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Neue jüdische Presse · 1903-08-07 · Heft 40 (7.8.1903) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 40 (7.8.1903)
Date
1903-08-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Abonnementspreis Mk. 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen SO Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) 'Postzeitungsliste 8741. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband Mk. 1.50 vierteljährlich lAusland Mk. 2.—). Redaktion und Haupt-»Expedition: Frstnkfrrrr «. Ml. Bergerstrshe 28, parterre. -o0t»a- Herausgeber: Kaly Geis. I Jnfertionspreis für die viergespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklame-Zeile Mk. 1.—, tm kleinen Anzeiger (Familien-Nachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, Mk. 5.— bis 8.— daS Tausend. b ~ ~ — ■■=-= =■ - ■ -a Ko. 4«. Freitag, Sen 1t. «w 5663 <7. August 1903». Ko. 4». Mtzonnernerrks auf das „Frankfurter, Israel. Familienblatt" nehmen für Augusts September sämtliche Briefträger und Postanstalten Deutschlands und Oesterreichs zum Preise von VS Pfennig einschließlich Bestellgeld entgegen. Wir machen darauf aufmerksam, daß wir demnächst mit der Veröffentlichung eines neuen Feuilletons beginnen. Wir haben Ein Schüler Spinozas, Erzählung aus dem Amsterdamer Ghetto von Hennh Rosenbaum, erworben. Diese Erzählung wird mit Recht das Jntereffe unserer Leser in Anspruch nehmen, denn die Erzählerin löst nicht allein das sich gesetzte Thema und bringt so dem Leser einen ethischen Gewinn, sie weiß auch vom Anfang , bis zum Ende ihr Publikum in spannender Erwartung zu halten. Redaktion des Frankfurter Israelitischen Familienblattes. Der sechste Aiomsten--Kongretz. Von Ähron Marcus. ' - Sonntag,, den 23. August, wird in Basel der sechste Zionisten-Kongretz eröffnet. Die Tagesordnung ist bekannt gegeben, aber es läßt sich Voraussagen, daß außerdem drei Gegenstände dieselbe beherrschen werden, und zwar: 1. Kischinew.; 2. Die Spaltung im zionistischen Lager zwischen Gesetzestreuen und Neologen. 3. Wadi el Arisch. 1. Kischinew. Das Maffacre von Kischinew hat mit unheimlich grellem Lichte die unhaltbare Lage der jüdischen Diaspora in Osteuropa in ihrer ganzen Furchtbarkeit vor das Auge gerückt. Jeder human denkende Mensch hat das ' Gefühl, daß Etwas geschehen muß, um diesen seit einem Bierteljahihundert fast ununterbrochen fortgesetzten .Ausbrüchen barbarischer Leidenschaften die Opfer zu. entreißen. : Aber alle Auswege sind verrammelt; und so bleibt das Auge des Philantropen auf dem Zionismus hasten, der' seit Jahr sind Tag bemüht ist, den richtigen Ausweg aus , diesem Läbyrint von Jammer ausfindig zu machen. Kischinetv wird den Kongreß anspornen, nach Fahren der Propaganda zur energischen Tat zu schreiten. Hoffen wir, daß die diesbezüglichen Kongreßbeschlüge zum Segen' der jüdischen Gesamtheit sich verwirklichen. ° 2. Die gesetzestreuen Zionisten. Innerhalb der zionistischen Partei bereitet sich durchweg eine Vereinigung der gesetzestreuen Elemente vor. ' Die gesetzestreuen Zionisten Rußlands haben bereits den Anfang gemacht und haben eine gesonderte Gruppe unter ' dem ‘ Namen „Misrachi" gegründet. Für, den Zionismus .bedeutet diese Trennung keine Schwächung. Im Gegenteil: Getrennt marschieren, . vereint schlagen, ist eine Taktik, die bei reinlicher ‘ Scheidung von Natur aus gegensätzlicher Elemente 'unter neutraler-Leitung praktische Erfolge verspricht. Als Vorbild haben wir die gemeinsame Hilfsaktion des seligen Moses Montefiore mit CrSmieux im Jahre 1840. Die Gesetzestreuen waren damals noch fromm, gelehrt und tolerant genug, um an der Verbindung so heterogener Elemente im Jntereffe des Judentums und der Humanität nicht den leisesten Anstoß zu nehmen. Ja, hört man, heute ist das ganz was anders. Heute handelt es sich um eine nationale Bewegung. Die Zionisten möchten am liebsten Karabiner gebrauchen, wie Garibaldi und seine Tausend von Marsala. Eine nationale Erhebung, auch in der allerstiedlichsten Form, die der Ankunft des Messias vorgreift, sei durch das Religionsgesetz verboten. Wo dieses Verbot zu finden sei, hat noch kein Rabbiner nachgewiesen. Der gesetzestreue Zionist, der das Gesetz kennt, findet in der Mischna. Maasser Scheni V, 2, der dazu gehörigen Erklärung des Talmud Jerusalemi und der Auslegung durch die unanfechtbare Rabbinerautorität des Toyafot Jomtow an Ort und Stelle gerade das Gegenteil mit einer Deutlichkeit ausgesprochen, an der keine Rabulistik der Welt etwas ändern kann. Das letzte Shnedrion vor der Zerstörung des Tempels hat nämlich eine Verordnung erlagen für die Eventualität, daß der Tempel vor der endgiltigen Erlösung unter der Oberherrschaft einer fremden Macht, wie zu Chrus Zeiten, wieder erbaut werden würde. Da es unter solchen Umständen kein durch die Semicha (Weihe von Generation zu Generation) autorisiertes Synedrion geben könnte, das zu selbständiger Aenderung der bewegenden ersten Verordnung oie nötige Autorität besäße, ist für diese Eventualität durch eine spezielle Verordnung vorgesorgt. Die Sache hat einen doppelten historischen Untergrund und zwar einen zur Zeit der Mischnah. einen zweiten zur Zeit des Talmud. Wie nämlich talmudische und römische Geschichtsquellen in Uebereinstimmung berichten, hatte Hadrianus bei Antritt einer Regierung 118 die Absicht, den Wiederaufbau des Tempels zu gestatten. Die Sammlungen dafür erfolgten öffentlich unter Leitung des Pappus und Julianus. Seine spätere Weigerung hatte die furchtbare Erhebung unter Bar Kochba zur Folge, welche R. Akiba durch seine Reisen vorbereitet und durch seine Autorität sanktioniert hatte. Das Mißlingen derselben hat seiner Autorität nichts geschadet. Zu seiner Zeit war also die agadische Auslegung des Verses Schkr haschirim: Ich beschwöre Euch — Ihr sollt nicht mit Sturm gehen. „Io taalu bachomah", noch nicht Ausgesprochen. Sie wurde auch niemals in die Halacha ausgenommen. Ein noch heute zu Recht bestehender Gebrauch, das Meyer dor dem Segensspruch nach dem Essen vom Tische zu entfernen, wird im Schulchan Aruch auf die vom Jerusalemi berichtete Tatsache zurückgeführt, daß die von der Katastrophe von Betar Zurückgebliebenen, sich, wenn sie zu dem dritten Segensspruche kamen: Und erbaue Jerusalem, die. heilige Stadt, — bald in unseren Tagen — aus Verzweiflung das Meffer in die Brust zu stoßen pflegten. 243 Jahre später erneuerte sich die Bewegung. Der Kaiser Julianus, der den Patriarchen Hillel Ü. aus davidischem Hause in einem Schreiben seinen lieben Freund und Bruder nennt, hatte die Erlaubnis zum Wiederaufbau des Tempels gegeben. Derselbe wurde jedoch durch seinen Tod im Kampfe gegen die Parther vereitelt. Der Talmud, von der unerschütterlichen Gläubigkeit des jüdischen Volkes überzeugt, war so wenig nervös, daß er eine Aeußerung dieses Patriarchen der Nachwelt übermitteln zu sollen glaubte, die derselbe im Ausbruch der Verzweiflung getan, daß die so nahe geglaubte Erlösung wieder in die unendlich scheinende Nacht des GoluS verschoben sei und begleitet dieselbe nur mit dem Ausdruck „Schare leh mareh! Möge ihm sein Herr verzeihen! Dse durch die Propheten verkündeten Verheißungen find unverbrüchlich." Nach der Katastrophe von 1492, als Sultan Soliman die aus Spanien vertriebenen Juden mit offenen Armen aufnahm und ihnen die größte Autonomie im heiligen Lande einräumte, ging R. Jakob Berab, das damalige Oberhaupt der Palästinenser daran, ci» Synedrion zu schaffen, und dasselbe auf Grund einer 'Ansicht Maimonidis mit der nötigen Autorität für den Wiederaufbau des Tempels auszustatten. Das Alcharim (die Omarmoschee) war damals noch nicht erbaut. Der Plan scheiterte an dem Widerstande eines Jerusalemer Rabbiners, wie Berab behauptete, aus verletzter Eigenliebe. Vor—«twa^Iv—Jochk»», äls^^Mehemet Ali und Ibrahim Pascha Palästina unter egyptische Herrschaft gebracht, der Türkei entrissen hatten, wollten dieselben den Juden den Tempelberg zurückgeben. Ein Responsum des berühnrten Frankfurter R- Moses Sofer - Preßburg I 31 beantwortet die Anstage wegen des Korban Pesach mit begeisterter Zustimmung. Aber so anerkannt seine Autorität nach seinem Tode dasteht, bei Lebzeiten fanden sich Rabbiner, die ihrem Naturell nach das Gegenteil behaupten mußten. Selbst diese äußersten Konsequenzen, von denen heute doch nicht im Entferntesten die Rede ist, können von ernsthaften Gelehrten nicht als unerlaubt erklärt werden. Ein zweiter Einwand gegen das nationale Gewand, in welchein die Bewegung auftritt, ist der, die Juden seien überhaupt keine Nation, sondern nur Konfession. Das ist Tendenz. Nation, von na&- cere, gebären, bedeutet die durch Geburt zusammengehörige Gemeinschaft der aus der Familienzelle zu Stamm und Volk erweiterten Nachkommenschaft. In diesem Sinne ist Israel Nation par ex» ceilence, vielleicht die einzige heute bestehende. Denn kein Volk hat die Familienangehörigkeit und die Reinheit der Ehe in ähnlichem Maße zum ersten religionsgesetzlichen Axiom erhoben. Im Gegensatz zu den kosmopolitischen Systemen des Christentums und des Islam, welche durch die vielen Jahrhunderte der Diaspora durch ihre Verfolgungen gerade diese Abschließung des Judentums so merkwürdig gefördert haben. Daß diese Inzucht durch Jahrtausende selbst durch die Reform nicht erschüttert werden konnte, welche durch Sanction der Mischehen in diese Mauer Bresche zu legen versucht hat, beweist die moderne statistische Wissenschaft durch das Hybridentum, das für diese Rassenmischung konstatiert . ist. Ein dritter, weit vernünftigerer Einwand, ist auf konfessionelle Befürchtungen gegründet. Wie können orthodoxe Juden mit Irreligiösen gemeinsam an einem so eminent religiösen Werke arbeiten, ohne die Religion zu gefährden. Der Einspruch ist niederschmetternd, nicht nur, wo er ernsthafter Befürchtung entspringt, sondern auch, wo er Tendenz verhüllt. Denn Tendenz ist es, wenn ich sage, ich kann mit Nordau nicht gehen, der eine Christin geheiratet hat und verbinde mich daher gegen den Zionisinus mit der Reform, welche die Mischehen sanktioniert. In Australien, Südafrika, Amerika und denjenigen Ländern West- und Mitteleuropa's wo die Religiosität nichts mehr zu verlieren hat» fällt der Einwand nicht nur weg, sondern ist der Zionismus zwar nur ein Surrogat, aber doch ein Bundesgenosse des Judentums. Daher diese wütende Gegnerschaft der Assimilationsparteien. Ein Bündnis der Gesetzestreuen mit denZionistengegendieAssimilantenist deshalb bei weitem nicht so unlogisch als das umgekehrte. Aber im Osten, da besteht die Gefahr, daß die Elemente, welche der kräftige Organismus des Judentums bisher von sich abgestoßen hat, durch den Antisemitismus zurückgeworfen, ihre destruktive Arbeit unter nationaler Maske fortsetzen. Man darf aber wegen der Wanzen das Haus nicht in Brand stecken. Man muß aufmerksam sein, fleißig scheuern, die Fenster ojfen halten, aber auch die Augen und den Verstand. Wie beim Prairiebrand Jaguar und Hirsch Abonniert das Frankfurter Israelitische Familienblatt!

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