Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 39 (31.7.1903)
- Date
- 1903-07-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Israelitisches Janiilicnlilntt. B a Abonnementspreis ML 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen 90 Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) 'Nostzeitungskiste 2741. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streif, band ML 1.50 vierteljährlich (Ausland ML 2.—). a NeLaKiian und Huupt-ErpeLilion: a Frslnkfirre ». Ml. Bergerstraße 25, parterre. 3 Herausgeber: Sa ly Gers. Jnfertionspreis für die viergespallene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklame-Zeile ML 1.—, im kleinen Anzeiger (Familien-Nachrichten, Stellen-AngeLote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, ML 5.— ViS das Tausend. B= No. 39. Freitag, den 7. Aw 5663 (31. Jnli 1993). No. 39. Mbonnemenks auf das „Frankfurter Israel. Familienblatt" nehmen für Angnst—September sämtliche Briefträger und Postanstalten Deutschlands und Oesterreichs zum Preise von VS Pfennig einschließlich Bestellgeld entgegen. (Nachdruck verboten.) Ein Zionslied! Zum neunten Aw. -1-. Bon Neuem führt uns der Monde Kreislauf im Geiste an die Ströme Babels, da wir saßen und weinten im Gedanken an Zion; denn an ihren Weiden ließen wir zu nächtlicher Verstummung die Harfen unseres Frohsinns. Dort baten uns, an Babels Strömen, die fremden Häscher herzlos, höhnisch: „nennt uns der Worte melodischen Klang, singt uns Lust vom. Zionslied." „Doch wie singen den Gesang der Hoffnungsfreude auf der Flur der Fremden?! Vergeß' ich dein, Jerusalem, werde meiner Rechten nicht ge dacht. Mag die Zung am Gaumen dörren, denk' ich nicht dein; dächt' nicht in den Stunden heiterer Freude, dein, Jerusalem!" So wandelten wir mit bitterm Weh im Herzen vom Jordanstrand zu Babels Strömen, um bald zu weinen am Ebro und Guadalquivir. Es steigt aus der Klageruf zum Himmel von der Seine und der Rhone, von des Rheines- und der Donau-Strand und setzt sich markerschütternd fort an den Ufern der Wolga und des Dnjepr. Und des Frohsinns Harfen hängen noch immer schweigend an den Bäumen. — — Wir sollten singen ein göttliches Lied der Zu kunst auf dem fremden Boden, sollten singen nur ein Lied der Gegenwart? Wärs möglich denn? Sollten begrüßen den neuen Boden als unsere Heimat, sollten wähnen, wir seien angelangt am Ziele der Wanderung, sollten mit auf- und eingehen in das Getriebe der Staaten und Gesellschaften, sollten uns durchdringen mit dem Geist, der die Umgebung beseelt, sollten uns sonnen an ihrer Sonne, atmen ihre Atmosphäre, sollten herabnehmen die Harfe von dem Baume und fröhlich in die Saiten greifen? O wie oft schon in der Geschichte erwies sich als trügerisch das Zeichen und aus heiterm Lebenshimmel traf das Zucken des Vernichtungsblitzes, rollte der Donner des Grolles, und als die Luft sich aufheiterte, da schien der Sonnenstrahl über Trümmer und Oede, traurigen Zeugen einstiger Herrlichkeit; denn der Sturmwind hatte die Wolke nach Osten getrieben und nach Westen, wohin gerade Israels flüchtiger Fuß dem Unwetter zu entrinnen geeilt war. Die „Rechte", die sich einen Augenblick zu fühlen begönnen, war erschlafft, und matt war sie gleich wieder gesunken. Die Zunge, die zum Singen sich gelöst hatte, gleich klebte sie gedörrt am Gaumen! Es ist die furchtbar ernste Er. füllung des Schwures, den an Babels Strömen einst die Väter getan, „wenn ich dein vergesse, Jern salem, dann mögest Du Gott meiner Rechten ver gessen, es klebe meine Zunge mir am Gaumen, wenn ich nicht dein gedenke, dächt' ich nicht in Stunden hei terer Freude dein, Jerusalem!" Sie, die Väter, durchschauten die ganze Heim tücke des Lockrufes „singet, singet uns ein Zions lied". Sie hatten Babylon in seinem stolzen Hoch Mut und seiner politischen Schlauheit kennen' ge. lernt,, hatten seine herzlos rauhe Hand gefühlt, die rücksichtslos nach den Zielen seines Interesses hascht. Es hatte in seinem Herzen gottlos, selbstgefällig, in Vermessenheit gesprochen: „Zum Himmel steige ich empor, über dem Sternenzelt errichte ich ragend meinen Thron, auf Wolkenhöheck werde ich einhergehen, will dem Höchsten mich vergleichen können," hatte damit M e n s ch e n m a ch t u n d M e n s ch e n p o l i - tit als ober st e Macht der Welte nlenkung h i n st e l l e n wollen, um das Bewußtsein von Gott auszutilgen aus dem Menschenherzen, auszutilgen zugleich jede Liebe und jegliche Milde, jedwede Rücksicht und irgendwelche Schonung. Förderung der Menschheit in ethischen Zielen und Hebung der Wohlfahrt des Einzelnen, waren Begriffe, die für Babel nicht existierten, Begrisfe, die dem Jnteressen- 'treben den Weg verlegten. Alles dies aber ist Inbegriff des Judentums und konnte im babylonischen Staate keine Stätte inden. Unmöglich, daß Judentum und Juden in Babel ö eine Aufnahme hätten finden können, die dauernd;um Heile gereicht hätte. Die Aufforderung zum Gelang — in den freundlichsten Tönen oder im Hohn und Haß gesprochen — konnte unbedingt keinen andern Inhalt haben, als Lossagung vom Judentum und Einnahme des Geistes, der in Babel herrschte. Unsere Väter wußten das und schwuren, nie das In. dentuni, Jerusalem und Zions-Geist für einen freundlichen Blick und einen Gnadenstreich zu veräußern. Was heißt denn das Judentum veräußern anders, als einen Rückschritt machen in der Entwicklung der Zeiten?! Nein! Fortschritt nennt ihr es, auszuräumen mit all den alten Ueberlieferungen, Sitten und Gebräuchen der Jahrhunderte, Jahrtausende. Jawohl, Fortschritt mögt ihr es nennen den Rückfall in ein Leben, das zum einzigen Inhalte Streben »ach Besitz kennt; Fortschritt mögt ihr nennen diesen Tanz ums goldene Kalb, Fortschritt mögt ihr nennen eine Philosophie, die mit der Lehre einherstolziert, gesunden zu haben, daß der Mensch dem Tiere gleicht?! Fortschritt, wenn das sittliche Leben sich der Schranken der Familie entledigt und in Freiheit knechtisch der Leidenschaft als Sklave dient? Fortschritt, wenn im Handel der Bruder den Bruder nicht mehr hilfreich 'tützt, ihm uneigennützig nicht mehr seine Hand bietet? Fortschritt nennt ihr es wohl im Zeitalter der humanitären Bestrebungen und der sozialen Fragen, nicht mehr den Zehnt zu geben, von dem jährlichen Verdienst? Fortschritt, eine Sprache nicht mehr zu lernen. eine Literatur nicht mehr zu lesen, die von allen Erleuchteten der Völker gepriesen und geschätzrworden, nicht mehr zu lernen, darum, weil sie jüdisch ist? Fortschritt, euren Sabbat nicht mehr zu heiligen, für Ideal und Sitte keinen Sinn mehr haben, sich der Muße zu berauben, den Geist zu erfreuen und das Herz zu erheitern, sich. selbst den Halt benehmen, der allein in des Lebens ernsten Stunden den Menschen aufrecht halten kann in Gottvertrauen? Fortschritt, die Feste nicht zu halten, die Gedenktage der großen Geschichtsmomente zu verhöhnen, aus denen nicht nur die Erziehung des ewigen Volkes, sondern auch die ganze Kulturwelt ruht? Fortschritt wohl auch, wenn Gattinen und Mütter nicht mehr voranlenchten ihren Gatten und Kindern in unantastbarer Hoheit, zu der die Mütter durch die Gesetze der Tauroh erzogen wurden? Fortschritt, wenn Blut und Nnschlitt, Würmer und Maden in euren Kochtöpsen brodeln, vor denen des Gesetzes Reinheit aus zurückgebliebener allzugroßer Empfindlichkeit uns schützen wollte? Fort schritt bedeutets wohl auch, wenn gerade die Ange hörigen der Stände und Berufe, die lehrend und bet spielgebend voranzuleuchten hätten, das Gesetz mit Füßen treten? Wenig Zeiten gab es, in denen soviel Synagogen, gebaut und Religionsbücher geschrieben und auf Reli gionsunterricht gedrängt wurde und in aller Munde lebte, wenig Leiten aber auch, in denen man eben soviel Mikwoauth vergaß oder unrichtig anlegte, als man Synagogen baute und ebensowenig jüdische Gesetze lernte und Religioit übte als man von Religion faselte,. wie die heutige Zeit. Wenig Zeiten gab es, in denen die berusene» Leiter der Gemeindeverhültnisse so wenig der Sache dienten, selten unbezahlt ettvas taten, — den Wiener Dienstboten gleich, die nur das arbeiten, woztl sie kontraktlich verpflichtet ivurdcn — was zum Frommen der Gesamtheit ist, selten aus einzelnen Amtshandlungen, wenn solche nicht gerade mit Glacehandschuhen und Frack vorgenommen werden könne» — sich geradezu aus „Standes ehre" eine ll» e h r e machen, wenig Zeiten, in denen soviel Trauungen dem Gesetz entgegen vorgenommen wurden, und, wen» die Ehe gesetzlich zulässig ist, in völliger Unkenntnis der einschlägigen Gesetze über die jüdische Trauung, dieselbe ohne Zeugen, ohne gültige Zeugen, ohne Ketuba und ohne den noch wichtiger» Abschluß der Trauung vorgenonnnen werden. Als wenn Talar und Bäsfchcn genügen vor dein jüdischen „Altar" die Ehe zu sanktionieren", und der gemeinsame Trunk aus „dem Kelch der Religion" mit dem „Wechseln" der Ringe und dem Segen des „Priesters" das sei, was als staatsrechtliche Schließung der jüdischen Ehe angesehen werden könnte! Das ist es, was immer verwechselt Ivird. Als ob die jüdische „Religion" in die Kategorie der „Religionen" gehörte, und das jüdische Gesetz nicht vielmehr eine Staats-Sozialgesetzgebung sei, die jedem Mummenschanz salbungsvollen Priestertums abhold ist und reale Grundlagen staatsrechtlicher und volkswirtschaftlicher Konsequenzen schaffen will. Traurig, sehr traurig, daß wir gerade in den empfindlichste», grundlegenden Kernpunkten der Aufforderung stets beslissen nachgekommen sind, „singet uns ein Lied" auf fremdem Boden zum Zeichen dessen, daß ihr euch dort heimisch fühlt. Brauchen wir uns da zu wundern, daß wir kein Lied der Zukunft singe» können, daß wir die Anerkennung nicht finden, nach der wir geizen, daß die Sonne der Verheißung noch immer nicht ausgehen will, die wir erhoffen, daß die Achtung vor dein Judentnni und den Juden noch iinmer nicht den Grad erreicht hat, der die Gesetze der Wahrheit und des Rechts auch dem Schwachen gegenüber zur Geltung bringt? Schützen wir denn selbst so sehr unser angestammtes Judentum, für das die Ahnen das Leben ließen, kennen wir es den» überhaupt, daß wir es zu lieben und 3» verstehen vermöchten, sodaß auch andere i m I u d e n t u m d e n Ed e l st e in i n d e r Kr 0 n e der M e n s ch h e i t erblicken ,^egen wir nicht für ein gesellschaftliches Ehrengewand das ethische Prachtgewand des Judentums ab?" Ja, was noch unverständlicher als dies; tragen nicht die sich „gesetzestren" Nennenden soviel Zagen und Bangen im Herzen, besitzen sie nicht so wenig Selbstachtung und Ehrfurcht vor ihrem eigenen Heiligtum, daß sie cs in dein Augenblick nicht mehr unentwegt Hochhalten, wenn sie in Gesellschaft anders Denkender sitzen? Werden nicht Grundforderungen und Grundbedingungen zur Erfüllung des Gesetzes darum hintangehalten, hintertrieben, weil sie aus diesen oder persönliche» Motiven unangenehm empfunden werden? Sind die Häuser denn der „Gesetzestreuen" heute so wie ehedem? „Lernen" die Söhne und wenn sie „lernen", tragen sie auch ins praktische Leben hinüber, was sie gelernt, können sie euch auch stets ins Auge schauen ohne Erröten? Sind die Töchter jüdische Töchter? „Sucht die jüdische Frau und Jungfrau noch ihre ganze Ehre in des Hauses Heiligtum? Leben sie alle ans Reisen tote daheim oder wähnen sie, das Judentum sei in großen Centren eine Stufe, die zur Ehrenleiter emvorsührt? Betätigen sie einen weiten sozialen Blick oder was notwendiger wäre, ei» reines Herz? Suchen sie die Sabbatverluste nicht „herauszuschlageu", benachteiligen den, dessen Erziehung ihm den Sabbat eingeschärft, lassen zum Gesctzverächter werdet«, den, Abormirrt das Frankfurter Israelitische Familienblatt