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Neue jüdische Presse · 1903-07-24 · Heft 38 (24.7.1903) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 38 (24.7.1903)
Date
1903-07-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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(Nachdruck verboten.) Unser Stolz und unsere Hoffnung! ii. Aus dem Angeführten geht zur Genüge hervor, daß nian nach der Lehre des Judentums Wohl ein gottgefälliges Leben führen kann, ohne dem Judentum, anzugehören, daß man aber dem Judentum nicht gut angehören kann, ohne Jude zu sein, d. h. ohne sich als Glied des jüdischen Volkes zu fühlen und zu betätigen. Denn es wäre wirklich nicht abzusehen, welches Interesse ein fremd-nationaler Theist an den vielen Geboten und Verboten, die mit den geschichtlichen Ereignissen des jüd. Volkes eng verknüpft und inderThoramitihnenbegründetstnd.nehmen sollte, wenn er mit den Trägern dieser Geschichte nichts gemein hat, als die Auffassung der Gottesidee. Dies sollte eigentlich als selbstverständlich gelten, dennoch dürfen wir dieses Thema nicht verlassen, ehe wir den Versuch gemacht haben, auch das zarte Gewissen unserer Religionspolitiker zu beruhigen. Die Herren, denen die Bedeutung des klaren Wortlautes der Thora und ihre ganze Geistesrichtung kein Hindernis bildet, das gerade Entgegengesetzte zu proklamieren, sind eifervolle Verfechter degen, was sie in die Lehre hineingedentet und mißdeutet haben; sie werden es sicherlich deshalb auch nicht versäumen, die Forderung einer jüd. nationalen Erziehung, als dem Geist des Judentunrs widersprechend, darzustellen. Hat uns doch der Prophet im Namen Gottes zur Pflicht gemacht: „Fördert den Frieden der Stadt, da ihr wohnet, denn in ihreni Frieden wird euch Frieden sein! Bauet Häuser und bewohnt sie, pflanzet Weingärten und genießet sie!" Dieser Lehre ist unser Volk in ausgiebigstem Maße nachgekommen, sogar dort, wo in ihrem Frieden uns kein Frieden ward. Die spanischen Juden, die nach vierhundertjähriger Vertreibung die spanische Sprache noch immer pflegen; die Juden Polens, die vor noch längerer Zeit aus Deutschland flohen und noch jetzt ein deutsches Idiom sprechen; die rumänischen Flüchtlinge, die in Amerika jetzt Schulen gründen, um ihren Kindern die rumänische Sprache zu erhallen, sind einwandfreie Zeugen dessen. Aber daß diese von natürlicher Moral und weiser Einsicht getragenen Sätze jemals dazu winden dienen können, die Hoffnungen Israels zu vernichten, uns zur Verleugnung unserer Vergangenheit und zur Verzichtleistung auf unsere Zukunft aufzufordern; daß aus ihnen eine Axt gemacht werden sollte, mit der man erbarmungslos den unglücklichen Vollsbrüdern, die alles aufbieten, um dem Verderben zü entrinnen, die Finger blutig schlägt, damit sie noch tiefer in dem bodenlosen Moraste versinken — das gesamte Judentum, Lehre und Voll, mit sich vergrabend — wahrlich dies konnte der Prophet trotz seines Prophetentums nicht voraussehen. Wie man aber durch den Verrat am eigenen Volkstum seine Treue dem Baterlande gegenüber beweisen will, ist uns, wir gestehen es, unerfindlich. Sonst war man der Ansicht, daß nur die Treue von moralischem Wert ist, die sich auch da bewährt, wo man auf keine Orden und Titel zu hoffen hat. Daß man aber nur auf die Treue solcher Getreuen in der Stunde der Gefahr rechnen kann, braucht nicht erst gesagt zu werden I Eines der wichtigsten Gebote, das nicht an Zeit und Ort, Stand und Verhältnisse gebunden ist, ist das Studium der Thora: „Du sollst darin forschen, wenn du in deinem Hause sitzest und wenn du auf dem Wege gehest; wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst!" Es ist die Grundbedingung und Voraussetzung aller Geboterfüllung im Judentum, denn ohne Kenntnis der Thora ist ein Leben in ihrem Sinne undenkbar, weil der Unwissende gewöhnlich das Unrichtige treffen wird und beim besten Willen die Nebensachen zu Hauptsachen und auch umgekehrt, die Hauptsachen zu Nebensachen zu machen, seines geringen Verständnisses wegen geneigt sein wird. Unter solchen Voraussetzungen kann sich nur Frömmelei, aber nicht Frömmigkeit entwickeln; die Handlungen, die ihnen entspringen, sind, weil ihnen der Geist fehlt, „Körper ohne Seele". Unsere Weisen sprechen diesen Grundsatz mit den Worten aus: „Der Unwissende kann kein Gerechter sein." Derselbe Gedanke positiv ausgedrückt lautet: „Der Mensch begeht keine Sünde, bevor der Geist des Irrtums in ihn gefahren ist" . . . Hier ist der Irrtum als die Quelle der Sünde bezeichnet. Am eindringlichsten aber spricht diese Erkenntnis folgende Satzerklärung aus: „Mich haben sie verlassen, der ich ihr Lebensquell bin, und meine Lehre haben sie nicht bewahrt." Dies deuten unsere Weisen wie solgt: „Ich wünschte, sie hätten mich auch verlassen, aber meine Lehre bewahrt, denn die Leuchte, die ihr innewohnt, würde sie demGuten zurückgeführt haben..." Man begreift nun, daß Maimonides im Zusammenhang mll den jüdischen Traditionen sich befindet, wenn er lehrt, der Mensch werde nur insoweit der zukünftigen Seligkeit teilhaftig, als er in der Gotteserkenntnis fortgeschritten ist; mit jeder Sprosse, die er auf der Leiter der Erkenntnis und der Wahrheit erklimmt, nähert er sich Gott, dem Inbegriff aller Wahrheit und dem Urquell aller Erkenntnis. Verwandt damit ist sicherlich die ethische Theorie Spinozas, dessen Lehre sich in folgender Formel fassen ließe: Der Mensch kann nur insofern tugendhaft sein, als seine Erkenntnis reicht. Dem wäre nur erklärend hinzuzufügen, daß Kenntnisse allein nicht tugendhaft machen, wenn sie das Herz unberührt lassen, wenn sie nicht in Fleisch und Blut übergegangen sind; mit einem Worte, solange sie nicht zur Lebensanschauung geworden sind. Man kann daher ein Kenner des Judentums sein, ohne deshalb ein guter Jude zu sein: Dies aber ist nur dann möglich, wenn die Lehre als etwas Fremdes empfunden wird, dort wo sie der eigentlichen Lebensanschauung und Lebensauffassung widerspricht, da wo das Herz kalt bleibt. Es müssen Verstand und Gemüt gleich ergriffen werden: Neben der Kenntnis des Judentums muß die Liebe emporblühen, um die gewünschten Früchte zu zeitigen! Auf welchem Wege nun ist dieses Ziel zu erreichen, wie fangen wir es an, daß das Judentum im Herzen unserer Heranwachsenden Jugend nicht wesenftemdes bleibt, das nur so nebenher mttläuft? Wir glauben, in dieser Fragestellung liegt schon die Lösung dieses so hochwichtigen Problems: Sicherlich nur dadurch, indem wir dafür sorgen, daß unseren Kindern das Judentum nicht etwas ftemdes wird, daß sie nicht verlernen als Juden zu empfinden und zu denken, daß sie den Zusammenhang mit dem jüd. Volke, seine Sprache und Geschichte nicht verlieren. Wo dies nicht geschieht, ist alle Mühe vergebens. Solange unser heranwachsendes Geschlecht von. den Schätzen des Judentums nur geringe Kunde erhätt und dies nur so nebenher, dürfen wir uns nicht wundem, wenn sie in ihrem Herzen davon unberührt bleiben. Schillers „Glocke" ist zum Beispiel ein sehr braves Gedicht, aber die Reden unserer Propheten mit ihrem göttlichen Feuer, mit ihren unübersetzbaren und un überttoffenen Worten der Begeistemng für alles sittlich Schöne und Gute, ihre Empörung und ihr Abscheu gegen Unrecht und Laster, die wie mächtige Vergsttöme über uns sich ergießen, alle Schlacken unseres Herzens mit sich im Sturme fortführend, halten wir fiir geeigneter jüdische Gefühle und jüdisches Empfinden wachzurufen und zu befestigen. . . Schillers „Glocke" haben alle unsere Kinder auswendig gelemt, die Worte eines „Jesaja" und „Jirniijahu" aber, wie viele sind ihrer, die es im Wortlaut kennen? Wir müssen zwischen Kenntnissen und Erkenntnissen streng unterscheiden. Der Unterschied liegt schon im Wortflnn: Kenntnis hat man von einer Lehre, wenn man blos ihre Lehrsätze kennt, zur Erkenntnis wird sie aber erst dann, wenn man ihren Zusammenhang, ihre Tragweite und ihre Gegensätze bettachtet und erjagt hat. Wenn also die Kenntnis der jüdischen Lehre vielleicht nicht zur Liebe zum Judentum führt, so tut es sicherlich ihre Erkenntnis. Wenn unsere Lehrer den Mut hätten, ein offenes Wort zu sprechen, und in Gegenwirkung zum Einfluß des Christentums, dem uniere Jugend ausnahmslos preisgegeben ist, die Lehren des Judentums mit den Dogmen der Kirche zu vergleichen, wenn sie es verstünden, ihren Schülern „die Leuchte" zu zeigen, die dem Judentum innewohnt, so könnte es ihnen nicht schwer fallen, die Kinder davon zu überzeugen, daß unser Ahnen nicht aus Eigensinn und Trotz, wie die offizielle kirchliche Darstellung lautet, lieber ihr Lebe» einbüßten, als ihre Ueberzeugung zu verleugnen. Aber dies ist eben das Unglück, daß es unseren religiösen Erziehern nicht nur an Mannesmut, sondern auch an Erkenntnis, soweit sie noch die Kenntnisse besitzen. mangelt. Wenn man sie sprechen hört von den alten Hebräern, glaubt man sie stammen von den alten Babyloniern ab. . . Auch ihnen ist das jüd. Wesen und das Wesen des Judentunis ftemd geblieben oder geworden. Wenn hier blos der Mangel an Kenntnis vorherrschen würde, dürften wir noch hoffen, daß mit besserer Einsicht bessere Zustände einkehren, aber leider, es muß ausgesprochen werden, ist bewußter, böser Wille nicht vereinzelt. Wir wollen aber doch noch die Hoffnung nicht aufgeben, daß wenigstens ein Teil dieser Herren zur Pflicht zurückkehrt, daß sie dessen inne werden, wie sehr sie sich selbst nahe tteten, wenn sie der Fahne, die sie viele Jahrhunderte mit solchem Ruhme ihrem Volke vorangettagen. in Stunden der furchtbaren Not, wie den gegenwärtigen. untteu werden. Redensarten können niemand darüber hinwegtäuschen, mögen sie noch so schön klingen. In Stunden der Gefahr ist es schlecht angebracht zu reden statt zu handeln. . . Redensatten und Phrasen, ob sie nun asfimilatorische Frömmigkeit oder ftömmelnde Assimilatton zum Ursprung haben, werden von jedem denkenden Menschen als solche sofort ettannt und danach bewertet. Sollten aber die Führer es vorziehen, die Verführer zu spielen, so mag Israel wissen, daß ein jeder in seiner Mitte für sein Tun und Unterlassen selbst verantwortlich ist, er wähle also ob er wünsche, daß seine Kinder zu denen gehören sollen, die Judentum und Judenheit vernichten wollen, oder ob sie ihrem Volke und ihrem Gotte tteu bleiben sollen! Die Wahl kann einem Juden, der sich noch einen Rest seines Judentunrs um> seiner Menschenwürde bewahrt hat, nicht allzuschwer werden. Wenn ihr also wollt, daß euere Kinder keine Antisemiten werden, so erzieht sie zu dem was sie sind — Semiten! Laßt sie das Judentum, seine Sprache — ohne welche das Judentum zu kennen ein Ding der Unmöglichkeit; ist — und seine Geschichte kennen, so werden sie wieder stolz auf ihr Judentum und ihre Abstammung sein; raubt ihnen nicht die Hoffnungen und den Stolz unseres Volkes und sie werden ihrerseits unser Stolz und die Träger der Hoffnungen Israels werden. - B, Abonniert das Frankfurter Israelitische xamitirnbtatt!

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