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Neue jüdische Presse · 1903-07-31 · Heft 39 (31.7.1903) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 39 (31.7.1903)
Date
1903-07-31
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 39. Aschaffenburg. Die „Bamberger'sche israelitische Knaben-Erziehungs- und Unterrichts-Älnstalt'' versendet soeben den Jahresbericht für das Schuljahr 1902/03. Die Anstalt umfaßt: 1. eine Jnstitutsschule für Knaben mit hebr. Unterrichte in Latein. Französisch. Englisch und Zeichnen. 2 eine Arbeits- und Nachhilfeschule für Schüler der Mittelschulen. 3. ein Pensionat für Schüler des Gymnasiums, der Realschule und der eigenen Schule. Dem Unterricht in der Jnstitutsschule liegt der von der Kgl. Regierung genehmigte Lehrplan zu Grunde, der durch bas Direktorat zu beziehen ist. Das Internat hatte in diesen: Jahre 15 Zöglinge, die Schule wurde von 29 Schülern besucht. Ein Schüler der Ausländerabteilung wurde für die 5. Kl. /Obertertia) des human. Gymnasiunis vorbereitet, ein Schüler trat nach beendeter Vorbereitung in unserer Schule mit Beginn des S. S. in das hiesige Technikum ein, ein anderer Schüler ging sunt Geschäft über. Die Bamberger'sche Anstalt befindet sich erfreulicher Weise in fortschreitender Entwicklung. Da der Name der Direktoren für eine jüdisch-religiöse, gewissenhafte Erziehung bürgt, so wünschen wir der Schule ein weiteres Gedeihen und Ausbreiten. Berlin. Bon 737 jüdischen Männern, die sich hier im Jahre 1902 verheiratet haben, haben 122 (—17 “/«,) Christinnen und von 695 jüdischen Frauen 80 Christeit geheiratet. Bonn. Wir haben kürzlich von einem Borstandsmitgliede und zwei Repräsentanten der hiesigen jüdischen Gemeinde berichtet, die ihre Kinder haben taufen laffen. Die Kinder der Vorstandsmitglieder sind freilich vorläufig noch nicht getauft, sondern erhalten einstweilen erst lutherischen Religionsunterricht. Uebrigens sind Taufen an der Tagesordnung, besonders unter den hiesigen Universitätslehrern. Namen, die einst in der jüdischen Gelehrtenwelt glänzten, gehören jetzt dem Ariertum katholischer und protestantischer Konfession an. Man braucht nur an die Zunz, Sulzbach, Ungar u. a. zu erinnern. Daß die sämtlich getauften Cohen, Hertz usw. ihre jüdischen Namen beibehalten, beweist eine gewisse Konsequenz, die man bei ungetansten Juden oft vermißt. Daß die Kinder sämtlicher jüdischer Professoren mit Ausnahme eines einzigen getauft sind, spricht am deutlichsten für den „jüdischen" Geist, der in diesen Kreisen herrscht. Trotzdem sind alle diese Universitätslehrer bis beute noch nicht ordentliche Professoren geworden, sondern bis auf einen Juristen extraordinarii. Auch sind diese Herren nebst ihren Frauen, trotz ihrer völligen Abschliegung von Judentum und Juden, in die höheren christlichen Gesellschaftskreise nicht gelangt. Herne. Die im Jahre 1889 gegründete jüdische Gemeinde ist im Laufe der Zeit aus rund 300 Seelen nngewackisen, und schon lange hat sich der Kultusraum im jüdischen Schulhause als zu klein erwiesen. Nach längeren Verhandlungen wurde deshalb in einer bei Heberholz abgehaltenen, sehr gut besuchten Versammlung^ die Gründung eines Synagogenbauvereins beschlogen. Es traten sogleich über 50 Mitglieder bei, die Herrn M. Gans zum Vorsitzenden wählten. Alle Mitglieder verpflichteten sich zur Zahlung eines nach den Verhältnissen selbst bestimmten monatlichen Beitrags. Als Bauplatz ist das jetzige Schulgrundstück in Aussicht genommen. Die Gemeinde hofft, daß ihre Schule wie die der anderen Konfessionen auf den Kommunaletat übernommen wird. Jnowrazlaw, 24. Juli. Eigentumsrecht. Heber den Begriff „Eigentumsrecht" herrschen Meinungsverschiedenheiten zwischen den jüdischen Gemeinde- Mitgliedern und dem Synagogenvorstande. Schon seit langen Jahren gehen Vorstand und Repräsentanten- Kollegiunt mit der Absicht um, eine neue Synagoge zu erbauen. Aus diesem Grunde wurden von diesen Körperschaften schon eine Menge Sitzungen abgehalten und Beschlüsse gefaßt. Die allzu große Baufälligkeit der alten Synagoge zwingt den Vorstand, dem Projekte näher zu treten. Die Inhaber von Sitzplätzen in der Synagoge verlangen, daß attch ihr Eigentumsrecht ihrer «Sitzplätze auf die neu zu erbauende Synagoge übergehe. Der Vorstand ist andrer Ansicht, er behauptet, daß das Eigentumsrecht der Sitzplätze in der Synagoge den Inhabern so lange gesichert bleibt, wie die Synagoge benutzt wird, mit dem Augenblick aber, wenn diese niedergerissen, aushöre. Man ist aber der Zuversicht, daß eine Einigkeit zwischen den Parteien erzielt werden wird. Energischer und einschneidender in das Eigentumsrecht der Besitzer von Sitzplätzen ging der Vorstand in Schwersenz vor. Er hat mit ~ Hilfe der Repräsentanten beschlossen, daß die Inhaber von Sitzplätzen in der Synagoge ihres Eigentumsrechts verlustig gehen, sobald sie aus dem Verband der Gemeinde scheiden. Wohl haben mehrere Interessenten gegen diesen Beschluß Protest bei der Regierung in Posen erhoben; doch diese hat den Protest abgewiesen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Nachstehendes Inserat bringt die „N. Fr. Presse" vom 22. ds.: Taufpatenschaft von höherer Persönlichkeit erbittet distinguierter junger Mann, der zur katholischen Kirche über- ' treten möchte. Gest. Antr. unter „Glaube" an bas Ankünd.-Bur. dieses Blattes. Kommentar überflüssig. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Schweiz. Basel. Vom 23. bis 28. August findet in Basel der 6. Zionistenkongreß statt. Die Tagesordnung lautet: 1) Eröffnung des Kongresses durch vr. Th.Herzl- Wien; 2) Rechenschaftsbericht des Aktionskomitees: Architekt Marmorek-Wien und Hof- und Gerichtsadvokat vr. Kokesch-Wien; 3) Politisches Referat: vr. Max Nordau-Paris; 4) Ansiedlung: vr. Franz Oppenheiiner-Berlin; 5) Der Zionismus und die Wohlthätigkeitsanstalten: I. Zangwill-London und N. Sokolow-Warschau; 6> Bericht über den Nationalfonds: I. Kremenetzky-Wien und Rechtsanwalt vr. Farbstein-Zürich; 7) Organisation und Agitation: Sir Francis Montefiore-London, Rechtsanwalt vr. Bodenheimer-Köln und vr. Klee-Berlin; 8) Bericht über die Jüdische Kolonialbank: D. Wolffsohn-Köln; 9) Jnitiativanttägc und Wahlen. England. London. Wie „Morning Leader" aus Mogador lin Marokko) berichtet, sind in der Provinz Sous ant 17. ds. Mts. ernste Unruhen gegen die Juden ausgebrochen. Mehrfach wurden die Judenviertel zerstört, viele Inden getötet und die Frauen entführt. Rußland. Petersburg. Der Atinister des Innern hat den General-Gouvetneuren eine Entscheidung des Senats zur Kenntnis gebracht, daß zu Kronsrabbinern nur Diejenigen zugelassen sind, die entweder eines der Rabbiner-Seminare, welche stüher in Wilna und Shitomir bestanden, oder eine allgemeine höhere resp. mittlere Hochschule absolviert haben. Petersburg. Die große Entrüstung, welche die traurigen BorgängeinKischinewinder ganzen civilisicrten Welt hervorgerufen haben, scheint ihre Wirkung auf Rußland doch nicht verfehlt zu haben. Wie nämlich aus Petersburg gemeldet wird, hat jetzt der Bischof von Kischinew auf Anordnung des Oberprokurators des heil. Synods die Geistlichkeit angewiesen, in der Kirche durch Predigten und außerhalb derselben durch Belehrung auf die orthodoxe Bevölkerung einzuwirkcn, damit der religiöse Haß gegen die Juden schwinde. (Nachdruck verboten.) „Die Kroilenberg's." Erzählung von B. Leiser. (Fortsetzung.) Sic schritt stolz erhobenen Hauptes weiter. . . Judith Levitou hatte ihren Vorsatz ausgeführt und Musik studiert. Aber so,!vie sie es sich wohl früher in müßigen, träumerischen Stunden ausgemalt, war es nicht geworden. Gerade als sie im besten Zuge war und sich ihr die schönsten Aussichten erösfneten, erhielt sie einen Brief ihres alten Hausarztes und Freundes Doktor Beer, der sie schleunigst nach Hause berief. Sie erinnerte sich noch so deutlich des Momentes, wo sie nichts ahnend, dieses verhängnisvolle Schreiben erbrach, jedes Wort, das ttef, tief in ihr Herz schnitt, lebte in ihrem Gedächtnis. „Liebste Judith," schrieb der würdige Herr, „Dein Vater ist «n einem Nervenfieber schwer erkrankt, und Deine liebe Mutter, die tief niedergebeugt ist, pflegt ihn aufopfernd. So weit menschliche Voraussicht reicht, ist keine 'Aussicht auf Besserung. Ich weiß es, meine liebe Tochter, es würde Dich ewig schmerzen, wenn Du Deinen guten Vater vor seinem Ableben nicht inehr sehen und sprechen würdest, und darum bitte ich Dich jetzt, eile nach Hause." Sie war noch grade zur rechten Zeit gekommen. Einige jüdische Männer aus der Nachbarschaft waren versammelt, um dem Sterbenden den letzten Liebesdienst in dieser Welt zu erweisen und die üblichen Gebete zu verrichten. O, wie war jene Heimkehr mit unauslöschlichen Zügen in ihr Herz eingcgraben! Die Mutter erkrankte vor Schrecken und Schmerz über den plötzlichen Tod des geliebten Gatten, und so mußte Judith alles im Stich lassen, das Studium und mit ihm die Lorbeeren, die ihr schon so verlockend nahe gewesen. Schließlich mußte sie noch froh sein, in der Heimat, welche, ihre Mutter nicht verlassen wollte, durch Empfehlung des allezeit gütigen Herrn Kronenberg eine genügende Anzahl von Schülerinnen zu finden, die ihre Stunden angemessen honorierten. Die Annahme einer Pension, die der hochherzige Fabrikherr ihrer Mutter auszusetzen beabsichtigte, lehnte diese entschieden ab. „Judith," hatte sie eindringlich gesagt, „versprich mir fest und heilig, ein derartiges Anerbieten nur dann nicht zurückzuweisen, wenn die höchste Not es gebieterisch erheischt. Glaube mir, etwas derartiges ist nicht im Sinne unseres teuren Verstorbenen!" Sie hatten dessen auch nicht bedurft. Judith war eine gesuchte Lehrerin geworden. Für eine Menge Leute genügte es schon, daß sie im Kronen» Seite 3. berg'schen Hause unterrichtete, um ihr die Kinder anzuvertrauen. So weit war sie ganz zufrieden, ja, bis vor kurzem. . . Es war eigentlich töricht, aber so sehr sie auch dagegen ankämpste, sie konnte dieser Torheit nicht Herr werden. Vor kurzem war der junge Herr Kronenberg von jahrelangen Lehr- und Stttdienreisen in die Heimat zurückgekehrt und als Mitinhaber in die väterliche Fabrik eingetreten. Er hatte sich total verändert. Aus dem lang aufgeschossenen Jüngling war ein kräftiger, stattlicher Mann geworden, dessen braune Augen fest und sicher in die Welt blickten. Judith hatte sich gefreut, als Siegmund endlich zurückkehrte, denn sein Bild war von den Erinnerungen an glückliche, sorglose Jugendjahre nicht zu trennen, und stieg das Wunderland ihrer Kindheit in einsamen Stundeit vor ihr auf, so war es seine Gestalt, die sich in leuchtenden Farben an dem sonnigen Hintergründe abhob. Anfangs war sie ihm freundlich begegnet, aber bald merkte sie, daß er ihr gegenüber ein ganz anderer geworden. War sie auch für ihn nur die bezahlte Lehrerin, die sich devot bedanken mußte, wenn man ihr ein anständiges Honorar zahlte? O, wie dieses Benehmen des einstigen Jugendgefährten sie schmerzte und zugleich empörte! Nachdem sie Tage und Nächte hindurch sich quälenden Betrachtungen über diese Aenderung im Wesen Sieginunds hingegeben, suchte sie zu vergessen, wie es einst gewesen, erinnerte sie sich, daß er der reiche Fabrikantensohn und sie die arme Lehrerin sei. Nun saß er wohl drinnen bei der schönen Stiesmtttter, die ihn in letzter Zeit mit so auffallender Zuvorkommenheit behandelte, ihn, wo es eben anging, in die Unterhaltung zog. Judith ahnte den Grund dieser ungewöhnlichen Aufmerksamkeiten. Sie hatte unlängst mit anhören müssen, wie Frau Kronenberg ihrem Stiefsohn die Schönheit, die guten, gesellschaftlichen Formen und den Reichtum einer jungen Dante, der Tochter einer ihrer Kusinen, in leuchtende» Farben ausmalte. Sie wünschte offenbar, ihn mit der jungen Verwandten zu vermählen, um auf diese Weise einen gewissen Einfluß über ihn zu erlangen. Vielleicht sollte nun morgen die Verlobung proklamiert werden, da das Fräulein nebst ihren Eltern zu dem Feste erwartet wurden. Wie schmerzlich dieser Gedanke sie berührte, ihr ganzes Sein aufzurütteln verntochte! Gut, daß er sie jetzt nicht sah, nicht den tiefen Seufzer vernahm, der sich bei diesen Betrachtungen ihrer Brust entrang! Indessen derartige unerfreuliche Gedanken Judiths blonden Kopf durchkreisten, saß Sicgmund auf der offeneit Veranda und durch das grüne Blätterwerk folgten seine Augen aufmerksam ihrer leichten Gestalt, wie sie langsam, in Gedanken verloren, die breite Allee hinanschritt, und leise kam es von seinen Lippen: „Sonderbares Mädchen! Früher neckte sie mich und machte sich über mich lustig. Nun ist sie kalt und unnahbar. Ob sie mich nie geliebt hat?" In der Stadt war es stets ein großes Ereignis, wenn der reichste Mann derselben für eine größere Festlichkeit Einladungen erließ. Besonders in der jüdischen Gemeinde wurde tagelang darüber diskutiert, welchen Mitgliedern die Ehre zu Teil werden würde, zu den Geladenen zu gehören. Wer zu den regelmäßigen Gesellschaften der Kronenberg's gebeten wurde, gehörte schon dadurch zu den Honorattoren der Gemeinde. Es genügt, wenn von ihm gesagt wurde, er verkehrt bei Kronenbergs. Dieser große Abend war nun gekommen. Die stattliche Fensterreihe int Kronenberg'schen Hause war hell erleuchtet. Wie ein Feenschlößchen hob sich die weiße Villa aus dem Dunkel der Bäume. Die gestickten, kostbaren Rouleaux waren herabgelassen, aber das Licht der elektrischen Lampen dringt hindurch und wirft blendende Helle auf die weiten Rasenplätze und die vielen Equipagen, die vor der Einfahrt halten. Judith stieg als eine der letzten die breiten» mit dicken, roten Läufern belegten Marmortteppen empor. Wie gern wäre sie daheim bei ihrem Mütterchen geblieben, die nun den Abend einsam mit ihrem kleinen Bruder verbringen mußte! Jedoch sollte ait diesem Abend ihre Schülerin einige jener anmutigen Volkslieder zum Vortrag bringen, tind an ihr war es natürlich, sie zu begleiten. Herr und Frau Kronenberg begrüßten ihre Gäste mit vollendeter Höflichkeit. Liebeswürdig und freundlich war der Herr des Hauses stets und gegen Jedermann. Seine Frau dagegen verschwendete ihre volle Liebensivürdigkeit nur an die durch vornehme Verbindungen oder Reichtum Bevorzugten. Im Uebrigen bemühte sie sich nicht sehr bei derartigen Gelegenheiten. Cs ging auch ohnedies alles vortrefflich. Die Dienerschaft war so gut geschult, und für die Unterhaltung der Gäste toar durch Einladung von Bühnengrößen, die mit Musik und Deklamationen dem Ganzen die Würze verliehen, gesorgt. Sie kamen alle gern in dieses gastfreie Haus, in dessen Räumen so prächtige Feste gefeiert wurden. Auch heute erwies sich der große Speisesaal als fast zu eng für die Zahl der erschienenen Gäste. Judith war ihr Platz am untern Ende der Tafel neben ihrer Schülerin angewiesen worden, «sie wurde wurde nicht viel bemerkt in ihrer unscheinbaren, einfachen Toilette, obgleich ihre Schönheit die der

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