .'ja nur was zufälliges. .. Doch, nicht wo die. Entfaltung der Keime des Reinmenschlichen als „Feldblume" als etwas Sekundäres, etwas Untergeordnetes betrachtet wird, und geachtet wird, reist. die Zukunftshoffnung der Menschheit. Trotz allen Glanzes der Knlturentwicklung und trotz allem Triumphe des menschlichen Geistes hat erst dann die Menschheit ihr Ziel erreicht, wenn sie es. gelernt hat, die Dinge nur nach ihrem inneren ethischen Gehalte zu bemessen. Und diese Lehre von dem absoluten, alles Andere bedingenden, durch nichts anderes bedingten.Werte des göttlichen Willens, der Tora, durch Wort und Beispiel durch die Welt zu tragen, ist 'unser Berus und dieses. ist die Lehre des — — Schabos Nachmu. —a— Ein Spaziergang durch Salonik. Es verlangt ein wenig Selbstkasteiung, ungeachtet der schweren Augusthitze durch die Straßen einer Hügelstadt, wie Salonll auf und ab zu pilgern, um Bild nach Bild, Szene nach Szene zu erhaschen und so eine zusammenhängende Vorstellung dessen zu gewinnen, was als Eigenart in der Erinnerung haften darf. Doch Geduld und Liebe zum Spüren und Suchen lassen in den Städten des Orients selten eine Streife durch holprige Gassen, über sonnige Ruinenfelder unbelohnt und drängen immer zu neuen Wanderungen nach versteckten Winkeln und Heimlichkeiten. Da tun sich so manches mal die Tore der Behausungen auf und lassen den Blick über ihr Inneres schweifen, da ladet ein gastliches Wort znm Verweilen in Hof oder Vorhalle, da verrät oft genug das Spiel der Kinder an den Türen, in den Gärten und an den, Brunnen durch Wort und Art das Wesen, das einer uns fremden Rasse innewohnt, da wird zur Zeit der Mund derjenigen beredt, welche die Neugier zum beschaulich durch ihre Gassen Wandernden treibt, der Mund des Bettlers, der auf den Gräbem der inmitten der Häuserreihen sich bettenden Kirchhöfe sitzt und, sich heimisch fühlend inmitten der Zeichen der Vergänglichkeit, der Almosen wartet, der Mund des ernsten Jmöms, der unter der Pforte seiner Moschee grübelnd zu Boden starrt, der bedächtigen Alten, die im Schatten einer Cypresse geborgen, alles Gegenwärtige sinnend an sich vorüberziehen lassen. Und schreitet im Gefolge der Neugier das Vertrauen, da werden dem Forschenden im Geplauder mit ihnen Gedanken und Dinge kund, die sonst dem Fremden vorsichtig verschlössen bleiben. So zog ich abseits der belebten Berkehrsadem und der geräuschvollen Bazare durch die stillen Gaffen des jüdischen Viertels von Salonik, die reichlich die Hälfte seines Stadtfeldes füllen, so kletterte ich zwischen verwilderten Buchsbäumen und Oleandern den östlichen Hang zum Burghügel empor, über den die Türken wie zumeist auf dem Balkan und namentlich in Kleinaflen aus Hang zu idyllischer Behaglichkeit ihre von Baum und Busch umfriedeten Häuser verstreut haben, so kehrte ich ein in die kühle Dämmernis der Moscheen, in deren Hallen in heimlicher Herrlichkeit mit Säulen und Kapitälen der Glanz spätgriechischer Kunst sein Leben führt, und ruhte auf der Höhe, von weit sich spannender Platane geschützt, auf der Plattform eines Daches, mit den Blicken die weiße Bai messend, die