Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 39 (31.7.1903)
- Date
- 1903-07-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. der kein so, großes Gottvertraucn besitzt — und wähnen, mit Cylinderhut und ministrierender Amtsmiene und feierlichem Schritt können sie Gott und Menschen über die Gefühllosigkeit ihres Herzens hinwcgtäuschen? Alle Schleichwege und Unwahrhastigkeit, alle Unaufrichtigkeit und Unehrlichkeit müßten im Handel und Wandel, im Verkehr und im Beruf vor allen von denen gemieden werden, in denen die Welt das ' auserlesene Volk zu sehen verlangt, zumal dann noch, wenn sie als wenige sich noch zu den Auserlesensten der Auserlesenen zu zählen wünschen. Das Leben, ja das praktische Leben eines jeden Standes muß Wbild werden der Lehre. Die Sozialethik des Judentums muß durch genaueste Befolgung in der Praxis bekannt werden, dann schafft sich das Judciituiii selbst seine Abwehr und erzwingt seine Anerkennung. Wenn unsere politischen Rassengegner an Stimmenzahl hinzuerwerben, dann haben wir einen Gradmesser daran, daß das Thermometer, das den Wärmegrad mißt, mit dem unser Herz für das Judentum schlägt, und unser Lebensblut durch die Adern rollt, herabgesunken ist. Itur dann, wenn die Gotteserkcnntnis zum wirklichen Gottesbewußtsein geworden ist, wenn die Thora weniger gepriesen als gehandhabt, ihr Studium weniger empfohlen als betrieben, Religion weniger gelehrt als offenbart, von der Kanzel weniger gepredigt als vorangeleuchtet, in der Schule selbst mehr gelernt, als gelehrt, von Verwaltungen und Vorständen mehr „befolgt als geleitet wird, wenn so das ganze Leben sich im Zeichen des Ernstes und der Wahrhaftigkeit mit den heiligsten Gütern der Menschheit bewegt, dann singen wir das Zionlied der Zukunft. Und die Menschheit wird anerkennen, daß solchen Liedes Harfe allzulang an den Weiden in stummem Schweigen genächtigt. Wenn wir dann „erträumen Dürfen der Rückkehr süßes Hoffen, tönen jauchzend'wir als Saiten der Harfe deines Liedes." Bolksmotiv.*) Akts dem Jüdischen übertragen von Berth o ld Feiw el. Es kommt der Herbst gegangen, Der bricht mir den letzten Stolz. Der Wind pocht an die Thüre: »He, Bettler, hast Du Holz?" Der Regen klatscht ans Fenster Und brummt sein Lied dazu: »Ich schütte, ich schütte Wasser, He, Bettler, hast Du Schuh?" Der Jüdische Mai?) Aus »Lieder des Ghetto". Bon Morris Rosenfeld, New-Pockk. Meder ist der Mai gekommen. Kam mit seiner Zauberpracht — Alle Gräser, alle Blumen Sind nun wieder aufgewacht. Wieder blüht es auf den Feldern, Wieder grünt es in den Wäldern, Wieder glänzt es überall. Wieder singt die Nachtigall. Wieder mall der Maler Frühling. Wie er seinen Pinsel führt. Werden Berge, werden Thäler Neu mit jungem Grün geziert. Und die Sonne strahlt hernieder. Küßt die Erde, küßt sie wieder. Und mit süßen Schmeichelein Lädt sie zum Gmießen ein. Wie's da gleich in allen Herzen gühling werden will! underschöne Phantasien Ziehen durch die Seele still. Goldne Träume schweben. *) Die obigen 2 Gedichte sind in einer unter dem Titel »Junge Harfen" von dem Jüdischen Verlag in Berlin jüngst herausgegebenen Sammlung jungjüdischer Gedichte erschienen. Wie alles, was dieser rührige Verlag herausgiebt, so zeichnet sich auch dieses sein neuestes Weck durch hochmoderne, eigenartige Ausstattung , wertvollen Inhalt und billigen Preis (Mk. 1.50) aus. Bei aller Wehmut, welche die traurige soziale Lage der Brüder durch die Saiten des Dichters Harfe klingen läßt (siehe »Volksmotiv"), arbeitet sich doch immer wieder und wieder die Hoffnung auf eine glückliche Zukunft durch (»Der Jüdische Mai"). Diese zwei Töne durchweüen die ganze Sammlung; Verzweiflung und Hoffnung ringen miteinander, — aber die Hoffnung wird siegen. Was uns geboten wird, ist fteilich lang nicht immer der Ausfluß eines echt jüdischen Empfindens; trotzdem wünschen wir dem Buche weiteste Verbreitung, denn wir freuen uns, daß in Israel wieder wirkliche Dichter, die für Juden dichten, auferstanden sind. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Und sie weben. Neue Himmel, Und sie wecken Neues Leben, Und mit gabenfrohen Händen Tausendfache Lust zu spenden. Kommt das Glück ... * * * Aber seht, dort wandelt einer: Mitten durch die Maienlust Geht er still, gesenkten Hauptes, Und er seufzt aus tiefster Brust. Einsam mit dem schwersten Kummer Geht er lebensmatt und müd — All sein Mai und all sein Frühling, Sind schon längst, schon längst verblüht... Sagt mir, kennt Ihr jenen Kranken, Der da geht, wo alles blüht. Mit den schrecklichsten Gedanken In dem traurigsten Gemüt? Wer das ist, Ihr wißt es gut: Unser Alter, unser Jud' ... Ihn umschwebt Kein holder Zauber, Es erbebt Sein Herz vor Qual, Und es glänzt kein Hoffnungsstrahl Aus dem Blick. Schwere, nie vernarbte Wunden Sind die Zeugen böser Stunden. Wohin die Gedanken reichen, Tod und Sterben, Leichen, Leichen-, Alte Jugend, totes Glück . . . Zweig und Dorn und Blatt und Blüte Treiben mit ihm bösen Spaß, Jede Blume blickt verächtlich. Jeder Vogel ruft voll Haß: Frühlingslust und Frühlingsfteude — Doch für ihn ist nichts dabei l Fremde Vögel, siemde Götter, Fremde Welt — ein fremder Mai... $ * * Lacht nicht, Blumen, nur nicht spotten I Die ihr glüht vom Frühlingskuß, Glaubt, viel schönere zertreten Hat einmal des Juden Fuß . . . Felder gelber Pomeranzen Glänzten einst in seinem Land, Seine wunderschönen Pflanzen Pflanzte Gott mit eigner Hand. Fragt vom Libanon die Cedern, Sarons Myrthen ftagt im Thal, Ob sie ihn nicht noch erkennen. Der ihr Herrscher war einmal. Fragt den schönen Heilgen Oelberg, Fragt den Kännel, jeden Baum, Fraget all die tote Schönheit, Nach dem schönen alten Traum... Würzge Paradieseslüfte Wehten einst durch's heilge Land, Und in seinem stolzen Tempel Hat sein Gott sich ihm bekannt. Tausend selge Engel spielten In dem göttlichen Gezelt, . Und er fühlte tausend Freuden, Freuden einer anderen Welt. Dort beim schönsten Saitenspiele Sang der Jude wunderviele. Sang er wunderreiche Lieder, Wie sie nie erklingen wieder In so reinem, Hellem Sange, Mit so zaubersüßem Klange- Ach, an stumme Weidenbäume Hängte Juda seine Träume . . . * * * ' Längst vorbei! — Doch sieh, welch Wunder! Neue Träume ziehn herbei: Hörst du, Jude? »Glück und Frieden!" Ruft Dir zu ein neuer Mai. Wein nicht! Bist noch nicht verloren. Wegemüder Wandrer Du, Neue Jahre, gute Jahre Winken Dir, mein Jude, zu I Hörst Du. wie's durch Wolken zieht? Himmlisch-schöne Melodien, Süße Cherubsharmonien. Hörst Du es, das neue Lied! Wieder wird Dein Esrog grünen, Deine Myrthen werden blühn. Wieder wird Dein Land erwachen. Und Dein Gott, er bringt Dich hin. Wieder klingen Hirtenlieder, Und Dein Weinberg dehnt sich weit, Leben wirst Du, leben wieder. Fort in alle Ewigkeit. Nr. 39. Nach den bösen Wandertagen Wird das Leben Dir zur Lust, -Unter'm stillen Berg Moria Atmet ftei die Heldenbrust . . . Und beschlossen ist das Elend Und geendet Leid und Qual. Wirst in Deinem Heim verbleiben. Frei und ftiedlich wie einmal. Auf, Betritt -mix kühn die Pfade In Dein altes Heimatland! Manch ein Feuerfunke glüht noch In der eingefallnen Wand. Aus aller Welt. Deutschland. Groß - Krotzenburg. Eine Ungehörigkeit, für die uns jedes zu entschuldigende Moment fehlt, hat sich kürzlich der hiesige Kriegerverein erlaubt, indem er an seine 1V jüdischen Mitglieder das nachfolgende Schreiben versandte. Groß-Krotzenburg, 17. Juli 1903. Werter Kamerad! Es dürste Ihnen gelegentlich der letzten Reichstagswahlen wohl gewiß nicht entgangen sein, daß das regierungsfeindliche (sozialdemokratische) Element unter der Bevölkerung unseres Ortes in einer geradezu ftappierenden Weise zugenommen hat; und täglich mehren sich die Stimmen und der begründete Verdacht, daß auch den Reihen der Mitglieder unseres Kriegervereins diese umstürzlerischen Besttevungen bedauerlicherweise nicht fern geblieben sind. Daß derartige Kundgebungen der Devise eines deutschen Kriegervereins. der sich Pattiotismus, Liebe und Anhänglichkeit zu Kaiser und Reich zur Aufgabe gestellt hat, geradezu zuwiderlaufen, dürfte Ihnen ebensogut bekannt sein, als die Tatsache, daß die Satzungen eines jeden deutschen Kriegcrvereins die Mitgliedschaft eines sich zu dieser Partei bekennenden Kameraden ausdrücklich ausschließen. Es ist deßhalb nicht nur unsere traurige Pflicht, solche Mitglieder auf die Unmöglichkeit ihrer ferneren Zugehörigkeit zu unserem Verein aufmerksam zu machen, sondern wir sind, da ein Einschleichen sozialdemokratisch gesinnter Mitglieder in den Verein auch höhererseits nicht unbekannt geblieben ist, auch von dieser Seite dringend an die sttenge und gewissenhafte Geltungmachuug der Statuten unseres Vereins hingewiesen worden. Da auch gegen Sie der wohlbegründete Verdacht vorliegt, daß Sie sich durch die Wahl eines sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten zu einer reichsfeindlichen Partei bekannt haben, so ersuchen wir Sie höflichst, sich bei einer geheimen Sitzung des gesammten Vorstandes, die wir auf Sonntag, den 19. d. Mts., Nachm. 5 Uhr, im neuen Schullokal auberaumt haben, in dieser Angelegenheit zu äußern. Da wir Offenheit und Unerschrockenheit zu den schönsten Tugenden eines deutschen Kriegers rechnen, so erwarten wir auch von Ihnen, daß Sie uns durch ein offenes, rückhaltloses Bekenntniß unsere harte Pflicht erleichtern helfen und sich nicht schon durch Abwesenheit bei der genannten Bersanimlung der Mitgliedschaft verlustig machen, da wir dieselbe unbedingt als Begründung des gegen Sie geltend gemachten Verdachtes bettachten müßten. Mit kameradschaftlichen Gruß Der Vorstand des Krieger-Vereins Gr.-Krotzenburg. (Folgen Namen.) Wir hätten diesem Schreiben keine Beachtung geschenkt — denn wir kümmern uns nicht um Politik —, wenn der Kriegerverein dasselbe auch seinen christlichen Mitgliedern würde zugesandt haben. So aber, wo das Schreiben ausschließlich nur die jüd. Mitglieder erhielten, halten wir es für unsere Pflicht, ein Vorgehen festzunageln, das unter solchen Umständen nicht anders als eine Ungehörigkeit zu bezeichnen ist. O Aus Starkenburg. Das in Mainz erscheinende Kath. Volksblatt, welches von weil. Bischof Ketteler im Jahre 1856 gegründet und auf der Titelseite die Devise des Franken-Königs Chlodwig ttägt: „In diesem Zeichen wirst du siegen", ist zu jederzeit bereit, sich in gehässiger Weise gegen die Judenpresse auszudrücken. Auch in Nr. 29 des Bl. verfehlt es nicht, in einem Gespräche über die Erttankung des heiligen Vaters den Juden eins auszuwischen. Der Hans spricht, daß auch die Presse es nicht an Teilnahme fehlen ließ, worauf Fritz erwiderte: Mit Ausnahme der Judenpresse, der nichts heiliger ist als der Geldbeutel — aber immer der eigene, nicht der anderer Leute. In seiner Rundschau kommt es wieder darauf zurück und schreibt: Was da von der jüdischen Franks. Zeitung und von den verschiedenen Lokal- und Gen.- Anzeigern aufgetischt wird, ist reiner Schwindel oder gemeiner Klatsch, dem man die Ehre nicht antun solle, ihn in kath. Blättern abzudrucken. Die jüd. Zeitungsschreiber werden nicht dämm geftagt werden, ein „Geschäftchen" ist dabei nicht zu machen, ob der neue Papst den Juden oder Protestanten recht ist oder nicht, ist. ganz einerlei. — Es ist den Henen der Zenttums- Presse schon vielmals bedeutet worden, daß jüdische Zeitungsverleger und jüdische Presse zwei getrennte Begriffe sind. Noch nie hat sich die jüdische Presse im entferntesten um Zentrums-Angelegenheiten bekümmert und ihr ist es wie oben bemertt »einerlei", ob ein gemäßigter oder ein ganz versöhnlicherPapstgewähltwird.