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Neue jüdische Presse · 1903-07-31 · Heft 39 (31.7.1903) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 39 (31.7.1903)
Date
1903-07-31
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 39. anwesenden Damen überstrahlte. Es war hier selbstverständlich, daß sic nicht recht mit znr Gesellschaft gezählt wurde. Elisabeth, die das mit feinem Takt wohl hcrausfühlte, bemühte sich zwar aufopfernd um sic und erschöpfte sich in Aufmerksamkeiten. Dennoch bemühte sie sich vergebens, dieses schmerzliche Lächeln, das wie erstarrt auf Judiths schönen Zügen lag, zu verscheuchen. Sie konnte cs auch nicht hindern, daß ihre geliebte Lehrerin von ihrer Ecke aus uiit schmerzlicher Deutlichkeit beobachtete, Ivie Siegmund sich mit Melanie Ostberg angelegentlich unterhielt, und es lies; sich nicht leugnen, daß Fräulein Melanie ein sehr hübsches, ' brünettes Mädchen, wohl befähigt war, einen wenn auch anspruchsvollen Mann zu fesseln. Und die junge Dame schien gar nicht abgeneigt, sich in den Sohn des Hauses zu verlieben. Judith war so in diese Betrachtungen vertieft, daß der' Diener erst zweimal ihren Namen nennen mußte, ehe sie auf ihn aufmerksam wurde. Die gnädige Frau lasse bitten, das Fräulein jetzt zu begleiten. Fräulein Elisabeth solle sich bald aus der Gesellschaft znrückziehen, da cs die erste Festlichkeit sei, der sie beiwohne. Erleichternd aufatmend, erhob sich das junge Mädchen. Nun hatte auch für sie bald die erlösende Stunde geschlagen. Sie hoffte, sich gleich nach dem Vortrage entfernen zu können. Bald darauf saß sie an dem geöffneten kostbaren Flügel, und manches Auge ruhte wohlgefällig auf der lieblichen Spielerin, deren Gesichtsausdruck so wenig mit den muntern Weisen harmonierte, die ihre schlanken Finger den Tasten 'entlockten. Elisabeth sang allerliebst und erntete wohlverdienten Beifall. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) A«s unser» Tagen von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) „Meine Wern wären glücklich, wenn ich ihnen Fanni als Tochter zuführen würde." ■ „Das glaube ich und das hat auch mein Vater bereits vor drei Jahren geglaubt, als er mir das Dir bekannte Versprechen abgenommen hat, nie zuzugeben, daß meine Schwester einen Mann heirate, der' nicht sämtliche Vorschriften des jüdischen Gesetzes strengstens beobachtet. Nur wenn ich mich überzeugt hätte, daß der Betreffende mindestens ein volles Jahr sich nach keiner Mchtung hin etwas zu Schulden habe kommen lassen, nur dann dürfe ich seine Verbindung mit meiner Schwester gestatten. Nachdem ich Dir nun vor ungefähr zwei Monaten auf Deine Frage die Bedingungen meines Vaters in Bezug auf die Verheiratung meiner Schwester mitgeteilt, hast Du, wie Du mir gestern mitgeteilt, den festen Entschluß gefaßt ihre Hand zu verdienen und hast auch sofort mit Deinem früheren unsoliden Leben gebrochen. Aber ich bin trotzdem überzeugt, daß Du Dich weder um die Speisenoch um die Sabbatgesetze gekümmert hast." „Du kennst mich," sagte Felix leise, indem er die Hand des Freundes drückte. .-Freilich kenne ich Dich und eben weil ich Dich kenne, bin ich fest überzeugt, daß Du den sehnlichsten Wunsch Dernes Herzens, ich meine die Hand meiner Schwester nur auf diesem Wege erreichen kannst, nur au; dem Wege, der durch diese Zelle führt. Hier in dieser Dir Glück und Segen bringenden Zelle hast Tu die Wahrheit erkannt, hast es als Deinen Beruf erkannt, Gottesdiener zu fein, hast jenes große Wort, das unsere Voreltern am Sinai gesprochen, wiederholt; naaßch w'nischma, „will wirken und darum aufhorchen!" Felix richtete sich auf, seine Augen leuchteten wieder wie vorhin. „Ja," sagte er hoch ausatmenb, „ich will wirken und darum aufhorchen! Draußen will ich wirken und . hier will ich aufhorchen auf das, was jene hehren Blätter mich lehren und was Du mir noch eingehender erläutern wirst." „Nur sage mir das Eine — Du hast mir soeben mit klaren deutlichen Worten die Hand Deiner Schwester in Aussicht gestellt, wenn ich den Bedingungen, die Dein Vater gestellt hat, entsprechen würde. — Sage mir aufrichtig, ist das Dein Ernst?" „Felix, welche Niedertracht trauest Du mir zu! nicht nur eine gewöhnliche Lüge, sondern eine absichtliche Täuschung in einer Angelegenheit, die Dir ersichtlich an's Herz gewachsen ist! —" „Ach, ich weiß es ja, in gewissen Fällen kann eine Täuschung nicht nur erlaubt, sondern sogar geboten sein. — Du willst mich durch diese Täuschung vielleicht aufrichtcn, weil Du siehst, wie sehr ich heruntergekommen bin." „Dem muß ich nach jeder Richtung hin widersprechen," versetzte Ernst lebhaft, „vor allem schwöre ich Dir, daß mir jedes meiner Worte vollkommen ernst war und ist. Dann aber muß ich entschieden in Abrede stellen, daß Du heruntergekommen bist, im Gegenteil, herauf bist Du gekommen, und habe ich auch Deiner Mutter gesagt, daß Du ihrer nie würdiger gewesen bist wie jetzt." „Aber, aber — ich bin in Untersuchungshaft — bin des Mordes verdächtig. — Wird da nicht für alle Zeiten ein Makel an meinem Namen haften? — wirst Du Dich mit einem solchen Menschen verschwägern wollen?" „Ich will Dir ganz offen antworten, es ist allerdings nicht unmöglich, daß, auch wenn, wie wir mit Zuversicht hoffen. Du freigesprochen wirst, in den Augen der Welt ein gewisser Makel an Deinem Namen bleiben wird, den Du nur durch einen mehrjährigen, makellosen Lebenswandel tilgen kannst. Wenn Du uns daher vollständig fremd wärest und ich nichts weiter von Dir wüßte, als das, was sich in den jüngsten Tagen ereignet hat, so würde ich, so lange mir nämlich als Vormund das Verfügungsrecht über meine Schwester zustcht. Dir ihre Hand verweigern. Da ich Dich aber kenne und von Fugend auf gekannt habe und daher weiß, daß Du abgesehen von Deinem Leichtsinn, ganz herrliche Eigenschaften besitzest, und da Du überdies meiner Schwester einst das Leben gerettet hast, so ist Dir, falls Du das halten wirst, was Du gelobt hast, ihre Hand gesichert, denn ich weiß, sie ist Dir gut." Sprachlos in überqucllcndem Gefühle drückte Felix beide Hände des Freundes au. seine Brust, während er den Kopf Ivieder wie vorhin auf Ernsts Schulter sinken ließ und dieser fühlte warme Tropfen auf seine Hände hcrniederfallen. Innig drückte er die Hände, die die seinen noch umfaßt hielten und sprach leise: „Fasse Dich — mein Bruder! — mein lieber teurer Bruder!—" „Ach lass' mich nur," flüsterte der Gefangene, „mir ist so wohl — so unaussprechlich wohl. — Und fürchte nicht. Du wirst mich nie mehr kleinmütig finden und wenn ich auch noch Monate hier bleiben müßte, denn jetzt bin auch ich von Deiner Ucberzcugung durchdrungen, daß der Weg zu dem von mir so heiß ersehnten Glücke nur durch diese Zelle führt. Hier werde ich lernen, was Du mich schon vor Jahren lehren wolltest. Und wenn Du Dich dann nach einem Jahre überzeugt haben wirst, daß auch Dein Vater mich als Sohn wlllkommen heißen würde — dann—" Von seinen Gefühlen übernianut, verstummte er abermals und erst nach längerem Schweigen begann er von neuem. „Wann wirst Du meine Eltern wieder sprechen?" „Dein Vater wird heute Abend zu mir kommen." „Ich wäre Dir sehr, sehr verpflichtet, wenn Du Maina bald besuchen würdest und wenn Du ihr eingehend unsere heutige Unterredung mitteilen wolltest." Sie unterhielten sich, noch ein Weilchen, dann kam der Wärter und Ernst mußte seinen Besuch beenden. Die Zeit schritt vor, Ende der Woche begann das Passahfest. Obgleich seine Bcrufsgeschäfte sich in diesen Tagen mehr als verdoppelt, hatte Ernst es dennoch ermöglicht, täglich eine Stunde bei seinem Freunde zuzubringen, bis dieser selbst ihn gebeten hatte, sich seinetwegen nicht allzu sehr zu stören. „Di: kannst meinethalben jetzt vollständig unbesorgt sein, mir geschieht nichts Böses und ich tue nichts Böses, wenn Du mich auch einmal einen Tag allein lässest, dort sind meine Wächter," fügte er lächelnd hinzu, indem er auf die auf dem Tische liegenden Bücher deutete, die Ernst ihm geschickt hatte. „Du bist ein Prachtjunge," erwiderte dieser, indem er ihm tief in die leuchtenden Augen schaute, „wie rasch und mit welch inniger Ergebung hast Du Dich in Dein Geschick gefunden." „Wer hat es mich gelehrt?" fragte Felix lächelnd, „Du bewunderst Dein eigenes Werk." Ernst schüttelte abwehrend den Kopf. „Das ist nicht mein Werk, ich habe Dich, nur gestützt, als Du. zu erliegen drohtest, aber diese sonnige Heiterkeit Deines Wesens in diesem engen kahlen Raum, dieser innige Scelcnfticden, der auf Deinen lieben Zügen lagert — ich staune Dich' an," fügte er mit bebender Stimme hinzu." „Du beschämst mich," entgegnete der Gefangene, indem er die Arme um den Freund schlang und den Kopf, wie er cs so gern tat, auf dessen Schulter legte. „Also, wenn Du morgen Wichtiges zu tun hast, so bleibe unbesorgt zu Hause. Du hast mir doch wegen des Scders schon alles gesagt und übrigens habe ich doch auch meine geliebten Bücher, die mich über alles instruieren. Seltsam, zum erstenmal im Leben werde ich das Passahfest mit Bewußtsein feiern, zum erstenmal den Scder geben — im Kerker." Er hatte doch ein leises Beben seiner Stimme nicht unterdrücken können, darum fügte er rasch hinzu „im Kerker, in dem ich schon so viel Großes und Herrliches gelernt habe und noch viel mehr lernen werde. — Ich bin sehr fleißig, Ernst, nicht nur für mich, sondern auch für Fanni, damit sic mich nicht nur lieben, sondern auch achten muß." Er ahnte nicht, daß diejenige, von der er sprach noch immer im. heftigsten Fieber ohne Bewußtsein dalag. Noch eine Reihe von Tagen mußte vergehen, das Passahfest war bereits vorüber, als die Hitze allmählich nachließ und das junge Mädchen endlich mit. vollem Bewußtsein die Augen aufschlug. Aber der Mai war bereits vorüber und die Rosen blühten, als Fanni zum erstenmal das Bett mit der Chaiselongue vertauschte. Jetzt erst hatte Ernst dem Drängen des Freundes nachgcgeben, und ihm offen mitgeteilt, welch' schwere Krankheit seine Schwester inzwischen überstandcn. Tief erschüttert hatte der Gefangene es vernommen urrd hoffte nun mit doppelter Sehnsucht auf die Gerichtsverhandlung, die für Mitte Juni anberaumt war. Im Bewußtsein seiner Unschuld zweifelte er keinen Augenblick au seiner Freisprechung, und sein Verteidiger hatte, dem dringenden Wunsche der Wern entsprechend, ihm seine ernstliche Befürchtung nicht mitgeteilt, hatte ihn nur bringend gebeten vor Gericht, wo der Entrüstungsschrei gekränkter Unschuld nicht selten mit schamloser Frechheit verwechselt werde, selbst gegenüber der schwersten Beschuldigungen seine Mäßigung nicht zu verlieren. Mit der unerschütterlichen Ruhe des Angeklagten kontrastierte die maßlose Aufregung seiner Angehörigen und seines Freundes, denn ihnen hatte der Verteidiger nicht verschwiegen, daß er bei der gegenwärtig in der Stadt herrschenden antisemitischen und antikapitalistischen Stimmung ein Freispruch kaum zu erwarten wäre, man sich vielmehr auf Verurteilung wegen Todschlag gefaßt machen müsse. Er werde jedoch sofort die Nichtigkeitsbeschwerde anmeldcn, worauf nach den Gerichtsserien vor einem "andern Gericht eine abermalige Verhandlung stattfinden müsse, wobei es vielleicht eher möglich sein könne, einen Freispruch zu erreichen. Der Tag der Entscheidung ivar gekommen, der ziveite Verhandlungstag. In der ganzen Stadt herrschte fieberhafte Auftcgung, alle Tagesblätter hatten spaltenlange Berichte über die gestrige Gerichtsverhandlung, die durch die nochmalige Erzählung des unglücklichen Ereignisses, das vor einigen Monaten so vielen Staub aufgewirbelt hatte, eingeleitet waren. Es war gegen Mittag, Ernst, der die ganze Nacht schlaflos verbracht hatte, war in gedrücktester Stimmung, bereits am Morgen fortgegangen, er wollte dem Freunde heute so viel als möglich zur Seite sein und dessen unglückliche Eltern stützen. Auch Ella war kaum imstande, ihre Aufregung zu verbergen, sie hielt sich daher heute mehr als sonst fern von ihrer Schwägerin. Fanni lag im Wohnzimmer auf der Causeuse und unterhielt sich mit ihrem kleinen Neffen, der um sie herum spielte, ihr sein Spielzeug brachte und wieder fort nahm und dergleichen mehr. Sie hatte dem lieblichen Bübchen aus einem Bogen Papier einen Generalshut gemacht, worüber der Kleine eine übernräßige Freude hatte, Fortwährend nahm er den prächtigen Hut ab, machte seinen „Diener" und stülpte ihn sich wieder auf das Köpfchen, und da er bei dieser Beschäftigung keinen Augenblick inne hielt, war es sehr begreiflich, daß der schöne Generalshut sehr bald in die Brüche ging. Mit schmerzlichem Staunen betrachtete das Bürschchen den großen Riß,- der die herrliche Kopfbedeckung in zwei Teile gespalten hatte- Aber das gescheidte Kerlchen wußte sich zu Helsen, spornstreichs rannte es in das offenstehende Nebenzimmer und kam gleich darauf mit einer auseinandergerissenen Zeitung zurück. (Fortsetzung folgt.) Sprechsaal. Eine Erwiderung des „Einsenders" B. an den Verfasser des „Eingesandt" X. 9). Herr 3t'. 9). hat unsere Ausführungen in dem Artikel: „Unser Stolz und unsere Hoffnung" einer Erwiderung gewürdigt; er hat es aber in einer Art und Weise getan, die uns einer Antwort überhebcn könnte. Ucberdies hatte er nicht einmal die Geduld, uns ausreden zu lassen und fiel uns in die Rede, was bekanntlich, nach Ansicht unserer Weisen, gerade kein Zeichen großer Weisheit sein soll. . . . Nur dem Umstande, daß wir befürchten, er könnte tatsächlich nicht der einzige Leser sein, der seine Ansicht teilt, hat er cs zuzuschreiben, wenn wir uns zu einer Antwort genötigt sehen, dem weiteren Umstande aber, daß wir uns in ernsten Tagen befinden, verdankt er cs, wenn wir uns bemühen, möglichst ernst zu bleiben. Herr £. 9). beginnt nämlich seine Ausführungen mit dem originiellen Satze: „National ist das ureigenste Wesen einer Nation, ist das, was die Nation zur Nation macht." Wenn wir nun in diesem schönen Satze das Adjectiv-Nomen: „National" in seinen ursprünglichen Nomen „Nation" zurück verwandeln, so lautet er dann: Nation ist das ureigenste Wesen einer Nation, ist das was die Nation zur Nation macht. . . Auf Grund dieser neuen Erkenntnis baut nun Herr T. 9). seine Theorie von der jüdischen Nationalität auf, die seiner Ansicht nach, „etwas ganz anderes bedeutet, als bei anderen Völkern." Wir gestehen, daß wir trotz der lichtvollen Auseinandersetzung des Herrn X. 9). den Unterschied noch nicht begreifen konnte». Wenn man von Nation spricht, pflegt man gewöhnlich auch an die Bedeutung dieses Wortes zu denken, das soviel als geboren werden (nasLera) heißt. Deutlicher ist der Begriff im Hebräischen, wo er mit „L'um" — Nation bezeichnet wird. Das Grundwort ist „Eim" — Mutter; ebenso im Arabischen, wo cs „Umun" von „Jmun" — Mutter, abgeleitet wird. Die Bedeutung dieses Wortes ist also: die Sippschaft, die Verwandtschaft und ihr ganzer Kreis — das Volk! Die nationalen Pflichten sind demnach in der natürlichen Moral begründet. Schiller läßt in „Wilhelm Teil" (zweiten Auftritt) Bertha den Rüdenz seine Untreue gegen sein eigen Volk Vorhalten mit den Worten:

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