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Neue jüdische Presse · 1903-07-17 · Heft 37 (17.7.1903) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 37 (17.7.1903)
Date
1903-07-17
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 37. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. verfüge und ersucht deshalb, die Beschlußfassung bis zur nächsten Versammlung, die kurz vor dem Kongreß ■' stattfinden soll, hinauszuschieben, da dann erst die Tagesordnung des Kongresses und die Vorschläge des Aktionskomitees bekannt sind. Die Versammlung beschließt schließlich in diesem Sinn. Zum Punkte „Program" wird einmütig beschlossen, daß die Delegierten aus Frankfurt jeder wie immer gearteten Bestrebung auf Wanderung des Baseler Programms entschieden entgegen zu treten haben. - Zur Fraktionsfrage hat Herr Dr. Friedemann beantragt, weil jede Fraktionierung und Separierung erfahrungsgemäß nur schaden können, alle dahingehenden Tendenzen zu unterdrücken, und derartigen Bildungen die Sanktion zu verweigern. Herr Louis Kahn beklagt sich über die Ausschreitungen der sog. demokratischen Fraktion, deren Treiben nur geeignet ist, den Anschluß gesetzestreucr Juden am Zionismus zu erschweren. Er wünscht daher, daß die Delegierten der Frankfurter Zionisten sich der „Misrachi-Fraktion", die sich als Gegengewicht und Gegenwehr zur ersteren gebildet hat, anschließen. Herr Apelt beantragt, alle.Bestrebungen, die gegen das überlieferte Judentum sich von Seiten der Demokratie geltend machen sollten zu bekämpfen und derartige Elemente aus der Organisation auszuschließen Herr Berlowitz meint, die Frage werde von einem unrichtigen Gesichtspunkte betrachtet. Dem Judentume droht wahrlich keine Gefahr; unsere Weltweisen, — die in Bern und Berlin auf der Schule sind, werden es nicht stürzen. Die Frage kann nur einzig und allein die sein, ob bei dem jetzigen Stand der Bewegung das sog. Getrenntmarschieren und Bereintschlagen der Bewegung nützlich sei, und da stehe er auf dem Standpunkt, daß jede Separation nur schädlich wirken könne, nur die Einigkeit mache stark. Er ist demnach auch gegen den „Misrachi", aber dieser habe dies voraus, daß seine Bildung als Gegen aktion zu betrachten ist, auch haben seine Mitglieder ihre wahre Liebe zum Judentum und zum jüdischen Volke dadurch bekundet, daß sie sich einer Parteileitung zur Verfügung gestellt, die nicht im Rufe der Frömmigkeit steht. Es wird zum Beschluß erhoben, jede Fraktionierung zu bekämpfen. Auf Antrag des Herrn vr. med. Meyer wird dem hinzugefügt: Sollte der Kongreß dennoch anerkennen, so soll eine angemessene Vertretung des „Misrachi" im Aktionskomitee gefordert werden. Als Kandidaten werden Herr I. Goitein und Herr Fritz Sondheimer aufgestellt. Herr Louis Kahn fordert von den Kandidaten, insbesondere von Herrn Sondheimer, die kategorische Erklärung, daß er gegen jeden Antrag, der gegen das überlieferte Judentum verstößt, stimmen werde. Nachdem die Erklärung erfolgt, daß solches bei einem Zionisten Voraussetzung ist, werden Goitein und Sondheimer mit fast allen abgegebenen Stimmen gewählt. Als Ersatzmänner werden Herr Lehrer Goldman und Herr Lehrer Gans gewählt. 8. (Nachdruck verboten.) „Die Kronenberg's." Erzählung von B. Leiser. (Fortsetzung.) Herr Kronenberg strich wiederholt zärtlich über das dunkle Köpfchen seines Kindes. Man merkte an dem Beben seiner Lippen, an dem Zittern der schlanken, kräftigen Hand, daß er selbst aufgeregt war. Endlich schob er die Kleine sanft von sich. „Geh nur, mein liebes Kind, und sei mein braves Töchterchen! Fräulein wird Dich zu Bett bringen. Freilich, ungehorsam darfst Du nicht sein und Dich trotz ausdrücklichen Verbotes vom Hause entfernen. Und nun gute Nacht, mein liebes, liebes Kind!" . . Er hob sie mit beiden Armen empor, drückte sie stürmisch an sich und küßte innig ihren kleinen Mund. Dann trat er in das Zimmer seiner Frau. „Slh, da bist Du ja, mein Freund, gut, daß Du kommst," rief ihm dieselbe entgegen. „Ich habe Ernstes mit Dir zu beraten." . . . „Da bin ich aber doch neugierig, Anna!" Herr Kronenberg ließ seine hohe Gestalt in einem "der vielen Sessel, die im Zimmer umherstanden, gleiten. Er hatte seine Erregung von vorhin völlig bemeistert und sah. gespannt zu ihr hinüber. „Planst Du ein " neues Fest, oder gilt es einer andern Attacke aus meine Börse?" ... ■ „Nichts Derartiges, Salo!" Frau Kronenberg brachte es nicht über sich, den „ganz schauderhaften" Salomou vollends auszusprechen. „Ich wollte wegen Deines Faktotums, Herrn Leviton, mit Dir reden. Das Gesicht ihres Gatten nahm plötzlich einen tief ernsten Ausdruck an, und überrascht sagte er: „Du setzest mich in Erstaunen, liebes Kind! Was könnte Dich veranlassen, Interesse an ihm zu nehmen? Du kennst ja weder ihn, noch seine Familie näher. Stets hast Du es weit von Dir gewiesen, Beziehungen, die früher zu gegenseitiger Freude bestanden, wieder aufzunehmen. Daß aber meine Frau sich um geschäftliche Angelegenheiten, um die es sich dann füglich Nur handeln könnte, bekümmern sollte, vermag ich doch nicht anzunehmeu!" Ein leichter Zug von Verlegenheit ging über ihr schönes Gesicht. Und langsam sondierend, fragte sie: „Ist es Dir absolut unmöglich, ohne diesen Mann Dein Geschäft zu führen, mit andern Worten, könntest Du ihn nicht entbehren?" Jäh sprang ihr Gatte nun von seinem Sitze empor. Etwas Derartiges, daß seine Frau so weit gehen könne, hatte er nicht erwartet. „Das ist aber sonderbar," sagte er, der gewohnt war, sich zu beherrschen, ruhig, wenn auch mit Schärfe. „Wie kommst Du aus die Idee, daß ich Leviton entlassen könne? Ich denke ja nicht im Entferntesten darau!" „"Aber ich," rief sie nun heftig, „ich denke sehr daran! Mir ist dieser Mann außerordentlich unsympathisch, die ganze Familie greulich zuwider! Ich mag diese Menschen nicht mehr in meiner Nähe wissen! Sie locken unsere Kinder an sich, für die sie doch kein passeuttr Umgang "sind! Eine anmaßendere Gesellschaft Hiebt es nicht!" „Nun aber ists genug, übergenug," schnitt Herr Kronenberg ihr das Bort ab. Er Ivar tief erblaßt und streckte ihr abwehrend beide Hände entgegen. „Nicht ein Wort mehr, oder ich verlasse augenblicklich dieses Zimmer! Was Du gegen diesen höchst achtbaren Mann, der, ich darf es ruhig aussprechen, mir ein Freund und Mitarbeiter, kein Untergebener ist, und gegen seine Familie hast, ist mir unergründlich. Einen pflichttreueren, edleren Menschen giebt es wohl kaum als ihn. und seine Frau ist einfach ein Engel an Schönheit und Güte. Diese Leute sollen anmaßend sein! Bescheidenere habe ich noch nicht kennen gelernt. . . . Und dann, ist es Dir denn ganz und gar gleichgültig, einer ganzen Familie, die sich nichts hat zu Schulden konimen lassen, das Brod zu nehmen? Das grenzt ja an Herzlosigkeit! Ich bitte Dich, dieses Thema nie mehr zu berühren, da ich es ein für alle Mal ablehne, mit Dir über diese Familie zu reden, wenn es nicht in ehrerbietiger Weise geschieht. Leider, ja leider, ist der Verkehr, den ich für meine Kinder nur wünschen kann, gänzlich abgebrochen worden, wie so manches, das . . Sie ließ ihn nicht ausreden. „Genug, auch für mich! Ich hätte cs wissen sollen, daß Du keinerlei Rücksichten weder auf meine Sympathieen noch Anti- Pathieen nimmst! Du nennst es in diesem Falle wohl Güte gegen jene Leute, ich Egoismus mir gegen, über. Diesen Zug in Dir, der nicht hinauf, der hinabführt, ich kenne ihn zur Genüge! Ich bereue es, tief bereue ich cs, in dieses Haus gekommen zu sein, das mir bis zur Stunde nichts bot als Enttäuschungen. Ich bin die Betrogene, die hüu dertfach Betrogene! Hatte die schone Frau, die als Hausdame, die Kroncnberg'sche Villa betreten, denn ganz vergessen, daß es eine Zeit gegeben, wo es ihr heißestes Be. streben war, in die viel beneidete Stellung der Herrin dieses Hauses aufzurücken, daß es jahrelanger Kämpfe, ja, der Verleugnung ihres ungestümen, leidenschaftlichen Naturells hedurste, um sie zu erringen, daß der Mann, der in diesem Moment ihr so gänz lich verstörtes Antlitz nachblickte, schwer, ach so unendlich schwer zu besiegen war? Diese langen Jahre voll ungeduldiger Erwartung schienen ausgelöscht in ihrer Erinnerung. Sie sah nicht,. daß ihr Mann noch etwas zu erwidern im Begriff stand, sie wollte nichts sehen, wollte blind sein. Eine Sekunde später klirrte die große Glas tür, die zu ihrem Boudoir führte, und ihr Gatte sah nur noch den Zipfel der langen, Hellen Schleppe Hinausrauschen. Er wußte, sie würde es später, nach einigen Stunden schon, bereuen, so heftig gewesen zu sein. Sie war eine leidenschaftliche Natur, aber, wie oft schon, so fühlte er auch in dieser Stunde den abgrundtiefen Unterschied ihrer beiderseitigen Anschail ungen. Niemals wohl führte ein Weg des Verstand nisseS herüber, gab es zwischen ihnen eine Ber wandtschaft der Seelen. Sie war die Repräsentantin seines Hauses, ein schöner Schmuck desselben, — seinem Herzen, seinem Geiste kam sie nicht nahe. Und plötzlich, greifbar deutlich erschien neben dieser aufbrausenden, hochmütigen Frau, wie eine sanfte, gütige, holde Fee, das Bild seiner verstor benen Gattin und überwältigend kam ihm der Ge. danke: Hast Du jenem engelhaften Wesen muh eine würdige Nachfolgerin gegeben. Deinem Sohne eine Mutter in ihrem Sinne? . . . Nein, nein, tau. sendmal nein, rief eine laute Stimme in ihm. Du hast von äußerm Schein geblendet, Dich leiten lassen. Du hieltest ihr Andenken schlecht in Ehren. . . Und da, in leidenschaftlichem Schinerze, preßte der kräftige Mann beide Hände vor das Heiße Gesicht, und ein .qualvolles Ausstöhnen entrang sich der Brust des Einsamen, des Vereinsamten — — — — — Mehr als fünf Fahre sind seit diesem Tage dahcngerauscht. . . Es war ein wundervoller Spät sommertag. Auf den alten, riesigen Bäumen, die immer noch wie eine Ehrenwache in Reih und Glied vor der Kronenberg'fchen Billa stehen, lag milder Herbstsonnenschein. In allen Schattierungen von Rot und Braun glühte der wilde Wein, 'der sich um die große Veranda rankte. Durch, den Garten zog der lockende Duft reifer Früchte. Dunkelblaue und gol diggrüne Trauben hingen zwischen gefärbtem Laub. und ein verspäteter Schmetterling unischwärmte eine einsame Rose, die der Nachtfrost verschont hatte, weil es ihm leid war, um ihre holde Schönheit. Herr Salomon Krvnenberg saß seiner Gattin gegenüber im Speisezimmer. Man war beim Nachtisch angelangt, und soeben servierte der Diener in zierlichen Mokkatäßchen das stark duftende, edle Ge- . bräu. Herr Kroneilberg war immer noch ein stattlicher Mann niit gewinnenden Züge», auf denen jedoch wei ein leichter Schatten ein Zug tiefer Melancholie ruhte. Seine Fratl neigte schon etlvas zur Korpulenz, doch konnte sie immer noch für eine Schönheit gelten. Daß in dieser glänzenden Hülle ein kranker Kern stecke, ahnte wohl niemand, der dieses blühende Fraueni-ild bewunderte. Aber der alte Hausarzt hatte cS schon vor Moilatcu den nächsten Angehörigen schonend wrtraut, daß sie an einem unheilbaren Herzübel eit Jahre» leide, welches eine solch rapide Ausdehnung angenommen, daß sie schwerlich noch lange leben werde. Sie selbst hatte keine Ahnung von dem Ernst ihres Leidens, und man suchte es ihr auch auf jede erdenkliche Weise zu verheimlichen. In der Kronenberg'fchen Familie war man übereinge kommen, der Frau des Hauses jede "Aufregung fern zu halten, und so wurde ihr jeder Wunsch, jede eben erfüllbare Laune gewährt. Nachwässig zurückgelehnt, saß Frau Kronenberg in ihrem Sessel. Ein weites, weißes Gewand, auf das ihr dunkles Haar in ungezwungenen, leichten Locken herabfiel, schmiegte sich um ihre (gestalt. In diesem Moment glitte» ihre kühlen, grauen Augen Prüfend über einen langen eng beschriebenen Zettet, den ihr Gatte ihr soeben eingehändigt. (Sä war die Liste der Eingeladenen für ihr morgiges, großes Fest. Auch darin war sie sich'gleich geblieben, in ihrer Vorliebe für rauschende Vergnügungen, und man ließ ihr auch in diesem Punkte ihren Willen- Ein leichter Windzug, der durch die weit offene Berandatür daherkam, bewegte die Löckchen auf ihrer weißen Stirn, ließ aber auch den Papierstreifen, den sie in der Hand hielt, davonflattern. Sie sah ihm gleichgültig nach und winkte dein Diener, der dem Flüchtling in den Garten nacheilte. „Denkst Du, daß wir niemanden vergessen haben, alo?" warf sie leicht hin. „Sind sämtliche Honorationen Deiner Gemeinde geladen?" Eine leichte Röte flog über sein ausdrucksvolles Gesicht, aber er ignorierte ihre Worte und deren ironischen Tonfall. „Möchtest Du nicht zu Frau Leviton schicken und sie bitten lassen, liebe Anna? Du würdest mich recht verbinden!" „Das fehlte noch!" entgegncte die Frau hochmütig. „Mich wundert nur, daß Dü mir nicht zumutest, die ganze Kchillc bis aus den letzten Schnorrer einzuladen!" Seine Auge» glitte» über ihr leicht gerötetes Gesicht, und ablenkcnd sagte er: „Mir scheint, dieser ganze Festeszauber hätte unterbleiben sollen. Du bist nichc so kräftig, als es den Anschein hat, Anna! Wie wäre es, wenn wir noch absagen . ." „Das wäre so nach Deinem Sinn, das glaube ich gern, mein Lieber!" unterbrach sie ihn. „Nur keine Unruhe, immer hübsch monoton, und zum Sterben langweilig muß es sein! Danke schön! Ich bin nicht krank, darüber mache Dir keine Sorgen! Krank macht mich höchstens die Einfalt Eurer spießbürgerlichen Ansichten!" Sie lehnte sich in den Sessel zurück, da er ohne ein Wort der Erwiderung sich von neuem in seine Zeitung vertiefte. Und ihre Augen glitten gelangweilt durch den mit kostbaren Möbeln ausgestatteten Speisesaal in das anstoßende Musikzimmer, aus dem gedämpfte Musik herüberklang. Ihr Blick siel auf ein anmutiges Bild. Neben dem Flügel stand ihre Tochter, die sich zu einem lieblichen Mädchen entwickelt hatte, und sang mit viel Verständnis und angenehmer Stimme ein einfaches Volkslied. Sie hatte die Hand zärtlich auf die Schulter ihrer Lehrerin gelegt, die vor dem geöffneten Instrument saß, und sie begleitete. Die Sonne brach sich in den bunten Fenstern des Musiksalous. Ein verirrter Strahl huschte über das rotblonde Haar der jungen Dame am Piano und ließ es aufleüchten, wie flüssiges Gold. Dieses wunderbare Haar umrahmte ein Gesichtchen von seltener Anmut und Lieblichkeit. Elisabeth hielt den Blick beharrlich auf ihre schöne Lehrerin gerichtet, und ein beifälliges Nicken des Kopfes oder ein anerkennendes Wort schienen sie zu beglücken. Einem lebhaften Impulse folgend, legte sie soeben ihre beiden Arme um die schlanken Schuljern der jungen Dame und schmiegte sich zärtlich au sie. Bei diesem Anblick fuhr Frau Kronenberg hastig in ihrem Sessel empor. Sie haßte jenes Mädchen, jene Judith sörmlich, wagte jedoch nicht, auf ihre Entfernung zu dringen, da sie fürchtete, bei ihrem Manne auf den gleichen energischen Widerstand zu stoße», wie vor Jahren, als sie beabsichtigte, die Position, des Vaters zu erschüttern. So duldete sie Judith stillschweigend, bis, wie sic hoffte, ein Zufall es fügen würde, die Verhaßte mit dem Scheine des Rechtes zu entlassen. „Elisabeth wird doch ihre Stunden verlegen müssen, Salo," sagte sie jetzt unvermittelt, „gerade um diese Zeit, wo wir immer hier sind, paßt es so

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